Was kostet eine freie Welt?

Laut Forbes hatten die 50 reichsten Männer dieser Welt 2008 ein Gesamtvermögen von etwa USD 4,4 Billionen.

Wir machen nun ein einfaches, sehr einfaches Rechenbeispiel. Wir gehen davon aus, dass es einen kleinen Verlag gibt, der 13 Autoren unter Vertrag hat. Durch die verschiedenen Buchverkäufe erhalten diese Autoren (A – M) folgende monatliche Gutschriften:

A € 100.000,- (Top-Bestseller-Autor)

B, C jeweils € 10.000,-

D, E, F jeweils € 3.333,-

G, H, I, J, K, L, M jeweils € 500,-

Wir erkennen also, dass Autor A der Superstar des Verlages ist. Seine Bücher verkaufen sich wie die warmen Semmeln, er wird in den Medien herumgereicht und erfreut sich größter Beliebtheit. Seine Buchverkäufe machen etwa die Hälfte seiner sonstigen zusätzlichen Einnahmen aus (Werbung, Auftritte, Vorträge usw.). Finanziell ist der Autor somit unabhängig. Er könnte frei entscheiden, ob er ein Job-Angebot annimmt oder ausschlägt.

Die Autoren B und C können sehr gut von ihren Verkäufen leben. Nebenbei haben auch sie noch weitere Einnahmen zu verzeichnen, da sich ihre Bücher durchwegs gut verkaufen, wenn gleich sie Autor A nicht das Wasser reichen können (aber die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen ebenfalls ein Superstar des Verlages wird, stehen gut). Finanziell sind die Autoren somit unabhängig. Sie können frei entscheiden, ob sie ein Job-Angebot annehmen oder dieses ausschlagen.

Die Autoren D, E und F können einigermaßen von ihren Buchverkäufen leben, aber die Gefahr, sollten die Verkaufszahlen zurückgehen, dass sie in die untere Gruppe fallen, ist relativ groß. Natürlich ist die Möglichkeit, in die nächsthöhere Gruppe aufzusteigen auch gegeben. Die Autoren sind zwar finanziell unabhängig, aber immer auf der Suche nach lukrativen Job-Angeboten, die ihre Einnahmen erhöhen bzw. ihren Lebensstandard absichern helfen.

Der Rest der Autoren, G, H, I, J, K, L und M, kann nicht von den Buchverkäufen leben. und ist somit brotlos Sie verdienen weniger als das Existenzminimum und sind gezwungen, andere Jobs anzunehmen, um nicht zu verhungern. Da sie finanziell abhängig sind, dürfen sie nicht sonderlich wählerisch sein, in Bezug auf den ihnen angebotenen Jobs. In dieser Situation ist es unwahrscheinlich, dass sie mit ihren neuen Büchern in die nächsthöhere Gruppe aufsteigen, da sie weniger Zeit für das Schreiben und Recherchieren, sowie das Netzwerken haben. Da sie nicht von ihrer Schreibe leben können, werden ihre Bücher von der Mehrheit als weniger interessant eingestuft (Tenor: „Wer gute Bücher schreibt, kann auch davon leben!“). Der Verlag behält diese Autoren nur so lange unter Vertrag, so lange sich deren Bücher selber tragen, also wenigstens kostendeckend sind. Neue Bücher werden streng auf Wirtschaftlichkeit geprüft („Rechnet sich das für uns?“, „Gibt es einen Markt für dieses Genre, für dieses Thema?“). Die Autoren sind gezwungen, auf die Vorgaben des Verlags einzugehen, wenn sie ihr neues Buch verlegen wollen.

Was sagt uns dieses sehr vereinfachte Beispiel in Bezug auf die komplexe Wirklichkeit?

In Summe erwirtschaften alle 13 Autoren € 133.500,- – also pro Autor etwa 10.270,-  Nun ist die Frage: gäbe es einen Verteilungsalgorithmus, der alle glücklich machen könnte und der allen 13 Autoren ein angenehmes und sicheres Leben garantierte? Den gibt es! Wer hindert uns daran, diesen zur Anwendung zu bringen?

Von klein auf wird uns das Prinzip der freien Marktwirtschaft „the winner takes it all“ eingetrichtert (schon mal Monopoly oder DKT gespielt?). Wir sehen es als „gottgegeben“ an, dass einer sehr Erfolgreich ist, der andere eben nicht. „That’s life!“ Oder wir sehen es als „fair“ an, dass der eine durch seine besondere Gabe, seinem Genie entsprechend belohnt wird. Aber wie hoch soll diese Belohnung ausfallen? Unendlich? De facto gibt es nach oben kein Limit – überspitzt formuliert: jeder Bewohner dieses Planeten könnte das Buch von Autor A kaufen – oder zwei oder drei usw.

Dieses Prinzip (der Gewinner bekommt alles) ist ein Verteilungsalgorithmus den wir verinnerlicht haben, den wir als fair ansehen. Die Ironie ist, dass dieser Algorithmus von einer Mehrheit getragen wird, die davon träumt, einmal ganz nach oben zu kommen und dann ihren Gewinn nicht teilen zu müssen. Die Realität zeigt, dass ein normalsterblicher Bürger aus der Mittelschicht während seines Lebens nicht zu Reichtum (Wohlstand: ja!) kommen wird können. Mehr noch, auch diese Binsenweisheit bewahrheitet sich: „Geld kommt zu Geld“. Wer keines hat, wird es schwer vermehren können. Wer sehr viel hat, wird es sehr leicht vermehren können (schon alleine, wenn man es sehr konservativ anlegt, erhält man Zinsen auf sein Kapital).

Mit anderen Worten: der bestehende Verteilungsalgorithmus verschiebt den Reichtum dieser Welt sehr, sehr ungleichmäßig. Wir wissen es. Schreiben oft und viel darüber. Ändern aber nichts. Warum? Weil es nun mal „gottgegeben“ ist, dass einer einen „Bestseller“ schreibt und der andere nur einen lauen Abklatsch. Aber stimmt das? Wie war das doch gleich, als Autor A an seinem Manuskript schrieb? Dachte er daran, dass er damit das „große Los“ ziehen würde? Oder hoffte er es? War er nicht jener, der sich wünschte, mit seiner Schreibe ganz gut leben zu können? Und hätte man ihm damals gefragt, ob er die „The Winner takes it all“-Verteilung oder eine gleichmäßigere wünschte, die es jedem Autor ermöglichte, ganz gut von seinen Büchern – wie auch immer sie sich verkaufen – zu leben, was hätte er geantwortet?

Die meisten Autoren (abgesehen von den Mitgliedern der elitären Aristokratie, die in wirtschaftlichen und politischen Angelegenheit von Geburt an mit einem Genie-Gen ausgestattet sind – und natürlich mit viel, sehr viel Geld und noch mehr Einfluss) würden es demnach begrüßen, wenn sie den Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach belassen. Anders formuliert: besser etwa 5.000,- auf der Hand als mögliche, aber unwahrscheinliche 100.000,-

Dieses sehr hypothetische und vereinfachte Beispiel soll nicht nur für Autoren gelten. Es gilt für alle Bereiche, für alle Jobs. Was hindert uns daran, eine freie Welt zu erschaffen? Nur, wer seine Existenz gesichert weiß, ist frei. Man stelle sich vor, dass kein Mensch gezwungen werden kann, etwas zu tun, was seinen Moralvorstellungen entgegen steht. Man muss sich nur in unserer westlichen und reichen Welt umschauen, wie viele gut ausgebildete Menschen in Jobs vegetieren, um ihren Lebensunterhalt einigermaßen zu bestreiten. Mehr noch, viele kluge Köpfe werden förmlich erpresst, um dieses System am Laufen zu halten (Journalisten, Künstler, Werbetexter, PR-Texter, Politiker, Lobbyisten, Anzeigenverkäufer, usw.) und fühlen sich sogar noch gelobt, wenn sie diesen Job gut machen („Das muss so sein!“).

Was spricht also gegen eine Änderung des bestehenden Verteilungsalgorithmus? Nur Menschen. Die einen, wenigen würden sehr, sehr viel verlieren (Autor A), die anderen wenigen würden ihren besonderen „Vize“-Status verlieren (Autor B und C), aber der Rest würde davon profitieren. Das Verhältnis wäre in unserem Beispiel, dass 3 dagegen, aber 10 Autoren für die Veränderung sein müssten. Warum sind sie es nicht? Weil man ihnen vorgaukelt, dass sie allesamt verlieren würden. Im Besonderen die Gruppe mit D, E und F, die sich einen weiteren Verlust nicht leisten könnte.

Ja, so funktioniert das Spiel: eine kleine Gruppe streut Ängste („Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, dann geht es dir auch schlecht und dann verlierst du deinen Job und dann bist du aus der arbeitenden Gesellschaft ausgeschlossen und nichts mehr wert und musst dich um soziale Hilfe anstellen!“) oder Hoffnungen („Du kannst es mit deiner redlichen Leistung, einer guten Idee und eisernen Willen schaffen, reich zu werden. Möchtest du dann DEINE Einnahmen, die eigentlich nur DIR zustehen, mit anderen Schmarotzern teilen?“). So lange die Mehrheit finanziell abhängig ist, kann sie auch kontrolliert und manipuliert werden.

Frei? Nein, frei sind wir nie gewesen! Können wir es werden? Ja! Wollen wir es?

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2 Kommentare zu „Was kostet eine freie Welt?“

    1. Ja, die (unverfälschte) Realität sieht ziemlich erschreckend aus, Florian. Jetzt kann man sich vorstellen, welche Anstrengungen die 10 Autoren unternehmen müssen, damit die restlichen 90 brav bleiben bzw. sich untereinander zerfleischen („Hey, der hat 340,- bekommen! Ich will auch 340,-„).

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