Lektorale Anonymität in Jena

Dienstag, 28. August 2007 

Lektorin T. (sie möchte weder mit Namen genannt, noch fotografiert werden – merkwürdig, denk ich mir, wo sie noch nicht mal mein Manuskript gelesen hat) steuert auf mich zu. Ich überreiche ihr eine Rose. Äh, ja, das klingt jetzt völlig überzogen und übertrieben, aber als ich auf sie gewartet habe, hat man mich um eine Spende gebeten – dafür gab’s auch das Blumerl. Großzügig wie ich nun mal nicht bin, hab ich in die Börse gegriffen, und eine große Münze berappt, worauf ich enttäuscht höre: „Geldschein?“. Ich schüttle den Kopf und nehme, was mir zusteht.

tabea Wir suchen uns ein gemütliches Restaurant aus, wählen einen Tisch, der auf der Gasse (Fußgängerzone) steht. Ich bestehe, dass wir uns nach Pariser Art hinsetzen – ja, als weltgereister Dichter kenn ich mich da aus – also nebeneinander, so dass wir gemeinsam die vorbeieilenden Passanten angaffen können. Wir geben unsere Bestellung auf, worauf der Kellner unbedingt wissen will, aus welcher Ecke ich komme, des Dialektes wegen. Als ich „Wien“ sage, nickt er erfreut („Eine schöne Stadt“), möchte mir aber kein Getränk ausgeben. Ich bin jedenfalls von Jena und den Gaststätten und Cafés angetan. Von T. natürlich genauso. Wir verstehen uns auf Anhieb. Sehr erfreulich. Sie macht mir sogar den Vorschlag, das Manuskript auf ihren USB-Stick zu speichern, so dass sie es am Abend lesen kann. Am nächsten Morgen, zum Frühstück, möchte sie mir dann ihre Meinung kund tun. Uih, das ist ja wie in der Schule, wenn der Professor ankündigt, die Schularbeit am nächsten Tag verbessert und benotet zurückzugeben. Die Nacht könnte demnach unruhig werden.

Jedenfalls plaudern wir angeregt über Wieland (kannte ich bis jetzt nur vom Hörensagen), Kleist, die französische Revolution (da könnte ich stundenlang monologisieren), das momentane gesellschaftliche System, das uns krank und kaputt macht und über mögliche Lösungsansätze (die aber noch in meinen gedanklichen Kinderschuhen stecken). Herrlich war’s, mit T. zu palavern. Während sie nach Hause radelt (über den Fluss, dorthin, wo einst die Slawen Halt machten), habe ich mit der Suche eines Cafés mit WLAN-Hotspot begonnen. Gefunden habe ich schließlich … keines.

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