richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

es lebe die digitale Zensur oder: wo ist hier der Exit?

Gut. Eigentlich hätte es ein ganz normal gemütlicher Arbeitstag werden sollen. Layouten für das neue Punzengruber Buch, Twittern, an Madeleine feilen, Verträge durchlesen und dergleichen mehr. Dann kam mir die Idee, ich könnte über die letzten, nicht unwesentlichen Ereignisse meine Leser unterrichten. Also bastelte ich recht hurtig einen Newsletter, garnierte ihn mit reizenden Worten und appetitmachenden Zeilen und schickte ihn ab. Aber es ging nicht. Es wollte nicht. Mein Provider, UPC/CHELLO,  ließ es nicht zu. Warum? Darüber kann ich nur mutmaßen. Vermutlich ein Wort, das die automatische SPAM-BLACKLIST-Filterung in meiner E-Mail entdeckte. Einerseits blockiert nun mein Provider das Versenden meines Newsletters, andererseits, wenn man diese Hürde umgangen hat (ich habe noch eine andere Adresse), muss man bemerken, dass die Nachricht für CHELLO-Empfänger gelöscht wurde. Tja. So kann es also gehen.

Hin und wieder stolpert man ja über Zensur-Vorwürfe. Zum Beispiel in China. Man liest, nickt und geht zum nächsten Thema über. So lange es einem nicht selbst betrifft, kann man nicht ermessen, welches System wir da zum Leben erweckt haben. Da drängt sich natürlich das FRANKENSTEIN-Monster als passender Vergleich auf. Zu weit hergeholt, sagen Sie? Nun, dann versuchen Sie es einmal so zu sehen: würden Ihre, mit der Post versendeten Briefe von einer Maschine geöffnet, gelesen und geprüft werden, würden Sie und ich und alle anderen nicht von einer unerträglichen Zensur, von einer nicht hinnehmbaren Diktatur sprechen? Noch mehr, wo dieses Prozedere bereits kafkaeske Züge annimmt. Die Filterung geschieht vollautomatisch und der Provider darf sich jetzt mit einer „Abuse“-Stelle, irgendwo im nirgendwo, herumschlagen, falls er vom Kunden, also von mir, dazu genötigt wird.

Ich stünde auf der BLACKLIST, wird mir am Telefon des Helpdesks freundlich mitgeteilt. Ich könne nun 24 Stunden warten und keine E-Mails versenden, danach läuft alles wie gewohnt und geschmiert, oder ich schicke eine E-Mail an eine Abuse-Stelle und erklären, warum ich auf die Blacklist gekommen bin und dass man mich wieder herausnehmen solle. Das mag schon bittstellerisch genug sein, aber wenn man auch noch aufgefordert wird, die Original-E-Mail an diese „Abuse“-Stelle zu schicken, so dass diese den „Grund der falschen Deklaration“ ausfindig machen können, dann wird einem ganz schön schwummrig.

<xx.xxxx@chello.at>: host smtpgate.chello.at[xxx.xxx.xx] said: 552 5.2.0 MRja1b00C0QG32R03RjbHd automated process detected unsolicited content(in reply to end of DATA command)

Die Meldung habe ich von hier kopiert: HAUPTWORT – auch da macht man sich über diese Zensur Gedanken. Dass es wohl nicht nur meinen Provider sondern wohl auch andere betrifft, erfährt man in einem Kommentar (vermutlich eine übergeordnete Filter-Stelle). Jetzt frage ich mich, welche E-Mails so unter den Teppich gekehrt werden. Wir werden es wohl nie erfahren, weil die Nachrichten augenblicklich gelöscht werden. Das mag in manchen SPAM-Fällen ja vielleicht nützlich und sinnvoll sein. Aber wenn die Automatik beginnt, ungefährliche und seriöse Nachrichten einzustampfen, dann haben wir es hier mit Zensur oder einer schlecht programmierten Filterung zu tun. In beiden Fällen ist die Gacke am Dampfen, wenn es kein vernünftiges EXIT-Prozedere (erinnert an Rotkäppchen!) gibt. Was kann und soll ich in Zukunft tun, damit meine Newsletter nicht als SPAM erkannt werden? Sich andauernd mit einer BLACKLIST-ABUSE-Stelle auseinanderzusetzen kann ja wohl nicht wirklich die Lösung sein. Muss ich also in Hinkunft die Wörter, die ich großflächig verbreiten möchte, sorgfältig auswählen? SPAM-Words wie „günstige Versicherung“, „Penisverlängerung“, „Viagra“ usw. und so fort, dürften somit als zukünftige Buchtitel ausscheiden.

x

Hier nun der NEWSLETTER, der CHELLO- Empfänger nicht zugestellt wurde:

Verehrtes Lesepublikum,

hier sei kurz auf die folgenden Beiträge hingewiesen, die durchaus
lesenswert sind und einen guten Einblick in mein musisches wie verlegerisches Tun geben:

http://bit.ly/d7enLo

o) Wiener Galapremiere zum Film „Coco & Igor“ in der CHANEL Boutique,
Champagner, roter Teppich und Kinoticket inklusive:

o) die Journalistin Petra van Cronenburg interviewte mich und schrieb
einen wunderbaren Beitrag über den „Autor, der auch ein Verleger ist“:

o) wer meine intimen Eindrücke zur Leipziger Buchmesse samt WG-Erfahrung noch
nicht gelesen hat, der sollte es alsbald tun:

o) knappes zur Buchpremiere von „Brouillé“ in der Buchhandlung am Quellenplatz:

o) das eBook „Die Liebesnacht des Dichters Tiret“ gibt es bis auf Weiteres
zum Gratis-Download bei beam-ebooks.de. Bis jetzt wurde es über 1.000 Mal
heruntergeladen.

o) ab etwa Mitte Mai werden meine Bücher im Katalog des Barsortimenters LIBRI
aufgenommen, d.h., Buchhändler im Deutschland können nun einfach und bequem
direkt bei Libri bestellen.

Ich wünsche einen schönen Tag.

Viele Grüße
Richard

Advertisements

12 Antworten zu “es lebe die digitale Zensur oder: wo ist hier der Exit?

  1. Guido M. Breuer Freitag, 16 April, 2010 um 14:41

    Mensch Richard, das musste doch zensiert werden!
    In diesem Text befindet sich, wenn man ein paar unswesentliche Zeichenketten weglässt, die Botschaft:

    „rote Journalistin enterte Dichter intim, knappe Liebesnacht gratis bei Libri“.

    Und wenn sowas nicht zensiert wird, …

  2. Guido M. Breuer Freitag, 16 April, 2010 um 22:02

    genau, ich bin ein exstasy 😉

    Und bei Umberto Eco hab ich gelernt, dass man am Unauffälligsten codiert, indem man bspw. ein a durch ein üftal und ein e durch ein iftül ersetzt.

    Dann kann man bspw. ganz unauffällig sagen:

    Diiftül schiftüliss üftalmis könniftüln mich, Bin Lüftaldiftüln ist miftülin biftülstiftülr Friftülund!

  3. alien Sonntag, 18 April, 2010 um 9:27

    Alien dankt für die im newsletter enthaltenen Informationen – und lacht gerade herzfhaft über iftüls.
    lg nach Wien!

  4. Lee Berthine (freitag.de) Sonntag, 18 April, 2010 um 16:42

    Hammer, was du da berichtest.

    Mir ist vor einiger Zeit mal passiert, dass ich – ganz normale private emails ohne irgendwelche Schlüsselworte – nicht an den hotmail.com server schicken konnte, das heißt, Freunde im Ausland bekamen meine Nachricht gar nicht erst und ich erhielt eine Nachricht vom Mailer Demon (!), dass ich ein nicht zulässiger Absender sei.

    Nachdem das dreimal passiert war, kam ich mir schon selber verdächtig und irgendwie nicht zulässig vor, noch dazu gab es dann Mißverständnisse mit den Freunden, die nicht verstanden, wieso meine mails nicht ankamen. Irgendwas musste da ja wohl faul sein…

    Schließlich kontaktierte ich meinen Internet-Anbieter, Microsoft und den hotmail-Server und schrieb – ähnlich wie du es schilderst – verzweifelte „Bittbriefe“.

    Inzwischen funktioniert das Mailen reibungslos, aber ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hat. Eine Erklärung habe ich nie bekommen.

    Das schmälert aber nicht das ungute Gefühl, das mich damals „beschlichen“ hat, dass ich von Unbekannten gefiltert und dokumentiert werde.

    Das heißt, es gibt „Torwärter“ oder Wächter, die über uns und unsere Mails bestimmen und urteilen können. Und die den Exit bewachen.

    Sorry, bei Rotkäppchen 2069 bin ich noch nicht an die Stelle des Buchs gekommen, wos um den Exit geht, kann daher nur mutmaßen, bin aber gespannt.

    • Richard K. Breuer Sonntag, 18 April, 2010 um 16:46

      [freitag.de] Wie von mir beschrieben, das Torwächterszenario ist ziemlich kafkaesk, in der Wirklichkeit wie in der Virtuality von Rotkäppchen 2069 😉

      Ich befürchte, das Web wird stärker gefiltert, als uns lieb sein kann. Hat natürlich an der Flut der SPAMs und TROJANER zu tun, die schon mal Serversysteme lahm legen können. Wenn es stimmt, dann ist ja nur ein Bruchteil der E-Mails, die im Web herumgeschickt werden, seriös und okay – der Rest automatisierte SPAMs.

      Bereits vor Jahren sagte mal ein IT-Experte beim 9to5-Symposium in Berlin, dass die Zeit des E-Mails gekommen sei. Gut möglich, dass in Zukunft die Kommunikation nur noch über social networks laufen.

  5. Helmut Herold Samstag, 31 Oktober, 2015 um 10:57

    Erst gestern machte ich gleich zweimal die gleiche Erfahrung. Das erste Mail enthielt einen in Englisch abgefassten Text (ohne jedes „böse“ Wort), das Zweite neben völlig harmlosem Text in Deutsch ein lustiges Bild. Auch ohne jeden Hauch von Sex oder Crime. In beiden Fällen wurden meine Nachrichten von Chello als „unsolicited content“ abgewiesen und zurückgeschickt. Ich halte dieses Vorgehen für eine Impertinenz und habe bezw. werde meinen Freunden nahelegen, sich raschest einen anderen Mail-Server zuzulegen. Chello hat da offensichtlich „die Schrauben am Spamfilter zu fest angezogen“ !

    • Richard K. Breuer Samstag, 31 Oktober, 2015 um 13:16

      Nicht zu vorschnell. Ich glaube nämlich, dass hier dem Provider keine Schuld trifft, sondern dass irgendwo im Netz übergeordnete SPAM-Filter-Mechanismen am Werk sind, die dem Provider nur mitteilen, dass die von ihm verschickte E-Mail „unsolicited content“ enthält und nicht weitergeschickt wird. Das Merkwürdige an der Sache ist, dass man über das Prozedere nur vage Auskünfte bekommt, trotzdem sollten Sie den Help-Desk kontaktieren. Mal schauen, welche Antwort Sie bekommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: