richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Tagesarchive: Mittwoch, 14 Mai, 2008

Kokain

Gestern also mit Rentsnik ins Schikaneder. Vom Karlplatz würde man etwa 5 Minuten zu Fuß brauchen. Wenn man sich rechts hält. Haben wir (nein, ich) aber nicht. Also irren wir wie verblödet eine halbe Stunde herum, bis wir schlussendlich zur hippen und versifften/verrauchten Location kommen. Rentsnik sei Dank, die sich nicht zu Schade war, die Leute nach dem Weg zu fragen. Frauen tun sich da leichter. Männer haben einerseits eine genetische Hemmschwelle, wenn es um das Ansprechen wildfremder Menschen geht (die könnten gefährlich sein), andererseits würden sie sich damit eingestehen, völlig orientierungslos zu sein. Welcher Mann möchte gesagt bekommen, er wisse nicht, wo’s lang geht?

Eigentlich hab ich mir vom gestrigen Abend nicht viel erwartet. Eine Buch- präsentation stand auf dem Programm. Michael Grimm (Herausgeber) und Klaus Tatto (Verleger) versuchten sich an der Neuauflage eines längst vergriffenen schmalen Büchleins mit dem (politisch nicht ganz korrekten) Titel „Kokain“ von Walter Rheiner. Dieser Walter Rheiner war Dichter und Schriftsteller. Er lebte mit seiner Drogenabhängigkeit im Berlin der 20er Jahre, hatte mehrere Kinder, die er seines Berufes (besser: Berufung) wegen, kaum ernähren konnte. Man könnte sagen, er ist der Archetypus des gescheiterten Künstlers. Wen wundert es da, dass er gerade mal 30 Jahre „alt“ wurde?

Die Präsentation im Kinosaal (ich durfte mit Rentsnik auf der für uns reservierten Ledercouch Platz nehmen!) war eine ambitionierte szenische Vorstellung des Buches. Sogar mit einer lokalen Berühmtheit konnte aufgewartet werden: Georg Friedrich (der Freund vom „Vickerl“ aus „Hundstage“, sagt der Fröhlich), der (so sagte man es mir) gehypte Shooting-Star der österreichischen Filmszene [über seine Lese- performance will ich hier nicht sprechen. Nur so viel: sollte mir einer meiner Schauspieler so lasch daherkommen, dann gibt’s Saures!].

Die Entdeckung (des Jahres?) war aber für mich eindeutig LM. Schlank, langes schwarzes Haar, knallroter Lippenstift, eine wunderbare Rhetorik, tiefes Timbre. Mir blieb (mit vielen anderen) der Mund offen. Was soll man dazu noch sagen? Natürlich musste ich sie haben, in Bezug auf eine meine nächsten Lesungen. Und wäre sie nicht die perfekte „Perse„?

Also sagte ich zu Rentsnik, dass man sie mir doch bitteschön vorstellen möchte. Rentnsik ist wiederum mit Erich Knoth zusammen (er hat den „Kosciuszko“ im MQ gegeben und wieder eine tolle Performance abgeliefert; kein Wunder also, dass ich ihn für meine nächsten Lesung engagiert habe), der wiederum einer der Mitwirkenden dieser Lesung war. Und so kam eines zum anderen und LM. zu mir. Und was musste ich da hören? Dass sie keine Schauspielerin sei. Dass sie Gesang und Rhetorik studiert habe, ein Jahr lang, und dann die Angewandte im Bereich Keramik absolvierte. Es sei ihre erste Lesung gewesen, sagte sie mir unverblümt. Hat man Töne? Will ich’s glauben? Ich sag ja immer wieder, das Gold liegt auf der Straße. Dummerweise glänzt es nicht. Oder ruft nach einem.

Jetzt hoffen wir mal, dass sie von meinem literarischen Oeuvre nicht abgeschreckt wird. Dann kann einer szenischen Rotkäppchen-Lesung nichts mehr im Wege stehen. Yeah!

Zum Buch „Kokain“ gilt zu sagen, dass es für eine Kleinstauflage (im mehr oder minder Eigenverlag) gut gemacht ist; nicht nur die Novelle „Kokain“, sondern auch Briefe, Tagebucheinträge, Notizen und vieles mehr wurden aufgenommen; das Cover gestaltete übrigens der Wiener Maler Tomak; ich habe gestern noch kurz reingelesen und der Brief des berufenen Künstlers Rheiner an den (sich berufen fühlenden) Heinar Schilling hat mich direkt in die schriftstellernde Seele getroffen. Er, dieser alles der Kunst unterordnende Rheiner, der „den Sprung aus der Welt, aus seiner Haut“ gewagt hat, bemerkt, dass es Schilling an diesem Wagemut fehlt. Schilling ist zu sehr Bourgeois, dem „der Mut zum Opfer“ fehlt.

Ich fürchte, der größte Teil der heutigen Künstlerschaft ist ein Heinar Schilling. Mich eingeschlossen!

Die beiden Nichten des Herausgebers (bei mir war es die Nichte und eine ihrer Freundinnen) übernahmen den Verkauf. Und die beiden waren sich nicht zu Schade, den Gästen dieses Buch auf eine angenehm unaufdringliche Art zu „empfehlen“ (Frauen tun sich da leichter, aber das hatten wir heute schon). Trotzdem ging der Verkauf nur schleppend voran. Schade eigentlich. Hätte es Walter Rheiner nicht verdient gehabt, dass man „an seinem Grab seine gedruckten Gedanken und gelebten Ideen bejubeln und beklatschen“ wird?

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Walter Rheiner: KOKAIN

Novellen, Briefe und Biografisches. Mit bisher unveröffentlichtem Material aus dem Walter Rheiner-Archiv Berlin, Fotos, Zeichnungen von Conrad Felixmüller und Tomak.

Tatto Verlag / TAIPAN CLASSIC, Herausgeber Michael Grimm
ISBN 978-3-9502549-0-7, Taschenbuch, 150 Seiten, € 12,50

Das Buch ist erhältlich bei booklooker.de und bei taipanclassic@gamma-berlin.com

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