Un (1): Lautstärken

Spieglein, SpiegleinDass ich in den Genuss kam, die Pariser Lebensart Hautnah zu erleben, ist dem Umstand zu verdanken, Bewohner in einem kleinen Wohnhaus mit schmaler Wendeltreppe und herzigem Kleinstinnen- und Lichthof für 7 Tage zu sein. Dabei kommt es einmal zu folgender Situation: einer der Nachbarn dreht seine Stereolage derart laut auf, dass er damit den Innenhof und damit das ganze Haus beschallt. Nach einer (halben?) Stunde oder so, bequemt sich ein älterer Herr mit seiner Frau zum Nachbar, klopft lautstark an. Die Türe wird geöffnet, die Musik leiser gedreht und dann viele lange Minuten ein Gespräch geführt, das ich freilich nicht verstehe. Ich frage mich jetzt noch, was haben die sich lang und breit erzählt?

In Wien würde die Situation so behandelt werden:

10. Bezirk (Arbeiterbezirk): ein Fenster würde aufgerissen werden und jemand herausschreien: „Hearst, bist deppert! Mach die Musik leisa oder i kumm umma!“

6./7. Bezirk (Kreativbezirk): „Du, würde es dir was ausmachen, die Musik vielleicht eine Spur leiser zu drehen. Ich bin gerade dabei, einen House-Sampler zusammenzustellen. Wenn du willst, lass ich dich mal reinhören.“

1. Bezirk (Nobelbezirk): „Ich möchte Sie bitten, die Musik leiser zu machen. Danke! [falls das nicht geschieht] Haben Sie nicht gehört? Ich kann das auch anders regeln, wenn Sie das möchten. Gut. Sie hören von meinem Anwalt.“

4 Kommentare zu „Un (1): Lautstärken“

  1. Französisch ist ja die Sprache der Diplomaten, ist kein Zufall. Aber solche Schreiereien aus dem Arbeiterbezirk in Wien findest du auch in Frankreich („Espèce de malade, ça va pas??? Baisse le volume ou je viens te casser la gueule, tu vas voir!!!“). Hier in Yaoundé ist es täglich, selbst in Nobelbezirke wird geschrien. Diplomatie ist hier ein fremdes Wort!

  2. Casser la gueule = verprügeln, jemandem eine herunterhauen.
    Ich habe auch Wortschatz im Wienerbereich gelernt: „deppert“
    Mich würde schon interessieren zu wissen, wie der Richard in einer solchen Situation reagiert hätte?
    So hätte die Laura reagiert, wenn es heute gewesen wäre (da sie extrem genervt ist): „Was glauben Sie wo Sie sind, im Dorf? Oder in einer Disko? Hier gibt’s auch Leute die ihre Ruhe brauchen! Oder soll ich die Polizei rufen?“ (obwohl in Yaoundé, wenn du die Polizei anrufst, kannst immer warten, die kommt nie, oder viel zu spät!!!)

  3. Ja, mit „deppert“ kommt man in Wien recht weit. Wie ich in so einer Situation reagiert hätte? Kommt auf die Musik an. Wenn sie okay ist, dann ist es mir egal. Geht sie mir auf den Geist, versuche ich es mal mit Fenster schließen. Und funktioniert auch das nicht, dann warte ich mal, ob sich jemand von den anderen Nachbarn bequemt, den Unruhestifter anzupöbeln.

    Ja, der schwachbrüstige Dichter ruft zwar schreibend zu den Waffen („Bastille“), aber selber ins Gefecht ziehen? Also, nein, das bittschön nicht.

    Immerhin gibt’s eine Polizei in Yaoundé. Ist mehr, als ich erwartet hätte 😉

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