Jedes DDR-Brötchen hat zwei Enden

Mittwoch, 29. August 2007

turmIch treffe T. am Morgen vor dem wunderbar renovierten Turmtor der mittelalterlichen Stadtmauer von Jena. Wir gehen in ein Café und genehmigen uns ein Frühstück. T. ist gut gelaunt. Während ich Kaffee aus dem Kännchen in die Tasse (Häferl versteht keiner) gieße und mir ein DDR-Brötchen (ja, das gibt’s hier wirklich; sieht wie eine Doppelsemmel aus) mit Butter und Marmelade bestreiche, druckst T. ein wenig herum und meint, nicht die Richtige für „Tiret“ zu sein („da steht mir mein Beruf im Wege“). Ich muss schnell einen Schluck vom Kaffee machen, damit mir der Bissen nicht im Mund stecken bleibt. T. ist es freilich unangenehm, worauf ich sie auffordere, es frei heraus zu sagen. Schließlich entspinnt sich ein lockeres, amüsantes und lehrreiches Gespräch über den Zugang zur literarischen Forschung, Historienromane, meine Stärke in der Dialogführung, meine Schwäche in der erzählenden Fabulierkunst zwischen Dialogen. Das erzählende Kapitel „in dem Tiret ein Buch auf den Kopf fällt“ ist ihrer Meinung nach gelungen. Die Darstellung der „Halsbandaffäre“ lässt wohl keine Wünsche offen („jetzt weiß ich endlich, worum es da geht“). Das letzte Kapitel ist schlüssig und witzig.

Aber der „rote Faden“ ist nicht gefunden worden („wusste nicht, wohin du wolltest“), hin und wieder wirken die Gespräche vom Stil her nicht historisch fundiert („vielleicht liest du mal Diderot, um ein Gefühl für die damalige Sprache zu bekommen“); historische Anekdoten könnten ruhig mehr aufgenommen werden; problematisch findet sie, dass manche Zitate aus nicht zitierfähigen Quellen entnommen wurden; der Prolog wirke „abgenuddelt“; die Idee mit den Original-Briefausschnitten findet sie doch nicht so gut („da muss man sich fragen, warum diese kopiert werden; wenn sich jemand dafür interessiert, würde er die Briefe im ‚Landauer‘ nachschlagen“)

Sie sieht mich von der Seite an, macht ein trauriges Gesicht und fragt mich, ob ich ihr böse sei. Ich sage nein, stülpe ihr das Marmeladeglas auf den Kopf und gehe. Na gut, das war ein Witz. Natürlich bin ich ihr nicht böse. Wir plaudern eine Weile über die Schriftstellerei (sie: „also ich wäre beleidigt, wenn man mir das sagte“). Zu guter Letzte schenkt sie mir sogar ein witziges, aber bitterböses Buch (sie: „das nascht sich weg … erinnerte mich ein wenig an dein Rotkäppchen“). Das Buch, sagt sie, wird unter Wert gehandelt. Also gut, dann mach ich hiermit Werbung – ohne freilich auch nur einen Blick hineingeworfen zu haben. Mit anderen Worten: Empfehlung ohne Gewähr für Else Buschheuers Ruf mich an!, erschienen im Heyne Verlag.

Bevor wir gehen, fragt sie mich noch, ob ich am Abend etwas vorhabe und zu ihr essen komme wolle. Ich zucke mit der Schulter, weil ich noch keine Unterkunft habe, worauf sie mir das Zimmer eines WG-Kollegen anbietet (sie: „der neue zieht erst morgen ein“). Freudig nehme ich die Einladung an.

jean_biblioSie bringt mich noch zur Universitätsbibliothek – ein ultramodernes Gebäude – wo ich in einem Schließfach meinen Trolley einsperre, was einen Studenten witzeln lässt („Ziehst du hier ein?“, worauf ich die Gegenfrage stelle, ob es hier Duschen gäbe). Dann verabschiede ich mich von T. und mache mich auf nach Weimar.

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