richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Über die Zukunft des Buches

Videos zu den einzelnen Sessions

Mitschrift mehrerer Sessions von Twitterer @jakuuub

Ausgehend vom BuchCamp 2010, das sich mit der Zukunft des Buches in allen Facetten beschäftigte, und die ich auf Twitter verfolgte, machte ich mir natürlich meine eigenen Gedanken. Vorweg sei gesagt, dass ein zwangloses Get-together von Buchmenschen immer eine gute Sache ist und in jedem Fall gefördert werden soll. Die Community hat sich hier gefunden. Aber, seien wir ehrlich, es wird die Verlags- und Buchbranche nicht im Entferntesten berühren. Die folgende Analogie drängt sich förmlich auf: junge und interessierte deutschsprachige Filmemacher diskutieren über die Zukunft des Hollywood-Films. Was diese Diskussion ändern wird. Nichts. Rein gar nichts. Aber interessant ist es freilich allemal. Und Denkanstöße soll es ja immer wieder geben. So hört man.

Nach dem wir also die Relevanz dieses BuchCamps ins rechte Licht gerückt haben, können wir uns jetzt mit der Frage beschäftigen, was denn die Zukunft des Buches (besser: Buchmarktes) sei. Aber darauf will ich jetzt gar keine Antwort geben, sondern einfach mal lose anführen, warum es so schwierig ist, auf einen grünen Zweig zu kommen.

Das Buch ist einerseits ein Kulturgut, anderseits auch ein Kunstwerk. Jedenfalls wird es von vielen Buchmenschen so wahrgenommen und in die weite Welt getragen. Das Buch ist aber auch ein Produkt, das verkauft werden will. Während es also die einen in höhere Sphären heben („göttlich“), versenken es die anderen in Billigmärkte („Wer hat noch nicht, wer will noch mal?“). Die einen halten an der bestehenden Buchkultur fest, die anderen suchen nur Wege, um Profit zu machen. Während also für die erste Gruppe das Buch heilig ist, ist es für die zweite nur ein Mittel zum Zweck. Darin liegt das Missverständnis, um das wir uns tagein tagaus drehen, wenn wir um die Zukunft des Buches reden. Die Frage sollte also wohl eher sein: was will ich (ja, du!)?

Was will der Autor eines belletristischen Buches? Er möchte, wie jeder Künstler, mit seinem Werk wahrgenommen werden, er möchte, dass seine Bücher gelesen werden. Je mehr es tun, umso besser. In welcher Form es die Leser tun, ist egal. Deshalb ist die Frage der Textaufbereitung – digital oder Papier – von keiner sonderlichen Bedeutung für ihn. Oder könnte sich heute jemand vorstellen, dass literarische Texte vorab in der Tageszeitung abgedruckt werden? Vor hundert Jahren war es noch üblich, dass wichtige literarische Texte zuerst im Feuilleton erschienen sind, bevor diese dann als Buch zu haben waren. Zum anderen möchte der Autor natürlich von seiner Schreibe einigermaßen leben können. Womit die Erträge zustande kommen, interessiert ihn herzlich wenig, so lange sie zustande kommen.

Der Verleger belletristischer Bücher möchte so viele Käufer (nicht Leser!) wie nur möglich erreichen. In welcher Form der Text, der Content gekauft wird, ist ihm egal. Deshalb ist die Frage der Textaufbereitung – digital oder Papier – nur dahingehend von Bedeutung, welches Format wie viel Ertrag und wie viel Aufwand verursacht. Das ebook verursacht auf den ersten Blick geringere Herstellungskosten (gegenüber dem Printprodukt), benötigt aber eine teure technische Infrastruktur (samt Personalaufwand), die morgen schon überholt sein kann. Diese Unsicherheit lässt die einen Verleger abwarten, die anderen vorschnell reagieren. Gerade in einer Branche, die von jeher auf stabile und gut eingespielte Marktmechanismen setzen konnte, ist eine „plötzliche“ Formatänderung in den Köpfen der alteingesessenen Büchermenschen nur schwerlich zu  verstehen. Lösungsansätze für die Verbreitung von digitalen Content kommen zu meist von Quereinsteigern (Musikbranche, IT-Welt, Software, Apple, Amazon, …).

Der Vertrieb zum Endkunden kann real (Buchhandlung) oder virtuell (Internet) sein. Der Internetshop sieht das Buch als ein Produkt von vielen. Ihm ist egal, in welchem Format es gekauft wird (so lange es gekauft wird!). Natürlich muss auch hier die Kostenseite geprüft werden; so ist der Aufwand, ebooks mit DRM zu versehen, enorm. Der ernsthafte Buchhändler sieht das Buch in erster Linie als Kunstwerk und Kulturgut, als etwas Schützenswertes, als etwas Besonderes (im Gegensatz zu anderen Nonbook-Produkten, die er feilbietet). Hierzu lese man den offenen BRIEF, den die Schüler der „Schule des Deutschen Buchhandels“ (heute: Mediacampus) an die Geschäftsleitung geschrieben haben. Darin beklagen sie den von der Schule eingeschlagenen Weg, der sich vom Buch entfernen und in Richtung neue Medien gehen würde.  Oder ein anderer offener BRIEF , diesmal vom Bund junger Autoren und Autorinnen, die sich wünschen, dass die Verlage von der Kommerzialisierung zurück zum Buch finden.

Dass es im Vertrieb noch eine Reihe von Zwischenstufen gibt (Auslieferung, Großhändler, Barsortimenter, Vertreter) soll nicht unerwähnt bleiben. Diesen liegt natürlich viel daran, dass Buch und Marktmechanismus so bleiben wie sie sind. Würde es zu einer Vereinfachung der Vertriebsstruktur kommen, würden diese Zwischenhändler ihre Existenzgrundlage verlieren.

Bei der Fülle an Buchveröffentlichungen (rund 120.000 pro Jahr im deutschsprachigen Raum) spielen die Medien eine immer größere Rolle. Da gibt es die klassischen Medien wie Zeitungen und Magazine, TV und Radio und die neuen Medien wie das Internet, aber auch das iPhone und iPad mit ihren Applikationen. Während sich bei den klassischen Medien nicht viel geändert hat, über die Jahre, wandelte sich das Web von der passiven Berieselung zur interaktiven Mitmachmaschine (Web 2.0). Lange Zeit war das Web eine kommerzfreie Zone, das von Geeks und jungen Leuten angetrieben wurde. Erst später, als es benutzerfreundlicher wurde, es auch kaufkräftigere Kundenschichten anzog, roch der findige Unternehmergeist seine Profitchance und die IT-Aktienblase, um die Jahrtausendwende, schwoll an, um nur wenig später zu zerplatzen. Heute, Jahre später, ist es google gelungen, aus dem Web Milliardenprofite zu generieren, während andere allseits bekannte Plattformen (youtube, facebook) eher Verluste denn Gewinne einfahren. Nichtsdestotrotz erkennt die Buchbranche, vor allem die Verlage, dass eine Webpräsenz notwendig ist. Aber diese Präsenz alleine verkauft noch keine Bücher. Was es braucht ist die gezielte Ansprache von lesefreundlichen Communities. Anfänglich entstanden kleinere Literaturportale oder Literaturblogs, aus Eigeninitiative einiger weniger Büchermenschen. Als diese eine erstaunliche Größe aufwiesen, wurden auch die Verlage auf das Marketing-Potenzial aufmerksam. Ohne jetzt eine belegbare Statistik zu haben, gehe ich davon aus, dass es sicherlich auch Portale gibt, die von Verlagsgruppen und Medienhäuser wohlwollend unterstützt werden, vielleicht sogar von diesen ins Leben gerufen wurden. Mitarbeiter dieser Portale und Literaturblogs werden somit zum „unabhängigen“ Sprachrohr des Verlags bzw. der Mediengruppe. Das sollte man nicht unter den Teppich kehren.

Zu guter Letzt gibt es noch die geneigte Leserschaft, die ihre ganz eigene Bucherfahrung mit sich trägt. Da gibt es die einen, die sich eine Welt ohne einem Buch nicht vorstellen können oder wollen; diese Buchenthusiasten haben eine zärtliche Bindung zum gedruckten Buch aufgebaut. Dann gibt es jene, die lesen, was ihnen in die Finger kommt. Sie sind nicht sonderlich wählerisch, Hauptsache spannend und gut lesbar. Andere wählen ein Buch mit größter Sorgfalt, mokieren grässliche Typo-Schnitzer und lehnen schlecht gemachte Bücher von vornherein ab. Dann gibt es noch die „Hin-und-wieder“-Leser und die „Gar-nicht“-Leser. Und natürlich noch hundert andere Zwischenstufen und Nuancen. Wenn man dann noch auf den Lesegeschmack eingeht, könnte man tagelang über die verschiedenen Ausprägungen der Leserschaft sprechen. Und bitteschön nicht vergessen, dass jeder auf die eine oder andere Weise liest. Ein Verleger genauso wie ein Autor.

Und jetzt stelle man sich vor, man wähle kunterbunt aus diesen oben genannten Typen hundert  Menschen aus, stecke sie in einen Saal und lasse sie über die Zukunft des Buches diskutieren. Was kommt dabei heraus? Zum Beispiel dieser Blogbeitrag. Und ein paar neue Kontakte.

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14 Antworten zu “Über die Zukunft des Buches

  1. Peter Hellinger Samstag, 8 Mai, 2010 um 21:40

    Du bringst es auf den Punkt. Zum einen waren auf dem Buchcamp wenn ich es richtig gezählt habe nur ganze 3 Autoren, ganz wenige Belletristik-Verleger (ich zähl ich mal zu den beiden Gruppen) und das Groß waren dann auch Fach-Verlagsleute. Halt, und 1 (!) Buchhändler. Natürlich sind wir in der ein oder anderen Weise Leser, aber wir sehen das natürlich auch durch unsere Brille gefärbt. „Der“ Leser kam in den Sessions eigentlich nicht vor, das Thema eBook und iPad hat vieles angetrieben. Ändern wird das Buchcamp nichts, weil die „Big Player“ gar nicht dabei waren. Wie die Zukunft des Buches aussieht wird uns Google, Apple oder Amazon klar machen, und wir können da nur noch mitschwimmen. Steuern können wir – so sehr ich das bedaure – wohl kaum etwas.

    Als Autor und (Klein-)Verleger werde ich immer irgendwie was verkaufen können, auch die großen Drei brauchen Content, ob nun Holz oder Digital ist dabei egal.

    Was ich sehe ist, dass es der kleine Buchhändler vor Ort nicht schaffen wird. Bis auf wenige Ausnahmen werden die auf der Strecke bleiben, vielleicht als „Analoge Buchcommunity“ mit Kaffee-Ausschank und Weinhandel überleben.

    Als Schreiber und Drucker müssen wir wieder an den Leser ran. Nicht Apple ist unser Geschäftspartner, unser Zielpublikum, sondern der Leser. Wenn wir das begreifen, kann uns eigentlich egal sein, ob der Zwischenhändler Umbreit, Libri oder Google heißt.

    • Richard K. Breuer Montag, 10 Mai, 2010 um 0:16

      An den Leser ran. Yep. Das ist die Devise. Leider nicht einfach. Aber was ist heutzutage in der Buchbranche noch einfach? „Analoge Buchcommunity“ mit Kaffee-Ausschank und Weinhandel? Ja, das ist definitiv die Lösung – jedenfalls in Wien 😉

  2. Pingback: BuchCamp 2010 – wenn Dialog zur Arbeitsform wird « enka-Dialog Blog

  3. Pingback: [Video] Tablets & eReader: Was kommt, was bleibt (?) » eReader » lesen.net

  4. Krimimimi Sonntag, 9 Mai, 2010 um 18:30

    Schade, daß Du nicht dabei warst und kräftig mitdiskutiert hast. Die Ansichten der Autoren sind sicher genau so vielfältig wie die der Verleger und Buchhändler. Nächstes Jahr? 🙂

    • Richard K. Breuer Montag, 10 Mai, 2010 um 0:18

      Wenn es nächstes Jahr den Euro und die Buchbranche noch gibt, dann schau ich sicherlich vorbei 😉 Vielleicht sollte man einen zweiten informellen Tag/Abend einplanen. Durchs Reden kommen ja die Leut zsamm, wie man so schön sagt, gell.

  5. Pingback: ninare » Buchcamp 2010 «

  6. Dorothee Werner via facebook Montag, 10 Mai, 2010 um 0:05

    Aber schön, dass das Buchcamp Dich zu dieser ausführlichen Reflexion anregen konnte.

  7. Bluni Montag, 10 Mai, 2010 um 10:06

    Wow!! Wie lange war ich nimmer hier, frag ich mich?

  8. hawthorne Sonntag, 30 Mai, 2010 um 6:58

    ich denke die zukunft des buches liegt im ebook. das hat zukunft und wird das papierbuch verdrängen und schliesslich ersetzen.

  9. Pingback: Nähe und Distanz auf einem Barcamp #bcvie « richard k. breuer

  10. RAMAH Freitag, 15 Februar, 2013 um 14:34

    Ich glaube eher nicht, dass das ebook das Buch voll ersetzen kann; ein Buch in der Hand zu haben, ist teilweise viel paktischer – z.B. beim Blättern – als ein ebook reader. Weitere Meinungen hierzu wären interessant.

    • Richard K. Breuer Freitag, 15 Februar, 2013 um 23:52

      Ich würde mal sagen, es gibt Bücher, die kann man sich, pardon, schenken und dann gibt es wiederum Bücher, die scheinbar vom Markt „verschwinden“- vermutlich, weil der Inhalt nicht dem gegenwärtigen Gedankenstrom entspricht. Wir dürfen nicht vergessen, dass digitale Bücher zwar viele Vorteile haben, aber die Manipulier- und Löschbarkeit ist freilich immer gegeben.

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