Ja, was kommt eigentlich danach?

tischlein

Meine liebe Liz,

kreative Kunstmenschen und künstlerische Kreativmenschen leben zumeist von der Hand im Mund. Ob es jemand „schafft“ (was heißt das eigentlich?), mit seinem Tun erfolgreich zu sein, also davon einigermaßen Leben zu können, ist vermutlich von etwa 3234038 Faktoren abhängig. Ziemlich komplex, ziemlich kompliziert.

Ach, wer kennt sie nicht, die gut gemeinten Ratschläge („Mach doch mal was anderes.“ oder „Du wirst sehen, bald geht’s aufwärts!“ usw.), die brachialen Schulterklopferein und sonoren Lobeshymnen, die nur die Luft wärmen, aber sonst weder das Brennholz, noch die Butter aufs Brot bringen.

Ich sehe das monetäre Problem („Wo kommt die Kohle zum Heizen her?“) nicht so sehr als ein äußeres, weltliches („Es wird kalt und ungemütlich!“), sondern vielmehr als ein inneres, seelisches. Der kreative Mensch beginnt zu zweifeln, er verkrustet, er hadert, er zögert, er verliert seinen Mut, seine Kraft, seine Träume. Das ist die größte Gefahr. Weil das die einzige Quelle ist, aus der er schöpfen kann. Verschmutzt oder versiegt diese Quelle, ist mit einmal alles verspielt. Soweit darf es nicht kommen.

Als Ausweg sehe ich nur eine „Bohème“-Gemeinschaft – der Zusammenschluss all jener Kunstmenschen, die zum Leben zuwenig, zum Sterben zuviel haben. Synergie-Effekte gilt es überall dort zu nutzen, wo es Sinn macht: Wohn-, Wäsche- und Essens- gemeinschaften, der Austausch an Arbeitsleistung, KnowHow- Transfer, Netzwerk-Verknotungen usw. Das Teilen untereinander, das Leben miteinander muss im Vordergrund stehen (leicht gesagt, bei der Vielzahl an Egos, die sich da versammeln). Die Schlichtheit (Armut ist negativ besetzt) tritt in den Vordergrund, aus wenig wird mehr gemacht (man sehe sich nur an, was man aus dem „Müll“ alles machen kann), aus nichts ein wenig. Solidarität (so altbacken es klingt) und Humanität (nocht altbackener) dürfen keine Schlagworte sein, sondern gelebt werden.

Es gilt, der Gesellschaft zu zeigen, dass wirtschaftlicher Misserfolg durchaus zu einem emotionalen, seelischen Erfolg führen kann. Und dieser Erfolg, davon bin ich überzeugt, führt auf lange Sicht zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Es gilt, lange genug den Atem anzuhalten. Und? Reicht die Luft?

p.s.: immerhin ist es dem Beitrag von Liz zu verdanken, dass ich mich ernstlich für das Festival-Camp „9to5“ interessiere. Und wer weiß, was uns dort alles einfallen wird …