richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Eine erste Belohnung, 2010

So fühlt es sich also an, das neue Jahr. 2010. Eigentlich gut. Keine Dampfwalze oder Betonmischmaschine (wie es EL. und SD. kommentiert haben), die im Kopf ihre Arbeit verrichten. Keine Spur davon. Der gestrige Silvester-Essen-Trinken-Spiele-Abend war ein wunderbar entspannter, geradezu stressfreier und gemütlicher Ausklang zum Jahresende. So sollten sie immer sein, die letzten Abende vor einem neuen Jahr. Und dass ich beim (wirklich empfehlenswerten) Kartenspiel 6 nimmt noch am Schluss, in den frühen Morgenstunden, gegen das Unmögliche ankämpfte, nämlich nicht Letzter zu werden, der Niederlage von der Schippe sprang, sollte ruhig an dieser Stelle Erwähnung finden. Weil es ja nicht unbedingt ums Gewinnen gehen muss, um sich gut zu fühlen. Da reicht es, das Schicksal in die Schranken zu weisen. Auch wenn es nur in einem Kartenspiel ist. Aber ist ein Spiel nicht auch Abbild der Welt, des Lebens? Besser: wie wir auf die Umwelt, auf das Äußere reagieren? Sagte der Philosoph Truffault nicht in der Sendung von ARTE-TV (auch eine Empfehlung – kann auf der Web-Site gestreamt werden!), dass „Glück vom Äußeren abhängig ist“, während Freude aus dem Inneren kommt? Und weil wir gerade bei ARTE sind, so sollte man die Doku The War nicht versäumen. Eindrückliche Bilder. Über die Sicht der Amerikaner auf den 2. Weltkrieg. Und man fragt sich, wo sie sind, all diese Augenzeugenberichte, die über den Tod genauso erzählen wie über das Töten. Die internationale Film-Industrie – Hollywood an der Spitze – mit all ihren Actionlastigen Hau-Drauf-und-Schluss-Cinemascope-Bildern lässt uns glauben, dass es einen Mensch nicht sonderlich juckt, einen anderen „über den Haufen zu knallen“. Erst vorgestern Avatar gesehen. In 3D. Schon sehr beeindruckend, welche Bilder aus der Leinwand förmlich herausquellen. Aber, seien wir ehrlich, all dieser opulente Technik-Schnick-Schnack kann keine gute Story ersetzen. „Avatar“, so liest man es immer wieder, soll sich um das Thema „Umwelt“ und „Indianer“ drehen – also, wie die westliche Zivilisation mit ihrem „Fortschritt“ alles aus dem Weg räumt, was ihnen im profitablen Weg steht. Der Ansatz, ja, der hätte einiges versprochen. Aber was hat James Cameron daraus gemacht? Nichts! Mehr noch, er verfällt dem Hollywood-Kitsch-Happy-End, das den Zuschauer nicht zum Nachdenken anregt – und darum sollte es ihm doch gegangen sein, oder? Ist das wirklich die filmische Antwort auf unsere Zeit? Wenn ja, dann ist es erbärmlich. Man könnte sagen: Kopf in den Sand und fertig. Ähnlich verhält es sich mit einem englischen Film, der am Ende ebenfalls nicht weiß, wie er die Kurve kratzen soll und verfällt ebenfalls in ein Kitsch-Happy-End (wenn gleich nicht so bombastisch, sondern viel leiser, aber nicht minder un-glaublich). Michael Caine spielt und ist Harry Brown, der in einem der englischen Vorstädte-Wohnhaus-Siedlungen wohnt und dabei immer wieder Zeuge von jugendlicher Gewalt wird. Da kommt es sogar schon mal vor, dass spaßeshalber auf eine junge Mutter geschossen wird, die einen Kinderwagen vor sich herschiebt. Schließlich wird der alte Freund und Schachpartner von Harry Brown zu Tode geprügelt. Und natürlich mittels iPhone-Kamera für die Nachwelt dokumentiert (was würde wohl Steven Jobs dazu sagen?) Michael Caine spielt die Rolle des vereinsamten Ex-Marines (natürlich!) herrlich genau. Erschütternd, und unerträglich, wie man seine Einsamkeit förmlich am eigenen Leib spürt. Unangenehm berührt ist man. Danach wird blutig und cool aufgeräumt. Das erfreut natürlich das Publikum. Wenn böse Dealer und Junkies durchlöchert werden. Sehr stark erinnert das Ganze an „Dirty Harry“ oder „Ein Mann sieht rot“. Aber irgendwie ist man als (unbeteiligter) Zuschauer froh, dass sich etwas tut, dass jemand die Chuzpe hat, gegen die Gewalt vorzugehen (wiederum mit Gewalt  – über die Wechselwirkung wird im Film kein Wort verloren oder nur angedeutet, in Form einer jungen Polizistin, die das Tun Harry Browns verurteilt, während es andere befürworten; „Wir sollten froh sein, dass er das tut“). Ich denke, jeder, der den Film sieht, kommt zum Schluss, dass nur noch Gewalt helfen kann, um wieder Ordnung in das Chaos zu bringen. Freilich, der Film endet mit einem hoffnungsfrohen Bild. Keine brutalen Gangs mehr im Park, vor den Wohnhausanlagen. Als würde das harte Durchgreifen der Polizei (die Szenen erinnern an die Unruhen in Paris) tatsächlich die Lösung bringen. Bullshit! Die wahre Lösung ist, den (jungen) Menschen eine Hoffnung, eine Vision, ein Leben zu geben. So lange sie diese ihre Belohnung nur in Drogen, Geld und dem Aufstieg in ihrer Gang finden, wird es kein Ende der Gewalt geben. Das liegt für mich eindeutig und klar auf der Hand. Aber welch enormer Aufwand müsste da die Gesellschaft leisten? Einfacher, man schickt gepanzerter Sondereinheiten in die brennenden Gebiete und tut, was getan werden muss. Früher oder später haben wir einen Krieg im eigenen Land. Vor unserer Haustüre. Keiner wollte ihn. Alle sind wir dafür verantwortlich. Alle.

Heute, am ersten Tag des Jahres, wollte ich mich zurücknehmen. Entspannen. Ausspannen. Aber die Gedanken kreisen bereits über das notwendige todo. Umschlag für „Brouillé“ machen, Verkaufslisten für 2010 neu anlegen, Steuer-Erklärung 2009 vorbereiten, Flyer-Postkarten für „Schwarzkopf“ in Auftrag geben. Und so weiter und so fort.

Nach diesem Eintrag werde ich mich endlich zurücklehnen dürfen, werde ich mich belohnen. Mit Chips. Mit Limonade. Mit einem Film. So schüttelt man die vielen Gedanken ab. Bringt sie für ein paar Stunden zum Schweigen. Morgen, so sage ich mir, ist ein guter Tag, um mit den notwendigen Arbeiten zu beginnen. Die Zeit läuft. Nicht nur für mich. Früher, da waren es auch Chips. Und eine Flasche Orangensaft. Damit auf die Couch. Mit einem Clever & Smart – Heft. Die Sonne scheint ins Zimmer. Es ist Nachmittag. Für eine Stunde darf ich ein glücklicher kleiner Junge sein. Keine Schularbeiten, Prüfungen oder Hausübungen, die mich unsanft ohrfeigen. Einfach eine schöne Zeit verbringen. Vielleicht ist es, dass wir uns alle nach solchen Momenten sehnen. Wo wir die Welt aussperren und wir nur für uns da sein dürfen. In diesem Sinne.

Übrigens, ich frage mich gerade, warum der ORF die Napoleon-Mehrteiler erst um Mitternacht ausstrahlt? Sie sind gut gemacht und würden sicherlich einem größeren Publikum historische Zusammenhänge näher bringen. Ein wenig ärgert mich, dass Depardieu und Malkovich gänzlich falsch besetzt wurden und jene Charaktere, die sie verkörpern, nicht gerecht werden können. Schade, schade.

Advertisements

2 Antworten zu “Eine erste Belohnung, 2010

  1. die Radiomarijke Samstag, 2 Januar, 2010 um 0:29

    den Gammelabend hast du dir nach dem ereignisreichen letzten Jahr wohlverdient! Frohes Neues Jahr und viel Erfolg mit Brouillė!

    • Richard K. Breuer Samstag, 2 Januar, 2010 um 12:20

      Gammelabend? Ja, so könnte man das nennen, Marijke 🙂
      Merci für die netten Glückwünsche. Schauen wir mal, dass „Brouillé“ nicht vergammelt und verfault (Gonzo?), sondern frisch und fröhlich aus der Taufe gehoben wird. Ja, ja.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: