Extrablatt: Wiki und der Selbstverlag

Bevor heute Abend also das letzte Spiel der EM 2008 zwischen Deutschland und Spanien über die Wiener Fußball-Bühne geht, noch schnell ein paar Anmerkungen in eigener Sache. Hm. Ja, eigentlich ist ein Blog zu meist eine Angelegenheit in eigener Sache.

Gestern, im ORF2, wurde wieder einmal Extrablatt von Billy Wilder ausgestrahlt. Der Film ist wahrlich ein Juwel und liegt dem Broadway-Bühnenstück „The Frontpage“ von Ben Hecht zu Grunde. Ja, von diesen Leuten kann man noch einiges lernen. Da braucht es keine „Schule der Dichtung“. Und wie soll Ben Hecht, der zuvor Reporter gewesen war, nach Hollywood gelockt worden sein? Sein guter Freund Herman J. Mankiewicz (der ältere Bruder von Joseph L. Mankiewicz), der gerade in Hollywood als Drehbuchautor reüssierte, telegrafierte ihm:

„Millions are to be grabbed out here and your only competition is idiots. Don’t let this get around.“ [imdb]
Hier sind Millionen zu machen, und deine einzigen Konkurrenten sind Idioten. Lass dir das nicht entgehen. [wiki]

Die Übersetzung hab ich Wikipedia entnommen. Und weil wir schon dabei sind, habe ich mir erlaubt, meine Kurzbio in Wikipedia einzustellen. Wenn man sich mal an die Formatierungen und Regeln gewöhnt hat, geht es eigentlich ganz einfach. Vielleicht habe ich gerade ein neues Geschäftsmodell entdeckt: Kurzbio für Künstler in Wikipedia textlich aufbereiten, erfassen und pflegen. Noch dazu, wo diese Einträge von Suchmaschinen generell nach oben gereiht werden. Kann ich also nur jedermann und jederfrau empfehlen, wenn er oder sie im Web gefunden werden möchte und der Welt da draußen etwas mitzuteilen hat. Noch dazu haben die Artikel einen „objektiveren Status“, als die eigene WebSite.

update: „Hallo Dschun, Aktionen zur Selbstdarstellungwerden in der Wikipedia gar nicht gerne gesehen. Solche Aktionen wie der über Dich angelegte Artikel Richard K. Breuer und das angedachte Geschäftsmodell Kurzbios für Künstler in Wikipedia textlich aufbereiten [1] haben in der Wikipedia keine Chance. Für den Artikel wurde ein Löschantrag gestellt [2]. Beachte bitte Wikipedia:Eigendarstellung. Gruß“ —Kuebi 11:54, 29. Jun. 2008 (CEST)“

Die Relevanzkriterien für Autoren in Wikipedia, per 29. Juni 2008:

Schriftsteller und Sachbuchautoren

Autoren gelten als relevant, wenn sie als Hauptautor mindestens 4 Bücher auf dem regulären Buchmarkt oder mit einer angemessenen Verbreitung[1] in wissenschaftlichen Bibliotheken veröffentlicht haben oder historische Bedeutung aufweisen. Schriftsteller im Sinne von Verfassern Schöner Literatur bzw. Belletristik gelten bereits bei 2 Büchern als relevant.

Ein Autor mit weniger Veröffentlichungen kann relevant sein, wenn er andere Relevanzkriterien erfüllt, diese Punkte müssen aber im Artikel abgehandelt werden. Bei einer geringeren Zahl von Veröffentlichungen oder sonstigen Zweifelsfällen soll besondere Bedeutung oder Bekanntheit durch renommierte Quellen nachgewiesen werden. (Beispiel: Eintrag in einem anerkannten redaktionell betreuten Nachschlagewerk (Enzyklopädie, Lexikon etc.) oder vergleichbar renommierten Quellen wie Perlentaucher.) Auch eine Auszeichnung mit einem renommierten Literaturpreis kann die Relevanz begründen. Die Herausgabe eines Standardwerkes erzeugt ebenfalls Relevanz. Als Standardwerk gilt ein Werk, das in reputablen externen Quellen als solches bezeichnet wird. Der Begriff „Hauptautor“ darf nicht eng interpretiert werden. Oft verfügt ein Autor allein nicht über das nötige Spezialwissen. Dann ist ein Autorenkollektiv nötig. In diesem Fall gelten mehrere Autoren als Hauptautoren des Buches.

In allen Fällen sind Bücher ausgenommen, die in Selbst-, Pseudo- oder Druckkostenzuschuss-Verlagen erschienen sind. Wissenschaftliche Verlage mit redaktioneller Auswahl gelten nicht als Druckkostenzuschussverlage.

Schlapperlot. Es hilft nix. Als Selbstverleger bist du eine Nulpe. Jeder geht davon aus, dass ein selbstverlegtes Buch nicht die Qualitätsstandards (?) eines „normalen Verlages“ erreicht – derweil agieren „normale Verlage“ nach wirtschaftlichen, nicht literarischen Gesichtspunkten. Ist das noch niemandem aufgefallen? Apropos Selbstverlag. In der NZZ gibt es einen interessanten Artikel darüber: neue Optionen im britischen Verlagswesen. Dabei kommt dem Selbstverlag wohl auch in Zukunft eine größere Rolle zu. Gut so.

Nebenbei erfährt man, dass im britischen TV eine „Casting“-Show für Manuskripte unbekannter Autoren mit Erfolg gelaufen ist. 46.000 Manuskripte sollen beim Sender eingegangen sein. Davon wurden dann nicht nur einer, sondern vier Autoren von einem renommierten Verlag unter Vertrag genommen. Das Verhältnis war demnach 1 angenommenes Manuskript auf 11.500 abgelehnte. Okay, ein Lottogewinn ist vermutlich um die Spur unwahrscheinlicher.

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17 Kommentare zu „Extrablatt: Wiki und der Selbstverlag“

  1. „In allen Fällen sind Bücher ausgenommen, die in Selbst-, Pseudo- oder Druckkostenzuschuss-Verlagen erschienen sind.“
    Wie immer, so’n Quatsch kriegen wir immer zu hören und zu lesen und ich hab’s satt. Reine Diskriminierung im 21. Jahrhundert. Aber wie könnte man erstaunt sein, es entspricht ja der aktuellen narrow-minded society!
    P.S.: Ich war am Nachmittag sooo enttäuscht, weil ich deinen Wiki-Artikel wirklich lesen wollte…

  2. @ Pebo: also, von der Theorie her, würdest du perfekt ins Wikipedia-Literaten-Schema passen 😉

    Du müsstest jetzt nur noch jemanden finden, der dir den Eintrag macht. Ich bin auf der „Watchlist“ – meine Einträge werden sicherlich mit kritischen Argusaugen verfolgt.

  3. @ Laura: Yep! „Capuccino“ in Wien! 🙂

    Den Ex-Eintrag in Wikipedia werde ich sicherlich noch irgendwo auf meine Site oder ins Blog stellen.

    Tja. So ist es eben, wenn KRITERIEN gnadenlos das „Gute“ vom „Schlechten“ zu trennen haben.

  4. Und was wäre, wenn du ein Literaten-wikipedia selbst gründest, so wie es ein Koch-wiki, ein Zitat-wiki etc. gibt?
    Ich verstehe in gewisser Hinsicht die Reaktion durch Löschung, andererseits gibt es auch genügend Autoren, die mit einer Schmonzliteratur da drinnen stehen. Bevor du dich ärgerst, würde ich meine Energie gewinnbringenderen Aktionen zuführen.

    So nebenbei, weil ich das wieder überdenke: Ist es denn so wichtig, in wikipedia gelistet zu sein? Meinst du, nicht drinnen zu stehen würde deine Reputation ins uferlose sinken lassen? Ich sag einmal spontan nein! Du hast nie die Boulevardschiene angestrebt, also brauchst du wiki nicht wirklich für deine Verbreitung oder deinen Bekanntheitsgrad. Freilich dem Ego gibt es Berge (auch wenn du den Eintrag selbst verfasst hast).

  5. Na, was mich ärgert, LillY, ist, dass hier ein „Auswahlverfahren“ installiert wurde, das mir säuerlich aufstößt. Da Wiki eine offene Plattform ist, darf und soll man über diese RK (Relevanzkriterien) ja diskutieren dürfen. Aber irgendwie dünkt mir, dass es Leutchen geben wird, die befürchten, dass eine Aufweichung dieser RK zu einem „Qualitätsverlust“ in Wiki führt.

    Und natürlich spielt dazu, dass es durchaus Leutchen gibt, die es einem unbekannten Menschen neiden, wenn er in Wiki steht und er selber aber nicht.

    Stimmt. Für mich tut es keinen Abbruch, ob ich in Wiki stehe oder nicht. In Suchmaschinen werden meine Seiten sowieso zu vorderst gereiht.

    Ein Literaten-Wiki?
    Na, vielleicht gibt’s das ja schon?

  6. Ist mir schon klar, aber man muss auch offenen Plattformen einen gewissen Schnitt verpassen, sonst verliert es bald an Form und Profil.
    Wie man die RK aufweichen kann, damit der Informationscharakter keinen Einbruch aufweist, müssen Fachleute aus dem Verlagswesen beurteilen und argumentieren. Ich habe da zu wenig Einblick, um sinnvoll mitdiskutieren zu können.
    Nochmals, es ist die Frage, ob man aus Imagegründen dort gelistet sein muss.

    Zu deiner Frage: Keine Ahnung, soll ich jetzt die Suchmaschinen bemühen? Das war nur eine Spontanidee, mehr nicht.

  7. @ LillY: „Qualitätsverlust“? Nein, eher ist es ein Problem der „Quantität“.

    Das Problem heutzutage: Wie definiert sich Qualität in der Kunst? Darauf, würde ich sagen, gibt es keine hinreichend zufriedene Antwort.

    In Bezug auf Autoren/Bücher argumentiere ich wie folgt: jede Publikation, die in den Nationalbibliotheken aufgenommen und gelistet ist (Wien bzw. Leipzig), sollte auch in Wikipedia aufgenommen werden. Wiki darf nur dann eine „Wertung“ vornehmen, wenn der Platz (Speicherhaushalt) nicht ausreichend ist. Ist der Platz aber ausreichend, so muss gewährleistet sein, dass der Autor solcher Publikationen Eingang findet. Alles andere wäre ja anmaßend und diskriminierend.

    Über den Inhalt und der Qualität mancher Beiträge (Selbstbeweihräucherung vs. objektivem lexikalischen Eintrag) darf und soll man natürlich diskutieren.

    Ich werde das mal in Wiki zur Diskussion stellen. Mal schauen, was passiert.

  8. könnte mich da ablachen, wäre es nicht so traurig: diese „schriftsteller-voraussetzungen“ sind doch eher hohn als nützlich.
    ich kenne einige sehr gute bücher, deren auflagen schnell weg waren und die stammten auch aus selbstverlagen…

    richard, seh es einfach so: lieber ne nulpe mit guten verkäufen, als ein wikipedianer mit wenigen verkäufen 😉 denn wenn ich das richtig interpretiere, kann ich 4 bücher machen, jedes 10 mal verkaufen und darf trotzdem bei wiki rein 🙂

  9. Man kann über die Relevanzkriterien der Wikipedia (und deren Existenzberechtigung) natürlich unterschiedlicher Meinung sein. Ob nun jeder „Autor“, der irgendetwas irgendwie geschrieben und (aus-) gedruckt hat (oder auch nicht) drin sein darf/soll/kann/muss (oder auch nicht), mag für Dich diskustabel sein. Es steht Dir natürlich frei, in Wikipedia die dreihundertvierundfünfzigste Diskussion über die Relevanzkriterien für unbekannte Literaten zu eröffnen. Allerdings steht zu befürchten, dass auch diese Diskussion weder Deine Relevanz noch eine Lex Brauer generieren wird.

    Dass Du Dich auf einer Watchlist wähnst, hat indes andere Gründe.

    Zum einen findet Selbstdarstellung resp. -beweihräucherung in der Wikipedia (wie im richtigen Leben) nur wenig Beifall, nicht umsonst wird davon (in der Wikipedia) dringend abgeraten. Sei’s drum, die gibt’s in Wikipedia immer wieder und etliche originären Selbstdarstellerartikel bleiben – nach Weihrauchentlüftung – erhalten und gut.

    Zum anderen – und das ist letztendlich der Knackpunkt – wolltest Du laut eigenem Blogeintrag ein neues Geschäftsmodell daraus machen, den „objektiven Status“ von Wikipedia auszunutzen und Wikipedia als Suchmaschinenoptimierer zu missbrauchen. Es kann Dich nicht wirklich überraschen, dass dieses „Geschäftsmodell“ keine Freunde unter denjenigen finden, die mit viel Zeit und Energie versuchen, Wikipedia mit sinnvollen Inhalten zu füllen.

    Es sollte Dich ebenso wenig überraschen, dass die „Erfinder“ solcher Wikipedia-Ausnutzugsmodelle in Wikipedia besonders skeptisch betrachtet werden.

    Macht nix — Versuch war’s wert, hat eben nicht geklappt. Du sagst selbst, es täte Dir keinen Abbrauch, ob Du in Wiki stehst oder nicht. Da sind wir beruhigt. Wikipedia tut’s auch keinen Abbruch, wenn Du nicht drin stehst.

  10. @ harry: ich denke, wiki-ausnutzungsmodelle gibt es dort genug, nicht nur bei literaten. 😉
    sicherlich ist es nicht abzusprechen, dass einige oder viele eine art selbstbeweihräucherung per wiki machen oder machen wollen. das problem daran ist, wie will man genau die spreu vom weizen trennen?
    un mal ganz ehrlich: wiki ist zwar recht nett und informativ, aber nicht die welt 😉 bin dort auch schon öfters bei der spurensuche enttäuscht worden.

    wenn ich mich selbst beweihräuchern will, dann schreib ich bei google meinen kompletten namen rein… dann gehören die ersten 5 seiten komplett mir *lach*

  11. Aha, der gute Wortman hat sich befleißigt, mir Schützenhilfe zu geben. Beinah könnte man nämlich meinen, ich würde hinter „Harry Lime“ stecken – es gehört ja heutzutage zur Grundausrüstung eines angehenden Blogger-Platzhirschen, hitzige Diskussionen loszutreten. Und der Nick „Harry Lime“ ist gar nicht mal schlecht gewählt – zwar endet dieser in der übelriechenden Unterwelt recht tragisch, aber immerhin ist es die Wiener gewesen. Und der Film gehört zu einem der besten überhaupt. Gibt einen Pluspunkt!

    Die Sache mit dem „Geschäftsmodell“ sollte freilich ironisch verstanden werden. Aber bei genauerer Betrachtung ist es sehr wohl ein gutes Konzept. Natürlich geht es hier nicht um die „unbekannten Literaten“, nein, hier geht es um sehr bekannte Literaten namhafter Verlagshäuser. Ich denke, da gibt es viele Einträge über Autoren, die einfach lieb- und farblos, zuweilen nicht mal vollständig sind. Da könnte man – natürlich unter der Wahrung der Objektivität und Einhaltung aller Wiki-Regeln – einfach mehr herausholen.

    Was spricht dagegen? Ist ja eigentlich eine Win-Win Situation: Wiki-Einträge werden qualitativ höherwertiger und vollständiger, die Autoren freut’s und die Verlage sowieso.

    Bei genauerer Betrachtung kann ich mir jetz gar nicht vorstellen, dass ich der erste bin, der auf so eine Idee kommt. Und wenn ja: voilà, es lebe die freie Marktwirtschaft mit all ihren seltsamen Blüten. Es gibt sicherlich genug „unbekannte Autoren“, die sich damit ein Zubrot verdienen können.

    Vom gewählten Diskussionston bin ich ein bisserl enttäuscht. Ich dachte, man könnte mit Wikianer auf einer vernünftigen Ebene disputieren. Da „Harrry Lime“ Wikipedia weder erfunden, noch einen großen Teil zu seinem Bestehen beigetragen hat (man schlage mich, wenn es anders ist), ist es für mich unverständlich, warum hier untergriffig geantwortet wird? Hab ich die Wiki-Ehre verletzt?

    Sei’s wie’s sei, muss ich halt berühmt werden (da weiß ich jetzt dummerweise nicht die Wiki-Relevanzkritieren für Berühmtheiten, aber das schlag ich auch noch nach). Und dann wird es mir natürlich eine Ehre sein, wenn „Harry“ meinen Wiki-Eintrag schreibt. Der wird garantiert objektiv. Objektiver geht’s vermutlich gar nimma.

  12. genau richard, der ton macht die musik und harrys ton war eine ziemlich schlechte musikalienreihenfolge 😉 wenn es dich tröstet, ich hab bei „harry“ eher an einen neider deiner kunst gedacht als an dich bzw. einen wiki-macher. denn: wer nix zu verbergen hat, kann auch mit seinem richtigen namen bzw. seinem blognamen antreten, oder?

    irgendwo in irgendeinem blog hab ich was über löschungswellen gelesen… da fragt man sich manchmal, was das letztendlich werden soll. eine wiki nur für „die besten“? wobei zu fragen wäre, wie beurteilt man, wer die besten sind? die bestsellerlisten ist doch eh getürkt… durch produktive massenverkäufe zum pushen…

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