richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

ein Königliches Dekret von 1788 oder: wir kaufen Österreich

Bei der Geldvermögensausstattung der privaten Haushalte [in Österreich] zeigt sich eine Polarisierung. Eine große Mehrheit (74%) hat nur eine unterdurchschnittliche Geldvermögensausstattung und nur eine Minderheit (26%) verfügt über ein überdurchschnittliches Geldvermögen. Das gesellschaftliche Bild einer solchen Vermögensverteilung ist das einer Pyramide. […] Die starke Konzentration des Geldvermögens zeigt sich in allen Darstellungen eindrucksvoll. Über zwei Drittel besitzen kein nennenswertes Geldvermögen. Die Hälfte der privaten Haushalte verfügt gar nur über 8% des gesamten Geldvermögens.

Peter Mooslechner und Martin Schürz
Österreichische Nationalbank

Wir halten fest: „Über zwei Drittel  [der österr. Bevölkerung] besitzen keine nennenswerten Geldvermögen.“ Aber diese zwei Drittel sind notwendig, um den bestehenden Reichtum einerseits zu bewahren (private Sicherheitsdienste sind stark im Kommen!), andererseits zu vergrößern (immerhin werden Politiker, die für diese Ausbeutung zulassen und damit verantwortlich sind, nicht nur gekauft, sondern auch gewählt).

Ich würde für den Anfang empfehlen, die Dokumentation „Capitalism: A love story“ von Michael Moore anzuschauen. Er gibt jenen Menschen ein Gesicht, die sonst nur in diesen obskuren Statistiken untergehen („Hey, Schatz, die Arbeitslosenrate ist wieder um 33 % gestiegen!“ – „Oh, die armen Leute …“) und medial nicht wahrgenommen werden – es sei denn, sie gehen „postal“ (drehen durch, mieten sich ein kleines Flugzeug und fliegen damit in das Bürogebäude des Finanzamts: link). Natürlich ist die Doku von Michael Moore äußerst link-isch, bewusst inszeniert, um das (einflussreiche und vermögende und politische) Establishment in ein dunkles, gieriges Licht zu rücken und bloßzustellen. Aber er (und jeder, der sich dieses Themas annimmt) hat jedes Recht maßlos zu übertreiben, weil die monströse Wahrheit von einem durchschnittlich gebildeten und moralisch empfindsamen Bürger sowieso nicht durchschaut und geglaubt werden kann.

Wir müssen, ja, wir müssen uns immer, ja, immer wieder vor Augen führen, dass es da draußen Leute gibt, die Milliarden zur Verfügung haben. Was tun diese damit? Im Geld schwimmen, wie der spleenige Onkel Dagobert? Mitnichten! Geld verschafft Einfluss! Wenn wir uns dessen bewusst sind, dann liegt vieles klar auf der Hand. Machen wir uns nichts vor. Keiner dieser Super-Vermögenden und Super-Einflussreichen Leute ist edel, sozial und ehrlich. Wären sie es, dann würden sie nicht super-vermögend und super-einflussreich sein. It’s that f**ing simple, folks!

Der reichste Mann der Welt (lt. Reuters) ist ein Mexikaner, den keiner bis dato auf der Rechnung hatte: Carlos Slim. Dieser nette Kerl von nebenan hat es auf beachtliche USD 53,3 Milliarden gebracht und damit Bill Gates überholt. Wie konnte Carlos so viel Geld machen? Wo doch der Lebensstandard in Mexiko jenseits von gut und böse ist und der Mindestlohn eines Arbeiters pro Tag etwa 46 Pesos, also rund  USD 4,- ausmacht (link)?

Ist es also möglich, dass ein Mensch aus Fleisch und Blut innerhalb seines Lebens so viel Geld anhäuft, dass er damit, sagen wir, Slowenien kaufen kann? Ganz Slowenien erwirtschaftet in einem Jahr etwa 56 Milliarden (Bruttoinlandsprodukt) und steht damit weltweit an der 87. Stelle (von 227 Staaten). Das heißt, das Vermögen dieses einen Menschen würde locker ausreichen, ein jedes der weniger wirtschaftlich ertragreicheren Länder dieser Welt zu „kaufen“: das sind 140 Staaten, darunter die Elfenbeinküste genauso wie Costa Rica, Libanon, Island (super günstig nach der Finanzkrise), Lettland und so weiter und so fort.

Gehen wir von der Liste der reichsten Männer dieses Planeten aus dem Jahre 2008 aus (Forbes ist bitteschön auch nur eine Journaille, die propagiert, was verlautbart werden darf), dann würden die ersten 10 „Bürger“ mit ihrem Vermögen Österreich „kaufen“ können (weniger polemisch: das Vermögen der 10 Reichsten beträgt mehr als das BIP Österreichs).

Ich weiß. Wir haben schon im Kindergarten gelernt, dass man dem anderen nichts wegnehmen darf, wenn es einem nicht gehörte. Gut, ich habe mich geweigert, den Kindergarten zu besuchen, vielleicht ist darin meine Skepsis gegenüber einer jeden Autorität begründet. Der Mensch wird über die Jahre dümmer gemacht. Das ist so. Wollen wir uns da nicht mit Beweisen und Fakten aufhalten (die Werbung tut es ja auch nicht! Da wird einem in schönen Bildern und stimmungsvoller Musik unbewusst eingehämmert, wie toll und richtig es ist, Müll zu produzieren und Ressourcen für Nichtigkeiten und Spielereien zu verschwenden). Der Mensch wird über die Jahre konditioniert. Das ist so. Der Mensch wird über die Jahre mit kleinen nichtigen Scharmützeln so lange medial drangsaliert, bis er nichts mehr hören und sehen will. Ihm wird erzählt, wie komplex die Wirtschaft ist (komplex? Hey, die Germanen haben es sogar zu Wege gebracht, mit den Römern zu handeln) und dass der Kleine Mann von der Straße nicht wüsste, wie gut es ihm ginge (schnell ein Bild eines mexikanischen Slums zeigen).

Bleiben wir doch bei den Fakten, okay? Wir sind das Volk, heißt es („We the people“). Das Volk entscheidet, heißt es. Warum lassen wir es dann zu, dass eine kleine Minderheit auf Kosten der Mehrheit ihren Reichtum vergrößert? Kein Gesetz ist uns aufgezwungen! Keiner entscheidet über unsere Köpfe hinweg, wenn wir es nicht wollen. Ich weiß, dass es müßig ist, darüber lang und breit zu fabulieren – weil Milliarden nun mal viele wichtige Menschen kauen können (wobei, Mirabeau sagte ja ganz richtig, dass jene, die bestochen werden können, nicht des Bestechens wert sind). Es braucht eine Initialzündung. Im Frankreich des Jahres 1788 gab es diese: es war die Königliche Einberufung der Generalstände! Die Revolution hat in Wahrheit nicht mit dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 begonnen. Sondern am 8. August 1788. Mit einem Königlichen Dekret.

Nur mit einem Königlichen Dekret! Und der Rest ist Geschichte!

P.S.: Die Familie um Carlos Slim besitzt einen Anteil an der The New York Times von etwa 18 % (link) – sein Einstieg 2009 dürfte der Zeitung den Bankrott oder Ausgleich erspart haben.

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4 Antworten zu “ein Königliches Dekret von 1788 oder: wir kaufen Österreich

  1. die Radiomarijke Donnerstag, 11 März, 2010 um 20:37

    wie witzig, ich habe vor 5 Minuten diesen Artikel über Carlos Slim gelesen http://www.tagesschau.de/ausland/carlosslimhelu100.html liest sich einfacher auf deutsch 🙂

    • Richard K. Breuer Donnerstag, 11 März, 2010 um 23:45

      Dieser Tagesschau-Artikel ist – gelinde gesagt – eine Frechheit. Wird die ARD dafür bezahlt? Sieht mir fast danach aus. [nein, nein, in der westlichen Welt gibt es freilich nur Selbstzensur – der Journalist weiß, was er schreiben darf und was nicht). Wörter sind mächtig. Und man kann durch sorgfältige Wahl einen (unbewussten) Eindruck erzeugen. „Ein guter Riecher“ = er ist schlau, es ist positiv besetzt; „eine warme Hand“ = gütig, gefühlvoll

      Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, der Artikel ist feinste Ironie. Aber Ironie ist in den Medien flöten gegangen.

  2. die Radiomarijke Freitag, 12 März, 2010 um 18:45

    Ironie ist die Königsklasse 🙂 und das mit der warmen Hand habe ich eher als warmen Händedruck guten Geldgebern gegenüber verstanden 🙂 der Mann wa halt stets zur rechten Zeit am rechen Ort mit den rechten Menschen zusammen. Hätte Schwarzi es sich nicht mit den Investoren verscherzt würde man ihn heute auch schon „Slimmi nennen 🙂

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