richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM: Spieltag 3 – Gruppe A

Sonntag, 15. Juni 2008

Spieltag 3 – Gruppe A: türkische Stehaufmännchen oder Ein Spiel, das es gar nicht geben dürfte

Gruppe A, in Basel (20:45): Schweiz – Portugal 2:0

Die portugiesische B-Mannschaft kämpft wacker, verliert aber gegen eine motivierte schweizer Elf. Ich denke, das ist nur gerecht. So haben alle was davon. Den Portugiesen ist’s egal, die Schweizer freut’s.

Gruppe A, in Genf (20:45): Tschechien – Türkei 2:3

Ja, als Österreicher kennt man den Einbruch seiner Mannschaft ganz gut. Wir erinnern uns: das Freundschaftsspiel gegen Holland. Da liegen wir nach etwa 35 Minuten mit 3 Toren (!) in Führung und verlieren am Ende mit 3:4. Da dachte man sich: wir sind halt zu blöd, so einen Vorsprung über die Distanz zu spielen. Aber einerseits war es nur ein Freundschaftsspiel, und andererseits ging es immerhin gegen ein Holland, das bei der EM gezeigt hat, wozu es fähig ist.

15 Minuten vor Schluss führen also die Tschechen verdient mit 2:0. Davor war von den Türken nicht viel zu sehen. Eigentlich können sie froh sein, sich nicht schon das dritte Tor eingefangen zu haben. Und der baumlange türkische Innenverteidiger Cervet, der die Rolle des Lazarus übernimmt, hat mehr Blessuren als die ganze tschechische Mannschaft zusammengenommen und trotzdem kämpft und läuft er weiter und weiter. Wahrlich. Dieser Kerl ist ein Held. Vermutlich bauen sie ihm bereits am Bosporus ein Denkmal (in Ottakring vermutlich auch). Als in der 75. Minute die Türken den Anschlusstreffer schießen, denkt man sich im Stillen, dass es spannend werden könnte. Aber diese Türken, die bis dahin kaum eine nennenswerte Aktion zustande gebracht haben, sollen plötzlich gefährlich werden? Und langsam dämmert den Tschechen, was da los war, als die Osmanen gegen Wien anrannten.

Ja, solche verrückten Spiele gibt es. Selten. Hin und wieder. Deshalb muss man sich 100 mittelmäßige Spiele anschauen, damit man so eines erleben darf. Die Dramaturgie vom Feinsten. Mir gefällt es einfach, wenn der Underdog, der Verlierer sich aufbäumt und noch einmal all seine Kräfte aufbietet um das Schicksal, das gegen ihn ist, zu fordern. Zu meist gewinnt das Schicksal. Aber an diesem Tag, da wurde das Schicksal und Tschechien in die Knie gezwungen. Peter Czech, einer der weltbesten Torhüter macht einen kapitalen Schnitzer, ermöglichte so den Ausgleich für die Türken. Hätte man das für möglich gehalten? Und Minuten später läuft die tschechische Hintermannschaft, die allesamt ihr Brot in Italien verdient, dem ballführenden türkischen Spieler hinterher und vergisst, dass ein anderer damit völlig ungedeckt und alleine bleibt. Natürlich kommt, was kommen muss: Nihat, der ungedeckte Spieler, bekommt den Ball und knallt ihn ins Kreuzeck. Hmmmm. Jeztt muss man sich fragen: ist sowas realistisch?

Wiederum, nur noch wenige Minuten zu spielen, muss sich der türkische Torhüter Demirel Luft verschaffen und stößt Jan Koller um. Damit muss er mit mit Rot vom Feld. Alles kein Problem, würde man meinen, aber die Türken haben schon drei Mal ausgetauscht, dürfen demnach ihren Ersatztorhüter nicht einwechseln. Also streift sich einer der Feldspieler das für ihn viel zu große Tormanntrikot über. Wenn man in sein Gesicht blickt, seine Gesten beobachtet, dann sieht es so aus, als würde er seiner Mannschaft sagen wollen, dass er nicht ins Tor gehen will. Erinnert das nicht an unsere Kickerzeiten im Park? Der Kleinste, der Unfähigste, der Dümmste musste immer ins Tor. Wahrlich, ich hätte es gerne gesehen, wie das Bürscherl auf Tormann macht. Leider kam es nicht mehr dazu. Weil die Tschechen nicht mehr in der Lage waren, in den wenigen Sekunden einen hohen Ball in den Strafraum zu flanken. Sie waren stehend Ko.

Jetzt kommt es knüppeldick: die Türken spielen ihr Viertelfinale in Wien gegen die Kroaten. Wer hätte das gedacht? Ich würde sagen: die Kroaten schießen die Türken ab. Irgendwann lässt sich das Schicksal nicht mehr biegen. Irgendwann muss auch ein Cervet seinen Blessuren Tribut zollen. Aber so wie ich die Türken und Cervet kenne, geben sie kein Spiel auf und kämpfen, als würde es kein Morgen geben. Herrlich. Das gefällt mir. Und Wien wird zum Tollhaus. Nicht nur morgen, sondern auch am Donnerstag.

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