die Krise der Revolution (2): eine E-Mail aus Leipzig

Zugegeben, die E-Mail, die ich gestern von vd bekam, ist eine per- sönliche. Trotzdem erlaube ich mir, die Nachricht zu veröffentlichen. Warum? Weil diese Zeilen jedermann und jederfrau gehören. Egal, wo sich der Leser, die Leserin gerade aufhält. Ob in West- Deutschland. Ob in Österreich. Ob in der Schweiz. Überall gibt es ein „Ostdeutschland“. Aber dieses „Ostdeutschland“ definiert kein Land. Es definiert vielmehr eine Einstellung.

Man höre hierzu Wolfgang Ambros A Mensch möcht I bleibn

briefinvers

[TEXT] Ich verstehe diese Leute nicht, ich verstehe dieses Land [Ostdeutschland] nicht. Keiner hat ein gutes Wort für den anderen, alle meckern nur und können nicht schätzen das, was sie haben. Ich möchte nach Westdeutschland. Wessis haben eine völlig andere Ausstrahlung, andere Manieren und sind mehr gebildet und kultiviert. Es gibt hier so gut wie keine, die von Ideen, von überzeugungen leben, die anderen helfen.

Ich dachte, hier lebt das Volk der Dichter und Denker, stattdessen sehe ich hier eine Konsumgesellschaft, die kein Hochdeutsch kann. Ich möchte jetzt nicht schlecht reden, es gibt auch hier genung Akademiker und Intellektuelle. Deswegen sagt dir kein Verleger: Mensch, Richard, ich glaube an dich, ich bin auch bereit, in dich zu investieren. Nein, sie wollen einfach den Umsatz machen.

Ich habe hier von einer Frau gehört, Deutschland erlebe jetzt seinen Untergang.

Ich finde das unendlich traurig. Ich finde auch traurig, wenn eine Frau aus Indien an der Kasse im Supermarkt nicht begrüsst wird, oder wenn Polen im Zug einander erzählen (auf polnisch natürlich), dass sie sich hier ausgeschlossen fühlen.

Was aber wirklich schlimm ist, dass wir nicht mehr so begeisterungsfähig und unschuldig sind, wie kleine Kinder.

10 Kommentare zu „die Krise der Revolution (2): eine E-Mail aus Leipzig“

  1. Äh, war das jetzt ironisch, liebe T.? Weil, ich dachte ja, die Ossis wären freundlicher und hilfsbereiter als die Wessis. Aber vermutlich kenn ich die Wessis noch net gut genug. Bei den Wienern weiß man ja bekanntlich, dass sie in einer Tour grantig sind und raunzen. Ja, raunzen kann ich ganz gut. Also, ich bitte um die Meinung einer Ossin …

  2. „T“ ist ein Neuzugang?
    Ich bin Ostösterreicherin und wir werden auch als Wasserschädel bezeichnet. Diese Plänkeleien wird es immer geben, die aus Neid und Eifersucht entstehen. Der Wiener setzt sich dann mit seinem Widerpart zum Heurigen und trinkt ein Viertel. Denn alles lässt er sich nehmen, nur nicht seine Gemütlichkeit und die kultivierte Raunzerei.

  3. „T.“ ist meine Ex-Lektorin aus Jena und sehr sympathisch und open minded. Eigentlich hab ich in Ossi-Land, während meiner kleinen Reise, keine schlechten Erfahrungen gemacht. Eigentlich dachte ich ja, bei ihnen ist die Welt noch halbwegs in Ordnung. Mir scheint, da brauen sich dunkle Wolken in der Gesellschaft zusammen … merkst du’s net auch, LillY?

  4. Huch? Ich bin verblüfft. Ich verbinde mit Leipzig (wo ich allerdings nie mehr als 2 Wochen am Stück und insgesamt wahrscheinlich nicht länger als einen Monat war) eigentlich nur gutes. Eine freundliche Stadt mit vielen netten Menschen, einheimischen wie zugereisten.
    Aber natürlich hänge ich auch in einem relativ abgeschlossenen Personenkreis rum, akademische Subkultur und so.
    Trotzdem — auch auf der Straße bin ich nie Zeuge von unhübschen Szenen geworden. Vielleicht habe ich aber auch nicht an den richtigen Stellen geguckt.

  5. @ Kris: vielleicht sollte man dazusagen, dass „vd“ eine junge Studentin ist, die aus dem östlichsten Europa kommt und sich mit der deutschen Mentalität erst anfreunden musste. Ich glaube, sie sieht Leipzig und die Ostdeutschen mit ihren slawischen (=offenen, lebensfrohen, zuweilen melancholischen) Augen.

    Deshalb musste ich auch ihre Zeilen hier herein stellen – weil es eine Sichtweise von außen ist. Als Wiener ist man ja schon froh, nicht angeschnauzt zu werden 😉

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