richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Neineleven

Stone befreit sich aus den Trümmern und taumelt zu B.
[Stone] »Sie … Sie sind verhaftet! Ich verlese Ihnen jetzt die Rechte: nach Paragraph 1 der Staatssicherheitsordnung von 2033 haben Sie keine Rechte. Haben Sie das verstanden?«

(New York)
Rotkäppchen 2069

2001. September. 11.

Ich habe Kopfweg. Übelkeit. Trotzdem im Büro. Ich bin Teamleiter. Kann nicht so einfach alles liegen und stehen lassen. Ich arbeite. Tue. Aber am frühen Nachmittag fällt die Entscheidung, nach Hause zu gehen. Zu stark schmerzt der Kopf, zu schlimm ist die Übelkeit. Den PC bereits heruntergefahren, die Jacke bereits übergezogen, läutet mein Telefon. Ich überlege, den Anruf anzunehmen. Ich hebe ab (oder wurde er mir durchgestellt?). MG., langjähriger Freund, ist am anderen Ende der Leitung und erzählt mir, dass ein Flugzeug ins WTC geflogen sei. Mein erstes Bild ist eine Art von Cessna, also ein kleines Privatflugzeug, das irrtümlich in den Wolkenkratzer fliegt. Dann, das Bild eines kleinen Privatflugzeuges, vollgestopft mit Sprengstoff.

Zu Hause (ich brauche keine 10 Minuten) die Ereignisse im TV „live“ verfolgt, gemeinsam mit 2 Milliarden Menschen. Ein sonderbares Gefühl, Zeuge eines Weltgeschehens zu sein. Ist es real? Immer wieder muss man sich die Frage stellen, wenn man die Bilder sieht. Als das erste Gebäude einstürzt ist die Dramaturgie des Anschlages perfekt. Alle Welt wartet nun auf das zweite Gebäude. Minuten später ist auch dieses nur noch Schutt und Staub. Zurück bleibt eine Ruine. Eine Leere. Und ein seltsames Gefühl der Hilflosigkeit. Diese Leere muss gefüllt werden. Entweder mit Trauer. Oder mit Wut. Mit Zorn.

Als ich New York City Anfang der 90er Jahre besuchte, entschied ich mich gegen einen Besuch des Restaurants im WTC. Zu teuer. Das Empire State Building sollte für einen Rundumblick reichen. Die Zwillingstürme des WTC kann man am Foto im Hintergrund gut erkennen. Im Vordergrund der Schreiber dieser Zeilen (hätte dieser jemals gedacht, dass er 17 Jahre später über diesen Besuch bloggen wird? Und dass die beiden Wolkenkratzer einstürzen könnten?).

Viele haben die Bilder noch im Kopf. Ein Flugzeug. Lärm. Schreie. Explosionen. Chaos. Hilflosigkeit. Entsetzen. Angst. Nervosität. Voyeurismus. Starre. Herzklopfen. Schweißausbrüche. Panikattacken. Verzweiflung. Trauer. Zorn. Wut.

Was nach den Anschlägen passierte (besser: was alles nicht passierte!) ist sicherlich gut dokumentiert (von wem? durch wen?) und muss hier nicht weiter ausgeführt werden (warum nicht?). Warum beginne ich mich mit einmal für dieses Ereignis zu interessieren, besser: darüber zu schreiben? Darauf kann ich nur sagen, dass mich das Thema schon länger „verfolgt“, besser: ich verfolge es im Web. „Wahrheit“ vs. „Konspiration“. Und je mehr man sich Klarheit verschaffen möchte („Was geschah wirklich?“), über ein Ereignis, das 110 Minuten dauerte und von allen möglichen und unmöglichen Perspektiven videotechnisch aufgezeichnet und ausgestrahlt wurde, umso mehr tappt man im Dunkeln. Ein wenig erinnert es an den Landvermesser in Kafkas „Das Schloss“, der die „Wahrheit“ (das Schloss) sucht und je näher er dieser kommt, umso weiter entfernt er sich von dieser.  So ähnlich geht es mir. Ich will wissen. Und weiß … nichts.

Ich sollte eigentlich am ebook für „Schwarzkopf“ arbeiten, sollte es endlich online bringen und mit meiner Literatür weitertun, as usual. Aber in den letzten Tagen hat mich das Thema sehr beschäftigt. Ich kann nicht sagen, warum es so ist. Vielleicht, weil es viele gut gemachte Video-Dokumentationen gibt, die das Thema aufgreifen und Fragen stellen. In einem funktionierenden demokratischen Staat muss es erlaubt sein, Fragen zu stellen und Beweise einzufordern, wenn ein Verbrechen geschieht. Eine „entweder bist du für mich oder gegen mich“-Doktrin ist vielleicht in totalitären Systemen zwingend, aber nicht in einer Demokratie (deren Macht vom Volk ausgeht). Wenn also der Wunsch nach Diskussion und Aufklärung nur unzureichend von den Verantwortlichen erfüllt (negiert?) wird, ist es dann nicht die erste Pflicht des Bürgers, sich Klarheit zu verschaffen?

Eine Frage stellte sich für mich wenige Stunden nach dem Anschlag. Und diese Frage wurde (offiziell) noch nicht beantwortet: Wie, in alles in der Welt, konnten die Kidnapper ein Passagierflugzeug so präzise in ihr Ziel lenken, wenn man bedenkt, dass sie nicht mal ein kleines einsitziges Flugzeug steuern konnten? Wer schon mal einen realistischen Flugsimulator (am PC reicht vollkommen) ausprobiert hat, weiß, wie schwierig es ist, den „Vogel“ in der Luft zu halten oder das Flugzeug das tun zu lassen, was man will. Und wer mal einen Blick in ein Cockpit geworfen hat, der wird erschlagen von trillionen Instrumenten. Wenn es so einfach wäre, ein Passagierflugzeug zu fliegen, wozu braucht es dann profunde Ausbildung und stetiges Training? Mit dieser Frage im Hinterkopf habe ich versucht, eine Erklärung zu finden. Damals kamen mir zwei Antworten in den Sinn: die Kidnapper zwangen die Piloten dazu, ins Ziel zu fliegen (absurd, aber nicht unmöglich!) oder sie manipulierten den Autopiloten, so dass dieser die Manöver ausführte und ins Ziel steuerte.

Aber gibt es überhaupt eine befriedigende Antwort auf meine Frage? Ja, die gibt es. Freilich, diese Antwort ist so abwägig, dass man sie anfänglich nicht glauben kann. Unmöglich. Aber wie sagte Mr. Holmes: Wenn man das Unmögliche ausschließt, so muss, was übrig bleibt, und mag es noch so unwahrscheinlich sein, die Wahrheit sein.

Im Übrigen, wenn ich mir also die gegenwärtige Situation so ansehe, dann bemerke ich durchaus Ähnlichkeiten zum Vorabend der Französischen Revolution, 1789. Zu weit hergeholt? Gewiss. In den nächsten Tagen und Wochen möchte ich mich damit näher befassen. Es wird Zeit. Längstens.

Duport springt auf und legt seine rechte Hand aufs Herz.
»Aber wenn eine lange Reihe von Missbräuchen und von Eingriffen,
welche alle ohne Ausnahme nach dem gleichen Ziele gerichtet sind,
sonnenklar das Vorhaben beweisen, ein Volk einem unumschränkten
Despotismus zu unterwerfen, so fordern Pflicht und Recht ein
solches Volk auf, das Joch dieser Regierung abzuwerfen und sich
andere Beschützer zu ausersehen, welche ihm für eine Sicherheit in
Zukunft vollkommen Gewähr leisten. Das ist in der amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung festgeschrieben! Deshalb
dürfen wir nicht länger in Schande schweigen! Wir haben das
Recht und die Pflicht die Tyrannei zu zerstören. Vertreiben wir
den König von Frankreich, so wie wir den König von England
aus Amerika vertrieben haben. Freiheit oder Tod! Ich dürste
nach dem warmen Blut des verbrecherischen Despoten.«
Mickiewicz fixiert Duport.
»Fichte hat wohl Recht, wenn er sagt, dass Freisein nichts ist,
es zu werden alles. Wir sollten besser die stumpfen Messer
wegstecken, Monsieur Duport, und die Spitze der Zunge zur
Waffe machen, geschliffen von einem brillanten Verstand.«

Die Liebensacht des Dichters Tiret
Mosaik der Französischen Revolution

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Eine Antwort zu “Neineleven

  1. Pingback: Obama, Osama und das Ende der Hoffnung « richard k. breuer

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