richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Monatsarchive: April 2010

100 Affen

Eigentlich sollte ich an Madeleine weitertun. Die Überarbeitung geht gut voran. Besser als gedacht. Der Teufel hilft da ordentlich mit. Nebenbei, weil es auch literarischer Pausen bedarf, immer wieder der Blick über den Tellerrand, der mir zeigt, dass die (westliche) Welt, wie wir sie kennen, langsam aber beständig den (ökonomischen) Bach runter geht. Davon lesen wir nichts in den Mainstream-Medien. Der gewöhnliche Bürger, über die Jahre verbildet und verblödet – ich nehme mich davon nicht aus! – wird in Watte gepackt, wird wie ein Kleinkind behandelt. Die erwachsene Elite flüstert hinter verschlossenen Türen. Sie sagen sich, dass man den Kindern nicht die Wahrheit sagen dürfe, da sie es sowieso nicht verstehen würden können und es am Ende zu einer Panik käme. Und Panik ist das Letzte, was die Welt braucht.

Gibt es also noch Hoffnung, dass wir die Notbremse ziehen, bevor wir den Karren gegen die Wand fahren?

Vielleicht. Vielleicht macht das folgende Phänomen Hoffnung: Die Geschichte geht so, dass die Amerikaner in den 50ern und 60ern auf der einen oder anderen abgelegenen Insel zu Testzwecken Atombomben gezündet haben. Nach dem sie es getan haben, wollten sie wissen, wie einfach oder schwierig es wäre, so eine verstrahlte Insel wieder bewohnbar zu machen. Sie entschieden sich für ein große Anzahl an Affen (waren es tausend?), die sie auf der Insel aussetzten. Da aber so gut wie alles essbare verstrahlt war, versuchten die Wissenschaftler die Affen dahingehend zu trainieren, dass diese die Kokosnüsse (und vermutlich andere Früchte) im Wasser eines Flusses waschen, um so radioaktiven Staub zu entfernen. Nun geschah folgendes: zu Beginn waren es nur ein paar Affen, die es taten. Mit der Zeit kam der eine oder andere dazu. Aber der größte Teil der Affen interessierte sich nicht dafür. Erst als etwa 100 Affen ihre Kokosnüsse im Fluss wuschen, passierte das Unglaubliche. Alle Affen fingen mit einmal damit an, ihre Kokosnüsse zu waschen. Faszinierend, nicht?

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COLLAPSE

MUSS MAN GESEHEN HABEN!

WEBSITE: http://www.collapsemovie.com/index.html

Ohio – Wieso?!

Gestern in den Wiener Kammerspielen. Sonntagnachmittagsvorstellung, sozusagen. Es gab Gabriel Baryllis Ohio – Wieso?!, eine gut gemachte und gut gespielte Beziehungs-Tour-de-Force. Da wird geküsst und geschlagen, geliebt und gestorben. Alles ein wenig überzeichnet, überspitzt, aber immer kann man sich im Kleinen darin wiederfinden, in all diesen Hoffnungen („Diesmal wird es anders!“) und all diesen Enttäuschungen („Wieder nichts!“). Wunderbar wohltuend das Gespräch zwischen Autor und Publikum, der das gerade Gesehene, das gerade auf der Bühne erlebte, analytisch zerlegt und amüsant ehrlich auf den Punkt zu bringen weiß. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Theaterstück und Kabarett-Seminar. Der konservative Theatergeher wird damit vielleicht seine Probleme haben, ich, für meinen Teil, fand es – im wahrsten Sinne des Wortes – herausragend.

Im Stück spielten Michael Dangl und Ruth Brauer-Kvam, die Josefstadt-Schauspieler, das manische Liebespaar mustergültig und tobten sich in allen Facetten aus. Gabriel Barylli, mit Unterstützung von Alexandra Kismer (auch Josefstadt), versuchte dem liebestollen Treiben Einhalt zu gebieten und eine nüchtern rationale Gegenposition zu beziehen. Dabei bediente er sich auch augenzwinkernder Vergleiche, die ihren Witz hatten. Nicht unbedingt subtil, aber treffend.

Im Anschluss der Vorstellung traf ich Michael Dangl – noch ein wenig außer Atem – und setzten uns ins Café. Ja, es ist beeindruckend, wie schnell ein Schauspieler nach einer aufreibenden Darbietung wieder ins gewohnte Alltagsleben zurückkehren kann. Man hört ja, dass es manche nicht so gut konnten und dafür einen hohen Preis zahlten. Ent-Rollung, so ließ ich mir einmal sagen, sei sehr, sehr wichtig für einen Schauspieler, um nach einer Vorstellung Abstand zu seiner Rolle zu gewinnen. Als Autor tue ich mir dahingehend leichter. Zwar lebe ich auch viele Rollen,  manchmal durchaus intensiv, aber der Fokus liegt auf dem Ganzen, der Geschichte.

Ich gab Michael Dangl ein Exemplar von Schwarzkopf. Er hatte ja bis dato nur das Drehbuch gelesen und ist davon sehr angetan. Wir plauderten zwanglos. Über seine Probenarbeit in der Josefstadt, über sein neues Buch, das im September im Braumüller-Verlag erscheinen und vom Theater handeln wird – vor nicht langer Zeit las er daraus im MQ vor – und natürlich über Schwarzkopf. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

cartoon: dschunibert und der welttag des buches

ein Monstrum namens Markt

Gestern, nach einem langen Gespräch mit P., die mir die Situation in ihrem Ladengeschäft näher brachte, in dem es viele Fragezeichen gibt, nach dem die Vorbesitzerin gerichtlich verurteilt und der Kauf „rückabgewickelt“ wurde. Seltsam, dass ein gut gehendes Geschäft in bester Lage, mit 30jähriger Geschichte, nur durch die Gier einer Person, die auch vor Bilanzmanipulation und Zeugenbestechung und Meineid nicht zurückschreckte, in den Sand gesetzt werden kann. Wie es weiter geht, mit P. und dem Ladenlokal, nun, das wissen bekanntlich nur die Götter.  Man wird sehen.

Nebenbei erzählte sie mir von X., die an einer schlimmen Depression leidet und nur noch kleinere Hilfstätigkeiten machen kann. X. hatte studiert. Aber die Depression zwang sie, ihren gut bezahlten Job aufzugeben. Jetzt putzt sie Fenster, wischt den Boden und ist zufrieden. Sie möchte nicht mehr. Und die Gesellschaft sollte nicht mehr von ihr verlangen. Aber sie tut es. Unmerklich mahlen die Mühlen der „Normalitätsanforderungen„. Wer seinen Qualifikationen nicht entsprechend arbeitet, muss sich viele Fragen gefallen lassen. Und gibt es da nicht Y., der Jurist, der gerne den Job eines Sekretärs in einer Rechtsanwaltskanzlei übernehmen würde wollen, aber keine Chance hat, weil er überqualifiziert ist. So wird es ihm jedenfalls immer wieder gesagt, wenn er vorstellig wird, sich bewirbt. Die immer mehr verwirtschaftlichte Gesellschaft lässt es nicht zu, dass Menschen jener bezahlten Tätigkeit nachgehen können, die sie sich wünschen und die ganz in ihrem Sinne ist. Die Gesellschaft hat dafür nur ein Achselzucken übrig. Man müsse nehmen, was am Arbeitsmarkt angeboten wird, heißt es lapidar.

Ja, nur wenige machen sich Gedanken darüber, dass es zwar ein Recht  (keine Pflicht!) auf Arbeit gibt, aber wie diese beschaffen ist, steht nirgends. Überhaupt, warum wird nicht über die Beschaffenheit von bezahlten Tätigkeiten diskutiert? Immer geht die Gesellschaft davon aus, dass der Markt, dieses unumstößliche Selektionsmonstrum, das sich so scheinheilig unschuldig gibt, die richtige Entscheidung  trifft. Aber wenn wir uns anschauen, die letzten Jahre und Jahrzehnte, so kann man doch nur zum Schluss kommen, dass dem nicht so ist. Zwar werden Güter und Dienstleistungen immer billiger und leistbarer, aber zu welchem Preis? Die eine Seite des Marktes ist der Preis eines Gutes. Die andere jene, die das Gut herstellen, die Dienstleistung anbieten. Während also die eine Seite immer weiter gegen 0,- geht, muss die andere Seite dies durch unmenschliche Arbeitsbedingungen ausgleichen. Der Druck auf den Einzelnen wächst und wächst und wächst. Er hat zu bestehen. Er muss seine Leistung erbringen. Überhaupt, dieses Leistungsdenken. Wo hört es auf? Der Mensch, wir wisse es, ist belastbar. Es braucht viel, bis der Körper, vor allem der Geist, zusammenbricht. Man blicke nur zurück, in eine Zeit, als Mord- und Totschlag in konzentrierten Lagern an der Tagesordnung stand. Die Konzentrierten, die nichts hatten, wirklich nichts, klammerten sich an die Hoffnung, an die Illusion, an die Tagträumerei und an die Solidarität. Die Mehrheit wusste zu überleben, in einer Welt, die ihnen das Überleben nicht zugestehen wollte. Wie weit also möchte unsere Leistungsgesellschaft gehen? Warum stellt sich keiner diese Frage?

Dieser ominöse Markt, der Angebot und Nachfrage mit einer unumstößlichen Automatik auf den Punkt bringt, funktioniert also auf der Güterbeschaffungsseite vorzüglich. Oder haben wir schon einmal einen Engpass in Lebensmittel gehabt, in den letzten dreißig Jahren? Oder waren die Lebensmittel unerschwinglich? Nein. Wir produzieren mehr, als wir jemals brauchen. Diese ominöse Planwirtschaft, die Angebot und Nachfrage mit einer zweifelhaften Handarbeit auf den Punkt bringt, funktioniert auf der Arbeitsbeschaffungsseite vorzüglich. Oder haben die ehemaligen Ostblockländer schon einmal an Arbeitslosigkeit gelitten? Nein.

Ist es nicht seltsam, dass beide Systeme auf lange Sicht nicht funktionieren können? Warum ist also die Planwirtschaftsideologie gescheitert? Weil die Menschen auf eine idente Weise unzufrieden wurden: es gab kaum Lebensmittel, kaum Güter für den täglichen Bedarf, die dieses System in ausreichenden Mengen beschaffen konnte. Somit ist es leicht, in der Gruppe über diesen Missstand  zu befinden und sich seinem Ärger Luft zu verschaffen. Alle fühlen ähnlich: nämlich ein reales Gut nicht zu bekommen, obwohl es einem zusteht. Man stelle sich vor, ein voll besetztes Fußballstadion und die Situation, dass die Heimmannschaft innerhalb von wenigen Minuten mehrere Tore kassiert. Die zuvor noch große Enttäuschung jedes Einzelnen wird zu einer kollektiven Wut, gegen die eigene Mannschaft, gegen Trainer und Verbandsfunktionäre.

In der Marktwirtschaftsideologie hingegen sind die Menschen auf eine ganz spezielle Art und Weise unzufrieden: der eine hat keinen Job, der andere jenen, den er nicht machen will; ein anderer leidet unter der Verantwortung, der andere unter den Arbeitsbedingungen; einer hadert mit seinem Gehalt, der andere mit Kollegen; die Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, hängt für viele wie ein Damoklesschwert über ihnen und beschert diesen schlaflose Nächte und seelische Anspannungen; der Druck ist für alle zu spüren, aber er ist nicht kollektiv wahrnehmbar. In der Fußballanalogie würde es so sein, dass die Anhänger nicht im Stadion, sondern zu Hause, vor dem TV-Schirm sitzen. Und die Enttäuschung, die sie verspüren, kanalisiert sich später zu einer Wut, die gegen jene gerichtet ist, die keine Verantwortung für das fußballerische Desaster tragen: Freunde, Partner, Bekannte, Kollegen.

Deshalb leben wir in einer Gesellschaft, in der die wenigsten glücklich und zufrieden sind, es aber nicht zeigen. Es dominiert die Angst. Es regiert der Zweifel. Visionen sind uns längst abhanden gekommen. Gerade Visionen würde der Mensch brauchen. Immer gab es diese bunten Tagträume, die von einer besseren Zukunft erzählten und die viele dazu veranlasste, althergebrachte Grenzen zu überwinden. Heute sind diese visionären Tagträume zu implantierten Werbebotschaften verkommen. Kurzfristige Glücksmomente ersetzen nun langfristige Zukunftsprojekte. Wie die Welt in zwanzig, dreißig Jahren aussehen wird? Keiner weiß es. Keiner will es wissen.