Das kalifornische Thanksgiving zu Wien anno 2007

Wer sich noch erinnern kann, vor etwa 3 Wochen kam ich bei der Vernissage zu „Muschis on Tour 01“ mit Renée ins Gespräch. Sie ist Kalifornierin, nach Wien gezogen und mit einem Wiener verheiratet. Diese Renée lud also zum Original-Thanksgiving-Essen in ihre Altwiener-Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in der Wieden. Ihre amerikanische Familie würde vermutlich sofort für eine US-Inter- vention in Wien plädieren, wenn sie wüsste, dass es hier noch Toi- letten am Gang eines Mietshauses gibt [„Can you imagine …?“].

Zur Feier des Tages streife ich mein amerikanisches T-Shirt über, auf dem (ominöser Zufall!) Renées Heimatort prangt („Sante Cruz“). Dass ich dieses T-Shirt wiederum auf einem Flohmarkt in Morlaix (Bretagne) um wohlfeile € 2,- erstand, passt in diesen Multi- Kulti-Thanksgiving-Mix. Später gesellt sich unter anderem dann auch noch Marta (gebürtige Polin), Raoul (gebürtiger Wiener mit US-Aufenthalt), Michaela (gebürtige Süd-Kärnterin mit Berlin- Aufenthalt), Patrizia (gebürtige Hamburgerin mit Wien-Aufenthalt) dazu.

Ich vergesse die Anzahl der hungrigen Gäste zu zählen, die der Reihe nach eintrudeln. An die zwanzig (!) werden es wohl am Ende schon sein. Man kann sich vorstellen, welche Größe der Truthahn gehabt haben muss, um diese Schar zu verköstigen.

tischlein_deck_dich

Ich setze mich an den Tisch und komme mit Christian ins Gespräch („Du bist der Schriftsteller? Ich hab deinen Blog-Eintrag gelesen!“), der, wie sich später herausstellt, die bessere Hälfte von Marta ist. Glückliche Fügung, sozusagen. Immerhin verbindet uns beide eine Creditanstalt-Bankverein-Vergangenheit. Dass er einmal Lektor werden wollte, ist zwar schon lange her, aber nicht gänzlich vergessen. Marta kommt wenig später nach und ich erfahre, dass sie bei Warner Music in Warschau gearbeitet hat („Marta hat noch viele Kontakte“ – Der Eigenverleger spitzt die Ohren!).

Raoul wird mein linker Sitznachbar. Seine Art zu sprechen und seine getragene Stimme verleihen ihm ein seriöses Image – dass er Hans Moser wunderbar nachnuscheln kann, erfahre ich erst bei der Verabschiedung. Ich glaube, ich werde ihn bei meiner nächsten Buchpräsentation als Moderator anwerben. Ich bin sicher, die Leute fressen ihm (meine Bücher) aus der Hand. So nebenbei erzählt er, während einer Rauchpause in der Küche (zuvor schimpfte ich über die verrauchten Cafés in Wien), als ich ihm „Rotkäppchen“ verhökerte („Was willst du dafür haben?“), dass er während eines „unglücklichen“ Tantra-Seminars die Bekanntschaft mit Herrn X. (Name ist mir freilich entfallen) gemacht hat, der wiederum Kontakte zu den Medien unterhält („Soll ich euch zusammen bringen?“). Ich wehre höflich ab, meine, er solle einmal das Buch lesen. Michaela nickt beifällig („Man sollte voll dahinterstehen!“). Nachdem ich auch Renée ein Buch in die Hand drücke („Als Dankeschön für den gelungenen Festschmaus.“), strahlt mich die kalifornische Sonne aus ihren dunklen (!) Augen an. Die Amerikaner sollten vielleicht nicht Waffen und Kriegsgerät, sondern diese herrliche Lebensfreude exportieren. [„Hey, in Amerika kommt alles aus den Dosen!“] Ihre bessere Hälfte, ein Mathematiker, der sich der Computer- programmierung verschrieben hat („Ist der einfachste Weg“), ist wahrlich zu beneiden. In Wien ist der Winter ja eine trist gräuliche Sache (andererseits natürlich die beste Zeit, um zu schreiben und zu dichten!).

Die Menüabfolge: Es beginnt mit einer würzigen, wohl- schmeckenden Linsensuppe und reichlich Brot. Danach der Truthahn, bereits filitiert, mit Preiselbeeren (da gibt’s bitteschön einen Unterschied zwischen Cranberries und Lingonberries), Braten- sauce, Süßkartoffeln, gedünsteten Fisolen, Salat und und und. Für die Vegetarier wird eigens ein Bohnenauflauf (?) kredenzt. Nach dem die Bäuche der „ich-ess-auch-den-dritten-Teller-leer“-Fraktion unge- ahnte Umfänge angenommen haben, werden gefüllte Eier serviert. Schließlich kommt doch noch die Nachspeise auf den Tisch. Schokolade-Mousse, Schlagobers, Kürbiskuchen und Bananenbrot. Ohne einem Glas schwarzen Tee hätte ich freilich keinen Bissen mehr runtergebracht. Renée benötigte ganze fünf Stunden für die Zube- reitung dieses Festmahles.

kuerbiskuchen
Obwohl es gar so gemütlich ist, mache ich mich schließlich und endlich auf den Nachhauseweg. Meine Wunde im Unterkiefer und die Gefühlsstörung an der linken Seite der Unterlippe zehren dann doch an den Kräften. Zu Hause wird dann mit einer Spritze und lauwarmen Kamillentee die Wunde von etwaigen Speiseresten des Thanks- giving-Essens befreit. Scheinbar gehört ein bisserl Leiden zum (Künslter)Leben dazu. Irgendwie.

Renée erzählte übrigens die Herkunft dieses Brauchs. So war es anfänglich ein Fest der Freundschaft zwischen den englischen Siedlern und den amerikanischen Ur-Einwohnern (Indianer). Ohne der Hilfe der Indianer wären nämlich die ersten Siedler allesamt verhungert. Es bewahrheitet sich halt leider Gottes immer wieder: Undank ist der Welten Lohn …

Jetzt denke ich, wird es Zeit, all die vielen Leutchen zusam- menzuführen. Was eignet sich dahingehend am besten? Die Eröffnung am 29. November zur Designkaufausstellung im kleinen Atelier am Spittelberg. Dann trifft sich das Künstlerfrühstücksteam mit dem US-Thanksgiving-Essern. Zaungäste sind herzlich willkommen. Ich geb auch Autogramme. Vielleicht.

6 Kommentare zu „Das kalifornische Thanksgiving zu Wien anno 2007“

  1. hab‘ mich gefreut, Dich beim Thanksgiving Dinner wiederzusehen, und habe Dein Buch schon ausgelesen – oder soll man sagen – schon verschlungen? Finde es phasenweise sehr schräg, dann wieder spannend, witzig, einfach nicht zum Weglegen.Habe auch Deine letzte Blog-Eintragung gesehen, vielen Dank für die Blumen. Habe dem W. einmal eine Nachricht auf seiner Mobilbox hinterlassen, ob er momentan ein Buch – sprich Dich – betreuen möchte

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