Das Rollenspiel und das Geld

Ich glaube, dass unser Geldsystem Armut erzeugt.
Prof. Bernard A. Lietaer
ehemaliger Zentralbanker

Warum überall Geld fehlt“ oder „Gib mir die Welt und 5 %“ ist nach einer Geschichte von Larry Hannigan und verdeutlicht, woher das Geld kommt, wie es uns steuert und wohin die Reise geht. Zu dieser Geschichte gibt es einen gut gemachten und sehr anschaulichen Film von Michael Kent im Web zu finden. Diesen Film müssten unsere Kinder bereits in der Schule sehen. Damit sie wissen, was sie in späteren Tagen erwarten wird: eine freiwillige Unfreiheit!

Wir behaupten allen Ernstes, dass wir frei wären. Sind wir es? Oder bilden wir uns das vielleicht doch nur ein? Sind wir nicht von einer Zahl abhängig? Jener, die auf einem Blatt Papier, gemeinhin als Kontoauszug bekannt, angedruckt ist? Je höher diese Zahl, desto höher die Freiheit. Je geringer die Zahl, desto geringer die Freiheit.

Ich werde in zwei Wochen mein neues Buch „Brouillé“ präsentieren. Ich bin – wie jeder andere Geschäftsmann auch – in Vorlage getreten. Dieses „Vorschießen“ bedingt natürlich, dass man die nötigen Finanzen hat. Hat man sie nicht, bleibt nur der Weg der Kreditnahme. Hier sind wir bereits im besten Wege abhängig zu werden. Der nette Angestellte der Bank, der natürlich nur seine Vorgaben erfüllt, würde meinen Antrag auf Wirtschaftlichkeit prüfen. Würde die Unternehmung, also das Verlegen eines (oder mehrerer) Bücher so viel Überschuss erzielen, so dass der Kreditnehmer den Kredit und die fälligen Zinsen über die Jahre wird zurück zahlen können? Die Verlegerei und die Buchandelei, wir wissen es, plagen und mühen sich. Nicht alle. Aber viele. Zu meist kleinere und mittlere Verlage, kleinere und mittlere Buchhandlungen berserkern sich zu Tode und müssen doch fürchten, am Ende eines Tages nicht genug erwirtschaftet zu haben. Und so kommt es, wie es nun einmal kommt: die Bittstellung! Der Verleger bittet den Angestellten der Bank untertänigst um einen weiteren Kredit, um Stundung der fälligen Zinsen. Im Glauben, dass er im nächsten Verlagsprogramm mit einem Bestseller aufwarten kann. Nun wissen wir (oder sollten es zumindest), dass ein Bestseller nicht aus dem Nichts entsteht, sondern dass zuvor große Investitionen in Werbung und PR und viralem Marketing getätigt sein müssen. Aber wer viel in Werbung investiert, der hat trotzdem keine Garantie, dass sich diese bezahlt macht. Manchmal ist es einfach ein Glücksspiel. Nun, das weiß natürlich auch der freundliche Angestellte der Bank. Warum sollte er also einem „Glücksspieler“ Geld borgen? Wenn es doch recht ungewiss ist, dass dieser die Schulden jemals wird zurückzahlen können?

Der Verleger bittet also um ein Darlehen. Er legt dazu sein Verlagsprogramm vor. Der Angestellte der Bank blättert dieses durch und verspricht, den Sachverhalt mit seinem Vorgesetzten zu prüfen. Gesagt getan. Der Vorgesetzte blättert ebenfalls das Verlagsprogramm durch und leitet es an seinen Vorgesetzten weiter. Was muss dieser im Verlagsprogramm erkennen? Ein Buch, das sich mit der illustren Geschichte einer Familie beschäftigt, die während der Wirtschaftskrise der 1920er und 1930er zu großem Vermögen gekommen ist. Das Buch soll die familiären Verstrickungen in Korruption und Verbrechen offen legen, sowie die Vernetzung mit der NSDAP und gewichtigen US-Industriellen. Aber das liegt lange zurück. Und der Vorgesetzte des Vorgesetzten hat gute Kontakte zu dieser Familie, die zwischenzeitlich ein beträchtliches Vermögen (in der Schweiz und Luxemburg und den Kanalinseln) angehäuft und einflussreiche Kontakte zu Politikern, Industriellen und Medien im In- und Ausland unterhält.

Das Buch, davon können wir ausgehen, wird aus dem Programm genommen. Dafür erhält der Verleger sein gewünschtes Darlehen. Klingt diese Geschichte jetzt zu banal, zu einfach? Ist das Finanzsystem nicht komplex und undurchsichtig? Eine Black Box? Sogar Alan Greenspan, der ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank musste sich eingestehen, die Marktmechanismen falsch eingeschätzt und die Finanzkrise 2008 nicht vorausgesehen zu haben; gut möglich, dass er sich auch nur blöd stellte. Das Finanzsystem ist in der Tat zu komplex, um es zu verstehen. Aber die Menschen, die darin wirken, sind es nicht. Halten wir uns an die Menschen und wir wissen, wie der Hase läuft.

Seit Anbeginn der Zivilisation (ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass man jener Bevölkerung, deren Urahnen die menschliche Zivilisation begründeten, nun eine „Fast-Food-Demokratie nach amerikanischen Vorbild aufzwingen möchte?), also vor rund 5000 Jahren, war der herrschende Mensch fanatisch bestrebt, seine Einflussbereiche mit allen Mitteln zu vergrößern. Es ging damals nur um eines: die ganze (bekannte) Welt zu beherrschen und untertan zu machen. Dafür wurde  auf Teufel komm raus gemordet und gebrandschatzt. Städte, die sich weigerten den Belagerern ihre Tore zu öffnen, wurden einfach dem Erdboden gleich gemacht und die Bevölkerungen allesamt niedergemetzelt oder versklavt. Das ist bitteschön nicht übertrieben, das gehörte einfach zum „guten Ton“ des Kriegshandwerks. Noch im dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648)  wurde diese Praxis gerne angewandt. Schließlich musste man die teuren Söldner auch bezahlen. Zum ersten Mal wurde eine sich selbst erhaltende Kriegsmaschinerie in Gang gesetzt, die 30 Jahre plünderte, wütete und Europa dezimierte, wie es die Pest und alle Kriege davor nicht zuwege brachten.

Eine ähnliche Strategie erfanden schon viel früher die italienischen Fürsten der Renaissance (natürlich war es zu aller erst die Idee einer darbenden Familie mit Namen Medici): sie borgten sich Geld für ihre kleinen Kriege bei der Bevölkerung, respektive wohlhabenden Familien, die man später Banquiers nennen sollte. Das konnte sich durchaus bezahlt machen. Immerhin konnte nach erfolgreicher Unternehmung das eroberte Fürstentum geplündert und damit die angehäuften Schulden zurückgezahlt werden. Aber am Ende profitierte durch die vielen kleineren und größeren „Unternehmungen“ mit dem Schwert nur ein uneinnehmbares Fürstentum: die Bank! Die Fürsten verschuldeten sich und mussten immer größere Anstrengungen unternehmen, um zu Geld zu kommen (seine Bevölkerung erpressen? Nennen wir es „Steuer eintreiben“). Ein Fürst ohne Kredit war somit bankrott – weil dieser einen möglichen Angriff auf sein Fürstentum nicht abwehren konnte (dazu brauchte es teure Söldnerheere). Wir sehen: das Bankwesen entstand aus der Notwendigkeit, Krieg führen zu wollen oder zu müssen, nicht, um eine Schule oder eine Krankenanstalt zu bauen. Es geht um lukrative, gewinnbringende „Unternehmungen“, die sich in Form von Geld bemessen lassen (soziale und körperliche Gesundheit der Gemeinschaft erhöht vielleicht die Zufriedenheit, spült aber kein Geld in die Kasse des banquiers!). Wir müssen uns unbedingt vor Augen halten, dass eine Bank ein wirtschaftlich geführtes Unternehmen ist und seinen Aktionären oder Eigentümern verpflichtet ist. Wer glaubt, Banken seien darauf bedacht, das Gemeinwohl zu stützen, der irrt. Auch wenn sie karitative oder künstlerische Projekte unterstützen,  so ist es doch nur ein Bruchteil ihres Profits und kann als Werbe- und PR-Ausgabe angesehen werden.

Wieder zurück zur Frage: Warum sollte also eine Bank einem Verleger Geld leihen? Oder einer Tageszeitung? Oder einer Gratiszeitung? Oder einem link-ischen Journal, das sich kritisch mit dem bestehenden Bankwesen auseinandersetzt? Wenn wir doch alle wissen, wie schlimm es um die wirtschaftliche Situation dieser bestellt ist. Wer weiß die Antwort?

Und weiß eigentlich jemand, warum in der österreichischen Kronen Zeitung das Fernsehprogramm von ARTE fehlt? Vielleicht, weil sich der Sender getraut hatte, einen kritischen Dokumentarfilm über die Zeitung auszustrahlen? Ich werfe diese Frage nur deshalb in die Waagschale, damit klar ist, dass auch eine unabhängige Zeitung so unabhängig nicht berichtet, wenn ihre (und die potenzieller Geldgeber) Interessen in Gefahr sind.

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