Leipziger Buchmesse 2010: ein intimer Rückblick

Das sind die aufgezeichneten Erlebnisse des Autors und Verlegers Richard K. Breuer, der sich aufmachte, in Leipzig neue Buchwelten zu erkunden und diese zu bemessen. In Halle 2, Stand G209, teilt er sich nicht nur das Brot, sondern auch die Koje mit zwei Verlegern: Miriam Spies und ihrem gONZo-Verlag aus Mainz und Daniel Habenicht mit seinem vive!-Verlag aus Lüneburg. Vom 17.3. bis 22.3. lief der Schreiber dieser Zeilen nicht nur durch das nächtliche Leipzig und bahnte sich einen Weg durch die überfüllten Trams der Stadt und Gänge der Messe, sondern kostete vom Nektar des süßen Lebens. Was die Zukunft bringt, nun, das steht bekanntlich in den Sternen. Aber eines ist gewiss:  Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse!

Gefällige Erwähnung finde ich bei Stefan Möller in seinem Blog Hedoniker und bei lovelybooks (blog); sollte jemand den Beitrag von Stefan Gaffory über die Leipziger Buchmesse lesen wollen – er ist Autor beim gONZo-Verlag und war einer der WG-Mitgenossen – dann ist darauf hinzuweisen, dass der gute Mann knochenehrlich amüsant ist und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Eine kommentierte Bilder-Strecke vom gONZo-Verlag ist hier zu bewundern: link. Der Rückblick des vive!-Verlags ist hier zu lesen: link.

Dieser Eintrag ist auszugsweise bei FREITAG.de gebloggt: link.


Was bisher, seit den Tagen der Frankfurter Buchmesse geschah: Ich habe meine Krimikomödie Schwarzkopf wegen des großen Erfolges in einer zweiten Auflage („Black Edition“) veröffentlicht, konnte an der Wiener Kriminacht teilnehmen (die Autorenkollegin Eva Rossmann, die beim Gruppenfoto neben mir stand, konnte sich in Leipzig an meinen Namen partout nicht mehr erinnern), wurde im Forum der Österreichischen Krimiautoren mit offenen Armen aufgenommen um mich nur wenige Tage später wieder höflich auszuladen (Eigenverleger, you know!), die FALTER Buchbeilage attestierte meinem Buch „einen gewissen Charme“, die Literaturkritikerin der Leipziger Volkszeitung hat sich sogar „schlapp gelacht“, der Rezensent der krimicouch wiederum fand das Buch „beschissen“ und stampfte es regelrecht in den Boden (über sein Buch, das er geschrieben hat, will ich hier besser kein Wort verlieren, sonst artet es in eine Schlammschlacht aus – und so eine matschige Keilerei macht nur Sinn, wenn es sich um zwei attraktive Frauen handelt).

Back to Back: Zur Leipziger Buchmesse erblickte endlich mein neues Kriminalstück und sicherlich als meisterliches Werk zu bezeichnende BROUILLÉ (sprich: Brüje) das Licht der literarischen Welt („Uh, ziemlich grell!“). Am Dienstag von der Druckerei geliefert, am Mittwoch im ICE er 1. Klasse nach Leipzig (man gönnt sich ja sonst nichts) und am Donnerstag bereits im Regal des Messestandes. Das nenn ich timing. Übrigens, der Kaffee schmeckt weder in der 1. Klasse, noch in der 2. Klasse nach Kaffee. Gut möglich, dass die Leutchen die ausgelaufene Bremsflüssigkeit aufsammeln. Ich denke, die DB und die ÖBB sollten wenigstens den literarischen Zuggästen einen ordentlichen Kaffee servieren. Ansonsten ist es fraglich, ob in einem Zug jemals Weltliteratur geschrieben werden wird.

Gut, gut. Sollte der geneigte Leser es noch immer nicht wissen: Ich bin Eigenverleger. Das heißt, in der Buchbranche rangiere ich etwa knapp nach dem Zuschussverlag und teile mir den vorletzten Platz mit den Book-on-demand-Verlagen. Warum? Nun, weil man der Ansicht ist, dass nur ein seriöser Publikumsverlag in der Lage ist, die schreibende Spreu vom verlegten Weizen zu trennen. Das mag sicherlich stimmen. Aber wenn man bedenkt, was einem da so unter das lesende Näschen gehalten wird, also, das lässt nur den Schluss zu, dass es mehr Schrott gibt, als die Menschheit braucht und die Verlage beinahe jeden Schrott unter das zahlende Publikum wirft, in dem man diesen vorgaukelt, dass sie Gold in Händen halten („Heureka!“). Entsetzlich, entsetzlich! Aber was red ich?

Nun, wie man es auch dreht und wendet – ich könnte hunderte Male darauf hinweisen, dass ich Grafiker, Lektoren, Korrektoren beschäftige und mit Herzblut und Fanatismus (Buch-Dschihadismus, sozusagen) nach der ultimativen Qualität trachte (kann man diese jemals erreichen? Nein! Aber man sollte es wenigstens versuchen), so ernte ich bei den Profis (HÄH? Nur weil einer seit Jahren immer den selben Mist verzapft und dafür fürstlich entlohnt wird, nennt man ihn Profi? Verkehrte Welt, nicht?) zumeist nur ein mitleidiges Lächeln. Freilich, kaum einer macht sich die Mühe, auch nur eines meiner Bücher zu begutachten oder hineinzublättern („Bedaure!“). Das ist es eigentlich, was mich so krawutisch macht, mich ärgert. Sodala. Genug geraunzt. Andererseits, ist ja mein Blog. Da kann ich fluchen und schimpfen, wie es mir passt. Ja, ja. Ein Heimspiel, sozusagen.

Zurück zum Start: ich kann es jedermann und jederfrau empfehlen, ihren Klein(st)-Verlag auf der Messe zu präsentieren. Am besten, so wie ich es gemacht habe: man teile oder drittel sich den kleinsten Stand. Das ist einigermaßen bezahlbar und hat den Vorteil, etwaige Synergie-Effekte nutzen zu können. So kann man sich mit den anderen Verlegern vulgo Mitstreiter, absprechen, wer denn nun den Stand „bewacht“ und wer sich daran machen darf, Kontakte zu knüpfen („Darf ich Sie mit meinem Verlagsprogramm nötigen?“) Mit einer günstigen Unterkunft (WohnGemeinschaft) und einem erschwinglichen Zugticket (Sparschiene) ist die Buchmesse also auch für Kleinstverleger finanziell erschwinglich – im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse, wo die Preise astronomische Höhen erklommen haben.

Meine beiden Stand-Kollegen kamen einerseits aus Lüneburg: Daniel Habenichts vive!-Verlag, andererseits aus Mainz: Miriam Spies‘ gONZo-Verlag. Man sollte vielleicht festhalten, dass unsere Verlagsprogramme recht unterschiedlich ausfallen und so gar nicht zusammen passen. Aber dafür harmonierte die menschliche Seite umso besser – abgesehen vielleicht vom „Kabinenkoller“, der einen schon überfallen kann, wenn man sich auf ein paar Quadratmetern den ganzen langen und lieben Tag ständig auf die Füße steigt („AUA“). Ich teilte mir nicht nur den Stand, sondern auch das WG-Zimmer mit der gONZo-Verlags- und Autorentruppe. Stefan Gaffory, einer der Autoren, kam übrigens väterlicherseits aus Korsika – er machte aber keine Anstalten, die Leipziger Völkerschlacht neu auszufechten, ganz im Gegenteil. Hunter S. Thompson, der Begründer des Gonzo-Journalismus (stimmt das?) hätte sicherlich seine Freude an dieser WG-Literaten-Schar gehabt.

Überhaupt, diese besonderen Erlebnisse, sie werden sicherlich einmal Eingang in eine meiner zukünftigen Erzählung finden: das unabgewaschene Geschirr in der WG-Küche türmte sich zu einem Klischeeberg, aus dem die modernen Post-Märchen sind. Zu mitternächtlicher Stunde bevölkern viele junge Leute die Küche. Es wird geraucht, getrunken, gegessen und gequatscht. Die Reihenfolge ist beliebig gewählt. Wer Lust hat, nimmt Freunde (oder Fremde) mit. Man teilt, so lange etwas im Kühlschrank ist. Zigaretten werden herumgereicht. Der Autor dieser Zeilen beobachtete  in kurzen Intervallen dieses Prozedere und begnügte sich mit Stichproben – zu viel tabakinöser Qualm macht ihm sehr zu schaffen. Und Alkohol, nun, das ist auch nicht unbedingt sein Plaisir. Warum dann, wird sich der geneigte Leser fragen, muss er sich dann ausgerechnet in eine WG einmieten? Darauf gibt es keine Antwort. Man könnte sagen: es hat sich einfach ergeben.

Zwei Nächte durfte ich dann in der saubersten und aufgeräumtesten Wohnung Leipzigs die (ausziehbare) Couch beschlafen. Was für ein herrliches Gefühl. Alleine in einem Zimmer. Alleine mit der Couch. Obwohl die Matratze in der WG so schlecht nicht war, zugegeben. Mein Couch-Vermieter war ein ausgesprochen smarter Typ. Alex, so sein Name, ist Doktor der Informatik, werkelt am Max-Planck-Institut (wenn ich mich recht entsinne) und gehört zur Spezies der entspannten und ausgeglichenen Menschen. Einzig, dass ich vielleicht um 6h30 an seine Türe klopfte, als ich von der Messe-Party (besser: vom nächtlichen Spaziergang) kam, dürfte ihm den Schlaf geraubt haben. War doch seine Verlobte diesmal auch zu Hause (sehr nett, das Mädel). Jedenfalls schlich ich durch die geöffnete Türe und versprach, alsbald zu gehen, nur duschen und mich umziehen zu wollen. Was ich auch tat. Was nun folgt, ist einer klassischen Komödie entlehnt: Ich schreibe einen kleinen Zettel, dass er mich anrufen könne, wenn er wüsste, ob ich die Couch für die Nacht wieder haben könnte (es herrscht ein reges „ich-lade-mir-Gäste-auf-meiner-Couch-ein“-Treiben), öffne die Wohnungstür, gehe hinaus und will sie wieder schließen. Geht nicht. Ich ziehe. Ich ziehe. Mit aller Kraft (immer die Befürchtung, die Türe würde ins Schloss krachen). Ich ziehe. Ich ziehe. Nichts. Ich probiere dies und das. Nichts. Sie lässt sich nicht von außen zumachen. Zähneknirschend klopfe ich an die Schlafzimmertüre. Alex nickt, als er mich durch seine verschlafenen Augen in der Türe stehen sieht, weil er ja weiß, dass man die Eingangstüre von außen ohne Schlüssel nicht zumachen kann. Ei, das war mir dann doch ein wenig peinlich. Weil ich so gerne den coolen Abgang gemacht hätte („Er hat nur diese Notiz für uns hinterlassen! Man merkt, er ist Schriftsteller …“).

Die Lesung von Model Daniela Kögler in der Frauenbibliothek war ziemlich konträr zur Lesung von Iko in der versteckten Kneipe. Dort ein rotes Sofa, Kerzenlicht, Blumen, Bücher. Eine Wohlfühloase der besonderen Sorte. Da eine verrauchte, verqualmte, versiffte Kneipe, in der sich das junge Volk sichtlich wohl fühlte. Die Regelung in der Kneipe besagt, wer einmal einen Zug frische Luft machen möchte, der solle doch bitteschön vor die Türe gehen. Überhaupt, das Gequalme. Welch Paradies, wenn man Lokalitäten betritt und nicht einen Tabaknebel. In Wien – der kaiserlich-sozialistischen Regierung sei Dank – darf überall auf Teufel komm raus geraucht werden. Sogar in der Ausbildungsstätte Justitias, wo jene Anwälte und Richter und Juristen ausgebildet werden, um früher oder später den Rechtsstaat zu wahren, wird das Rauchverbotsschild geflissentlich „übersehen“ und beinahe mit einer frechen Kaltschnäuzigkeit gequalmt („Mein Papa ist Staatssekretär … ich darf rauchen, wo ich will!“). Das wollte ich nur schnell hingerotzt haben.

Dass Kleinverleger während der Messe ihre Bücher nicht verkaufen dürfen (erst am Sonntag, zwischen 15 und 18 Uhr), ist eigentlich ein Skandalon. Gut, man möchte die Buchhändler schützen, das mag schon sein, aber wer schützt die Kleinverleger? Ich denke, man sollte das Prozedere noch mal überdenken. Gerade für jene Verlage, deren Bücher in keiner der Buchhandlungen aufliegen und die auch nicht gerade gerne vom Herrn oder Frau Buchhändler bestellt werden („Da müsste man ja beim Verlag direkt ordern … also, das get gar nich!“). So macht es auch keinen Sinn, eine Unzahl an Büchern auf die Messe mitzunehmen, wenn man sie doch nur verschenken kann.

Wichtig sind natürlich Multiplikatoren (Journalisten, Blogger, Twitterer, Studenten in Kommunities, usw.) – ohne diesen geht gar nichts. Dumm, dass diese im Normalfall nur auf der Suche nach berühmten literarischen Häppchen sind. Kleinverleger, die mit keinem Skandal („Das Buch ist abgeschrieben? Das macht doch bitteschön bereits jeder, ja?“) oder exquisiten Besonderheit (kopulierende Pandabären) aufwarten können, sind raus, aus dem Spiel. Anmerken sollte man, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise Zeitungen, Zeitschriften und Online-Magazine heftig durchbeutelt. Damit sind diese noch mehr gezwungen, in den Tenor des Bekannten einzustimmen, um nicht durch die Konkurrenz ins Abseits gedrängt zu werden. Da müssen schon die Regional-Zeitschriften herhalten. So geschehen, als eine Dame unverblümt fragte, was es denn auf diesem Stand denn so gebe und sie auf der Suche nach Unverbrauchtem wäre. Ich war, kurzfristig, sprachlos (was natürlich auch damit zusammen hängt, dass sie eine ARTE-Tasche trug und ich mir bereits innerlich gratulierte, in der nächsten Kultur-Ausgabe von ARTE zu erscheinen). Wie sich später herausstellte, war sie die Herausgeberin eines Magazins aus der Gegend von Bielefeld. Ich gab ihr ein Exemplar „Schwarzkopf“ mit auf den Weg. Ich hoffe, sie weiß etwas damit anzufangen (falls nicht, hier das Rezept; erstens: lesen! zweitens: lustig finden! drittens: darüber schreiben!).

Auf der Messe kostet alles extra. Stühle kann man sich bitteschön nur stundenweise mieten und schlagen mit 14,- exkl. MWSt. zu Buche, wenn ich mich recht entsinne. Ich schätze, nur im Rotlichtviertel zahlt man für die Stunde mehr (wo ist das überhaupt in Leipzig?). Das Mikrofon samt Lautsprecher-Verstärkung – für die Lesung am Stand – macht 10,- pro Stunde. Überhaupt ist das Lesen in den kleinen Kojen nur bedingt ein Spaß. Rundherum laufen und stolpern und albern die Besucher. Aus unmittelbarer Nähe erklingen Trommeleinlagen, dann der Applaus zu einer Performance-Einlage. Ohne Mikrofon ist eine Lesung gänzlich sinnlos. Es sei denn, man bildet eine verschwörerische Gruppe und rückt näher. Kuscheldistanz, sozusagen. Um die Kosten zu minimieren, haben wir uns gedacht, wir bringen zwei Klappstühle aus der WG einfach mit. Diese wurden im Schweiße meines Angesichts hin- und hergeschleppt.Beim Rücktransport dachte ich schon, mir würde die Hand abfallen.

Überhaupt, so eine Messe ist eine einzige Plackerei. Man sollte sich alsbald um willige Sklaven (wo gibt’s in Leipzig die S/M-Clubs?) umschauen, die sich freuen, wie ein Packesel an der Leine und durch Leipzig zu laufen („Geht das nicht schneller?“). Neben den vielen Büchern gilt es ja noch Unmengen Werbe- und Dekomaterial und, auch nicht unwichtig, Proviant für die ganze Mannschaft, mitzunehmen. Zwar sind die Preise fürs Essen – im Gegensatz zu Frankfurt – recht moderat, aber immer noch ganz schön happig. Und weil uns der Onkel Doktor empfohlen hat, viel zu trinken, müssen wir auch ne Menge Flaschen mitnehmen (oder man schnorrt sich durch die Verlagskojen). Dass die Klimaanlage manch einem sensiblen Organismus nicht bekommt (missmarple76 verlor ihre Stimme) sollte bedacht werden. Eventuell die Gebärdensprache erlernen. Oder eine kleine Tafel mitnehmen. Kreide nicht vergessen!

Wer einen kleinen Stand hat, muss für Auflauf sorgen. Bei drei Verlagen mit unterschiedlichen Autoren und gefürchteten HandlangerInnen ist das gar nicht so ein Problem. Das Problem ist dann eher, wie bekommt man die eigenen Leutchen wieder aus dem Stand und die interessierten Kunden in den Stand. Überhaupt, diese Hemmschwelle! Warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, diese Messe-Kojen-Ausstellungs-Taktik zu überdenken? Nur weil es einfach ist, so eine Koje aufzubauen und zum Nachbarn hin abzugrenzen („meins, meins, meins“) heißt es nicht, dass es auch Sinn macht. Man sollte die Leutchen ja einladen, sie nicht vergrämen oder verängstigen. Die schlimme Befürchtung des Besuchers, genötigt zu werden, einen netten Kommentar zu einem Buch abzugeben, dass man – gelinde gesagt – zum Wegwerfen findet, ist allgegenwärtig spürbar. Natürlich will sich jeder vorerst einmal nur umsehen, sich einen ersten Überblick verschaffen. Deshalb ist es ja eine Messe und keine Buchhandlung. Warum könnte man es nicht so machen, dass man einfach eine große Buchhandlung simuliert? Nach Themengebieten geordnet. Oder nach Autorennamen. Oder nach was-weiß-ich. Und falls sich jemand für ein Buch interessiert und näheres wissen möchte, dann bittet er jemanden um Rat. Ist ja keine Hexerei, oder? Damit würden natürlich die Bücher für sich stehen. Hui. Das geht natürlich nicht. Wenn der Inhalt matt ist, muss man ja dafür sorgen, dass das Rundherum glänzt und gleißt, nicht? Denn, worum geht es schlussendlich bei einer Messe? Bei einer Buch-Messe? Um Bücher! Hmm. Wenn dem so wäre, müsste man ja jedem Buch die gleichen Chancen einräumen. Tut man aber nicht. Also geht es primär um die Verlage. Warum nennen wir das Ganze nicht Verlags-Messe? Schließlich stellen sich ja die Verlage mit ihren Büchern vor. Und nicht umgekehrt.

Gut, gut, ich schweife ab. Miriam Spies mit ihrem gONZo-Verlag war nicht sonderlich glücklich mit der Platzwahl in Halle 2. Zugegeben, neben der Fantasy-Insel sozialkritische Literatur und 68er-Erinnerungen („Sex, Drugs & Rock’n Roll“) anzubieten, kommt nicht besonders gut. Meine Literatür ist da schon breiter verwertbar, aber setzt doch voraus, das der Leser, sagen wir, volljährig ist. Freilich, meine Buttons erfreuten sich dann doch großer Beliebtheit beim jungen Lesevolk. Viele von diesen kamen übrigens bereits stilecht verkleidet in Halle 2 und zeigten, was die Verkleidungsindustrie so zu bieten hat. Imposant. Da wurde und wird nicht gespart. Manga rulez! Aber in diesem Genre kenn ich mich so gar nicht aus. Als man am Freitag,  um 10 Uhr, den Einlass freigab, stürmte ein verkleideter Mob über den Steg in Richtung Halle 2. Unser Kameramann hat diese Szene gefilmt und wäre beinahe vom Joker (Batmans Erzfeind, you know) über den Haufe gerannt worden. Hoffe, er lädt den Clip auf youtube hoch. Wirklich spaßig. Daniel Habenicht, der die Platzwahl für sich entscheiden konnte, war durchaus zufrieden. Das hat viele Gründe, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen. Seine Literatür ist querbeet und bedient jung und alt, sowie die Reichen und die Schönen gleichermaßen. Dass er vergessen hat, meinen Verlagsnamen auf die Blende des Standes kleben zu lassen, habe ich ihm dann doch nachgesehen. Krimimimi33 (klingt nach Knast, kommt aber von Twitter), die mich besuchte (und auch so freundlich war, mich in ihrer Leipziger Buchmesse-Rundumschau auf lovelybooks zu erwähnen), machte mich darauf aufmerksam, dass ich eigentlich Anspruch auf eine Wertminderung hätte. Tja. Ich bin halt zu gut für das Showbiz. Deshalb merke: man sollte als Nebenmieter immer seinen Verlags-Namen ausgedruckt in der Tasche haben. Copy-Shop ist nicht. Warum eigentlich nicht? Und hätte ich da noch etwas machen können? Dumm gelaufen. Weil man als Anfänger froh ist, lebend und mit allen Büchern am Stand zu stehen. Was bekümmert einen da ein paar läppische Buchstaben, die fehlen?

Bücher kann man sich getrost zum Stand schicken lassen. Daniel erhielt die druckfrischen Exemplare noch am Donnerstag von einem Paketdienst. Meine schlimme Erfahrung mit so einem Paketdienst („der Empfänger ist auf Urlaub“) hatte mich dazu veranlasst, die Bücher im Gepäck mitzunehmen. Wir können uns vorstellen, welche Plackerei das ist. Das nächste Mal (man wird zwar dümmer mit dem Alter, aber wenn man Glück hat, merkt man sich dann doch die eine oder andere wichtige Sache) würde ich ein paar Exemplare von jedem ausgestellten Buch mitnehmen und den Rest schicken lassen. Dann könnte man auch Bücherstapel hübsch auftürmen. Macht Eindruck! Ich dagegen musste schon am Freitag geizig und knausrig die Exemplare horten. („Nix da!“)

Wenn man verlagsfremde Autoren zu sich einlädt, dann sollte man darauf achten, dass sie einem nicht die Show stehlen und ihre Bücher promoten, während man mit den seinigen im Schatten steht („Huh, ganz schön Dunkel hier!“). Ausnahme ist da wohl nur Claudia Toman (ihr neues Buch erscheint übrigens nach der Messe, beim Diana-Verlag) und Viktoria Schlederer (sie las auf der Fantasy-Insel aus ihrem Buch, das bei Heyne erschienen ist, und freute sich, auf der Messe den Vertrag für ihr zweites Buch unterschrieben zu haben) zu nennen. Letztere schwärmt ja von Die Liebesnacht des Dichters Tiret das es mir schon fast peinlich ist (nein, nein, natürlich höre ich es gerne. Immerzu und immer wieder!). Sie war begierig darauf, ein Exemplar Brouillé mitzunehmen und war beinahe säuerlich verstimmt, weil ich ihr im Vorfeld nichts von meiner Spontan-Lesung aus Tiret erzählt habe. Vermutlich, weil die Lesung spontan war. Die gute Viktoria schwärmt ja so sehr vom Marquis, einem Charakter aus der Reihe, dass ich befürchten muss, dass sie mir den 4. Band um den Schädel haut. Aber bis dahin ist es noch lange hin. Gemach, gemach.

Übrigens, das ebook zu Tiret gibt es noch bis Ende März gratis zum Herunterladen bei beam (der Geschäftsführer stattete mir in Leipzig einen Besuch ab) – zwischenzeitlich hat es bereits 1000 ebook-Leser. Freilich, ob diese ebooks gelesen werden, tja, wer kann das schon sagen? http://www.beam-ebooks.de/ebook/10618

Da wären wir auch schon beim nächsten Thema. EBOOK! Ich biete alle meine Bücher in allen möglichen Formaten an: PDF, epub, mobipocket, kindle. Hat mich eine Stange Zeit, ein Haufen Haare und viele Nerven gekostet. Aber wenn die Technik-Formatierungs-Konvertierungs-was-ist-denn-das-für-ein-Scheiß-Chose vorbei ist, dann läuft alles wie von alleine und einigermaßen geschmiert. Innerhalb von einer Woche wurde Tiret, wie schon erwähnt, rund 1000 Mal heruntergeladen. Das ist durchaus beachtenswert, oder? Dafür, dass es kaum Werbung oder bezahlten Content für dieses Buch gibt. Mal schauen, wie viele es bis zum 31. März werden. Ob es am Ende etwas bringt? Das wird sich noch zeigen. Weil manche alles nehmen, was gratis ist, um es wenig später nicht einmal zu ignorieren (was keinen Preis hat, hat für viele auch keinen Wert!). Ich habe übrigens gehört, dass es tatsächlich so freundliche Zeitgenossen gibt, die dann die gratis heruntergeladenen ebooks gegen Geld verhökern. Die Menschen werden erfinderisch, wenn es darum geht, ihr Vermögen zu mehren.

In meinem Blog (yep, you are at home, baby) hatte ich übrigens angekündigt, dass jeder, der mich auf der Messe besucht, das ebook von Tiret gratis bekommt. So er es möchte und einen USB-Stick mitnimmt. Ein gewisser Jens aus Jena sprach mich doch tatsächlich darauf an. Schlapperlot. Da soll mal noch einer sagen, mein Blog würde in der Fremde nicht gelesen werden. Freudig schenkte ich ihm nicht nur Tiret, sondern gab ihm auch gleich Brouillé mit auf den Weg (verkauft hätte ich ihm das Buch sowieso nicht, also was soll’s?). Falls ihm die Bücher gefallen, wird er sicherlich ein treuer Fan meiner Literatür. Ist das naiv? Gehört wohl dazu. Sonst würde ich mir das alles nicht antun.

Mit eBook können viele noch nicht viel anfangen. Immerhin interessierte sich kurzzeitig eine ältere Dame, die durchaus meine Großmutter hätte sein können, für so ein eBook. Ich schätze, das Wort „gratis“ hat sie angelockt. Bei libri präsentierte eine junge Dame die eReader von Sony. Sehr schmuck. Sowohl als auch. Apropos libri. Ich will ja unbedingt ins Sortiment aufgenommen werden. Also stellte ich mich artig vor und überreichte meinen Verlags-Prospekt (Folder), erzählte etwas von einem potenziellen Film und – nicht unwesentlich – dass libri bereits Interesse hätte, meine eBooks in das Programm aufzunehmen (bis dato habe ich gezögert, weil für jedes Format eine ISBN notwendig ist und ich befürchte, dass sich die Buchbranche damit ins Knie schießt; ich habe an einem großen Software-Programm für Banken mitgearbeitet und ich weiß, wie einfach es ist, eine eindeutige Identifikation schnell mal für neue Medien zu verwenden; aber am Ende wünschte man sich, man hätte nie diese „simple“ Idee gehabt. Period!). Natürlich stolperte ich auch zur KNO Verlagsauslieferung. Gleiches Prozedere. Selbstverständlich achtete ich peinlichst darauf, dass die Dame die libri-Dokumentation sah.

Man möchte ja nicht meinen, wie viele GrafikerInnen mit ihren Präsentations-Mappen ihre Runden drehen (wenn sie wüssten, dass das Budget von Kleinverlegern gerade mal ausreicht, um nicht zu verhungern), in der Hoffnung, einen Job zu bekommen. Ich habe mir natürlich die eine oder andere Adresse vorgemerkt. Da gibt es wirklich herausragende Talente. Und ist es nicht zutiefst befriedigend, wenn man jungen Menschen eine Chance einräumt? Während die alteingesessenen Verlage ihre Stammmannschaft beisammen hat und vermutlich kein großes Wagnis mit neuen Leuten eingehen möchte, sind es die Kleinverleger, die Vieles ausprobieren (weil sie es müssen!) und den Weg für Neues freimachen (profitieren tun natürlich die Nachkommenden).

Ich habe meine Tiret-Quatrologie hübsch präsentiert. Alle vier Illustrationen der Buchumschläge sind von Kheira Linder, einer Grafikerin aus Berlin/Stockholm. Ich bin sehr, sehr zufrieden und glücklich, sie im Web gefunden und sie gefragt zu haben, ob sie nicht für meine Bücher die Illustrationen machen möchte. Sie kalkulierte einen sehr sehr fairen Preis, was ich ihr nicht hoch genug anrechnen kann. In Leipzig wurden die Umschläge von achtsamen Besuchern dann und wann gelobt. Wir dürfen davon ausgehen, dass diese Leutchen allesamt ein feines Gespür haben. Die Buchumschläge klotzen nicht. Sie sind subtil, dezent und drängen sich nicht auf. Während die meisten Covers entgegenbrüllen, bleiben diese still und üben sich in Zurückhaltung. Covereskes ZEN, sozusagen.

Die offizielle Messe-Party darf man sich als Aussteller natürlich nicht entgehen lassen. Schlappe € 35,- kostet der Spaß ab 22 Uhr. Will man bereits um 20 Uhr Einlaß finden, so sind € 45,- zu berappen. Literarische Gogo-Tänzer findet man für den Preis aber keine vor. Dafür gab’s Essen und Getränke bis zum Abwinken (also, ein Glaserl geht noch, ja?)  und ne Band, die sich bemühte, die Stimmung anzuheizen (mutet es nicht merk-würdig an, wenn eine illustre Ansammlung an verkopften Buchmenschen zu Michael Jacksons „Beat it“ abtanzt?). Die Band war gar nicht mal so schlecht, aber meine Begleitung zog die zweite Tanzfläche vor. Da war eindeutig weniger los. Die Akustik war jedoch, gelinde gesagt, unter jeder Sau, aber wenn die reizende Tanz-Begleitung sich so hinreißend im Takt bewegt, ist es eigentlich egal, wie es da aus den Boxen plärrt.

Wenn man mich jetzt fragt, wen ich auf dieser so wichtigen Party kennen lernen durfte, nun, dann muss ich gestehen: keinen einzigen. Das lag nicht an meiner „eigen-verlegenden“ Schüchternheit oder meinem Fingerspitzengefühl („Lektoren großer Verlage nicht von der Seite ansprechen!“), sondern schlicht und einfach an meiner wunderbaren Begleitung, die sonst auf der Messe und bei Tageslicht für bookoobook ihre Kreise zog. Wir dürften so innig gewesen sein, dass mir ein Autorenkollege am nächsten Tag zuraunte, mich zwar erkannt zu haben, aber sich dann doch nicht getraute, mich zu stören. Ich kann demnach mit Fug und Recht diese Party empfehlen. Wer Glück hat (ist ja bekanntlich ein Vogerl!), findet vielleicht auch einmal eine so reizende Begleitung, die einem – als gebürtige Leipzigerin – noch spät nächtens die verborgensten und geheimsten Winkeln der Stadt mit Charme und Witz näherzubringen versteht. Als wir uns gegen 5 Uhr früh verabschiedeten, ich – Charmeur wie ich nun mal bin – meine Straßenbahn (Tram 11 Richtung Südstadt) fahren ließ und wartete, bis sie in den Bus gestiegen war, nun, da bemerkte ich, dass die nächste Tram erst in 45 Minuten fahren würde. Schlapperlot! Das ist einer Messe-Stadt bitteschön nicht würdig. Wer einen guten Draht zu einem Stadtpolitiker hat, der sollte dahingehend den Wunsch deponieren, dass die Trams während der Messe länger und öfter fahren sollen. Die Fastfood-Kette McD hat am Bahnhof 24 Stunden ihre Pforten geöffnet – und obwohl ich diese Ketten nicht fördern will, musste ich mir dort dann doch einen Tee gönnen, um die Zeit rumzukriegen (ärgerlicherweise hakte deren WLAN). Ich schätze, ich hätte auch nach Hause laufen können – Leipzig ist ja dahingehend einigermaßen per pedes zu bewandern. Aber danach war mir ganz und gar nicht.

Nun, kommen wir vielleicht einmal zum Ende. Ich habe noch eine Menge zu tun. Zum einen  muss ich mich um den Bücherversand kümmern, die Werbetrommel rühren (trara) und mich noch bei jenen netten Menschen bedanken, die mich auf der Messe besuchten oder mich freundlich erwähnten. Ja, eine mediale Erwähnung ist jene Münze, die dem Kleinstverleger und dem Autor so wertvoll ist. Man möchte aber nicht meinen, wie oft man links oder rechts liegen gelassen wird, wenn man nicht mit Geld oder Bekanntheit aufwarten kann. Ein Teufelskreis, der uns noch allen Kopf und Kragen kosten wird. Weil nur von jenen Dingen berichtet wird, die sich gut verkaufen lassen. Die neuen Literatur-Communities im Web zeigen ja, wohin die (bezahlte) Reise geht und orientieren sich an den (noch mit Geld um sich werfenden) Publikumsverlagen. Wen wundert es, wenn früher oder später der lauwarme Brei der Einheit über uns kommt? („Ist das zäh …“)

Zu guter Letzt: Ein nettes deutsch-österreichisches Projekt könnte sich vielleicht durch die Messe ergeben haben. Nämlich das Fabrizieren eines Krimis mit zwei Ermittlern aus unterschiedlichen Regionen. Mein Namensvetter Guido M. Breuer hätte da nämlich einen schrägen Eifel-Krimi in der Lade und könnte sich vorstellen, diesen mit einem Wiener Ermittler aufzupeppen („der Text könnte von deinem spritzigen Stil profitieren“). Nach dem er mir versicherte, dass die öster. TV-Serie Kottan ermittelt in seiner Gegend durchaus Anklang fand (wer hätte das gedacht!) und er den Humor in Schwarzkopf durchaus zu schätzen weiß (und es ihn an den Humor der TV-Serie erinnert), werde ich nun daran gehen, sein Manuskript durchzugehen. Schön langsam gibt es nichts, was ich nicht gemacht habe, in Bezug auf Schreiben und Texten und Verlegen. Ist ja auch schon was, nicht? Gut, gut, das erzähl ich dann meinen Enkelkindern. Enkelkinder? Stimmt, zuvor muss ich noch für Kinder sorgen. Ich glaube, das war die Reihenfolge, oder?

Leipziger Buchmesse 2010 oder Golfen mit Tarantino

Das sind die aufgezeichneten Erlebnisse des Autors und Verlegers Richard K. Breuer, der sich aufmachte, in Leipzig neue Buchwelten zu erkunden und diese zu bemessen. In Halle 2, Tand* G209, teilt er sich nicht nur das Brot, sondern auch die Koje mit zwei Verlegern: Miriam Spies und ihrem gONZo-Verlag aus Mainz und Daniel Habenicht mit seinem vive!-Verlag aus Lüneburg. Vom 17.3. bis 22.3. lief der Schreiber dieser Zeilen nicht nur durch das nächtliche Leipzig und bahnte sich einen Weg durch die überfüllten Trams der Stadt und Gänge der Messe, sondern kostete vom Nektar des süßen Lebens. Was die Zukunft bringt, nun, das steht bekanntlich in den Sternen. Aber eines ist gewiss:  Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse!

*) eigentlich müsste es ja Stand heißen, aber vielleicht hat mir mein Unbewusstes einen Streich gespielt. Freudsche Fehlleistung, sozusagen. Wenn nicht bei einem Wiener, bei wem dann?

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Leipziger Buchmesse 2010. Halle 2. Stand G209.

A., der das Gehabe und das Aussehen eines in die Jahre gekommenen langhaarigen Rockstars hat, sieht sich meine ausgestellten Bücher an. Mit einem Nicken liest er sich die Klappentexte durch. Er blickt auf.

„Wenn du möchtest, geb ich das Tarantino. Ich kann nichts versprechen, aber ich sage ihm, dass das was für ihn sein könnte.“

Ich kneife ein Auge zusammen. A. kommt näher.

„Du glaubst, ich verarsch dich, was? Ich habe mit Tarantino Golf gespielt … und David Lynch kenn ich auch, vielleicht wär das ja was für ihn …“

A. steckt sich die drei Bücher ein. What the fuck, denke ich. Andererseits, einen ganzen Lottoschein ausfüllen kommt mir auch nicht billiger.

Ästethik, Paradoxie und Klischee

Zu Eurem Buch Schwarzkopf: Die gesamte Ästhetik und die Inhalte sind genial. Der  ironische Bezug zu den eigenen Kreisen, ja die Paradoxie einer innerhalb der Klischees verhafteten Protagonisten, die immer um gewisse Themen sich verstrickende Subjekte ist großartig gelungen. Es kann wirklich sein, dass der Klassiker Der dritte Mann nun eine Ablöse findet und die Filmgeschichte weitergeht, hängt von der Qualität der Verfilmung ab.

Der Name des Verfassers ist der Redaktion bekannt;
auf eigenen Wunsch möchte dieser nicht genannt werden
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