Eine Maiscremesuppe in Weimar

weimar_HDa bin ich also in Weimar. T., meine Ex-Lektorin (davon später mehr) hat es mir empfohlen („keine halbe Stunde von Jena mit dem Zug“) und, ja, wirklich sehr schmücklich, dieses historische Städtchens eines Goethe, Schillers oder Wieland.

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Ist zwar schon recht kühl, trotzdem sitze ich im Schanigarten des alternativen ACC Cafés am Burgplatz, das einen kostenlosen WLAN-Zugang, exzellente Speisen und ein durchdachtes Kultur- programm bietet (wo gibt’s bitteschön eine wirklich schmackhafte Maiscremesuppe mit Erdnussbutter und Chili?). Ist alles nicht selbstverständlich!

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Während ich also diesen Beitrag schreibe, denke ich mir, dass das Café ruhig bekannter sein könnte. Ich werd’s mir auf jeden Fall merken, sollten mich meine Füße wieder hierher tragen.

Lektorale Anonymität in Jena

Dienstag, 28. August 2007 

Lektorin T. (sie möchte weder mit Namen genannt, noch fotografiert werden – merkwürdig, denk ich mir, wo sie noch nicht mal mein Manuskript gelesen hat) steuert auf mich zu. Ich überreiche ihr eine Rose. Äh, ja, das klingt jetzt völlig überzogen und übertrieben, aber als ich auf sie gewartet habe, hat man mich um eine Spende gebeten – dafür gab’s auch das Blumerl. Großzügig wie ich nun mal nicht bin, hab ich in die Börse gegriffen, und eine große Münze berappt, worauf ich enttäuscht höre: „Geldschein?“. Ich schüttle den Kopf und nehme, was mir zusteht.

tabea Wir suchen uns ein gemütliches Restaurant aus, wählen einen Tisch, der auf der Gasse (Fußgängerzone) steht. Ich bestehe, dass wir uns nach Pariser Art hinsetzen – ja, als weltgereister Dichter kenn ich mich da aus – also nebeneinander, so dass wir gemeinsam die vorbeieilenden Passanten angaffen können. Wir geben unsere Bestellung auf, worauf der Kellner unbedingt wissen will, aus welcher Ecke ich komme, des Dialektes wegen. Als ich „Wien“ sage, nickt er erfreut („Eine schöne Stadt“), möchte mir aber kein Getränk ausgeben. Ich bin jedenfalls von Jena und den Gaststätten und Cafés angetan. Von T. natürlich genauso. Wir verstehen uns auf Anhieb. Sehr erfreulich. Sie macht mir sogar den Vorschlag, das Manuskript auf ihren USB-Stick zu speichern, so dass sie es am Abend lesen kann. Am nächsten Morgen, zum Frühstück, möchte sie mir dann ihre Meinung kund tun. Uih, das ist ja wie in der Schule, wenn der Professor ankündigt, die Schularbeit am nächsten Tag verbessert und benotet zurückzugeben. Die Nacht könnte demnach unruhig werden.

Jedenfalls plaudern wir angeregt über Wieland (kannte ich bis jetzt nur vom Hörensagen), Kleist, die französische Revolution (da könnte ich stundenlang monologisieren), das momentane gesellschaftliche System, das uns krank und kaputt macht und über mögliche Lösungsansätze (die aber noch in meinen gedanklichen Kinderschuhen stecken). Herrlich war’s, mit T. zu palavern. Während sie nach Hause radelt (über den Fluss, dorthin, wo einst die Slawen Halt machten), habe ich mit der Suche eines Cafés mit WLAN-Hotspot begonnen. Gefunden habe ich schließlich … keines.

Carl Zeiss und Annett in Jena

Dienstag, 28. August 2007

Jena. Carl Zeiss Jena. Bekannte Fußballelf zu DDR-Zeiten. Erinnere mich an eines dieser Mannschaftsfotos, die ich 1978 in ein Sammelalblum geklebt habe, neben Lok Leipzig und Dynamo Dresden. Der Bahnhof (mit dem klingenden Namen „Jena Paradies“) sieht nach ruhiger Provinz aus. Ich tripple in das Zentrum und finde nur durch Zufall die Touristen-Informationsstelle. Ich gehe hinein und geb meine Wünsche bekannt. Eine junge Frau (darf man(n) noch Mädel sagen?) macht sich über den Computer her („hab ich schon länger nicht mehr gemacht“), stellt sofort fest, dass ich eine günstige Bleibe suche (woran hat sie’s gemerkt? Weil ich mir vielleicht schon seit einer Woche nicht die Haare gewaschen habe?). Sie wird schnell fündig – nicht unweit des Stadtkerns, um günstige 22,- ein formidables Appartement. Später erst erfahre ich, dass ich das Glück hatte, dass jemand für heute abgesagt hat. Ansonsten wären alle Appartements ausgebucht. Sie nimmt meine Daten auf. Merkwürdigerweise findet die Software den Ort „Wien“ nicht. Kurz überlege ich, ob zwischenzeitlich Wien von der Landkarte verschwunden ist, aber es stellt sich gottlob heraus, dass nur eine zusätzliche Eingabe erforderlich ist. Damit ist alles unter Dach und Fach.

Ich bin hocherfreut, deponiere unbürokratisch meinen Trolley („ja, stellen Sie ihn einfach da ab“) und frage, ob ich sie fotografieren darf („für mein Blog“). Sie hat nichts dagegen, also knipse ich ungeniert drauf los. Dann verschwindet sie kurz im Büro, während mich eine ältere Dame, die die ganze Zeit hinter mir gestanden ist, anspricht und lächelnd sagt, dass sie mir auch ein Quartier angeboten hätte, wenn sie in ihrer Wohnung noch Platz gewesen wäre. Dann meint sie, ich solle die junge Dame hinterm Schalter lobend erwähnen. Ich antworte, dass ich es gern tun werde, aber ihren Namen leider nicht kenne. Darauf nimmt die ältere Dame einen Zettel, schreibt mir den Namen auf und reicht ihn mir mit den Worten: „Ich bin ihre Mutter.“

Nun denn, meine liebe Annett Försterling von der Touristen-Informationsstelle in Jena, hier an dieser Stelle gibt es ein dickes Lob für dich, weil ich eine mehr als sympathische, freundliche und amüsante Beratung erhalten habe und genießen durfte. Ach, gäb’s doch nur mehr solcher Annetts in all diesen Info-Zentren, das Reisen würde unendlich angenehmer sein.

Vielleicht sollte ich Annett auf einen Kaffee einladen, bevor es wieder gen Wien geht. Moment. Wer oder was treibt mich eigentlich nach Wien? Darüber muss ich nachdenken.

Ideenfindung im ICE nach Jena

Dienstag, 28. August 2007:

im ZugIm Zug, ja, diese Zeilen werden im ICE nach Leipzig (muss dort umsteigen, um nach Jena zu kommen!) geschrieben. Das erste Mal, dass ich es tue. Am Laptop zu schreiben, während die Gegend an meinem Fenster vorbeirauscht. Herrliches Gefühl. Werde ich öfters machen. Bestimmt!

Ein paar Ideen mit Ecki besprochen. So werden wir einen Cartoon machen, in dem es über den Prozess des Schriftstellerns geht, am Beispiel des Herrn B. Der Clou an der Sache ist, dass die Bilder samt Text unter einer CC Non Commercial License gestellt wird. Das heißt, jedermann und jedefrau darf sich die Bilder samt Text zum nicht kommerziellen Nutzen runterladen, kopieren, ins Web stellen, sein Blog verhübschen oder sonstwie verwenden. Ich gehe davon aus, dass die Cartoons allererste Sahne (in Wien wirst du für das Wort standesrechtlich erschossen) werden. Freilich werde ich auch echte Rückmeldungen von Lesern aufnehmen („Scheiße“, „Ich küsse deine Füße“ usw.). Eine weitere Idee ist (meine Güte, wo bekommt die DB nur die hübschen Zugbegleiterinnen her?), ein kurzes Video zu erstellen, in dem es um eine amüsante und lehrreiche Lektion zur französischen Revolution geht. Dabei sollen Eckis Cartoons die Hauptrolle bekommen („Der König“, „Die Königin“, „Die Aristokratie“, „Das Bürgertum“, „Der Pöbel“ usw.). Fragt sich nur, wer meinen Text (der freilich noch geschrieben werden muss) sprechen wird. Ein gutes Stimmchen sollt es schon sein. Ist ja die halbe Miete. Und meine Wenigkeit ist ein Schreiberling, kein Sprechling.

Ach, herrlich ist’s, so lange man nicht an die Kosten denkt, die das Reisen so verursacht (Dresden – Jena für schlappe 40,-). Am besten wäre wohl, wenn man mir ein Dach übern Kopf anbieten würde. Freiwillige vor. Ach so, ich vergaß, dass die Zeit des Mäzenatentums längstens vorbei ist. Falls der Leser, die Leserin nicht weiß, was ein Mäzen ist, nun, dann bestätigt dies wohl meine angenommene Feststellung von vorhin.

Möchte versuchen, die Zugbegleiterin zu fotografieren. Wo ist sie nur hin?

Eckiges Dresden

Montag, 27. August 2007

Dresdner Hauptbahnhof. Mehr als zehn Minuten verspätet. Die Deutsche Bundesbahn steht der Schweizerischen in nichts nach. In beiden Fällen fuhr der Zug (stramm zu sprechen) und das Zügli (Betonung auf i) nicht bis zum Endbahnhof, sondern beförderte die Gäste in der vorletzten Bahnstation aus dem Zug. In Österreich ist’s mir noch nicht passiert. Ist wohl nur eine Frage der Zeit und der Einsparungen.

EckiEcki, Cartoonist seines Zeichens, holt mich am Bahnhof ab. Der kurzen Haare wegen, fällt er mir sofort auf. Eigentlich wär’s schwierig gewesen, ihn zu übersehen. Noch immer frage ich mich, wie seine mächtigen Arme so fragile Zeichnungen anfertigen. Darum: lass dich vom Äußeren nicht täuschen!

Ecki, gerade mal ein Jahr in Dresden, kommt aus Görlitz, das er mir wärmstens empfiehlt (mittelalterlicher Stadtkern, der dem Schwedenkönig im 30jährigen Krieg den Einlass verwehrte; später hat man dort einen von Napoleons Generälen vom Pferd geschossen; Gerüchte besagen, dass die Franzosen die Kriegskasse im Wald versteckt haben, aber bis dato ist dieser Schatz noch nicht gefunden). Kurz überlege ich, das Sachsen-Böhmen-Ticket zu erstehen (gerade mal 20,- für etwa einen Tag), muss aber bemerken, dass ich ja nach Jena soll. Und Jena liegt nicht mehr in Sachsen, sondern in Thüringen. Da soll mal einer sagen, Reisen bildet nicht.

frauenkircheSo werde ich von Ecki in Dresden herumgeführt. Hübsch sieht’s aus, das ehemalige Elbflorenz. Der innere Kern mit der Frauenkirche ist eine gepflasterte Fußgängerzone. Als ich vor vielen Jahren die Stadt besuchte, da war die Frauenkirche eine Ruine auf einem asphaltierten Platz. Immerhin trug ich mich in ein „Gästebuch“ ein und notierte darin sehr weise Zeilen, die ich freilich vergesssen habe.

Am Abend spazieren wir, also Ecki, seine Freundin Dani und ich, hinunter nach Altkötzschenbroda (bitte sächsisch aussprechen!), wo sich eine Ausschank an die andere anreiht. Der ältere dörfliche Charakter erinnert an die Heurigen-Gegenden um Wien, vor allem Stammersdorf und Strebersdorf. Wir trinken guten Wein, essen köstliche Leckerbissen und plaudern über Gott und die Welt, als sie noch DDR hieß und eine Mauer Ost und West trennte. Viel gäb’s zu sagen, viel werd ich noch darüber schreiben. Am Nachhauseweg, der bergauf führt, halte ich einen lehrreichen Vortrag über die französische Revolution. Freilich, der Wein tut seine Wirkung, meine Zunge überschlägt sich förmlich und nur dem Gekeuche (ja, da ging’s ganz schön hinauf) ist es zu verdanken, dass ich keinen Monolog halte. Dani ist hellauf begeistert (vermutlich gehört es zur sächsischen Gastfreundschaft) und kann es gar nicht erwarten, das neue Buch zu lesen.

Nach Mitternacht verabschieden wir uns vor meiner Pension. Dani, sympathisch und attraktiv, herzt mich freundschaftlich. Gerührt falle ich ins Bett. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück („Nehmen Sie sich doch ein Brötchen mit auf die Reise.“, sagt meine Zimmervermieterin und reicht mir das Staniolpapier), holt mich Ecki ab und fährt mich zum Bahnhof. Freundschaftliche Verabschiedung. Und viele kreative Ideen im Gepäck.