Schwarzmarkt für nützliches Wissens und Nicht-Wissen No. 10!

A wie Arbeitsverhältnisse bis Z wie Zukunftsszenarien. Wer schon immer mehr wissen wollte, hier wurde Ihnen geholfen. 30 Minuten mit einem Experten, einer Expertin an einem Tisch (warum erinnert mich das jetzt ans Speeddating?). 30 Minuten präzise und (vor allem) persönliche Wissensweitergabe! Nach dem ich ja bereits in Vorjahr extra nach Graz gefahren bin, um mich mit Wissen anzureichern, gab es gestern die Möglichkeit, beinah vor meiner Haustüre den Schwarzmarkt aufzusuchen.

Meine beiden Experten (in der zweiten Runde ging ich leer aus, kam aber mit Experte Robert Galbavy in ein „privates“ Gespräch*) waren:

PD Dr. Krassimira Kruschkova

Theaterwissenschaftlerin, Leiterin des Theoriezentrums des Tanz- quartiers Wien, Dozentin an der Akademie der bildenden Künste Wien und an der Universität für angewandte Kunst Wien

THEMA: Zum Konzept des Scheiterns und der Verantwortung in Performance heute

Die aus Sofia stammende Krassimira (natürlich hab ich ihr das in Künstlerkreisen gebräuchliche Du-Wort angetragen) hat mich mit ihrer sympathisch freundlichen und ungezwungenen Art so eingenommen, dass ich nicht umhin kann, demnächst einmal das Tanzquartier im MQ aufzusuchen und mir eine Performance anzusehen. Man muss wissen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt der (zeitgenössischen) Performance keinen besonderen Stellenwert eingeräumt habe (damit halte ich es mit dem Großteil der Kulturpolitiker). Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Zum Beispiel die Spiel- und Vorlesungsreihe Dies ist kein Spiel im Juni – im Besonderen interessiert mich natürlich Spiele und Eros am 12. Juni. Oder am 31. Mai, während des MQ-Kinder-Hoffestes, die Frage, wem der öffentliche Raum gehört und ob man „einen Aufstand der Kinder erzeugen (simulieren?) kann“. Vive la Kinder-Revolution im MQ!

Mal schauen, was das TQW sonst noch alles so zu bieten hat – um ehrlich zu sein, ich hatte bis heute noch nie auf die WebSite geklickt; wir sehen: so ein Schwarzmarktplausch kann wahre Wunder wirken. Apropos: Vielleicht kommt die gute Krassimira zu meiner Lesung, da sie am Dienstag (27.5.) an der Angewandten unterrichtet und das Prückel ja ums Eck liegt. Natürlich habe ich sie eingeladen, woran man erkennen kann, dass mein Selbstvertrauen gesund und munter, beinah übermütig tanzt.

Dr. Peter Zeillinger

katholischer Theologe und Philosoph, Mitbegründer des „Interdisziplinären Forums .UND.“ (gem. mit Matthias Flatscher und Sophie Loidolt), Forschungstätigkeit zur politischen Theologie, politischen Philosophie und zur sog. „Postmoderne“

THEMA:
1. Der „leere Stuhl der Macht“ – Zur Frage, was die Gesellschaft zusammenhält
2. „Vielleicht wird das Unmögliche daher notwendig gewesen sein“ oder Die Zukunft wird jetzt begonnen
haben müssen

In der vorletzten Runde (3A) kam ich also mit Dr. Zeillinger ins Gespräch, der sich wahrlich Mühe gibt, mit seinem Rauschebart, wie ein gestandener Philosoph auszusehen. Dass er sich auch wie einer ausdrücken kann, mag nicht verwundern. Aber er versuchte mir die philosophischen Themen und Zusammenhänge plastisch und einfach vor Augen zu führen (vermutlich muss ich so verwirrt dreing’schaut haben, dass er sich dachte: Also gut, dann geb ich ihm noch ein drittes anschaulicheres Beispiel). Immerhin gab es ja gewisse Querverweise zur französischen Revolution (wiewohl er sich mit der amerikanischen Verfassung beschäftigte, die wiederum für die französische Pate stand). Die Frage, um die es in seinem Thema ging und geht ist ja eine gute: wenn die Gesellschaft nicht in Anarchie versinken will, braucht es einen „Thron/Stuhl der Macht“ (weltliches Oberhaupt oder eine Regierung). Dummerweise korrumpiert dieser Thron. Was folgt, ist der Weg in die (gefährliche!) Ideologie („ICH WEISS, was das Richtig, das Gute ist!“). Wenn wir also weder Anarchie (Thron leer), noch einen Despoten (Thron besetzt) haben wollen, was kann es für eine dritte Möglichkeit geben?

Die dritte Möglichkeit eines französischen Philosophen (nein, den Namen konnte ich mir natürlich nicht merken) sieht vor, den leeren Thron zu „repräsentieren“. Wer „repräsentiert“ hat die Wahrheit nicht für sich gepachtet, kann Fehler begehen, muss Verantwortung übernehmen und Konsequenzen tragen. Eine demokratische Regierung würde dem Prinzip schon sehr nahe kommen. Tatsächlich verhalten sich aber alle Regierungen/Politiker wie ein „Reserve- Napoleon“ auf bestimmte Zeit (die Regierungszeit in Österreich wird mit der nächsten Wahl von 4 auf 5 Jahre erhöht – siehe Beitrag im Standard). Die Forderung der „dritten Möglichkeit“ müsste also eine Abwahl beinhalten, die dann schlagend wird, wenn die „Repräsentanten“ nicht mehr repräsentieren, sondern nach eigenem (z.B.: populistischen) Ermessen handeln.

Da mir Peter (ja, mit Philosophen ist man auch per DU) anbot, ich könne ihm gerne schreiben, falls ich noch Fragen hätte, werde ich es tun und ihn bitten, dieses Geschreibsel qualitätszusichern. Nicht, dass ich völligen Blödsinn (in Verbindung mit seinem Namen) verzapfe. Ja, das mache ich gleich. Momenterl …

*) der Spediteur und Transportlogistiker meinte, dass der Güterverkehr auf der Straße gerade mal (ich hoffe, ich erinnere mich richtig) 13 % ausmache, während der Rest auf den Personenverkehr fällt. Das heißt, wer immer sich ins Auto setzt, um von A nach B zu fahren, braucht sich keine Gedanken über die ökologische Gefahr des LKW-Güter- bzw. Transitverkehrs zu machen. Er müsste nur auf seine private Autofahrt verzichten, und schon hätte er einen großen Beitrag für eine saubere Welt getan. Ähnlich verhält es sich mit dem „Transitproblem“ in Tirol. Dort mache der Transitverkehr keine 20 % des gesamten LKW-Verkehrs aus. Eigenartigerweise taucht das „Transitproblem“ immer wieder in den Schlagzeilen auf und wird politisiert. Warum macht man sich nicht einmal Gedanken darüber, ob es sinnvoll ist, in jedem kleinen Kaff ein oder mehre Shopping-Malls hinzustellen, die (mehrmals) täglich beliefert werden? Fragt ein Schriftsteller, der kein Auto besitzt und in der Stadt lebt.

Speeddating: mein erstes Mal

Erlebnisbericht zum Speeddating-Event vom Mittwoch, 14. Mai 2008, in der Roten Bar des Wiener Volkstheaters.

 

Die Rote Bar im Volkstheater ist äußerst stilvoll, hier mischt sich barocker Plüsch mit hipper Baratmosphäre. Für den Event dekorierte man die Bar mit einer Vielzahl an rosaroten Luftballons. Damit jeder weiß, woran er ist, an diesem Abend.

Ich komme gegen 21 Uhr in das Foyer der Bar. Warte darauf, dass man mir das reservierte Ticket aushändigt, was nicht so einfach gelingen will, weil das Organisationsteam noch im organisieren ist („sagst du dann bei der Moderation, wie die Sache abläuft?“). Aber es stört nicht. Was vermutlich an der äußerst freundlichen M. lag (ich musste später mit Bedauern feststellen, dass sie beim Speeddating nicht mitmachte). Irgendwie scheint das Team genauso nervös oder kribbelig, wie die Teilnehmer. Schließlich bekomme ich meine Nummer (M4) auf einem „Pickerl“ zum Aufkleben, einen Zettel, auf den ich Notizen und ein Kreuzerl machen kann, wenn mir eine Teilnehmerin gefallen sollte und einen Kuli.

 

Ich bezahle brav den Obulus fürs Liebeswerben (€ 19,-) und schlendere ein wenig im Foyer herum, da die Bar noch nicht geöffnet und mit schweren (roten) Vorhängen verschlossen ist. Der Moment, den ich zumeist fürchte: alleine in der Gegend herumstehen und so tun, als würde es einem nichts machen; vermutlich wird daraus einmal ein Volkssport. Eine Dame ansprechen? Das will mir nicht in den Sinn. Wozu gibt’s dann ein Speeddating, wenn man schon vorher ins Gespräch kommt? Vermutlich wären alle Beteiligten zutiefst irritiert. Nein, sag ich mir und wende mich vom Eintritt weg. Auch versuche ich zu verhindern, schon jetzt die zu umwerbenden Damen zu sichten. Vermutlich ist die Befürchtung (Angst?) vor einer herben Enttäuschung zu groß.

Ich gehe also ein paar Schritte vom Eingang und erblicke MB., der alleine in der Gegend herumsteht und so tut, als würde es ihm nichts machen. Ich spreche ihn an. Und, oh göttlicher Zufall, es entspinnt sich ein herzliches Gespräch über Dating und Fußball und EM. Wonne. Wir verstehen uns auf Anhieb. Sein trockener Humor sollte mir am Ende, als wir an der Bar stehen und über den Abend resümieren, einen kurzen Lachkrampf bescheren (was die Damen vermutlich nicht goutierten). Jedenfalls stecken wir unsere Köpfe zusammen und versuchen uns durch lästernd frivole Seitenhiebe aufzumuntern. Wir wirken wie kleine Schulbuben, die in der letzten Reihe (hinterm Vorhang) schwatzen. MB. ist einer der Kurzentschlossenen, der im Radio den Aufruf hörte, dass es Männermangel gäbe und – ohne groß nachzudenken – sich meldete. Gemeinsam (sind wir Männer stark) flanieren wir dann in die nun geöffnete Bar, trinken ein Glaserl Sekt (im Preis inbegriffen) und plaudern mit gedämpfter Stimme. Ich versuche, soweit möglich, nicht in die Runde zu blicken. Noch immer bin ich der Meinung, ich sollte mich Überraschen lassen.

 

 

Dann die Erläuterung, wie es abläuft. Alles wie gehabt, will heißen, wie man es sich vorstellt. Die Damen nehmen der Reihe nach an den kleinen Tisch Platz, die Herren sind es, die sich verschieben und den Platz wechseln. Das macht Sinn. 4 Minuten Zeit hätte man. Meine erste Verwirrung: sind die 4 Minuten jeweils für Mann und Frau, also in Summe 8 Minuten? Nein. Es sind 4 Minuten. That’s all, folks! Nun möchte man wiederum meinen, 4 Minuten sind zu wenig, um jemanden auf (vor allem) Herz und (weniger) Nieren zu prüfen. Uns wird aber versichert, dass es wissenschaftlich erwiesen sei, dass der Mensch innerhalb einer Zehntelsekunde seine Entscheidung fällt. Aha. Das mag wohl stimmen, wenn wir uns nach einem Partner fürs Leben (besser vielleicht: für den Lebensabschnitt?) umschauen, aber gibt es heutzutage nicht viele Facetten einer Beziehung? Muss man ein Speeddating nur als „Partnersuche fürs Leben“ sehen? Für mich (war ich der Einzige?) stand und steht im Vordergrund, einfach den Menschen kennen zu lernen, sich gegenseitig zu beschnuppern. Der Rest – Freundschaft, Bekanntschaft, Netzwerk oder eben Partner- schaft – ergibt sich (oder auch nicht).

Ich begrüße Bea (F4) und setze mich ihr gegenüber.
Der schnelle Reigen hat begonnen!

Der Ablauf, man kann es sich gut denken, ist ein Fragespiel, das bald Routine annimmt bzw. annehmen kann. Niemand wird gezwungen, die immer gleichen Fragen zu stellen. Andererseits wollen wir vom Gegenüber wenigstens eine kleine Ahnung haben, wer diese(r) sein könnte (frei nach dem Motto: sag mir, was du machst und ich sag dir, wer du bist). Bei mir hörte sich das in etwa so an:

„Und was machst du?“
„Ich bin Schriftsteller!“
„Wirklich? Kann man davon leben?“
„Ich versuche es … (Erklärung folgt)“
„Was schreibst du?“
„Ganz unterschiedlich. Querbeet. Romane, Theaterstücke, Drehbücher … (Erklärung folgt)“

18 Damen. 18 Mal Fragen stellen. 18 Mal Fragen beantworten. Und Lächeln. Immer wieder.

 

Mein Eindruck von den Damen? Im Großen und Ganzen entsprechen sie wohl der durchschnittlichen Verteilung in der Gesellschaft. Man/frau sollte sich keine großen Sensationen erhoffen. Ich „erwählte“ mir an diesem Abend 8 Damen:

Die Attraktiv(st)e, die mich aber vor allem durch ihre „lebensfrohe“ und gewinnende Art überraschte. Sehr sympathisch und vermutlich die Abräumerin dieses Abends. Ich konnte also gar nicht anders, als bei ihr ein (gedankliches) Kreuzerl zu machen.

Für die Sache mit dem „Kreuzerl machen“, war ich zu feinfühlig. Ich dachte, es wäre nicht besonders höflich, vor aller Augen das Kreuzerl in die Spalte einzutragen. Erst als ich später sah, dass die Damen weniger Hemmungen hatten, probierte ich mich auch daran, brachte es aber nicht so ganz übers Herz. So musste ich am Ende die Kreuzerln nachtragen und war dann doch ein wenig überfordert („Wer war jetzt noch mal F3?“)

Die Karrierefrau, deren Beziehungen deshalb scheiterten, weil sie zu wenig Zeit für die Partnerschaft aufbringen konnte. Nebenbei beeindruckte sie mich durch ihre osteuropäischen Wurzeln. Vermutlich hab ich als kakanischer Fin-de-Siècle-Kaffee- hausdichter-Sentimentalist (=Monarchist) einen Hang zu den alten österreichischen Kronländern. Und natürlich dürfte sie blitzgescheit sein und ihren „Mann“ im medizinischen Umfeld stehen. Sie nickte, als ich meinte, wir könnten ja auf einen Kaffee gehen und plaudern. So nebenbei schrieb sie eine Novelle.

Die sympathisch Bodenständige, über die man nichts Negatives sagen kann. Vermutlich hat es damit zu tun, dass sie aus der Steiermark kommt und sich dem überheblichen Wienertum bis jetzt entzogen hat. Sehr nett. Entschied mich am Ende, bei ihr noch ein Kreuzerl zu machen.

Die Grande Dame, die ich hier am wenigsten erwartet hätte. War, soweit ich mich jetzt erinnere, die einzige Frau, die einen unübersehbar roten Lippenstift verwendete, der ihr gut zu Gesicht stand. Geschmackvoll gekleidet. Schlanke Statur. Gewählte Sprache. Ich dachte mir, sie sei vielleicht Schauspielerin, tatsächlich ist es die Malerei, in der sie sich (gekonnt?) bewegt. Sie war, bei weitem, die Lockerste, die Reifste (im positiven Sinne, bitteschön) der Damen. Kein Wunder also, dass wir überein kamen, auf einen Kaffee zu gehen und sie (vor meinen Augen!) das Kreuzerl in meine Spalte eintrug (ich hoffe, es war meine). Beeindruckte mich durch den Sager: „Ich mache jetzt, was ich will!“. Ja, sie dürfte mit beiden Beinen im Leben stehen. Wunderbar.

Die „Offenherzigste“, die mit ihren weiblichen Reizen nicht gerade geizte. Bevor ich sie noch begrüßte, fiel mir bereits ihr Tigerlook-Kleid unangenehm auf. Als ich sie dann begrüßte, konnte ich nicht umhin, ihr Dekolletee zu bemerken. Sie war die Einzige der Damen, die so einen freizügigen Einblick gewährte. Generell bin ich ein Freund des Understatements. Erst als ich merkte, dass sie eine gesunde Portion Humor besaß und meinte, Ärztin zu sein, wechselte meine Voreingenommenheit zu Neugierde.

Die „PR-in-eigener-Sache-Künstlerin“, die ungeniert E-Mail- Adressen sammelte und sie auf ihrem Zettel notierte. Ich denke, dass ich demnächst eine „Einladung“ zu einem ihrer Auftritte bekomme, schließlich gab ich ihr auch meine (WebSite) Adresse. Generell gefällt mir dieses Vorgehen nicht, andererseits ist es wieder frech sympathisch. Der Grund, warum ich sie ankreuzte, sind ihre jüdischen Wurzeln. Vermutlich habe ich als … siehe Karrierefrau.

Die (vermutlich) Zweitattraktiv(st)e, obwohl ich jetzt gar kein Bild mehr von ihr vor mir habe. Auch bei ihr entschied ich mich noch in allerletzter Sekunde. Vermutlich Torschlusspanik.

Die Neurologin (in der Ausbildung), der ich ungeniert (siehe PR-in-eigener-Sache-Künstlerin) meine WebSite.Adresse gab, weil ich ihr gerne ein paar Seiten meines Buches Ro2069 geschickt hätte, die sich mit den Abläufen im Gehirn beschäftigen. Sie wirkte aber auf mich nicht ganz so sattelfest, als ich kurz vom Unbewussten im Gehirn fabulierte. Vielleicht dachte sie auch nur, ich wäre völlig durchgeknallt.

Natürlich gab es auch die definitiven und unumstößlichen No-Go- TeilnehmerInnen:

Die stocksteife Psychotherapeutin, die mir beinah Angst machte, weil sie staubtrocken und mit ernsten Augen meine kleine Speeddating-Seele zu durchleuchten begann. Meinte, dass man schreibt, weil man seine Kindheit verarbeiten muss. Worauf ich lächelnd zurück gab, eine harmonische Kindheit gehabt zu haben. Darauf sie: „Was ist eine harmonische Kindheit?“ Das war der Zeitpunkt, als ich dachte, 4 Minuten sind eindeutig zu lang, beim Speeddating.

Die durchschnittliche Familienplanerin, also jene Frauen, die für eine rigorose Familiengründung wie geschaffen sind (kurz: „Kinder – Haus – Hund – Garten“), aber es nicht zugeben wollen. Oder wenigstens haben sie bei mir nicht die Karten auf den Tisch gelegt. Zumeist erkennbar an der großen Nervosität, der überspielten Ernsthaftigkeit und dem Versuch, sich überdurchschnittlich zu präsentieren („ich frühstücke am Wochenende sehr lang“; „ich bin E wie exzentrisch und A wie abenteuerlich“, „ich bin sehr naturverbunden“, „ich bin mehr als eine Lehrerin“).

Conclusio: jetzt heißt es abwarten, ob ich „erwählt“ wurde und wenn ja, von welcher der Damen und warum. Da ich mich als brotloser Schriftsteller zu erkennen gab, könnte es also gut sein, dass die mütterlichen („er sollte mehr essen“) oder musischen („er sollte das Gedicht lesen“) Gefühle ausschlaggebend sein werden. Hand aufs Herz: die Schriftsteller und Dichter sind doch alle seltsam beziehungsunwillige Vögel. Sie geben immer nur vor ihre jungen Tage in Harmonie verbracht zu haben, derweil müssen sie sich ihre Kindheit von der Seele schreiben. Sagt eine Psychotherapeutin. Und die muss es ja wissen.

Kokain

Gestern also mit Rentsnik ins Schikaneder. Vom Karlplatz würde man etwa 5 Minuten zu Fuß brauchen. Wenn man sich rechts hält. Haben wir (nein, ich) aber nicht. Also irren wir wie verblödet eine halbe Stunde herum, bis wir schlussendlich zur hippen und versifften/verrauchten Location kommen. Rentsnik sei Dank, die sich nicht zu Schade war, die Leute nach dem Weg zu fragen. Frauen tun sich da leichter. Männer haben einerseits eine genetische Hemmschwelle, wenn es um das Ansprechen wildfremder Menschen geht (die könnten gefährlich sein), andererseits würden sie sich damit eingestehen, völlig orientierungslos zu sein. Welcher Mann möchte gesagt bekommen, er wisse nicht, wo’s lang geht?

Eigentlich hab ich mir vom gestrigen Abend nicht viel erwartet. Eine Buch- präsentation stand auf dem Programm. Michael Grimm (Herausgeber) und Klaus Tatto (Verleger) versuchten sich an der Neuauflage eines längst vergriffenen schmalen Büchleins mit dem (politisch nicht ganz korrekten) Titel „Kokain“ von Walter Rheiner. Dieser Walter Rheiner war Dichter und Schriftsteller. Er lebte mit seiner Drogenabhängigkeit im Berlin der 20er Jahre, hatte mehrere Kinder, die er seines Berufes (besser: Berufung) wegen, kaum ernähren konnte. Man könnte sagen, er ist der Archetypus des gescheiterten Künstlers. Wen wundert es da, dass er gerade mal 30 Jahre „alt“ wurde?

Die Präsentation im Kinosaal (ich durfte mit Rentsnik auf der für uns reservierten Ledercouch Platz nehmen!) war eine ambitionierte szenische Vorstellung des Buches. Sogar mit einer lokalen Berühmtheit konnte aufgewartet werden: Georg Friedrich (der Freund vom „Vickerl“ aus „Hundstage“, sagt der Fröhlich), der (so sagte man es mir) gehypte Shooting-Star der österreichischen Filmszene [über seine Lese- performance will ich hier nicht sprechen. Nur so viel: sollte mir einer meiner Schauspieler so lasch daherkommen, dann gibt’s Saures!].

Die Entdeckung (des Jahres?) war aber für mich eindeutig LM. Schlank, langes schwarzes Haar, knallroter Lippenstift, eine wunderbare Rhetorik, tiefes Timbre. Mir blieb (mit vielen anderen) der Mund offen. Was soll man dazu noch sagen? Natürlich musste ich sie haben, in Bezug auf eine meine nächsten Lesungen. Und wäre sie nicht die perfekte „Perse„?

Also sagte ich zu Rentsnik, dass man sie mir doch bitteschön vorstellen möchte. Rentnsik ist wiederum mit Erich Knoth zusammen (er hat den „Kosciuszko“ im MQ gegeben und wieder eine tolle Performance abgeliefert; kein Wunder also, dass ich ihn für meine nächsten Lesung engagiert habe), der wiederum einer der Mitwirkenden dieser Lesung war. Und so kam eines zum anderen und LM. zu mir. Und was musste ich da hören? Dass sie keine Schauspielerin sei. Dass sie Gesang und Rhetorik studiert habe, ein Jahr lang, und dann die Angewandte im Bereich Keramik absolvierte. Es sei ihre erste Lesung gewesen, sagte sie mir unverblümt. Hat man Töne? Will ich’s glauben? Ich sag ja immer wieder, das Gold liegt auf der Straße. Dummerweise glänzt es nicht. Oder ruft nach einem.

Jetzt hoffen wir mal, dass sie von meinem literarischen Oeuvre nicht abgeschreckt wird. Dann kann einer szenischen Rotkäppchen-Lesung nichts mehr im Wege stehen. Yeah!

Zum Buch „Kokain“ gilt zu sagen, dass es für eine Kleinstauflage (im mehr oder minder Eigenverlag) gut gemacht ist; nicht nur die Novelle „Kokain“, sondern auch Briefe, Tagebucheinträge, Notizen und vieles mehr wurden aufgenommen; das Cover gestaltete übrigens der Wiener Maler Tomak; ich habe gestern noch kurz reingelesen und der Brief des berufenen Künstlers Rheiner an den (sich berufen fühlenden) Heinar Schilling hat mich direkt in die schriftstellernde Seele getroffen. Er, dieser alles der Kunst unterordnende Rheiner, der „den Sprung aus der Welt, aus seiner Haut“ gewagt hat, bemerkt, dass es Schilling an diesem Wagemut fehlt. Schilling ist zu sehr Bourgeois, dem „der Mut zum Opfer“ fehlt.

Ich fürchte, der größte Teil der heutigen Künstlerschaft ist ein Heinar Schilling. Mich eingeschlossen!

Die beiden Nichten des Herausgebers (bei mir war es die Nichte und eine ihrer Freundinnen) übernahmen den Verkauf. Und die beiden waren sich nicht zu Schade, den Gästen dieses Buch auf eine angenehm unaufdringliche Art zu „empfehlen“ (Frauen tun sich da leichter, aber das hatten wir heute schon). Trotzdem ging der Verkauf nur schleppend voran. Schade eigentlich. Hätte es Walter Rheiner nicht verdient gehabt, dass man „an seinem Grab seine gedruckten Gedanken und gelebten Ideen bejubeln und beklatschen“ wird?

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Walter Rheiner: KOKAIN

Novellen, Briefe und Biografisches. Mit bisher unveröffentlichtem Material aus dem Walter Rheiner-Archiv Berlin, Fotos, Zeichnungen von Conrad Felixmüller und Tomak.

Tatto Verlag / TAIPAN CLASSIC, Herausgeber Michael Grimm
ISBN 978-3-9502549-0-7, Taschenbuch, 150 Seiten, € 12,50

Das Buch ist erhältlich bei booklooker.de und bei taipanclassic@gamma-berlin.com

Speeddating in Vienna

Nach dem mein BookSpeedDating im MQ nicht stattgefunden hat, werde ich mir mal anschauen, wie’s andere machen. Am Mittwoch, 14. Mai 2008, werde ich einen richtigen Speeddating-Event aus der Nähe betrachten; das Ganze findet in der Roten Bar im Volkstheater statt. Sehr stilecht. Sehr schmuck. Ob der Dichter zu Wien Muse/Mäzenatin/Verlegerin/Liebe findet, erfährt der geneigte Leser zu gegebener Zeit in diesem TheaterBlog.

Vorsicht, Abdruck!

Der klassische Schuss ins Knie. Weil ich wieder zu euphorisch war, weil ich dachte (immer wieder hinderlich!), man würde sich freuen, ob der Namensnennung in der Danksagung oder am Buchumschlag. Aber nicht zum ersten Mal musste ich bemerken, wie säuerlich und unglücklich manch einer darüber war/ist und mir die Rute ins Fenster stellte. Verstehen kann ich’s nicht.

Frage: Würde ich morgen der gefeierte und gehypte Shooting-Star (aha, schon wieder wird geschossen) der Literaturszene sein, würde sich daran etwas ändern? Würde man dann säuerlich reagieren, wenn ich diesen oder jenen nicht mit Namen nenne? Ich geh mal darüber nachdenken … nachdenken? Nein, lieber doch nicht.