The Spießbürger in me

Warte auf M. Straßenbahnstation. Drei Jugendliche hören sich Musik über ihr Ghettoblaster-Mobilofon an. Was mich ärgert, geradezu aggressiv macht. Warum? Weil sie kein Gefühl für ihre Umwelt haben. Weil sie nicht über ihren Ego-Tellerrand hinaus sehen wollen. Weil sie davon ausgehen, dass es niemanden stört. Schließlich reicht es mir. Ich spreche sie an, frage, ob man die Musik nicht leiser machen kann. Ein Mädel, mit Zigarette in der Hand, stellt sich zu mir, sieht zu mir auf.
„Warum bitte? Wir sind in der Freiheit!“

Die nachfolgende Diskussion will hier nicht wiedergeben. Vermutlich, wer wüsste es nicht, waren wir alle einmal so. Verquere, starrköpfige und aufmüpfige Jugendliche, die sich an den älteren Generationen reiben wollen. Ja, langsam kristallisiert es sich heraus, das Spießbürgerliche in mir. Oder wie es M., der ich es sogleich erzählen musste, auf ihre charmante Art und Weise, lautstark hinausposaunt: „du bist ganz schön bieder“.

update: 1986. San Francisco. Star Trek – The Voyage Home. Spock löst das Problem auf seine Weise … [leider konnte ich nur eine neu abgemischte Szene finden; die Original-Musik ist natürlich „Punk“]

7 Kommentare zu „The Spießbürger in me“

  1. Also, die Bluni meint, mit spießig und bieder hat das nix zu tun, denn dann bin ich es auch. …Es spielt sich immer gleich ab: Ich sitze in der Bahn (oder sonst wo), denke nach etc. Plötzlich: Schrecke aus dem Halbschlaf und sehe mich einem pubertierenden 15-jährigen gegenüber, der bewusst locker, breitbeinig sich über drei Sitze (Beine oben) fläzt.
    Zunächst versucht man es mit einem grimmigen Blick, ich benutze dafür sehr gerne den Ich-töte-dich-Blick doch dieser stößt zumeist nur auf Unverständnis bzw. Schadenfreude. Auch der Versuch sich wieder in eine aufrechte Sitzhaltung zu befördern und so größer zu wirken zeigt keinerlei Wirkungen.
    Mein Gegenüber hält gelangweilt das Handy in der Rechten, während er mit der Linken die nur vorsichtig auf den Kopf aufgelegte (damit die gegelten Haare nicht in Mitleidenschaft gezogen werden) Kappe zurechtrückt.
    Wenn man auf die verzogenen Texte des plärrenden ursprünglich ausschließlich der Kommunikation dienenden Geräts hört….usw…. Besonders schlimm sind sie in der Gruppe (ganz klar) und meistens kann man sie schon alleine vom Äußeren her einer bestimmten Schulart zuordnen (nicht, dass ich Vorurteile hätte. Nein).
    ….Ich finde, dass hat etwas mit Respekt und Rücksichtnahme zu tun. Aber was sag ich……Wer kennt solche Werte heutzutage noch….

    gez. die in diesem Falle gerne biedere Bluni

  2. Aber man möchte nicht meinen, wie jemand erschrickt, wenn man ihn aus seiner Mobilofon-Dröhnung reißt. Ein Tippen auf die Schulter, ein Zugehen mit Blickkontakt, sich kurz entschuldigen und dann die Bitte, die Musik leiser zu drehen. Ich hab’s noch nicht oft gemacht, aber wenn, dann bemerke ich, dass die kleinen Leutchen zumeist einsichtig sind. Die Gruppe ist natürlich ein ganz anderes Kaliber.

    Erinnert an „Star Trek – The Voyage Home“ aus dem Jahre 1986 – wer kennt sie nicht, die Szene im Autobus?

  3. So ging es mir letzte Woche im Auto. Fenster zu, also Geräuschkulisse gedämpft. Vor mir ein weißer Golf und der Fahrer sitzt, wie alle Golffahrer mehr auf dem Schaltknüppel als auf seinem Sitz. Also so schief und hatschert. Das ist nämlich wirklich fast nur bei Golffahren zu finden. Ich wollte das schon einmal bei VW anfragen, ob sie für schiefe Wirbelsäulen haften wollen.
    Der Fahrer schräubelt vorne herum und plötzlich wummern Bässe auf mich ein. Mein Auto zittert von der Dröhnerei, ich vor ärger. Er kurbelt das Beifahrerfenster runter und natürlich weil er eitel ist und auch eine fesche, junge Katz hinter ihm stehen könnte, sieht er in den Rückspiegel. Ich deute auf die Ohren und versuche dröhnen zu gestikulieren, drehe noch an einem imaginären Knopf leiser.
    Und was bekomm ich zu sehen? Den Vogel hat er mir gezeigt. Da bin ich aber froh, denn normaler Weise bekommt man den Mittelfinger.
    Hey, das wär schon fast ein Blogeintrag bei mir wert gewesen.
    Keine Zeit, keine Zeit ….
    (coming soon!)

  4. mein lieber dichter, du der du doch so begeistert bist von revolutionen, solltest für diese jungen kerle doch mehr verständnis aufbringen. das ist doch nichts anderes als abgrenzung zu unserer biederen welt. ihre eigene kleine revolution.
    da gibt es schon anderes, was mich bedeutend mehr ärgert:
    – im schwimmbad den abfall einfach am boden liegen lassen, weil es ja die gemeinschaft gibt, die ihn netterweise in den abfalleimer wirft oder die zigarettenstummel am bahngleis.

    so, jetzt gute nacht, herzlichen gruss, maureen

  5. @ Maureen: ja, meine liebe Maureen, du hast natürlich Recht. Jede ältere Generation ist mit der jüngeren unzufrieden. Und weil wir das wissen, halten wir uns so lange zurück. Bis eben der Kragen platzt. Scheinbar kann (fast) niemand raus aus seinem Alter 😉

    Ja, das Wegwerfen ist der nächste Punkt, wo ich krawutisch werd. Lieber nicht dran denken, sonst reg ich mich nur unnötig auf – derweil gibt’s ja viel schönere Dinge, an die man denken kann, oderrr?

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