richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Osterputz und andere Grausamkeiten

Ich versuche mich gerade an einem frühjährlichen Osterputz. Weil ich über das verlängerte Wochenende Besuch aus fernen Landen bekomme. Da will man(n) einen guten Eindruck machen. Gehört sich so. Natürlich könnte ich auf Schriftsteller und Verleger machen, der in seinem gelebten Chaos hin und wieder tanzende Sterne gebärt. Frei nach Nitzsche könnte ich auch noch hinzufügen: Ordnung ist tot!

Seit ich mich der brotlosen Kunst verschrieben habe, reduzierte und reduziere ich etwaigen Konsum auf ein erträgliches Minimum. Mehr als fünfzehn Jahre habe ich wirklich gut verdient, gut gelebt. Es mangelte mir an nichts. Und trotz der vieler Ausgaben, die sich unweigerlich anhäuften, weil ich mich für eine überstandene Arbeitswoche belohnen musste, blieb genügend übrig, um mein zukünftiges Dichterdasein – wenigstens für eine geraume Weile – zu finanzieren. Ich kann also sagen, dass ich die letzten drei Jahre sehr reduziert gelebt habe und mich dem stupiden samstäglichen Einkaufswahnsinn gänzlich entzog.

Trotzdem! Trotzdem ist meine Wohnung über und über mit Dingen vollgestopft. Freilich, wer Bücher macht, sie verlegt, der muss auch für den nötigen Platz sorgen. Aber wenn wir von den verlegerischen, schriftstellerischen und künstlerischen Gegenständen einmal absehen, dann bleibt eine Unzahl an Dingen und Sachen, die vor langer Zeit angeschafft wurden und sich gut in meinen Zimmern eingerichtet haben. Da quillt es förmlich aus den Schränken und Laden. Und all dieses gedruckte, bedruckte Papier, das in allen Farben und Formen und Gewichten zum Vorschein kommt. Jedes dieser Papiere erzählt etwas. Auch wenn wir es nicht hören wollen. Jedes dieser Papiere müssen wir kurz unsere Aufmerksamkeit schenken, weil es wichtig und wesentlich sein könnte. Genauso  verhält es sich auch mit diesen kleinen, unscheinbaren Dingen Irgendwann von irgendjemanden bekommen, vielleicht auch nur gekauft. Wir müssen wieder abwägen, ob es sich lohnt, den Gegenstand zu behalten oder … ja, was tun mit einem Gegenstand, den wir „zum Leben erweckt“ haben, weil wir diesen unbedingt besitzen wollten? Jetzt liegt er da. Ist eigentlich so gut wie tot, liegt sozusagen im Koma und wir bringen es nicht übers Herz, den Stecker zu ziehen und den Müllberg zu vergrößern.

Überhaupt, was haben wir nicht für Sachen, die noch funktionieren, die noch brauchbar sind, aber für die wir jetzt keine Verwendung mehr haben. Wir räumen sie von einer Seite zur anderen, ahnend, dass wir uns in ein paar Jahren wieder diese Frage stellen: Was tun damit?

Und so legen wir eine unfassbare Zahl an Dingen von rechts nach links und hoffen, dadurch etwas erreicht zu haben. Mitnichten. Dieses Ding bleibt und ärgert und müllt. Jeder Gegenstand, jedes noch so kleine Ding, scheint nicht sonderlich zu stören, und doch tun sie es. Freilich, sie rauben einem nicht unbedingt den Schlaf, aber sie stören, sie stören immerzu. Es ist, als würde sie leise Jammern und wir, wir überhören dieses Jammern, sehen weg, und versuchen, diese Gegenstände zu ignorieren. Aber mit jedem jammernden Gegenstand schwillt der Chor der nutzlosen Dinge an. Und bald, man möchte es nicht glauben, ist es so laut, dass man sich unwohl fühlt. Die Lösung ist einfach: weg damit! Aber wohin?

Das schlechte Gewissen tritt nun auf den Plan. Man weiß um die Funktionstüchtigkeit der Sachen. Weiß um ihre ideellen Werte. Man möchte sie in guten Händen wissen, die diesen toten Gegenstände wieder Leben einhauchen. Man würde es auch umsonst abgeben. Nur fort damit, in gute Hände. Aber wie mühsam. Wie anstrengend. Dieses Sortieren. Dieses Auswählen. Die eine Seite. Die andere Seite. Der eine Haufen. Der andere Haufen. Müll. Müll. Müll. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht. Nein. Nein. Nein. Wohin? Dorthin?

Ich weiß nicht, wie die Menschen früher gelebt haben. Also sagen wir, vor hundert Jahren. Ist es vorstellbar, dass ein durchschnittlicher Bürger so viel anhäufen hätte können, dass er den Überblick über sein Habe verlierte? War es nicht das Vorrecht der Reichen, nicht zu wissen, was alles in ihrem Besitz ist? Dafür gab es bekanntlich ihre Gutsverwalter oder Aufseher oder Haushofmeister, die über jeden Gegenstand penibel Buch führten. Vermutlich, weil jeder Gegenstand einen Wert hatte. Sehen wir uns heute um und wir werden bemerken, dass die wenigsten Sachen noch einen Wert an sich haben. Sie sind beliebig austauschbar und könnten leichtens durch andere Gegenstände, die vielleicht nicht einmal zwei Armlängen von hier entfernt verstauben, ersetzt werden.

Hätte es jemand früher für möglich gehalten, dass wir uns mit so vielen Dingen umgeben, dass wir diese nicht mehr benennen können? Ich war gestern in einer Wohnung, die in den nächsten Wochen geräumt werden muss. Es ist nicht vorstellbar, was hier alles zum Vorschein kommt. Berge. Berge an Dingen und Gegenständen. Und kaum einer, den ich vererben würde wollen. Überhaupt, wie viele Dinge gibt es, an denen uns wirklich etwas liegt? Die wir in bester Erinnerung halten und von denen wir hoffen, dass sie später einmal einer jüngeren Generation Freude machen oder die Arbeit erleichtern werden. Jedes Gerät, dass sich mit Strom oder Batterien betreiben lässt, hat ein Ablaufdatum. Während ein Grammophon (kurbeln, bitteschön) zeitlos und in alle Ewigkeit seinen Dienst versehen kann, ist ein Plattenspieler schon mit einem Ablaufdatum versehen. Erinnert sich noch jemand an die VHS-Cassetten-Recorder? Mein Vater hatte eines der ersten Geräte kaufen müssen – ich schätze, es kostete ihm das doppelte Monatsgehalt. Dieser Videorecorder war sensationell. Im Besonderen für einen Jungen, der sich nun all die Filme ansehen konnte, zu denen er im Kino keinen Zutritt hatte. „Jugendverbot“ war nicht mehr. Und nun? Elektro-Schrott! Die Röhren-Fernseher? Zuerst schwarz/weiß. Dann Farbe. Dann mit Fernbedienung. Dann größer. Viel größer. Dann das Zweitgerät. Klein. Dann größer. Und nun? Elektro-Schrott!

Überhaupt, diese verschiedenen Kabeln, die sich im Laufe eines Lebens so ansammeln, sie sind zum Wegwerfen. Weil die Geräte, die diese Kabeln verbanden, nicht mehr sind. Und diese Kleinteile, dieses Zubehör. Fernbedienungen. Batterien. Verpackungen. Alle Formen und Größen an Schachteln, Styropor und Inlays. Ich habe die Angewohnheit, die Originalverpackung der technischen Geräte im Keller zu horten. Für den Fall, dass ich diese transportieren oder verkaufen oder verschenken möchte. Unfassbar, wenn man mein Kellerabteil sieht, wie sich all diese Schachteln  zu einem drohenden Gebilde auftürmen, als wollten diese einen erschlagen, wenn man ihnen den Rücken kehrte.

Oder dieser Brauch, zu Silvester Freunden und Bekannten kleine Glücksbringer zu schenken. Jedes Jahr aufs Neue. Kunststoffschweine hier, Kunststoffrauchfangkehrer da. Hufeisen. Auch aus Kunststoff. Farbig lackiert. In allen Größen. In allen Formen. An diesem Brauch kann man gut die Konsumgesellschaft erkennen. Man kauft nutzloses Zeug und verschenkt es. Macht das Sinn?

Überhaupt, dieses Schenken. So freundlich und wohlwollend es gemeint ist, zu meist handelt es sich ja doch nur um eine Müllverschiebungsaktion. Weil wir nicht wissen, was denn der andere, der beschenkt werden soll, nicht schon alles hat, sucht man jene Dinge aus, die er mit großer Wahrscheinlichkeit noch nicht hat und mit noch größerer Wahrscheinlichkeit auch nicht braucht. Vielleicht sollten wir uns beim Schenken von Dingen in Zukunft zurücknehmen.

Hin und wieder, wenn ich mir ansehe, was ich da an Büchern produziere, frage ich mich, ob ich nicht auch eine literarische Müllverschiebungsaktion durchführe. Ich denke, jedes Buch findet seinen ureigenen Leser. Es ist eine besondere Liebschaft. Man erinnert sich gerne zurück, als man darin gelesen hat. An diesen Büchern hängt man. Will sie nicht missen. Aber wie viele von den Tausenden, die uns umgeben, sind so besonders, so wertvoll für uns? Die Bücher sind zu einer Massenware geworden. Während das mit Lettern gedruckte Buch noch den Anspruch hatte, einzigartig  zu sein, ist das moderne Buch austauschbar. Deshalb wird es früher oder später vom elektronischen Buch abgelöst – und das ist auch gut so. Besser, man verursacht virtuellen Müll als realen, oder? Freilich, aufgeräumt wird in beiden Fällen am Schluss. Aber so eine Festplatte ist leichter zu entsorgen, als tausende Bücher.

Gut. Gut. Wir wissen es. Wir wissen, dass wir uns mit Dingen, mit vielen Dingen umgeben. Weil wir Sicherheit suchen, schaffen wir uns Dinge doppelt oder dreifach an. Es könnte kaputt gehen. Man könnte es verborgen. Oder man dachte, es sei kaputt. Man dachte, es sei verborgt. Ich schätze, wenn wir all die Dinge, die sich in unserem Besitz befinden, zählen, auf welche Summe würden wir dann kommen? Beinahe bin ich versucht zu sagen: es geht auf die Million zu. Ist das übertrieben? Vermutlich.

Und wer bis jetzt durchgehalten hat, der soll auch belohnt werden. Mit einem 20minütigen wunderbar gemachten „Animationsfilm“ über die Geschichte der Dinge. Wunderherrlichst. Diesen Film sollte jeder gesehen haben. Ob groß, ob klein. Und würde es morgen keine Werbung mehr geben dürfen, vielleicht gäbe es auch weniger Dinge, die keiner braucht. Nur so eine Idee. Nur so eine Idee.

FILM: http://www.storyofstuff.com/

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3 Antworten zu “Osterputz und andere Grausamkeiten

  1. die Radiomarijke Montag, 29 März, 2010 um 20:50

    pah nie nie nie nie mehr kriegst du irgendwelche kleinen Glücksbringer geschenkt! du wirst schon sehen was du davon hast: eine Pechsträhne nach der anderen, jawohl 🙂 Aufstand der Glücksschweine und Kleeblätter!

  2. die Radiomarijke Montag, 29 März, 2010 um 21:06

    🙂 na dann kann ich die aufgebrachten Wichtelchen ja wieder beruhigen und ins Bettchen schicken! Mach mal vorher/nachher Fotos 🙂

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