richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Tagesarchive: Freitag, 16 Mai, 2008

Speeddating: mein erstes Mal

Erlebnisbericht zum Speeddating-Event vom Mittwoch, 14. Mai 2008, in der Roten Bar des Wiener Volkstheaters.

 

Die Rote Bar im Volkstheater ist äußerst stilvoll, hier mischt sich barocker Plüsch mit hipper Baratmosphäre. Für den Event dekorierte man die Bar mit einer Vielzahl an rosaroten Luftballons. Damit jeder weiß, woran er ist, an diesem Abend.

Ich komme gegen 21 Uhr in das Foyer der Bar. Warte darauf, dass man mir das reservierte Ticket aushändigt, was nicht so einfach gelingen will, weil das Organisationsteam noch im organisieren ist („sagst du dann bei der Moderation, wie die Sache abläuft?“). Aber es stört nicht. Was vermutlich an der äußerst freundlichen M. lag (ich musste später mit Bedauern feststellen, dass sie beim Speeddating nicht mitmachte). Irgendwie scheint das Team genauso nervös oder kribbelig, wie die Teilnehmer. Schließlich bekomme ich meine Nummer (M4) auf einem „Pickerl“ zum Aufkleben, einen Zettel, auf den ich Notizen und ein Kreuzerl machen kann, wenn mir eine Teilnehmerin gefallen sollte und einen Kuli.

 

Ich bezahle brav den Obulus fürs Liebeswerben (€ 19,-) und schlendere ein wenig im Foyer herum, da die Bar noch nicht geöffnet und mit schweren (roten) Vorhängen verschlossen ist. Der Moment, den ich zumeist fürchte: alleine in der Gegend herumstehen und so tun, als würde es einem nichts machen; vermutlich wird daraus einmal ein Volkssport. Eine Dame ansprechen? Das will mir nicht in den Sinn. Wozu gibt’s dann ein Speeddating, wenn man schon vorher ins Gespräch kommt? Vermutlich wären alle Beteiligten zutiefst irritiert. Nein, sag ich mir und wende mich vom Eintritt weg. Auch versuche ich zu verhindern, schon jetzt die zu umwerbenden Damen zu sichten. Vermutlich ist die Befürchtung (Angst?) vor einer herben Enttäuschung zu groß.

Ich gehe also ein paar Schritte vom Eingang und erblicke MB., der alleine in der Gegend herumsteht und so tut, als würde es ihm nichts machen. Ich spreche ihn an. Und, oh göttlicher Zufall, es entspinnt sich ein herzliches Gespräch über Dating und Fußball und EM. Wonne. Wir verstehen uns auf Anhieb. Sein trockener Humor sollte mir am Ende, als wir an der Bar stehen und über den Abend resümieren, einen kurzen Lachkrampf bescheren (was die Damen vermutlich nicht goutierten). Jedenfalls stecken wir unsere Köpfe zusammen und versuchen uns durch lästernd frivole Seitenhiebe aufzumuntern. Wir wirken wie kleine Schulbuben, die in der letzten Reihe (hinterm Vorhang) schwatzen. MB. ist einer der Kurzentschlossenen, der im Radio den Aufruf hörte, dass es Männermangel gäbe und – ohne groß nachzudenken – sich meldete. Gemeinsam (sind wir Männer stark) flanieren wir dann in die nun geöffnete Bar, trinken ein Glaserl Sekt (im Preis inbegriffen) und plaudern mit gedämpfter Stimme. Ich versuche, soweit möglich, nicht in die Runde zu blicken. Noch immer bin ich der Meinung, ich sollte mich Überraschen lassen.

 

 

Dann die Erläuterung, wie es abläuft. Alles wie gehabt, will heißen, wie man es sich vorstellt. Die Damen nehmen der Reihe nach an den kleinen Tisch Platz, die Herren sind es, die sich verschieben und den Platz wechseln. Das macht Sinn. 4 Minuten Zeit hätte man. Meine erste Verwirrung: sind die 4 Minuten jeweils für Mann und Frau, also in Summe 8 Minuten? Nein. Es sind 4 Minuten. That’s all, folks! Nun möchte man wiederum meinen, 4 Minuten sind zu wenig, um jemanden auf (vor allem) Herz und (weniger) Nieren zu prüfen. Uns wird aber versichert, dass es wissenschaftlich erwiesen sei, dass der Mensch innerhalb einer Zehntelsekunde seine Entscheidung fällt. Aha. Das mag wohl stimmen, wenn wir uns nach einem Partner fürs Leben (besser vielleicht: für den Lebensabschnitt?) umschauen, aber gibt es heutzutage nicht viele Facetten einer Beziehung? Muss man ein Speeddating nur als „Partnersuche fürs Leben“ sehen? Für mich (war ich der Einzige?) stand und steht im Vordergrund, einfach den Menschen kennen zu lernen, sich gegenseitig zu beschnuppern. Der Rest – Freundschaft, Bekanntschaft, Netzwerk oder eben Partner- schaft – ergibt sich (oder auch nicht).

Ich begrüße Bea (F4) und setze mich ihr gegenüber.
Der schnelle Reigen hat begonnen!

Der Ablauf, man kann es sich gut denken, ist ein Fragespiel, das bald Routine annimmt bzw. annehmen kann. Niemand wird gezwungen, die immer gleichen Fragen zu stellen. Andererseits wollen wir vom Gegenüber wenigstens eine kleine Ahnung haben, wer diese(r) sein könnte (frei nach dem Motto: sag mir, was du machst und ich sag dir, wer du bist). Bei mir hörte sich das in etwa so an:

„Und was machst du?“
„Ich bin Schriftsteller!“
„Wirklich? Kann man davon leben?“
„Ich versuche es … (Erklärung folgt)“
„Was schreibst du?“
„Ganz unterschiedlich. Querbeet. Romane, Theaterstücke, Drehbücher … (Erklärung folgt)“

18 Damen. 18 Mal Fragen stellen. 18 Mal Fragen beantworten. Und Lächeln. Immer wieder.

 

Mein Eindruck von den Damen? Im Großen und Ganzen entsprechen sie wohl der durchschnittlichen Verteilung in der Gesellschaft. Man/frau sollte sich keine großen Sensationen erhoffen. Ich „erwählte“ mir an diesem Abend 8 Damen:

Die Attraktiv(st)e, die mich aber vor allem durch ihre „lebensfrohe“ und gewinnende Art überraschte. Sehr sympathisch und vermutlich die Abräumerin dieses Abends. Ich konnte also gar nicht anders, als bei ihr ein (gedankliches) Kreuzerl zu machen.

Für die Sache mit dem „Kreuzerl machen“, war ich zu feinfühlig. Ich dachte, es wäre nicht besonders höflich, vor aller Augen das Kreuzerl in die Spalte einzutragen. Erst als ich später sah, dass die Damen weniger Hemmungen hatten, probierte ich mich auch daran, brachte es aber nicht so ganz übers Herz. So musste ich am Ende die Kreuzerln nachtragen und war dann doch ein wenig überfordert („Wer war jetzt noch mal F3?“)

Die Karrierefrau, deren Beziehungen deshalb scheiterten, weil sie zu wenig Zeit für die Partnerschaft aufbringen konnte. Nebenbei beeindruckte sie mich durch ihre osteuropäischen Wurzeln. Vermutlich hab ich als kakanischer Fin-de-Siècle-Kaffee- hausdichter-Sentimentalist (=Monarchist) einen Hang zu den alten österreichischen Kronländern. Und natürlich dürfte sie blitzgescheit sein und ihren „Mann“ im medizinischen Umfeld stehen. Sie nickte, als ich meinte, wir könnten ja auf einen Kaffee gehen und plaudern. So nebenbei schrieb sie eine Novelle.

Die sympathisch Bodenständige, über die man nichts Negatives sagen kann. Vermutlich hat es damit zu tun, dass sie aus der Steiermark kommt und sich dem überheblichen Wienertum bis jetzt entzogen hat. Sehr nett. Entschied mich am Ende, bei ihr noch ein Kreuzerl zu machen.

Die Grande Dame, die ich hier am wenigsten erwartet hätte. War, soweit ich mich jetzt erinnere, die einzige Frau, die einen unübersehbar roten Lippenstift verwendete, der ihr gut zu Gesicht stand. Geschmackvoll gekleidet. Schlanke Statur. Gewählte Sprache. Ich dachte mir, sie sei vielleicht Schauspielerin, tatsächlich ist es die Malerei, in der sie sich (gekonnt?) bewegt. Sie war, bei weitem, die Lockerste, die Reifste (im positiven Sinne, bitteschön) der Damen. Kein Wunder also, dass wir überein kamen, auf einen Kaffee zu gehen und sie (vor meinen Augen!) das Kreuzerl in meine Spalte eintrug (ich hoffe, es war meine). Beeindruckte mich durch den Sager: „Ich mache jetzt, was ich will!“. Ja, sie dürfte mit beiden Beinen im Leben stehen. Wunderbar.

Die „Offenherzigste“, die mit ihren weiblichen Reizen nicht gerade geizte. Bevor ich sie noch begrüßte, fiel mir bereits ihr Tigerlook-Kleid unangenehm auf. Als ich sie dann begrüßte, konnte ich nicht umhin, ihr Dekolletee zu bemerken. Sie war die Einzige der Damen, die so einen freizügigen Einblick gewährte. Generell bin ich ein Freund des Understatements. Erst als ich merkte, dass sie eine gesunde Portion Humor besaß und meinte, Ärztin zu sein, wechselte meine Voreingenommenheit zu Neugierde.

Die „PR-in-eigener-Sache-Künstlerin“, die ungeniert E-Mail- Adressen sammelte und sie auf ihrem Zettel notierte. Ich denke, dass ich demnächst eine „Einladung“ zu einem ihrer Auftritte bekomme, schließlich gab ich ihr auch meine (WebSite) Adresse. Generell gefällt mir dieses Vorgehen nicht, andererseits ist es wieder frech sympathisch. Der Grund, warum ich sie ankreuzte, sind ihre jüdischen Wurzeln. Vermutlich habe ich als … siehe Karrierefrau.

Die (vermutlich) Zweitattraktiv(st)e, obwohl ich jetzt gar kein Bild mehr von ihr vor mir habe. Auch bei ihr entschied ich mich noch in allerletzter Sekunde. Vermutlich Torschlusspanik.

Die Neurologin (in der Ausbildung), der ich ungeniert (siehe PR-in-eigener-Sache-Künstlerin) meine WebSite.Adresse gab, weil ich ihr gerne ein paar Seiten meines Buches Ro2069 geschickt hätte, die sich mit den Abläufen im Gehirn beschäftigen. Sie wirkte aber auf mich nicht ganz so sattelfest, als ich kurz vom Unbewussten im Gehirn fabulierte. Vielleicht dachte sie auch nur, ich wäre völlig durchgeknallt.

Natürlich gab es auch die definitiven und unumstößlichen No-Go- TeilnehmerInnen:

Die stocksteife Psychotherapeutin, die mir beinah Angst machte, weil sie staubtrocken und mit ernsten Augen meine kleine Speeddating-Seele zu durchleuchten begann. Meinte, dass man schreibt, weil man seine Kindheit verarbeiten muss. Worauf ich lächelnd zurück gab, eine harmonische Kindheit gehabt zu haben. Darauf sie: „Was ist eine harmonische Kindheit?“ Das war der Zeitpunkt, als ich dachte, 4 Minuten sind eindeutig zu lang, beim Speeddating.

Die durchschnittliche Familienplanerin, also jene Frauen, die für eine rigorose Familiengründung wie geschaffen sind (kurz: „Kinder – Haus – Hund – Garten“), aber es nicht zugeben wollen. Oder wenigstens haben sie bei mir nicht die Karten auf den Tisch gelegt. Zumeist erkennbar an der großen Nervosität, der überspielten Ernsthaftigkeit und dem Versuch, sich überdurchschnittlich zu präsentieren („ich frühstücke am Wochenende sehr lang“; „ich bin E wie exzentrisch und A wie abenteuerlich“, „ich bin sehr naturverbunden“, „ich bin mehr als eine Lehrerin“).

Conclusio: jetzt heißt es abwarten, ob ich „erwählt“ wurde und wenn ja, von welcher der Damen und warum. Da ich mich als brotloser Schriftsteller zu erkennen gab, könnte es also gut sein, dass die mütterlichen („er sollte mehr essen“) oder musischen („er sollte das Gedicht lesen“) Gefühle ausschlaggebend sein werden. Hand aufs Herz: die Schriftsteller und Dichter sind doch alle seltsam beziehungsunwillige Vögel. Sie geben immer nur vor ihre jungen Tage in Harmonie verbracht zu haben, derweil müssen sie sich ihre Kindheit von der Seele schreiben. Sagt eine Psychotherapeutin. Und die muss es ja wissen.

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