Nähe und Distanz auf einem Barcamp #bcvie

Barcamp Vienna 2010
Barcamp Vienna 2010

Als ich am Samstag Vormittag das übliche Twitter-Zappen machte, bemerkte ich diese Aufregung um Hashtag #bcvie und machte mich (neugierig und als sozialer Netzwerker, der Angst hat, etwas zu verpassen) auf die Suche nach der Erklärung, die natürlich mit der Suchmaschine meiner Wahl in Sekundenschnelle zu finden ist. Ein Barcamp wurde abgehalten. Mitten in Wien. Schlapperlot. Wer so ein Camp nicht kennt, nun, das hat nichts mit Rucksack und Saufgelage zu tun (wobei, bei ersterem könnte es sich um einen Laptop-Rucksack handeln und zweiteres schließt sich ja per se nicht aus), sondern viel mehr mit Menschen, die sich in der virtuellen Welt zu Hause fühlen und ihre Avatare ins wirkliche Leben ausführen. Eine passendere Erklärung: bei einem Barcamp handelt es sich um eine „Ad-hoc-Nicht-Konferenz“ („Unkonferenz“), vorwiegend besucht von Menschen mit Web-, Medien- und IT-Hintergrund. Vermutlich haben diese Unkonferenzen mit der entstandenen Open-Source-Mentalität zu tun („jeder trägt sein Scherflein kostenlos bei und profitiert am Ende vom Ganzen“ – linux, firefox & co zeigen, wie gut das funktionieren kann!).

Zum ersten Mal in Berührung kam ich mit einem Barcamp vor wenigen Wochen, als sich die junge deutsche Buchbranche daran machte, zu ergründen, wie denn die Zukunft des Buches aussehen könnte. An jenem Samstag verfolgte ich von Wien aus die Diskussionen und Präsentationen („Sessions“), tauschte mich aus und schrieb schließlich meine Eindrücke nieder. Diesmal verfolgte ich das Barcamp einen Tag lang ebenfalls von zu Hause aus, twitterte und retweetete und sah mir die Twitter-Profile, Blogs und Webseiten jener Leutchen an, die sich dort einfanden. Ein 360°-Panorama-Bild der samstäglichen Teilnehmer gibt’s hier – und wie wir alle wissen, sagt ein Bild bekanntlich mehr als 1000 Worte: Foto.

Falls sich der geneigte Leser jetzt fragt, was es denn mit diesem Twittern auf sich hat (erst gestern TC. einen Crash-Kurs gegeben; „Wofür brauch ich das?“), nun, da würde ich sagen, es ist die erwachsene Version eines Chatportals. In Österreich sollen etwa 25.000 Menschen twittern. Das klingt recht bescheiden. Ist es auch. Andererseits muss man wissen, dass gerade wichtige Multiplikatoren (Journalisten, Geeks, Medienleute, Social Media Superstars, Netzwerker, usw.) auf Twitter setzen. Es ist eine durchaus elitäre Community, die von einer Massenbewegung verschont wurde (während sich in facebook laut digital affairs über 2 Millionen Österreicher tummeln, was Gründervater und nunmehriger Milliardär Zuckerberg freuen dürfte, wenn es ihm nicht gänzlich wurscht ist). Warum also nutzen nur so wenige Leutchen diesen Dienst? Nun, mit ein Grund mag sein, dass Twitter auf den ersten (und zweiten) Blick ziemlich verwirrend, inhaltsleer und sinn-los daher kommt. Erst mit den richtigen Kontakten (Followern) entsteht ein (befriedigender) persönlicher Austausch, ansonsten mutiert es zum passiven Info-Portal. Die Frage ist, wie man zu den „richtigen Kontakten“ kommt? Und wie macht man einerseits auf sich aufmerksam, andererseits einen guten Eindruck? Dazu braucht es Fingerspitzengefühl, das richtige Profil, die richtige (charakterliche) Einstellung und Zeit. Es gibt genügend „richtige Kontakte“, für die ich, dezent gesagt, Luft bin. Tatsächlich spiegeln soziale Netzwerke im Web nur die Wirklichkeit wider. Wer sich also eine offene und freie Gemeinschaft wünscht, der muss wohl in die Zeit zurück reisen und Woodstock 1969 besuchen. „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ haben vermutlich mehr zu einer „freieren“ Gesellschaft beigetragen, als das Web. Aber das ist natürlich nur meine Ansicht (bewiesen ist, dass früher mehr Liebe gemacht wurde als getwittert).

Nach dem ich mich also am Samstag fleißig eingebracht hatte, stattete ich dem Barcamp am nächsten Tag, Sonntag, einen Besuch ab. Vorweg – bevor ich ins Detail gehe – sollte man den Sponsoren, allen voran Microsoft, danken, die diese Unkonferenz möglich machten, weil sie die Kosten übernommen hatten. Zwar ist das Budget für diese zwei Tage im Vergleich zu einer Business-Konferenz für ein Unternehmen lächerlich gering, trotzdem ist so ein Sponsoring nicht selbstverständlich. Vielleicht sollten andere Unternehmen einmal darüber nachdenken, ein Barcamp auf die Beine zu stellen. Der positive Eindruck, der sich bei den Beteiligten im Hinterkopf fest setzt, ist nicht zu verachten. Gut möglich also, dass diese Barcamps in Zukunft noch mehr Freunde finden werden.

Wer eine „offene“ Veranstaltung besucht, muss sich mit einem Thema im Besonderen auseinandersetzen: Menschen! Als ich mich also Sonntag Morgen auf den Weg machte, da spukten schon viele Bilder in meinem Kopf herum. Immer ist das Ankommen die schwierigste Hürde, die es zu nehmen gilt. Im Besonderen und gerade dann, wenn du niemanden der Anwesenden persönlich kennst. Zwar gibt es virtuelle Kontakte, aber wie sollte man diese auf Anhieb finden und richtig zuordnen? („Bist du algebra42? Nein? Vielleicht appleseed33?“) Wie dem auch sei, ich stellte mich beim Empfang artig an und vor und fabrizierte mein Namensschildchen gleich mal selbst, da meine Anmeldung zu spät einlangte. Gesagt getan, ich befestigte mein hübsch designtes Namensschildchen und … ja, das ist der Moment, wo man sich wieder hinter einen Bildschirm wünschte, wo man Kontakte suchen und finden und sich gegebenenfalls verstecken kann. Aber in der Realität gibt es keine Listen, keine Filter, keine Photoshop-Masken. Du musst dich innerhalb weniger Sekunden entscheiden, was du tust, wohin du gehst, an wen du dich wendest. Vielleicht zu dieser Gruppe? Oder zu jener. Oder zu gar keiner? Und steht da nicht auch einer alleine herum, der so tut, als würde er nicht alleine herumstehen? (diese Leutchen sind mir natürlich suspekt)

Gut. Ich schinde Zeit. Besorge mir einen Kaffee bei der Espresso-Maschine, gehe damit zum Buffet, nehme mir etwas zum Essen und  … ja, da ist der Moment, wo man sich wieder hinter einen Bildschirm wünscht – 32 Zoll Breitbild wären ganz gut. Ich entscheide mich schließlich für ein Pärchen, das an einem Tisch sitzt und nicht „geschlossen“ wirkt. Da wir uns ja auf einer Unkonferenz befinden, frage ich nicht, ob ich mich zu ihnen setzen darf, sondern tue es mit den Worten „Ich setze mich zu euch“.  Äh, ja.

Nun beginnt die Applikation soziale Kompetenz 2.0 im Hintergrund zu laufen. Die beiden machen nicht den Eindruck, als würden sie es gerne sehen, dass ich ihre Kreise störe. Verständlich. Ich kenne sie nicht. Sie kennen mich nicht. Ich mache auch nicht den Eindruck, als würde man mich kennen lernen müssen, da ich mich ja zu ihnen setze und ihnen somit verdeutliche, dass ich kein Schwein kenne, was bedeutet, dass ich vielleicht ein copy&paste-Wannabee der Version 3.0 bin. Meine Versuche, die beiden in ein Gespräch zu verwickeln scheitern kläglich. Da sitze ich nun. Trinke meinen Kaffee, esse meine Topfengolatsche (für unsere germanischen Leser: Quarktasche) und … ja, da ist der Moment, wo man sich wieder hinter einen Bildschirm wünscht. Kein Wunder also, wenn die Leutchen ihre Laptops mitnehmen und sich so vor Ort hinter einen Bildschirm verstecken können. Tja.

Ich spiele also #5tes_Rad_am_Wagen_1.0 und überlege, wie ich aus dieser kommunikativen Ereignislosigkeit herauskommen könnte. Flucht? Aber wohin? Niemand scheint sich da anzubieten. Zugegebenermaßen will ich auch nicht blöd in der Gegend herumgucken („Hallo? Will mich jemand?“), man hat ja seinen Stolz. Schließlich spricht mich doch tatsächlich jemand an. Wunder7.0, sozusagen. Ein ehemaliger Arbeitskollege, der mich erkannte. Vermutlich ist er auch froh, ein ihm bekanntes Gesicht zu sehen. Wir unterhalten uns nett, auf der Terrasse und machen uns dann auf den Weg zu einer Session. Ja, ich war wieder versöhnt. Ein wenig.

Nach der Session von J1. (über BI, Web-Analyse) ist wieder vor der Session. Ich verlasse den Raum und … mache mich zum Getränke-Buffet auf. Dort steht ebenfalls ein Pärchen. B. und J2. Und hier sehen wir wieder, wie grundverschieden die zwischenmenschlichen APIs ineinander greifen. Ich stelle mich zum Getränketisch, B. macht einen Schritt zur Seite und entschuldigt sich, im Weg gestanden zu sein. Das hätte sie nicht tun müssen, ist aber ein Signal, dass sie mit mir aktiv kommuniziert. Im althergebrachten Fachjargon würde ich sagen, sie hat mir den Ball zugespielt. Erfreut darüber, spiele ich ihn zurück. Worauf sie wiederum diesen zurückspielt. Man glaubt gar nicht, wie wunderbar so etwas sein kann (als würde man einem Verdurstenden Wasser reichen). In Mitten dieser Unkonferenz, in der Dunkelheit des eigenen Seins, trifft man auf jemanden, der für einen Licht und Ortungspunkt ist (#Koordinaten). Ich spiele den Ball natürlich auch J2., ihrem Nebenmann zu (der nur zufällig neben ihr gestanden ist) und kann auch an seiner Art erkennen, wie erleichtert er ist, dass er ins Spiel eingebunden wird und das Licht angeht. So verbringen wir drei dann eine gemütliche Zeit auf der Terrasse, plaudern angeregt und interessiert und ich gebe den beiden einen Crash-Kurs über die (althergebrachte) Verlags- und Buchhandelslandschaft. Schön. [Reflexion: diesmal bin ich es gewesen, der anderen signalisierte, dass er oder sie meine Kreise nicht stören soll]

Aber auch diese nette Unterhaltung muss schließlich einer Session weichen. Man verliert sich aus den Augen. Nun weiß man nicht so genau, wie man sich verhalten soll. Wie viel Nähe, wie viel Distanz ist nötig, um den anderen nicht einzuengen (#klette). Und will man nicht auch andere Menschen kennen lernen? Ein Dilemma, in dem man steckt. Tja. In der virtuellen Welt ist alles so einfach. Du twitterst, e-mailst, facebookst mal mit jenem, mal mit dieser. Du wechselt, je nach Lust und Laune und Gusto. In der realen Welt ist es nicht möglich. Sich höflich und sozial kompetent aus der Affäre zu ziehen, sich von seinem Gesprächspartner abzuwenden, gerade wenn man zu zweit und alleine zusammen steht, ist eine zwischenmenschliche Herausforderung der Überdrüberklasse.

Zugegeben, wäre ich bereits am ersten Tag am Barcamp aufgetaucht,also von Anfang an dabei gewesen, hätte ich mich kurz vorstellen dürfen, in der Vorstellungsrunde. Vielleicht hätten sich andere Begegnungen eingestellt (oder noch weniger?). Die zwischenmenschliche Chemie im realen Raum wird auch durch das Web nicht aufgehoben, kann es auch gar nicht (schon mal ein blind date gehabt, ha?). Vielleicht, als vage Idee, könnte man das nächste Mal die Session „Kaffee3.0“ anbieten. Einfach eine Möglichkeit schaffen, dass sich Fremde nicht fremd fühlen. Oder, im Geek-Sprech: „Beschnuppern3.0“.

Übrigens: B. hat sich tatsächlich von mir verabschiedet. Ich werte das als ein gutes Zeichen. Ich, für meinen Teil, konnte mich leider nicht mehr von meinem ehemaligen Arbeitskollegen, J1. und J2. verabschieden. Diese waren in einer Session oder sonstwo. Und ich machte mich auf den Nachhauseweg. Vermutlich haben sie gedacht, ich sei ein unfreundlicher Zeitgenosse. Aber falls sie diese Zeilen lesen, dann wissen sie, dass ich ihnen gerne gesagt hätte: „bis zum nächsten Mal, ja?“

NACHTRAG:

Wer wissen will, wie GEEKS ticken, bitte sehr: @electrobabe weiß die Antwort

Blogparade von Monika, einer Kärnter Bloggerin zum Thema „Mein erstes Barcamp

Christian Lendl hat am Buchcamp sein Kamera-Equipment mitgehabt und benutzt. Hübsche Bilder gibt’s hier!

Ritchie Blogfried Pettauer hat einen detaillierten Blick auf das Barcamp geworfen. Informativ.

Dein derzeitiges Lieblingsbuch?

„Dein derzeitiges Lieblingsbuch und warum?“, möchte Alexandra Künzler für ihren Zürcher Literaturblog Bücherwahnsinn von mir und zwei weiteren Autoren (welche?) wissen. Im Gegensatz zur letzten Frage („Wie beginnst du ein neues Buch?“) wird die Antwort kürzer und vermutlich wenig spektakulär ausfallen. Äh, ja.

Bevor ich die Frage beantwort, muss ich ausweichende Erklärungen voranschicken: ich lese (im Gegensatz zu meinen AutorenkollegInnen) bescheiden wenig Bücher zeitgenössischer Autoren, tue mir schwer, überhaupt welche zu finden, die mich packen und gar nicht mehr loslassen (ich rede von Bücher, ja?). Zumeist lese ich „Stoff“, der für mein neues Buchprojekt relevant ist, verzichte aber zu meist auf solche Texte, die mich zu sehr von der eigenen Spur bringen könnten (äh, ich bin ein wenig abgelenkt, weil ich die Tweets zum Wiener Barcamp #bcvie in Echtzeit beobachte und kommentiere – damit es nicht heißt, die Autoren lebten in ihrem Elfenbeinturm und wüssten nicht, was da draußen in der Welt so vor sich geht; und wer weiß, vielleicht werden Tweets die Bücher der Zukunft füllen. Who knows?).

Also, erst letztens habe ich Beaumarchais Die Hochzeit des Figaro gelesen. Am LCD-Schirm. Das Theaterstück gibt es gratis (legal, weil gemeinfrei) im Internet zum Lesen. Es ist köstlich. Der Witz ist so erfrischend, dass man nicht meinen möchte, dass der Autor das Stück vor über 200 Jahren geschrieben hat. Ich bin noch immer erstaunt, wie es möglich ist, dass sich der Humor über die Jahrhunderte so erhalten hat. Dass Beaumarchais ein Leben voller Höhen und Tiefen in den farbenprächtigsten Facetten erlebte, sollte dann schon nicht mehr verwundern. In jeder Komödie steckt auch die Tragik. Dass er mit seinen Texten und Pamphleten die Französische Revolution begünstigte, sie befeuerte (auch wenn er sie in diesem blutigen Ausmaß nicht gewollt hätte), zeugt auch wieder von der Naivität, die viele Autoren aufweisen (genauso, wie andere wiederum ihren „Impact“ völlig überschätzen). Und da ich mich ja intensiv mit der Französischen Revolution beschäftige, war das Theaterstück eine kurzweilige Recherche-Übung.

Zum Geburtstag bekam ich die Hörbiografie von Billy Wilder. Aber nach einer guten Stunde war die auch schon wieder vorüber. Da möchte man natürlich viel mehr hören, viel mehr über Billy Wilder, diesem alt-österreichischen Drehbuchautor und Regisseur, dessen spitzer Humor in Hollywood gefürchtet war, erfahren. Obwohl sein Film „Extrablatt“ bei Publikum und Kritiker durchgefallen ist, muss ich immer wieder daraus in meinen Büchern zitieren. Dr. Eckelhofer ist der (klischeehafte) Parade-Psychologe Wiener Schule mit seinem näselnden Schönbrunner Deutsch. Herrlich!

Ein zweites Hörbuch liegt griffbereit am Schreibtisch. Aus Balzacs Tolldreiste Geschichten wird gelesen. Werde ich mir in einer ruhigen Stunde anhören. Bei Balzac kann man nicht viel falsch machen, auch wenn sein literarisches Konvolut einen förmlich erschlägt und ermüdet. Dieser schreibwütige, immer Schulden machende Berserker, kritzelte sich mit Tinte und Feder zu Tode (weil er glaubte, sich mit dem Schreiben aus der Schuldenfalle befreien zu können). Das Leben ist schon bösartig ironisch, wenn der  gute Balzac endlich seine polnische Aristokratin heiraten darf und er sich in den siebten Himmel träumt (schuldenfrei, reich, keine Sorgen) um dann zu sterben. Deshalb lese ich so gerne Biographien. Weil das Leben immer noch die besten Geschichten schreibt. Period! (wie der Amerikaner sagen würde)

Im Übrigen, ich muss es gestehen, ich habe noch kein Buch zwei Mal gelesen. Ist das seltsam? Nicht, dass es nicht ganz, ganz tolle Bücher gäbe, aber mich packt das schlechte Gewissen, weil ich denke, ich könnte in der Zeit, in der ich dieses mir bereits bekannte Buch lese, etwas anderes tun. Wie dem auch sei. Ich, für meinen Teil, empfehle natürlich meine Lieblingsautoren: Arthur Schnitzler („Halbzwei“ muss man gelesen haben, um zu wissen, wie Mann und Frau ticken), und die Wiener Kaffeehausliteraten des Fin de Siècle,  Stefan Zweig, Alessandro Bariccos „Seide“ (ich kenne nur dieses von ihm – und ich habe diesem Buch viel zu verdanken!), Georg Stefan Troller (ich traf ihn in Leipzig – ein älterer Herr der alten Wiener Schule wie er im Buche steht), Frederic Morton (hab mir mal ein Autogramm von ihm geholt – das kommt selten vor. Period!), Puskins „Die Reise nach Arzrum“ (das nenn ich natürlich nur, um ein bisserl anzugeben, weil es die wenigsten kennen), Márais „Die vier Jahreszeiten“ (huh, die tristen Seiten des Autorenlebens) und noch ein paar mehr. Aber jetzt hör ich besser auf.

 

Madeleine und Madame Anonym (1)

Madame Anonym hat sich die Mühe gemacht, MADELEINE in der Version 12052010 zu lesen und zu kommentieren. Hier sind also ihre gesammelten Eindrücke zu jedem der Kapitel. Der zweite und letzte Teil wird in den nächsten Tagen folgen. Man will ja den geneigten Leser nicht überfordern. Und nun, Vorhang auf.

Voilà

Bonsoir! So. Jetzt habe ich endlich begonnen, die Madeleine zu lesen. Das ist der Nachteil am e-book, (PDF) irgendwie sind Bücher angenehmer zu lesen, wenn sie nicht am Bildschirm passieren. Aber besser als (noch) nichts. =)

45: Der Anfang einer Geschichte. Ich mag den Monolog von dem Tagelöhner; ich weiß nicht, wie Du’s hinkriegst, aber das ist Infodump, der sich nicht wie Infodump liest. Sehr fein.

46: Die Lösung eines Problems. Ich habe gelacht. Laut. Diese frivol-spitz-intriganten Salonunterhaltungen sind ganz und gar Dein Metier. Und damit habe ich an dem Kapitel nichts auszusetzen; man ist amüsiert.

47: Die Polnische Eröffnung. abgesehen vom Akzent, ebenfalls keine größeren Einwände. (Und ich merke, wie ich in die Geschichte einsteige).

48: Die Schießübungen Madeleines. Bei der Beschreibung von Steinitz und seinen unkonventionellen Kuren fehlt es ein bisschen an der lapidaren Leichtigkeit, mit der Du sonst die Dinge so wunderbar schwebend abhandelst – stattdessen liest sie sich fast ein bisschen geschwätzig.; die Szene mit den Schießübungen ist hinreissend.

49: Die Venezianische Eröffnung. Standig Ovations! Sweet Jesus on a pogo stick. Das kam… überraschend. Yay.

50: Geschwisterliche Aussprache. Mir scheint, Ludomila hat das Zeug zum Magnificent Bastard. Die Szene, wo sie sich dem Doktor anvertraut ist toll; ich mag vielschichtige Antihelden. Und Bonuspunkte für Rochefoucauld, der Moralist. Und: oh Gott, arme Madeleine. Was die Geschichte vom Major angeht, bin ich mir nicht ganz sicher – auf der einen Seite passt sie „natürlich“ in die Szene, auf der anderen hat sie einen moralisierenden Beigeschmack, der dem ganzen nicht so gut zu Gesicht steht.

51: Der Auftrag. Es überpurzeln sich die Verschwörungerpartien; die Szene mit der Schlägerei ist interessant… indem sie existiert; man ist versucht zu schreien, Monsieur L’Auteur zeichnen die Unterschicht ganz schön widerlich – bis man drauf kommt, nein, wenn man den Charakteren mit moralischen Standards zuleibe rückt, zieht sich die Widerlichkeit durch alle Schichten.

52: Ein leichter Anstieg. Überhaupt ist Ludomila für mich eine interessante Person, mit all ihren Ecken, Kanten, Selbstmitleid, Mut und Härte.

53: Das Ende einer Geschichte. Ganz, ganz großes Kino. Schon allein wegen der Einleitung.

54: Der Wilde Haufen. So blöd es klingt, aber die Beiläufigkeit der Gewaltdarstellungen „gefällt“ mir; und ich glaube, ich kann mittlerweile benennen, was ich an der Serie so beeindruckend finde: Du erzählst (in meinen Augen wenigstens) mit dieser zynischen, etwas gelangweilten Leichtigkeit und Understatement, die, nun ja, einem „Intellektuellen“ des Ancièn Regime gut zu Gesicht gestanden hätte; Du bist irgendwie auch auf der Metaebene der Erzählstimme in der Zeit, und das ist faszinierend. Übrigens bitte nicht misszuverstehen: ich rede nur von den Implikationen der Erzählstimme!

Die „Gebet“szene, ist übrigens, in all ihrer Absurdität – und eingebettet in die Grauslichkeiten links und rechts – irgendwie ein humoristisches Meisterstück.

55: Eine sonderbare Medizin. Ohhh, noch eine Schicht Ludomila. Das Mädel fasziniert mich. Madeleine, for the record, bisher weniger – vielleicht, weil Madeleines (also, so wie ich sie bisher kennen gelernt habe) in der Literatur nicht so selten sind; Ludomilas schon. Ja, okay, sie hat den Antiheldenbonus; mal schauen, was sie daraus macht. Der Major, der Doktor und der Baron funktionieren übrigens so gut, dass ich nicht weiß, ob sie mich amüsieren, oder ob ich sie ohrfeigen will. Möglicherweise beides.

56: Das Haus mit der roten Laterne. Und täusche ich mich, oder sind Piotr und Ignacy auch bestrebt, immer schwindelerregendere Höhen monumentaler Blödheit zu erklimmen? Oi. Und, vor allem: S.! Es beginnt sich ein Bild zu formen. Yay!

57: Die Krallen einer Prinzessin. S.! Und, im Kontext eine Sexszene „die Details sind nicht weiter von Belang“ zu schreiben – absoluter CROWNING MOMENT OF AWESOME eines Autors. Und verdammt, ich kann nicht anders – irgendwie ist es schwer, L. nicht wenigstens ein bisschen zu mögen. (S. sowieso). Oh, dear.

58: Zehn Peitschenhiebe für einen Traum. Die Beschreibung vor der Jagdpartie ist ein bisschen geschwätzig für meinen Geschmack; ansonsten – au. Die Szene mit den Buben und dem Brot ist plakativ, aber trotzdem trifft sie. Au weh. Und ich habe Vorahnungen zu dem Körnchen Zukunft in Tagträumen von G.

Und ich ende hier; wahrscheinlich geht’s morgen weiter, die Geschichte hat mich wieder vollkommen eingefangen. Exzellente Arbeit.

FORTSETZUNG

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eine gefräßige Krake und ein gutes Gefühl

„Tarantino und De Sade verbringen gemeinsam einen kreativen,
aber sturzbetrunkenen Nachmittag.“
Madame Anonym über Kapitel 66
MADELEINE (Beta)

Madeleine
Anatomie einer Tragödie
am Vorabend der Französischen Revolution
Band III – Morris – 1789

ISBN
978-3-9502498-3-5

Als Autor darf man nicht den Fehler begehen, zu glauben, dass die ganze Welt auf das neue Buch wartet. Ganz im Gegenteil. In der Schwemme an neuen Veröffentlichungen geht jedes Werk unter, das nicht groß beworben, das nicht oft besprochen wird. Qualität definiert sich nicht in erster Linie durch den Text, die Aufmachung, sondern vielmehr durch die Rezeption der Multiplikatoren und Medien. Gut ist, was in aller Munde ist. Schlecht ist, was niemand kennt.

So! Die ersten Aussendungen zum Club der 99 gemacht. Wenn ich es also schaffe, mit MADELEINE, sagen wir einmal 20 Fans zu gewinnen, die in der realen, aber vor allem in der virtuellen Welt, AKTIV auf andere potenzielle Fans zugehen, sie von diesem Projekt zu überzeugen trachten, dann könnte ein erster Schritt getan sein. Dieser stetige Strom an neuen Fans generiert wiederum Interesse und Neugierde. Eines kommt zum anderen. Wichtig ist, dass dieser Strom kontinuierlich ist, nicht abreißt oder versiegt. Nur Veränderung (das wussten schon die alten Chinesen) führt zum Ziel. Deshalb ist jeder, der in dieser Gruppe der 99 eingetragen wird, verantwortlich dafür, dass die Sache zum Erfolg gerät. Im besten aller Fälle, wenn das Taschenbuch im Postkasten liegt, wenn man es zum ersten Mal aufschlägt, darin blättert, dann darf sich jedes Mitglied sagen, dass MADELEINE ohne seinem Zutun nicht in dieser Form zustande gekommen wäre. Er wird das Buch anderen ihm bekannten, lieben Menschen zeigen und ihnen die Geschichte erzählen, die Geschichte der 99. Und er wird sich gut fühlen.

*

Im Beitrag von Daniel Pinchback, einem unabhängigen Filmemacher, geht es um das Thema der Eigenvermarktung von Kunst, in seinem Falle um einem Dokumentarfilm. Er schreibt: „In der Musik war Peter Gabriel einer der ersten, der erkannt hat, dass es eine Verschiebung  in der Gewichtung geben würde. Nicht mehr das fertige Produkt, also das Album, die Single, sollte an erster und letzter Stelle stehen, sondern vielmehr der Prozess und die kontinuierliche Entwicklung einer Gruppe oder eines Künstlers. Er sah ein Modell voraus, wo das Publikum sich an einen Künstler von Anfang an beteiligte und ihm bis zum fertigen Werk unterstützte.“

Daniel Pinchback bemerkt, dass die Künstler immer mehr zu Wirtschaftsleuten werden und umgekehrt. Die Vermarktung und der Vertrieb von Indie-Filme dürfte in den letzten Jahren drastisch an Boden verloren haben. Jetzt sind die Filmemacher, die Kreativen an der Reihe, sich Gedanken zu machen, wie man den fertigen Film an den Mann und an die Frau bringt. Durch das Web erschließen sich neue Betätigungsfelder, ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Aber mit welchem zeitlichen und finanziellen Aufwand dies verbunden ist, steht auf einem anderen Blatt Papier und von den (zählbaren) Ergebnissen, die all diese Mühen abwerfen, einmal ganz zu schweigen.

Je mehr ich mich mit dem Thema „Selbstvermarktung“ beschäftige, desto mehr komme ich zum Schluss, dass mit jedem Tag schwieriger wird, sich zu behaupten. Immer mehr Kreative drängen auf den „Markt“, wollen gehört, wollen gelesen, wollen gesehen werden. Immer mehr finanzkräftige Medienhäuser bedienen sich des „Herrn Meier“ und der „Frau Müller“, die für ein hübsches Trinkgeld gerne die eine oder andere Werbebotschaft, unauffällig verpackt, im Web verbreiten. Virales Marketing bzw. ein Hype entsteht nicht durch nichts. Es ist wie eine gefräßige Krake, die ständig gefüttert werden muss, damit sie wächst und noch mehr potenzielle Multiplikatoren anlockt und in ihre Arme bekommt. Poseidon würde das wohl gefallen.

Junge Verlagsmenschen in Wien

pic: boersenblatt.net

Gestern Abend das Treffen der Jungen Verlagsmenschen im Universitätsverlag facultas.wuv, nur wenige Schritte von Sigmund Freuds damaliger Praxis in der Berggasse entfernt. Die Räumlichkeiten beherbergten um die Jahrhundertwende (Fin de Siècle) ein Kaffeehaus. Dort soll auch schon Arthur Schnitzler gesessen sein. An der (leider renovierungsbedürftigen) hübschen Deckenstuckatur und den großen einladenden Fenster, die zum schattigen Innenhof gehen, kann man noch gut erkennen, wie es sich hier anno dazumal gelebt hat, bei Kaffee, Zeitung, Zigarre und vielen Gesprächen über die Seele und andere Befindlichkeiten.

Durch Zufall bin ich über das Netzwerk der Jungen Verlagsmenschen gestoßen. Natürlich im Web. Ich habe mir erlaubt, eine Anfrage zu stellen („Servus“), die auch prompt und freundlich beantwortet wurde („Lieber Richard“). Gerne nahm man mich in den Verteiler auf. Gerne leitete man meine Daten an die Wiener Regionalgruppe weiter, die sich in unregelmäßigen Abständen zu einem gedanklichen Austausch trifft. Gestern lud besagter Universitätsverlag  zu Wein und Gespräch. Eine Führung durch die Räumlichkeiten durfte nicht fehlen. So erfuhren wir, dass der Verlag auch eine kleine Druckerei betreibt und Fremdaufträge annimmt (dahingehend werde ich mal vorsichtig meine Fühler ausstrecken). Es war ein entspanntes Get-together. Ich kam mit den äußerst sympathischen Verlagsmitarbeiterinnen der folgenden Verlage in Kontakt: Linde, Springer (Wissenschaft), Folio, Czernin, Metro und eine russische Germanistin, die in Wien ihr Praktikum macht.

Der verlegerische Austausch verlief wunderbar. Wäre da nicht ein kleiner Wermutstropfen, die bittere Pille sozusagen. Also, als Eigenverleger hat man es an und für sich schwer, ernst genommen zu werden. Sei es, was die Bücher, sei es, was das Verlegen betrifft. Das hat seine Gründe, die ich hier nicht breit treten möchte, weil ich es sowieso schon oft getan habe. Und (Wort)Wiederholungen streichen mir meine Lektorinnen gnadenlos an. Jetzt ist es so, dass ich natürlich eine Strategie entwickelt habe, um gegen das Vorurteil „Eigenverleger“ anzukämpfen: ich bete eine Litanei an „Erfolgserlebnissen“ herunter. Dadurch erhoffe ich mir,  nicht schon im Vorfeld aus dem Rennen genommen zu werden („du bist rrraus!“), sondern im Gegenüber einen positiven Gedankenstrom einsetzen zu lassen („Klingt interessant“, „Aha!“, „Sollte ich mir mal angucken“). Mit anderen Worten: ich schinde Eindruck!

Das hört sich dann in etwa so an (wer es bereits zu Genüge kennt, der mag einfach den Absatz überspringen):

Bis jetzt habe ich 4 Bücher veröffentlicht, zwei weitere folgen dieses Jahr, zwei sind in der Lade; ich bin bei LIBRI und KNV gelistet; meine Bücher gibt es alle als ebooks (das ist im Moment ein heißes Thema!); das ebook Tiret (gratis) wurde bereits über 1200 Mal heruntergeladen; ich kenne einen digitalen Vertrieb; ich habe auf der Leipziger Buchmesse ausgestellt; ich war auf der Frankfurter Buchmesse (Besucher); ich habe ein Verlegerseminar bei Prof. Mazakarini besucht; eine Rezi erschien in der FALTER Buchbeilage; die Literaturkritikerin der Leizpiger Volkszeitung fand „Schwarzkopf“ hinreißend komisch; das Drehbuch zu „Schwarzkopf“ wird von einer „Agentin“ betreut; ich habe schon Paul Harather (Regisseur von „Indien“), Christoph Grissemann und Michael Dangel (Josefstadt) getroffen, um über das Drehbuch zu plaudern; die Illustrationen der TIRET-Saga sind von Kheira Linder, die bereits für VIVA und MTV gearbeitet hat und von Berlin nach Schweden gezogen ist; ich beschäftigte zwei Lektorinnen; ich suche mir die Schriftart für jedes Buch aus und stecke viel Liebe ins Layout (das sagen sie natürlich alle); ich habe zwei Auslagen mit meinen Büchern gestaltet, Plakate und Folder entworfen; bei der Wiener Kriminacht 09 gelesen; werde bei der kommenden Wiener Kriminacht 10 wieder lesen, diesmal am Nachmittag und am Abend; ich layoute ein Spielemagazin (50 Seiten 4c, Auflage 5000 Stück); ich twittere, bin bei facebook und xing aktiv („Was bringt facebook?“); meine Bücher liegen beim FRICK am Graben auf; ich habe mich an der Diskussion „Die Zukunft des Buches“ („Barcamp“) rege beteiligt;

Hab ich etwas vergessen? Ich bin ganz Ohr!

Nun, der geneigte Leser kann unschwer erkennen, dass sich diese Litanei ganz nett liest, aber im Gespräch der Eindruck entsteht, ich würde meine Leistungen herausstellen und die der anderen unter den Scheffel kippen. Tja. Das ist ein folgenschweres Dilemma, in dem ich stecke. Einerseits bleibt mir nichts anderes übrig, mich im besten Licht zu präsentieren, auf der anderen Seite kann dieses Licht im Gegenüber heftige Kopfschmerzen auslösen. Und am Ende, wenn ich mich am Nachhauseweg mache, den Abend gedanklich Revue passieren lasse, bemerke ich meine aufdringlich eindringliche Art. Das ärgert mich. Weil ich nicht so sein will.

Die Pointe, zu guter Letzt, ist, dass ich es vielleicht gar nicht nötig gehabt hätte, so dick aufzutragen. Weil die jungen Verlagsmenschen, die ich gestern gesprochen habe, interessiert und vorurteilsfrei auf mich zugegangen sind. Ja, mehr noch, ich hatte das Gefühl, verlegerisch geschätzt und akzeptiert zu sein. Das gibt es auch nicht alle Tage. Dumm, dass ich trotzdem den Bogen mit Beweihräucherungen überspannte. Ja, dahingehend muss ich noch an mir arbeiten, nämlich die Balance zwischen einem zu wenig und einem zu viel zu finden. Gar nicht einfach. Wirklich nicht. Habe ich übrigens schon erzählt, dass UP. „Brouillé“ am Pfingstsonntag in einem Rutsch gelesen hat und so begeistert davon ist, dass sie gleich „Schwarzkopf“ und „Ro 2069“ bei mir orderte? Und dass HB. „Tiret“ in wenigen Tagen verschlungen  und sich gleich mal zu den „99 Förderern“ angemeldet hat („wo muss ich einzahlen?“). Okay, jetzt sollte ich aufhören, nicht?