Silvester 07/08 oder Der Gockel, der kräht

Der gute dschun ist ein eitler Hahn, der es aber gut zu verstecken weiß 🙂 Jetzt wird er gleich lospoltern … Damit wollte ich eigentlich sagen, er ist ein ganz natürlich wirkender Hahn der schreibenden Zunft. Er schreit eigentlich nur, wenn es zu verraucht ist. Hält sein Revier gut im Griff. Weißt du eigentlich dschun, dass Hähne auf Bauernhöfen am Aussterben sind. Also bitte halte dich gut, so einen Hahn gibts vielleicht nie mehr wieder!

LillY

 

Gestern also Silvester. Rutschpartie im großen Stil. Markus Moos- lechner, begnadeter Künstler der fraktalen, nichtlinearen Kunst und Journalist [„Journalisten wollen skurrile Stories – am besten, du sagst, du würdest deine Bücher nur am stillen Örtchen schreiben.“] und seine bezaubernde Cornelia ‚Conny‘ Bruell [an der Dis schreibend – war’s die Politikwissenschaft? – und für etwa drei Monate einen Job suchend] luden kurzfristig zum silvesterlichen Beisammensein in ihre Wohnung.

Die wunderbar geschriebene Einladung will ich dem geschätzten Leser nicht vorenthalten, die genaue Adresse habe ich vorsichtshalber entfernt [Text: © Conny – da ich nicht die Rechte-Inhaber des Bildes kenne, habe ich es leider verunstalten müssen!]
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Zu aller Anfang noch der Meinung, ich würde nicht alleine hingehen, weil es da doch Interesse von allen Seiten geben müsste. Aber am Ende erhielt ich eine Absage nach der anderen (an mir, hoffe ich, sollt’s nicht gelegen haben) und trippelte frohen Mutes – inklusive diesem beklemmenden Gefühl, nicht zu wissen, was einen erwartet; im schlimmsten Fall bist du das fünfte Rad am lustigen Wagen, wirst ignoriert, lässt man dich spüren, dass du nicht dazugehörst; in Wien ist das Cliquentum so stark ausgeprägt, dass man eher versuchen sollte, seine eigene aus dem Hut zu zaubern, als zu meinen, man würde in einer fremden integriert und aufgenommen werden; warum es so ist, kann ich nicht sagen, könnte man aber mal untersuchen).

Glückliche Fügung, ich erkenne eine dunkle Gestalt, die – wie meiner einer – nach dem Eingang sucht. Diese Gestalt nennt sich Philipp. Gemeinsam fahren wir mit dem Lift hoch – was uns in gewisser Weise zusammenschweißt – und begrüßen die Conny, die Gastgeberin (er kennt sie bereits). Wir dirndln uns aus. Ich befürchte mit meinem Sakko ein bisserl overdressed zu sein und lass es in der Garderobe liegen und im Stich.

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Wir kommen in die Küche, die von giftigen Nebelschwaden durchzogen ist [„wir sind alle in der Küche, weil wir hier rauchen dürfen“] und meine Augen erfreuen sich an einer illustren (darf ich sagen: attraktiven?) Damen-Runde. Was für eine angenehme Überraschung – meine Laune klettert nach oben. Noch dazu, als ich Markus begrüße, ihm sein reserviertes Rotkäppchen in die Hand drücke (ach, was hat dieses Exemplar nicht für Tragödien ausgelöst) und er es erfreut entgegen nimmt. Er verkündet lautstark, dass ich Schriftsteller sei und dieses Buch geschrieben habe. Gefälliges Nicken. Vermutlich das erste Mal, dass ich mich als besonderer Gast fühlen darf – Markus überschüttet mich mit Lob und Zuvorkommenheit – was ich freilich nur zurück gebe (er hat vermutlich die längste Widmung in einem Rotkäppchen-Exemplar, die ich mit seiner superben Füllfeder schreiben durfte – meine ruhte sich zu Hause aus).

Bei der Wohnungsbesichtigungs-Tour komme ich mit Markus, Conny und Philipp ins Gespräch, plaudern wir angenehmst. Im Besonderen muss ich ihnen natürlich die WebSite von Tiret zeigen – und überlege laut, früher oder später, eine Cover-Illustration mit einem der nichtlinearen Bilder zu machen (da würden’s alle schauen, die Leutchen!). Das erste Anbahnungsgespräch („Conny hat viele Kontakte!“) verlief durchaus positiv. Jetzt muss ihr das Bücherl wenigstens halbwegs gefallen und schon darf ich mich zufrieden zurücklehnen. Wenigstens für kurze Zeit. Länger ausrasten geht freilich nicht mehr. Nicht im Jahre 2008, wo der „Dichter zu Wien“ nur noch von seiner Schreiberei leben möchte. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Deshalb muss er an viele Türen klopfen, muss seine Visitenkarten verteilen (was nicht immer gern gesehen ist) und hoffen, dass eine Bekanntschaft Früchte trägt (bitte net falsch zu verstehen! Mir geht es nicht darum, ein Bücherl zu verkaufen, sondern vielmehr darum, dass ich einem Menschen mit meiner Kunst nahe sein kann – wer das Prélude von „Tiret“ aufmerksam gelesen hat – und sich nicht durch das „abgedroschene Sadismus-Sujet“ ablenken hat lassen, weiß, worum es mir geht und wohl immer gehen wird; oder wie sagte LillY vor nicht langer Zeit: „Du suchst dir deine Leser aus!“).

Auf dem Weg zur Dachterrasse unterhalte ich mich eingehend mit Markus (wir hätten uns wohl besser um die Damen kümmern sollen, denn zwei verabschieden sich ohne ersichtlichen Grund), besprechen sein zukünftiges Projekt, für das er noch einen Programmier sucht, den ich vielleicht auftreiben könnte. Wir konversieren über die alte Zeit, er wird hellhörig, als ich ihm sage, dass mein erstes Buch „Azadeh“ im Fin de Siècle spielt („Ist meine Lieblingszeit“). Wir haben ähnliche Ansichten („Die Welt wird kälter, einsamer, geht wohl oder übel den Bach runter!“), ähnliche Anschauungen. Das erfreut das Dichterherz.

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Schließlich wird auf der Dachterrasse des Bürokomplexes der Jahreswechsel begangen. Radio gehört. Feuerwerke bestaunt. Färbige Rauchbomben in der Dunkelheit gezündet. Sekt getrunken. Walzer getanzt (Philipp, als ehemaliger „Taxi-Tänzer“, war hier klar im Vorteil; ich verweigerte die Tanzschule in jungen Jahren, lehnte die Despotie des erzwungenen Schrittes rigoros ab – und schwindlig wird mir obendrein – trotzdem drehe ich mit – wie hieß sie nur? – zwei oder drei Walzerrunden!), Küsschen ausgeteilt (das kann ich am besten) und Prositwünsche dargebracht. Die Kälte wird alsbald spürbar, im Besonderen, wenn man unbehandschuht sein Sektglas in der Gegend spazieren trägt. Eine schöne Geste, als mir Anna einen ihrer Handschuh reicht, zuvor noch ihren warmen Atem auf den Handrücken meiner klammen Schreiberhand bläst. Dazwischen immer wieder der Versuch, mir Namen einzuprägen und das diesbezügliche Scheitern („Wie heißt du nochmal?“). Immerhin werd ich von der guten Anna mit „Reinhard“ angesprochen.

Wir verlegen das fröhliche Beisammensein von der Dachterrasse in das urige Wirtshaus Pontoni, welches der „g’raden“ (O-Ton ihres Lebensgefährten Tino Pontoni) Monika gehört, die wiederum, man möchte es nicht glauben, an der Akademie der Wissenschaft ihren forschenden Dienst versieht. Das Urtümliche verbindet sich hier mit dem Hochgeistigen zu einer interessanten Wiener Melange, wie man es sonst nur noch selten findet. Diese Örtlichkeit würde sich ja geradezu anbieten, für eine Lesung.

Beim Pontoni sitze ich neben Christa – Steuerberaterin, baldige Wirtschaftsprüferin und harte Kontaktlinsen-Trägerin (sie weiß, was ein Staubkorn für Schmerzen bereiten kann). Ich erkenne die Ähnlichkeiten zwischen Pontoni und Bodoni und beginne über Typographie zu sprechen („Tiret ist in der Janson gesetzt! Für Rotkäppchen verwendete ich die Kepler, weil sie eine gut lesbare Kursive hat!“). Sie findet es interessant, macht sich aber alsbald auf den Nachhauseweg. Ob ich jemals wieder von ihr höre? [vielleicht hätte ihr die Caslon mehr gefallen?]

Zu guter Letzt freunde ich mich mit Isa(bella) an, die das Jahr 2008 in Montreal zubringen wird. Sie hätte dort eine Couch, falls ich sie mal besuchen kommen wolle. Aha!

Das liebe Stefferl, die mich nach Paris einlud, dachte vermutlich auch nicht daran, dass ich so spontan sei und die Gelegenheit beim Couch-Zipfel packe. Ich habe das Stefferl freilich eines besseren belehrt.

Gegen 5 Uhr früh brechen wir auf (ich glaub, ich muss mich noch mal hinlegen), verabschieden wir uns allesamt voneinander. Conny umarmt mich, deutet auf Markus und meint, dass ich sicherlich bald wieder bei ihnen eingeladen werde. Was mich an das versprochene Tiramisu erinnert. Ich hoffe, sie lassen mir noch ein Stück über. Wie lange hält sich eigentlich Tiramisu?

Bei der Gumpendorfer Straße verabschiede ich mich schließlich von der Isa. Wir versichern uns eines baldigen Wiedersehens. Sie biegt nach rechts, ich gehe geradeaus. Beide in den Sonnenaufgang der Zukunft und ins Jahr 2008.

 

p.s.: wie mir die Conny gerade mitteilte, kann man auf ihrer Site ein paar stimmige Bilder sehen … ich geh gleich mal nachschauen; nicht, dass frau den dschunschen Gockel unstimmig ins Bild setzte 😉

6 Kommentare zu „Silvester 07/08 oder Der Gockel, der kräht“

  1. hi schriftsteller,
    nette sache, so ein bericht, besonders wenn eine einen grossteil des abends nicht miterlebt hat. aber uebrigens heisst der dem wirtshaus namensgebende wirt tino pontoni und legt da auch wert drauf. ueber eine lesung koennten wir aber durchaus mal reden, vielleicht bei einem bier im pontoni …
    liebe gruesse
    monika

  2. Tja, da hat wohl noch der restliche Sektgehalt in meinem Blut aus Tino einen Toni gemacht. Ich hab’s natürlich bereits ausgebessert. Gehört sich so. Will ja auch nicht als „Reinhard“ in den Literaturhimmel eingehen. Nein, wirklich nicht.

    Ja, Bier im Pontoni klingt nett.
    Darüber reden wir noch, Monika!

  3. ha, das hast du davon! schon liest du zumindest von mir. finde ich ganz entzückend, was ich da lese! und gut, das nächste mal caslon (aba weiß schon alles, grad gegoogled 🙂 )

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