richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Wie beginnst du ein neues Buch?

„Wie beginnst du ein neues Buch? Liegt meist schon ein Thema vor?  Oder lässt du der  Intuitionen freien lauf? Oder aber, du beginnst ein  Buch auf Anfrage?“, möchte Alexandra Künzler für ihren Zürcher Literaturblog Bücherwahnsinn von mir und zwei weiteren Autoren (Lea Korte und Martin A. Walser) wissen.

UPDATE: hier der Beitrag in seiner ganzen Länge:
http://der-buecherwahnsinn.blogspot.com/2010/05/heute-frag-ich-lea-korte-richard-breuer.html

Bei der Fülle an Geschreibsel, die ich in den letzten Jahren zu Papier brachte, ist die Antwort auf die Fragen gar nicht einfach. Deshalb ein pragmatischer, kein intuitiver Ansatz: ich gehe einfach chronologisch vor.

Begonnen hat de facto die Schriftstellerei und spätere Verlegerei mit einer Inspiration. Mehr als zwanzig Jahre musste ich auf diesen Musenkuss warten. Wen wundert es also, dass in der novellenartigen Geschichte gerade diese lebenswichtige Beziehung zwischen einem Schriftsteller und seiner Muse abgehandelt wird? Ohne dieser damaligen göttlichen Begegnung würde ich heute nicht diese Zeilen schreiben.

Dann die Beschäftigung mit den verschiedensten Ausprägungen der Sexualität und den Partnerbörsen im Web. Aus einem Projekt wurden zwei. Der Tagebuchroman war eine nüchtern notwendige Entscheidung, während mich die Science-Fiction-Komödie wie ein Blitz streifte. Es war nur ein witziges Bild, das mir in den Kopf kam. Mehr war nicht. Aber es reichte, um etwas zu entfachen.

Es folgte eine Auftragsarbeit zu einem Theaterstück. Innerhalb weniger Tage musste es geschrieben werden. Es gab vage Vorgaben. Nur dadurch war ein schnelles Schreiben möglich. Die Einfälle entstanden, wie so oft, während des Schreibprozesses.

Der erste Band meiner historischen Romanreihe wurde mir förmlich von einem mir sehr geschätzten, freilich schon längst verstorbenen Wiener Autor ans Herz gelegt, als ich seine Bücher zu dieser Epoche las. Ich konnte mich dagegen nicht wehren.

Wieder eine Auftragsarbeit für ein Drehbuch zu einer TV-Serie, ohne Vorgaben, aber mit vielen Gesprächen und in Anlehnung an eine köstliche US-TV-Serie. Aus der TV-Serie wurde ein Kinofilmtreatment. Zum ersten Mal ging ich konzeptionell vor, während ich sonst auf Teufel komm raus schreibe, schreibe, schreibe und schaue, wohin mich das geschriebene Konvolut bringt (in späterer Folge gilt es dann zu kürzen, kürzen, kürzen). Beim Drehbuch hingegen entwickelte ich die grobe Szenenfolge, stimmte diese immer wieder ab, änderte, feilte und näherte mich so der endgültigen Szenenfolge an. So bald diese fertig war, ging ich daran, die Szenen mit Leben und Dialogen zu füllen. In kurzer Zeit entstand auf diese Weise ein lesenswertes Ergebnis.

Anders die Folgebände zur historischen Romanreihe, denen ich mich intuitiv näherte. Mit einer dumpfen Idee im Hinterkopf begann ich im Sommer zu schreiben. Der große Nachteil dieser für den Autor natürlich sehr spannenden Herangehensweise (wohin führen einen Charaktere, wie endet die Geschichte?)  ist jene, dass die Story im schlimmsten Falle nie funktioniert oder man den roten Faden und schlussendlich die Lust verliert. Was auch geschah. Erst im Herbst, mit einer neuen Idee,  zündete der Funke. Ohne es beabsichtigt zu haben, erschrieb ich mir in kurzer Zeit die grobe Skizze zu drei Folgebänden (obwohl nur einer geplant war). Die Buchstabenmenge, die in den drei Monaten pausenlosen Schreibens  angehäuft wurde, war schier erschlagend. Die Überarbeitungsphase zwang mich, die Geschichte des zweiten Bandes neu zu gestalten, neu aufzurollen, mit anderen Worten: Manuskript zerreißen und von vorne beginnen.

Nach dem ich also sowohl das intuitive als auch das konzeptionelle Erschreiben einer Geschichte kennengelernt habe, kann ich gar nicht sagen, welche Variante ich bevorzuge. Die konzeptionelle Herangehensweise hat Ähnlichkeiten mit einer gewöhnlichen Beziehung zu einem Menschen. Man lernt sich kennen, man lernt sich schätzen, man weiß, was man am anderen hat und mit der Zeit entwickelt sich eine freundschaftliche Beziehung, die einen durch dick und dünn begleitet. Das intuitive Herangehen hat wiederum Ähnlichkeiten mit einem blind date. Wenn man sich darauf einlässt, wird man immer wieder aufs Neue überrascht.

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4 Antworten zu “Wie beginnst du ein neues Buch?

  1. Guido M. Breuer Donnerstag, 6 Mai, 2010 um 9:43

    Ich kann nur konzeptionell vorgehen – blind dates mit meinen Figuren lasse ich nicht zu. Wenn ich an dem eigentlichen Text zu schreiben beginne, steht die komplette Szenenabfolge, ich weiß, wer wann mit wem und warum. Ich bin der Chef, und meine Figuren tanzen in meiner Welt nach meiner Pfeife (anders als im richtigen Leben, da bin ich maximal die Pfeife). Beim Ausformulieren einer Szene darf und muss natürlich die eine oder andere kleine Wendung aus dem Augenblick kommen, aber das betrifft nie den Plot im Kern.
    Und wenn ich Deinen Beschreibungen folge, wie Du die intuitive Herangehensweise durchleidest, habe ich auch gar keine Lust, dies mal auszuprobieren. Hunderte Seiten für den Papierkorb schreiben? In Sackgassen geraten, den Faden verlieren, auf die nächste Eingebung hoffen? Hört sich an wie die Passion Christi, nur mit Tastatur statt Kreuz. Aber vielleicht ist es das? Sich zu quälen scheint manchem Künstler Zusatzbrot zu sein, und dann kann man aus tiefster Seele sagen: Es ist vollbracht!
    Nee, ich bin kein Messias. Leiden ist nicht so mein Ding …

    • Richard K. Breuer Donnerstag, 6 Mai, 2010 um 9:54

      Ja, die Passion Ritchi, sozusagen 😉

      Da fällt mir ein, du könntest der Alexandra schreiben. Sie sucht ja immer wieder Autoren, die Rede und Antwort stehen und da du ja nicht auf den Mund gefallen bist, wäre das eine lesenswerte Sache. Also, auf auf.

      Unser Projekt habe ich nicht vergessen, gell. Ich überarbeite gerade MADELEINE und muss nun den intuitiven Leidensweg durchlaufen. Aber es geht gut voran und bald kann ich sagen, den historischen Roman neu erfunden zu haben. Huh, klingt das cool 🙂

  2. Guido M. Breuer Donnerstag, 6 Mai, 2010 um 10:24

    Alexandra? Ich kannte bis jetzt nur nette Menschen diesen Namens – das ermutigt 😉

    Und da sind wir also schon wieder bei Ritchi, dem neuen Jesus – das hatten wir doch schon mal. Es bleibt halt immer was hängen …

    Und den historischen Roman neu erfinden: Das ist auch verdammt nötig in diesen Zeiten, wo jeder Amateur glaubt, wenn er eine beliebige Schmonzette ins Mittelalter legt, hat er Literatur produziert … besonders schön ist dann, wenn der Edelmann vor der Liebes-Szene seinen Reißverschluss öffnet und sagt: Geliebte, machen wir ein Baby 😉

    Und unser Projekt: jau, ich warte ganz begierig. Aber gut Ding will Weile haben, und immer alles step by step …

  3. Richard K. Breuer Donnerstag, 6 Mai, 2010 um 10:44

    Hab erst gestern wieder in die Leseprobe eines gehypten deutschen Historienschinkens geworfen. Schauderlich, was einem da für Phrasen und Worte entgegen geschleudert werden. Das Schlimmste aber ist, dass es Leser gibt, die meinen, es sei stilistisch gut geschrieben. Hilfe …

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