Wiener Befindlichkeit 2009

Wien, du Stadt der bodenständigen Illusionen

Ein herrlicher Wintertag. Sonne. Glitzernder Schnee. Donau. Ufer. Der Weg ins Kaffeehaus. Da drängen sich die Ideen nur so auf. Noch mehr, wenn man Georg Trollers „Das fidele Grab an der Donau“ endlich fertig liest, nach dem man es vor zwei, bald schon drei Jahren auf der Leipziger Buchmesse (nur ein bescheidener Besucher aus Wien!) erstand und es vom Autor persönlich signieren ließ. In diesem alten Mann, der die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts noch miterlebte, geistig hellwach und ein Vorzeige-Charmeur ersten Ranges war/ist (seine Begleiterin, die der Verlag ihm zur Seite stellte, war eine bildhübsche junge Frau; sie kümmerte sich herzlich um den Grandseigneur der alten Schule und – davon gehe ich aus – genoss es, seine Komplimente entgegen zu nehmen). Ja, in diesem alten Mann (Stecktuch und weißer Spitzbart!) steckte mehr (altes) Wien als in den hunderten von Werbeplakaten, die die Tourismusindustrie Jahr für Jahr plakatiert, mit den immergleichen Motiven.

Während ich also die Abhandlung, vielleicht sogar Abrechnung mit dem vergangenen Wien las, dachte ich dann und wann über „mein“ Wien nach. Über 40 Jahre lebe und liebe (wohl eher ersteres) ich in dieser Stadt. Aufgewachsen, die erste Kindheit, verbrachte ich in Meidling, dem 12. Bezirk, der seit jeher ein Arbeiterbezirk war. Die Seitengassen waren mein Spielplatz. Autoverkehr? In der Nacht, als ich mich im dunklen Zimmer fürchtete, war das Herannahen eines Autos mit dem Scheinwerferlicht eine wahre Wohltat und Erleichterung. Ich war nicht mehr allein, dachte ich selig. Aber selten waren sie, diese motorisierten Kurzbesuche. Heute, an einer recht stark frequentierten Straße (beide Fahrtrichtungen), dem Handelskai, wohnhaft, ist es nun umgekehrt, mit den Besuchen. Eine Wohltat, wenn kein Lärm ins Zimmer dringt (den Schallschutzfenstern sei Dank, ist es nur im Sommer eine nervtötende Lärmbelastung).

Mit etwa 7 oder 8 Jahren an die Donau gezogen. In den 20. Bezirk. „Glasscherbeninsel“ im Volksmund genannt. Weil hier viele Gemeindebauten entstanden, die wiederum für die Arbeiter (schon wieder!) vorgesehen waren. Über 30 Jahre verbringe ich demnach schon mein Leben in diesem Bezirk. Die höhere Schulausbildung im 22. Bezirk lässt mich mit der Bim, der Tramway, der Straßenbahn über die Donau zuckeln. 5 Tage die Woche. Auch Samstags. Bis die U-Bahn kommt. Und in (nicht auf!) der neuen Reichsbrücke das Wasser quert. Später. Die täglichen „Ausflüge“, dem Broterwerb geschuldet, führen mich in den 9. Bezirk, in den 1. Bezirk, später in den 11. Bezirk. Freundschaften und Bekanntschaften entstehen zu meist im 20. Bezirk, zu meist in Transdanubien (21. und 22. Bezirk). Gründe, die Gürtelbezirke aufzusuchen gab es selten. In die City ging man des Wochenendes. Hin und wieder. Dann und wann ins Kino. Von der Wiener Kultur war nichts zu spüren. Jedenfalls interessierte ich mich herzlich wenig dafür.

Heute, man muss es einfach sagen, ist alles verwässert, sprich verglobalisiert. Das mag nicht nur schlechte Seiten haben – immerhin las ich die alten Wiener Anekdoten von Troller in einer US-Kaffeehauskette und fühlte mich sehr wohl. Kein Zigarettenqualm, der mir die Luft zum Atmen nimmt, zumeist nette Menschen, die allesamt Manieren haben und höflich miteinander umzugehen wissen (was wohl mit den hohen Preisen zu tun haben muss – und der bluesigen, jazzigen Musik, die nicht jedermanns Sache ist). Aber diese Verwässerung macht es so schwierig, ein Alleinstellungsmerkmal (Das ist Wien!) zu finden, abgesehen von den bekannten touristischen Zielen, die sich tief in jedes Bewusstsein eingegraben haben. Immerhin habe ich dem Steffl in meinem Erstlingswerk „Azadeh“ eine kleine Rolle gegeben, dabei versucht, seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen (immer weht ein Wind auf diesem Platz, der eigentlich keiner ist). Troller erzählt, dass in den 30ern, also vor dem Anschluss 38, noch so etwas wie eine Kultur vorhanden war, in den Menschen. Andere erzählen von einer Musikalität, die es sonst nirgends auf der Welt gab (Strauß & Schrammeln & Stanzln & Couplets & Fiakerlieder) und dem ersten deutschsprachigen Theater (Burg) am Platz. Heute rühmen wir uns mit Kultur und Musik und dem Theater. Aber sind es nicht nur kleine Reste dieser glänzenden Vergangenheit, die wir jedes Mal aufs Neue polieren und in die Auslage stellen? Ich maße mir diesbezüglich keine Bewertung an. Was weiß schon ein Fremder (in Sachen Musikalität)? Jedenfalls fehlt mir das Gespür, das Besondere herauszuschälen, weil es sich andernorts genauso oder ähnlich finden lässt.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie schwierig es in meiner Jugendzeit war, an ein Videospiel-Magazin zu kommen, oder an eine bestimmte Single (Vinyl!). Viele Geschäfte musste ich aufsuchen, bis ich fündig wurde. Eifersüchtig schielte ich nach Deutschland (BRD!), wo sich so gut wie alles finden ließ, was mir wichtig schien, damals. In Wien gingen die kaufmännischen Uhren anders. Vieles gelangte erst gar nicht über die Grenze. Oder über den großen Teich. Ja, die USA, das war damals ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten (im Besonderen einzukaufen). Videospiele, Homecomputer, Software, Videocassetten, Plakate (noch in den 90ern war es in Wien nicht möglich, Kinoplakate zu bekommen – wie unfassbar, als ich in New York Läden ausfindig machte, wo tausende feilgeboten wurden). Wir sehen: der Konsum bescherte mir glänzende, sehnsuchtsvolle Augen. Gottlob blieb mir die geballte Werbetrommelei, wie sie heute generalstabsmäßig geplant ist, erspart. Wie hätte ich mich auch dagegen wehren können?

Das Besondere an Wien? Vielleicht ist’s die Sprache, der Dialekt. Gut möglich. Immer dann, wenn ich mich mit MD. aus A. unterhalte, merke ich die Unterschiede unserer beider Sprachen. Der Wiener Dialekt, die Wiener Färbung ist schon etwas Besonderes. Aber auch hier macht die Verwässerung nicht halt. Das ist schade. Beinahe traurig. Während man vor – sagen wir – hundert Jahren noch die Bewohner an ihrem Dialekt, ihrer Aussprache einem Bezirk zuordnen konnte (das „Meidlinger L“ ist heute noch ein geflügeltes Wort – Hans Krankl beherrscht es perfekt), mag das heute nicht mehr so einfach gehen (nur die Leutchen aus den (teuren) Innenstadtbezirken kann man getrost blind am Sprachduktus erkennen). Überhaupt, man möchte nicht glauben, wie viele „Zuagraste“ aus den Bundesländern in Wien leben. In den Büros war ich als geborener Wiener zumeist eine (bestaunte) Seltenheit. Aber von den MigrantInnen, die eine Parallel-Gesellschaft bilden, ihre Sprache und Kultur und Glaube pflegen und hegen, ist an dieser Stelle nicht die Rede. Davon später einmal mehr.

Was zu spüren ist, ist dieses Geflecht, das die Stadt durchzieht. Weltmännisch provinziell werden Geschäfte untereinander geschlossen. Man kennt sich. Hackt sich kein Auge aus. Wäscht die Hand seines Geschäftspartners. Eine Männerbündelei. Das „Verhaberte“, die „Freunderlwirtschaft“ ist omnipräsent. Hin und wieder werden die Strukturen aufgezeigt (bei großen Bauvorhaben müsste einem die Grausbirnen aufsteigen, so korrupt sich alles anhört – und wohl auch ist), aber selten gibt es Konsequenzen (der Wiener besticht durch Inkonsequenz, wenn es ihm genehm ist oder wenn es ihm unangenehm werden könnte). Meine Einblicke in das Wiener Filmbiz sind gering, man könnte sagen, ich stehe vor der großen Türe und erhasche Wortfetzen. Aber diese Wortfetzen alleine reichen aus, um die gängigen Vorurteile zu bestätigen. Freilich, vielleicht ist auch alles ganz anders („Alles ist wahr. Auch das Gegenteil!“ – Torberg, wenn ich mich nicht irre). Manchmal, ich gesteh’s, bin ich heilfroh, als ein unbedarfter, unwichtiger und einflussloser Möchtegern- Schreiberling wahrgenommen zu werden („Was will denn der?“). Beinah könnte man sagen, ich spiele im Vorzimmer der Erwachsenen und reime mir meinen Teil zusammen, von dem, was ich höre. Aber eben doch nur Kind. Verträumt. Verspielt. Verlaust. Während also die hohen Herren an ihren Zigarren genüsslich paffen und den Kuchen verteilen, suche ich nach dem Tintentod (wer hat dieses Wort eigentlich erfunden?).

Proporz. So heißt es fachmännisch. Die „Freunderlwirtschaft“. Das „rote“ Wien, in den wichtigsten Ämtern durchzogen von den Sozialdemokraten, würde in einer anderen Färbung nicht besser oder schlechter ausschauen. Darin liegt ja das Übel an sich: dass jede Wahl nur eine Verschiebung, aber keine Veränderung bringt. Heute ein „roter“ Staatssekretär. Morgen ein „schwarzer“, übermorgen ein „blauer“ und bald schon ein „violetter“. Das seltsame ist ja, dass unsereins mit den Schultern zuckt („Kann man nix machen, des is‘ halt so“). Derweil, wir erinnern uns, dass ich mich mit der Französischen Revolution beschäftige, verhält es sich gänzlich anders. Wir sind das Volk (hieß es in Leipzig 89). Wir sind für uns verantwortlich und bestimmen, was in unserem Dorf, in unserer Stadt, in unserem Land vor sich zu gehen hat. Zumeist vergessen wir es. Besser: man lässt uns glauben, dass die Eliten das Volk erwählt. Wo bleibt die Kritik? Wo bleibt das Räuspern? Das Aufstehen? Warum tut sich so wenig? Weil wir (ja, auch ich) allesamt von einem System profitieren, das unausgewogen ist und einer großen Anzahl kleine Profite, einer kleinen Anzahl große Profite beschert. (Wie sagte einst Graf de Mirabeau: „Krieg den Piviligierten und den Privilegien – da haben Sie meine Losung!“ – Brief vom August 1788). Wobei, das muss vielleicht auch noch gesagt werden, ist es keine Erfindung der Neuzeit, diese verbandelte Netzwerkerei. „Günstlinge am Hof“, die gab’s schon seit jeher.

Bleiben wir bei Wien. Schließen wir nun mit einem hübschen Bonmot, zitiert aus dem erwähnten Buch von Georg Troller „Das fidele Grab an der Donau“: der junge Troller fährt mit seinem Onkel  Pick, ein Schriftsteller und Dandy, in der Kutsche. Dieser fragt seinen jungen Neffen, auf was denn die Frauen letzten Endes aus sind. Darauf sprach der Neffe flammend: „Auf die ewige Liebe!“, worauf der Onkel seufzte und meinte: „Genau, und das von vorn und von hinten und jeder andern Richtung. Und zwar dauernd.“

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6 Kommentare zu „Wiener Befindlichkeit 2009“

  1. Nun lebe ich ja ein wenig am anderen Ende Europas und wundere mich, warum es bei uns ebenfalls die Freunderlwirtschaft gibt, schon seit vor der Globalisierung. Das Stichwort Französische Revolution bringt mich drauf. Die Wiener, als sie damals durchmarschierten, müssen nicht nur den Guglhupf und eine Menge unehelicher Kinder dagelassen haben…
    Amüsierte Grüße aus dem Elsass!

    1. Na, im guten Elsass – dort hat mal ein Onkel von mir gewohnt, in Strasbourg – das war ja lange Zeit verdeutscht. Vetternwirtschaft muss es da wohl geheißen haben. Aber ja, wenn die Wiener mal marschieren – kommt selten genug vor – dann bringen sie in jedem Fall Guglhupf mit. Damit lässt sich so manches Frauenherz erweichen. Die unehelichen Kinder, also, naja, die passieren dann halt einfach. Ja, ja, Wiener Süßspeisen setzen ganz schön an 😉

  2. Wünschst du dir jetzt statt ner weißen Weihnacht „Black Chistmas“, damit sich die Black Edition von Schwarzi besser unterm Weihnachtsbaum macht? 🙂

    1. Na, da gäb’s sicherlich Schlimmeres, oderrr? Ich stell mir gerade vor, wie ne Punk Band „Black Christmas“ intoniert – völlig abgefüllt und durchgeknallt schreien sie ihre Message („Häh?“) ins Mikrofon. Also, ehrlich, da ist mir das Bing-Crosby-Gedudel allemal lieeeber. Ja, ja!

      Und hat er nicht mit dem jungen David Bowie gemeinsam gesungen? Rührend …

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