1000 treue Fans oder Wo bitte geht’s zur Front?

Tiret Probelesung von Laurent Ziegler

Kevin Kelly (nein, noch nie von ihm gehört) kommt zum Schluss, dass ein „Creator“, also ein Künstler (genauso wie eine Garagenfirma), gerade mal zwischen 500 und 5000 „true fans“ benötigt, um ein (einigermaßen) gutes Auskommen („living“) zu haben, je nach „Produkt“. Hmm. Er hat Recht. Ist ja eine Milchmädchenrechnung, oderrr?

Hier geht’s zu seinem Beitrag (den es übrigens auch in einer Hebräischen Übersetzung gibt): LINK

Die viel interessantere Frage: wie kommt man zu „wahren Fans“?

Fans, die den Künstler protegieren, die ihm Geld in die Hand drücken oder überweisen, um ihn zu ermutigen, weiterzumachen; die bereit sind, eine seiner Socken (natürlich nur getragen!) bei eBay um teures Geld zu ersteigern; die weite Distanzen auf sich nehmen, um ihren Künstler leibhaftig zu begegnen und ihn zu hofieren, zu gratulieren (und ihn nicht windelweich prügeln, weil er im letzten Roman „Fifi“, den Hund des Protagonisten, von einem Panzerwagen überrollen ließ)?

Der Schlüssel zum Erfolg heißt „direct contact“! Also der direkte Draht (Starkstrom!) des Künstlers zum Fan. Aha. Also, wenn ich mir die Sache so ansehen, dann meine ich, dass sich ein „wahrer Fan“ etwa 1000 Künstler hält. Das Internet hat die Distanz zwischen Menschen verschwinden lassen. Heute kann jeder sein Netzwerk, unabhängig von der sonst notwendigen physischen Nähe, erweitern. Fein. Aber weil es eben JEDER kann, macht es auch ein JEDER! Man sehe sich in MySpace die abertausenden von BandSites an, die um Aufmerksamkeit und Klicks buhlen. Alle werfen mit schrecklichst aufdringlichen Werbebannern (grell blinkend und groooß) nur so um sich und hoffen so, bemerkt zu werden („Hallo? Ist da jemand?“). Manch einer Band gelingt es. Was vermutlich daran liegt, dass sie nicht nur gute Qualität abliefern, sondern auch Multiplikatoren ins Boot geholt haben.

Die Computer-Technologie hat es uns ermöglicht, kreativ zu werden und diese Kreativität bekannt zu machen. Nicht nur im kleinen Kreis, nein, die ganze weite Welt steht einem sprichwörtlich offen. Und weil der Zugang zum Erschaffen so einfach geworden ist, werden es immer mehr. Und noch mehr. Jeder, der eine Gitarre (Blockflöte oder Kamm tun’s auch) zu Hause hat (ob er das Instrument beherrscht ist nebensächlich), kann seine Lieder aufnehmen und Podcasten. Oder ein Video drehen und es auf youtube stellen. Wer eine Tastatur zu bedienen weiß (qwertzwhat?), kann sich schon als Literat oder Dichter (sic!) bezeichnen. Wer den Auslöser einer DigiCam drücken kann, ist Fotograf/Regisseur. Wer (schwarz kopiert?) Photoshop auf seinem PC installiert hat, mutiert zum Grafikdesigner. Und etwaige Malprogramme, nun ja, machen einen zum Maler (nicht Anstreicher). Die Liste ist beliebig fortsetzbar. Es gibt nichts, was es heutzutage nicht gibt. Am Ende entsteht ein Wust an Produkten, die tagtäglich (sekündlich) „beworben“ werden. Die einen wollen nur deine Zeit („Was sagst du zu meinem neuen Bild? Gefällt’s dir? Dann schreib doch einen Kommentar!“), die anderen wollen zuerst dein Geld („die dritte Luxus-Auflage von Ro2069 kostet nur € 99,90“) und dann deine Zeit („Eine zehnseitige Rezension wäre nett!“). Und immer die Gefahr, jemanden zu enttäuschen („Sorry, deine Musik ist Bullshit, aber du bist ein sympathischer Kerl.“), was in der „Ja“-Sager-Gesellschaft keiner machen möchte („Ja, deine Musik ist ganz ordentlich.“). Also krebst die Mehrheit in einem Vakuum an „Ja, gar nicht mal schlecht“-Auszeichnungen herum und fühlt sich zu Höherem berufen (L’Alpe d’Huez). Derweil, und das ist ja eigentlich das Schlimmste, belächelt jeder „Creator“ den anderen und bemerkt gar nicht, dass er in sein Spiegelbild blickt.

Übrigens. Hab ich schon erzählt, dass man seit gestern auf amazon.de in Ro2069 suchen kann („Search Inside“)? Ja, ja. Toll, nicht? Sodala. Genug gesülzt. Ich muss meinen neuen Banner „Stroboskop“ für MySpace vorbereiten. Der wird ganz groooß! GRELL BLINKEN wird er freilich auch. Epileptiker be aware!

[Hab ich übrigens schon gesagt, dass mein TV-Script von niemand geringeren als Christoph Grissemann gelesen wurde und dass es im September, vielleicht, vielleicht auch nicht, zu einem Gespräch kommen wird? Und dass Andreas Ferner, treuer (Vor)Leser meiner Kunst, den Piloten zu seiner Late Nite Show fürs Fernsehen produziert? Und wieder 317,24 Meter zurück gelegt, auf dem Weg nach L’Alpe d’Huez]

4 Kommentare zu „1000 treue Fans oder Wo bitte geht’s zur Front?“

  1. Na dann wird es Zeit für die wahrhaft treuen Fans die Neuauflage von ro2069 (wie bei Comics) mit Variant-Covern harauszubringen – denn der wahrhaft treue Fan braucht natürlich ALLE Ausgaben – auch wenn’s der gleiche Inhalt ist. 😉 Moment: gibt es nicht schon Rotkäppchen die erste Auflage, jetzt die Sommer-Luxusausgabe, dann die Winter-Sparausgabe. Dann habe ich ich die Tiret-Erstausgabe, das Tiret-Notizbuch. Das erste gegen meinen Spurenzeichner getauscht, das zweite für treue Dienste bekommen. Moment: also wenn ich’s recht überlege blüht unter Künstlerkollegen der rege Tauschhandel. Und sh… – uch glaube die machen eine erkleckliche Zahl der Exemplare aus. Help: wovon sollen wir denn alle leben, wenn es mehr Kollegen als Käufer gibt. Ich glaub, ich muss mich nach einem Mäzen oder -in umschauen!!!!!

  2. Mit Mäzenatinen verhält es sich so wie mit Geistern. Alle reden davon, aber niemand hat sie noch zu Gesicht bekommen. [frei nach Pascal]

    Und ja: alle wollen kreative Häuptlinge sein, keiner mehr ein rechtschaffener Indianer.

    ad „Variant-Cover“: wäre mit dem Digitaldruck ja kein Problem. Hab ich mir sogar kurz überlegt, aber da gibt’s leider das bürokratische ISBN-System (1 Ausführung = 1 ISBN). Na, das werden wir auch noch austricksen.

  3. Hey, gute Anmerkung. Jesus Christ Superstar hatte auch keine 1000 true fans, sondern nur 12, und er hatte Erfolg damit (wenn man es als Erfolg betrachtet, zu Lebzeiten gekreuzigt zu werden). Okay, einer von seinen Fans spielte (vermutlich) für eine andere Band, aber sein Konzept ist voll aufgegangen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.