sept (7): Ein Engel in Zürich

RäuberMein erster Eindruck von Zürich? Am Bahnhof Gare de l’Est, als ich mich bei den Schaltern anstelle, um das Ticket zu kaufen. Hinter dem freiwerdenden Schalter sitzt vermutlich die süßeste S.N.C.F.- Angestellte Paris, die Ähnlichkeiten mit dieser Französin hat; kein Wunder also, dass ich statt des Tickets für den schnellen TGV nur jenes für den ordinären, sprich normalen Zug kaufte. Da ist der Dichter wohl in einer Träumerei versunken. Irgendwie.

Nach etwa 6 Stunden komme ich am Bahnhof von Basel an. Passkontrolle. Da merke ich erst, wie einfach das Reisen in der EU geworden ist. Zücke meinen Pass. Der Beamte mustert mich, fragt mich, was ich denn in der Schweiz mache und ob ich hier zu Hause sei. Sehe ihn verwundert an, verneine und sage, dass ich nur eine Nacht in Zürich bleiben möchte. Er nickt und verschwindet mit meinem Pass. Minuten später kommt er zurück, bedankt sich und ich darf die heilige Erde der Schweiz betreten. Vermutlich sehe ich wie ein bretonischer Landräuber aus (siehe Bild).

In Basel steige ich in den Zug nach Zürich. Sitze. Und warte. Dann die Durchsage, dass der Zug diesmal nicht nach Zürich fährt. Aha. Man solle doch einen anderen Zug nehmen. Also gut, dann schlepp ich mal die Sachen zum nächsten Zug, mach es mir bequem. Dann heißt es, dass der Zug nicht am Hauptbahnhof hält, sondern zum Flughafen fährt. Aha. Werd schon ein wenig unrund. Ist das die Schweizer Ordentlichkeit? Seit dem Swiss Air Debakel geht es nur noch bergab, mit der Schwyzz. Immerhin ist der Zugbegleiter sehr freundlich und gibt mir Bescheid, dass ich am nächsten Bahnhof umsteigen soll. Die Lautsprecherdurchsage möchte ihn wohl Lügen strafen, aber ich vertraue dem netten Beamten. Auf die Menschen ist ja immer noch Verlass, nicht?

Am Zürcher Hauptbahnhof suche ich also den Engel. Kein gewöhnlicher. Er hängt in der Luft und sieht … nach einem Kunstwerk aus. Ist es auch. Da warte ich also. Nicht lange, und ein lebendiger Engel mit langen rotgewellten Haaren begrüßt mich fragend. Das muss sie wohl sein, die Maureen vom Nebenschauplatz, nicht? [soll ich jetzt aus dem Nähkästchen plaudern und sagen, dass sie zuerst einen um zwei Kopf größeren Mann mit blonden Haaren angesprochen hat? Ja, so haben blinde Verabredungen schon das eine oder andere Mal einen anderen Verlauf genommen ;)]

Maureen, die Hälfte ihres südländischen Blutes ist nicht weg- zuleugnen, begleitet mich zur Jugendherberge (modern!), wo sie ein Bett für mich reserviert hat. Ich geh kurz in das Zimmer. Stockbetten! Aha. Mach mich frisch, kleide mich um – und muss dann auch noch mein Bett überziehen. Während ich das mache, frage ich mich immer wieder, welche Typen mit mir das Zimmer teilen. Unangenehm erinnere ich mich an die Zugfahrt nach Leipzig und dem Liegewagen.

Schließlich und endlich beginnen wir den Spaziergang am Zürcher See, schlendern, flanieren, plaudern, fragen, antworten. Ein herrlicher Tag – viel Sonne, viele Wolken, aber kein Gewitter, kein Regen. Maureen führt mich zu einem Restaurant, das direkt am See liegt. Herrlich. Die Bestellung beginnt mit einem Aperitif und endet mit einem Espresso. Dazwischen wird gegessen, auf dass sich der leere Magen des Dichters reichlichst füllte. Appetit ist großzügig vorhanden. Kein Wunder. Bei solch einer Aussicht, bei solch einer charmanten Maureen. Dass sie dann partout die Rechnung übernimmt, beschämt mich. Wer die Preise in Zürich kennt, der darf vermuten, dass der Betrag ausreicht, um in Yaoundé eine gute Woche zu leben. Vielleicht sind’s sogar zwei – da müsste ich wohl die Laura fragen.

Das gute Essen füllt, das Glaserl Wein beschwingt, der Espresso erhitzt – so spazieren wir am Ufer entlang, plaudern, fragen, antworten. Dann noch einen Abstecher in die Altstadt und vorbei an einem ehemaligen Café, in dem die Literaten von einst „gewohnt“ und über ihre neuen Werke gegrübelt haben (vermutlich war das alte Zürich eine hübsche, ruhige, also provinzielle Stadt, in der sich gut und günstig Leben ließ).

Die Verabschiedung von Maureen fällt freilich schwer. Als ich mich auf den Weg zur Jugendherberge mache, die Trams und O-Busse kennen lerne, denke ich, ich sollte Maureen noch einmal treffen. Und hab sie getroffen. Diesen Engel aus Zürich.

5 Kommentare zu „sept (7): Ein Engel in Zürich“

  1. Da kommt die Laura wie gerufen! Also, da muss ich natürlich rasch antworten…
    Habe gerade meine Kollegin gefragt, für einen durchschnittlichen Menü im Restaurant in der Schweiz (der Beispiel gilt für Basel, da sie Zürich nicht kennt), kannst du tatsächlich eine Woche sparsam in Yaoundé leben. Aber da Zürich bestimmt teurer als Basel ist… naja…
    Aha, du hast Emmanuelle Béart am Bahnhof getroffen?

  2. @ Laura: vielleicht sollte ich mein Hab und Gut verkaufen und damit den Rest meines Lebens in der Gegend von Yaoundé verbringen. Hm?! Das klingt gar nicht mal schlecht, dummerweise ist die Chance, eine Mlle Béart zu treffen, ziemlich aussichtslos, oderrr?

    Und wenn ich denke, dass du eher fort, also in Yaoundé bleiben möchtest, tja, dann fällt die Entscheidung wohl eindeutig aus.

  3. mein lieber dichter,
    sollte ich jetzt auch aus dem nähkästchen sprechen und dir sagen, warum ich diesen mann angesprochen habe? er hatte mich seit eintreffen in der bahnhofshalle angeschaut, und auf meine frage „sie sind wohl nicht der, den ich suche…“ antwortete er „nein, leider leider nicht… ich warte auf einen mann“…
    zwar war da nicht mlle béart unter dem engel von niki de st phalle aber trotzdem war’s schön, richtig schön.
    herzlichst, maureen, die fast ein wenig eifersüchtig auf die béart wird.

  4. Na, also eifersüchtig braucht die Maureen bittschön net sein. Die Béart mag vielleicht gut aussehen, aber sonst?

    Das nächste Mal nehme ich Erdbeeren mit. Die LillY hat nämlich gemeint, der Dichter von Welt hätte immer welche dabei. Und wenn es die LillY sagt, dann muss es ja stimmen. In Frankreich gibt es Erdbeeren, die mit Waldbeeren gekreuzt sind, also, so ein Rot, so ein kräftiges, gesundes Rot hab ich ja noch nie gesehen. Ich glaube, ich bin ein paar Minuten davorgestanden und habe nur gestaunt – auch über den Preis von sage und schreibe 14,- pro Kilogramm … aber wenn ich solche süßen Erdbeeren mitgehabt hätte, in Zürich, wer weiß, wer weiß …

  5. mein lieber dichter,
    erdbeeren, so süss dass es mir schwindlig wird, gibt’s gleich vor meiner haustüre… ich kann sogar zusehen, wie sie ernten und wie sie dann daliegen im regal und locken.
    aber erdbeeren, vom wilden räuber aus paris mitgebracht. ich glaub, das gibt es nicht zu überbieten.
    ja,ja, wer weiss, wer weiss…

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