Arbeitergasse 10 oder Die verlorenen Kumpanen

Am Freitag Nachmittag der Atelier-Rundgang im fünften Wiener Gemeindebezirk (wie heißt er doch gleich?). Nach dem ich mich schon im Vorfeld erkundigt habe (heißt soviel wie: auf den WebSiten der Teilnehmer herumklicken, die Biographien lesen, die Werke begutachten), wurde Silvia Heimader als lohnenswerter Besuch auserkoren. Und wie sich später herausstellte, eine glückliche Wahl.

Die private Wohnung und das kleine Atelier sind im letzten Stock des Hauses. Dachgeschoss-Wohnung, die beeindruckt. Mit kreativem Stil eingerichtet. Nicht überladen. Alles ist an seinem angestammten Platz. Auch das Bücherregal im Wohnzimmer (ein anderes im Vorraum) trägt zu einer ansprechenden Behaglichkeit bei. So soll es sein.

Atelier_SilviaH

Ich komme mit Silvia und ihrem Lebensgefährten Kurt ins Gespräch. Beide sympathisch, zurückhaltend, interessiert, freundlichst, zuvorkommend. Sie ist Germanistin, er ist Historiker (!), der an seiner Dissertation schreibt. Während ich den ange- botenen Glühwein trinke, wird das Gespräch gelöster. Ich erzähle von meiner Schreiberei, von der französischen Revolution, die den Historiker aufhorchen lässt („Wie hast du es angegangen?“) – schön, dass er Gefallen daran findet, dass ich Original-Briefausschnitte verwende.

Merkwürdiger Zufall, dass die beiden Lucia Riccelli kennen – von der Sommerakademie auf Zakynthos, wo Lucia Kurse in der Malerei abhält. Die (kreative) Welt in Wien ist wahrlich klein. Ach, die gute Lucia, als sie in die Wohnung kommt, meint man, die Sonne ginge auf. Sie ist halt Künstlerin mit Leib und Seele und ihre römische Lebensfreude wärmt jedes (Wiener) Herz.

Dumm, dass ich dann wieder gehen muss – weil sich im Moment auch die Termine überschlagen – aber ich verspreche, in zwei Stunden wiederzukommen, nach dem ich höre, dass Kurt und seine Freunde im Wohnzimmer groß aufspielen werden. Lost Compadres nennen sie sich (um ehrlich zu sein, eigentlich dachte ich nicht, dass mich die „mexikanische Musik“ reizen würde, aber ich wollte den beiden einen Gefallen tun, deshalb bin ich wieder gekommen – und hab gleich ein paar Leute mitgenommen – unter anderem Renée, die – wie sie mir nebenbei sagt – in Colorado aufgewachsen ist).

Lost_Compadres

Als ich später ins Wohnzimmer komme, die fünf Musiker längst eingespielt sind, hat es mich beinah umgehauen, so gut waren sie. Das klingt übertrieben, ist aber wirklich so gewesen. Das Repertoire reicht von Country über Folk bis Blues (dass zu später Stunde auch STS aus den Gitarren gezaubert wurde, hängt mit der alkohol- geschwängerten – und leider stark nikotinverseuchten – Luft zusam- men). Jedenfalls, was Robert, Phlo, Thomas, Peter und Kurt da aus ihren Instrumenten zaubern, das grenzt schon ans abartig Grandiose. Vielleicht spielt das Drumherum auch eine nicht unwesentliche Rolle. Diese gemütliche Wohnküche, illustre Gästeschar, intimer Charakter, die Akustik glänzend, die Stimmung aller Anwesenden ausgezeichnet. Ich bin so begeistert, dass ich in der Pause dem einen oder anderen Musiker auf die Schulter klopfe, sie frage, ob man sie engagieren kann. Ob es mein Geldbeutel zulassen wird, sie für eine Buchpräsentation zu gewinnen, wird sich noch zeigen. Immerhin kann ich wenigstens eine CD ergattern, die sie mit eigenen Liedern einspielten und selber produzierten (und ja, das Machwerk kommt Professionell rüber). Freilich, am besten gefallen mir die stilleren, ruhigeren Folk-Balladen – vielleicht könnten diese am ehesten zur französischen Revolution passen 😉 Aber heißt es nicht, dass sich kreative Gegensätze anziehen? Irgendwie …

Dass mich die Bilder von der Silvia rundum gut gefallen und mich ansprechen, ich vielleicht eines erstehen werde, das darf ich eigentlich nicht an die große Glocke hängen. Mademoiselle M. wacht mit eifersüchtigen Argusaugen über meine Ankäufe am Kunstmarkt. Erst gestern fragte ich sie, warum sie die Auszeichnung der Fred Adlmüller Stipendienstiftung versteckt, was mir nur einen bösen, unverständlichen Blick einbrachte. Nun gut, ich bin jetzt mal wieder ehrlich: wenn mich Kunstwerke nicht auf einer emotionalen Ebene ansprechen, dann will ich gute Gründe gesagt bekommen, warum diese Werke besonders sind. So funktioniert es ja auch am Buchmarkt (wäre ich bei Suhrkamp oder Fischer, würde man mich und meine Schreibeskunst hofieren, auch wenn die Mehrheit nichts damit anfangen kann). Apropos, da fällt mir ein, dass Mademoiselle M. nicht nur mein „Rotkäppchen“ noch nicht gelesen hat, nein, sie hat es auch noch verlegt („ich hab’s ins Atelier mitgenommen, aber da find ich’s nicht mehr“). Ich denke, das ist ein zureichender Grund, fremd-zu-kaufen. Außerdem will ich wissen, ob sie den Eintrag hier liest, ohne dass ich etwas sage.

Am Samstag wurde es übrigens intim, gab es eine Ausstellung mehrerer Künstler in einem Stiegenhaus. Ich bin vermutlich der Einzige auf diesem Planeten, der hinter Mon(n)as Geheimnis gekommen ist. Aber davon später einmal mehr. Ich muss jetzt endlich die Überarbeitung von Tiret machen. Ach ja, das Cover dürfte nun endlich unter Dach und Fach sein. Sag ich jetzt …

10 Kommentare zu „Arbeitergasse 10 oder Die verlorenen Kumpanen“

  1. Also, von Punk weiß ich nicht viel, höchstens vom Weghören – aber ich kann sagen, dass diese Musikrichtung definitiv an jenem Ende ist, wo ich nicht hin will. Sag ich jetzt. Vielleicht tick ich ja im Altersheim aus und manage eine Punkband. Soll ja alles schon vorgekommen sein. Äh, ja …

  2. Der Konsum von Drogen ist – anders als etwa in der Technoszene – eher untypisch für die Punkbewegung.

    Vielmehr fungiert ausschließlich Alkohol „als notwendiges Utensil zur Aufrechterhaltung der Gemeinschaft , stimmt.

    Bei Punk spielt des weiteren die enorme Lautstärke der Musik eine bedeutende Rolle. Musik kann nie laut genug sein. Am besten steckt man seinen Kopf in den Lautsprecher. Lauter, lauter, lauter. Gleichzeitig dient sie aber auch als offenkundige Provokation nach außen: Ihr Genuss ist sowohl erwiesenermaßen gesundheitsschädlich als auch eine Belästigung für Außenstehende.

    Punk steht für Respekt und damit Gleichheit aller Menschen (die Ideale der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit!). Punk steht somit gegen alle Ideen, die auf Ungleichheit der Menschen, Zwang zur Konformität, Herrschaft von Menschen über Menschen, Unfreiheit.

    Anarchie: Die ersten (offizielle festgehaltenen) Gedanken an eine staatenlose Zukunft wurden bereits am Ende des 17. Jahrhundert vom englischen Philosophen Godwin getätigt, der auf der Suche nach der perfekten Gesellschaft war. Genau genommen war dies zwischen 1789 und 1800 zur Zeit der Französischen Revolution.

    Na, um auf die Buchpräsentation zurück zu kommen, hast du Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ gesehen?
    Musikalisch gesehen mischt sie, um nicht allzu sehr die Illusion historischer Objektivität (die Versaille-Aufnahmen, originalgetreue Kostüme, aufwändige Requisite) aufkommen zu lassen ungeniert und ausgesprochen wirkungsvoll die zeitgenössische Musik von Rameau mit Punk, New Wave und Electro (von z.B. The Strokes, Air oder New Order), welche verdammt gut zu den höfischen Tanzzeremonien passen.

  3. Freut mich ja sehr, dass es Dir bei uns so gefallen hat. Dein Blog ist ja eine wahrlich unverdiente Lobeshymne. Wie ich von Silvia höre, ist ein nachweihnachtliches Treffen ins Auge gefasst. Das ist gut, das ist würdig und recht. Ich würde auch gern was vom Mirabeau lesen, weil ich eh grundsätzlich neugierig bin und auf historische Roman überhaupt. Vielleicht magst Du ein paar Seiten oder ein paar mehr mitbringen?

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