richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Dein derzeitiges Lieblingsbuch?

„Dein derzeitiges Lieblingsbuch und warum?“, möchte Alexandra Künzler für ihren Zürcher Literaturblog Bücherwahnsinn von mir und zwei weiteren Autoren (welche?) wissen. Im Gegensatz zur letzten Frage („Wie beginnst du ein neues Buch?“) wird die Antwort kürzer und vermutlich wenig spektakulär ausfallen. Äh, ja.

Bevor ich die Frage beantwort, muss ich ausweichende Erklärungen voranschicken: ich lese (im Gegensatz zu meinen AutorenkollegInnen) bescheiden wenig Bücher zeitgenössischer Autoren, tue mir schwer, überhaupt welche zu finden, die mich packen und gar nicht mehr loslassen (ich rede von Bücher, ja?). Zumeist lese ich „Stoff“, der für mein neues Buchprojekt relevant ist, verzichte aber zu meist auf solche Texte, die mich zu sehr von der eigenen Spur bringen könnten (äh, ich bin ein wenig abgelenkt, weil ich die Tweets zum Wiener Barcamp #bcvie in Echtzeit beobachte und kommentiere – damit es nicht heißt, die Autoren lebten in ihrem Elfenbeinturm und wüssten nicht, was da draußen in der Welt so vor sich geht; und wer weiß, vielleicht werden Tweets die Bücher der Zukunft füllen. Who knows?).

Also, erst letztens habe ich Beaumarchais Die Hochzeit des Figaro gelesen. Am LCD-Schirm. Das Theaterstück gibt es gratis (legal, weil gemeinfrei) im Internet zum Lesen. Es ist köstlich. Der Witz ist so erfrischend, dass man nicht meinen möchte, dass der Autor das Stück vor über 200 Jahren geschrieben hat. Ich bin noch immer erstaunt, wie es möglich ist, dass sich der Humor über die Jahrhunderte so erhalten hat. Dass Beaumarchais ein Leben voller Höhen und Tiefen in den farbenprächtigsten Facetten erlebte, sollte dann schon nicht mehr verwundern. In jeder Komödie steckt auch die Tragik. Dass er mit seinen Texten und Pamphleten die Französische Revolution begünstigte, sie befeuerte (auch wenn er sie in diesem blutigen Ausmaß nicht gewollt hätte), zeugt auch wieder von der Naivität, die viele Autoren aufweisen (genauso, wie andere wiederum ihren „Impact“ völlig überschätzen). Und da ich mich ja intensiv mit der Französischen Revolution beschäftige, war das Theaterstück eine kurzweilige Recherche-Übung.

Zum Geburtstag bekam ich die Hörbiografie von Billy Wilder. Aber nach einer guten Stunde war die auch schon wieder vorüber. Da möchte man natürlich viel mehr hören, viel mehr über Billy Wilder, diesem alt-österreichischen Drehbuchautor und Regisseur, dessen spitzer Humor in Hollywood gefürchtet war, erfahren. Obwohl sein Film „Extrablatt“ bei Publikum und Kritiker durchgefallen ist, muss ich immer wieder daraus in meinen Büchern zitieren. Dr. Eckelhofer ist der (klischeehafte) Parade-Psychologe Wiener Schule mit seinem näselnden Schönbrunner Deutsch. Herrlich!

Ein zweites Hörbuch liegt griffbereit am Schreibtisch. Aus Balzacs Tolldreiste Geschichten wird gelesen. Werde ich mir in einer ruhigen Stunde anhören. Bei Balzac kann man nicht viel falsch machen, auch wenn sein literarisches Konvolut einen förmlich erschlägt und ermüdet. Dieser schreibwütige, immer Schulden machende Berserker, kritzelte sich mit Tinte und Feder zu Tode (weil er glaubte, sich mit dem Schreiben aus der Schuldenfalle befreien zu können). Das Leben ist schon bösartig ironisch, wenn der  gute Balzac endlich seine polnische Aristokratin heiraten darf und er sich in den siebten Himmel träumt (schuldenfrei, reich, keine Sorgen) um dann zu sterben. Deshalb lese ich so gerne Biographien. Weil das Leben immer noch die besten Geschichten schreibt. Period! (wie der Amerikaner sagen würde)

Im Übrigen, ich muss es gestehen, ich habe noch kein Buch zwei Mal gelesen. Ist das seltsam? Nicht, dass es nicht ganz, ganz tolle Bücher gäbe, aber mich packt das schlechte Gewissen, weil ich denke, ich könnte in der Zeit, in der ich dieses mir bereits bekannte Buch lese, etwas anderes tun. Wie dem auch sei. Ich, für meinen Teil, empfehle natürlich meine Lieblingsautoren: Arthur Schnitzler („Halbzwei“ muss man gelesen haben, um zu wissen, wie Mann und Frau ticken), und die Wiener Kaffeehausliteraten des Fin de Siècle,  Stefan Zweig, Alessandro Bariccos „Seide“ (ich kenne nur dieses von ihm – und ich habe diesem Buch viel zu verdanken!), Georg Stefan Troller (ich traf ihn in Leipzig – ein älterer Herr der alten Wiener Schule wie er im Buche steht), Frederic Morton (hab mir mal ein Autogramm von ihm geholt – das kommt selten vor. Period!), Puskins „Die Reise nach Arzrum“ (das nenn ich natürlich nur, um ein bisserl anzugeben, weil es die wenigsten kennen), Márais „Die vier Jahreszeiten“ (huh, die tristen Seiten des Autorenlebens) und noch ein paar mehr. Aber jetzt hör ich besser auf.

 

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7 Antworten zu “Dein derzeitiges Lieblingsbuch?

  1. die Radiomarijke Sonntag, 30 Mai, 2010 um 10:34

    Hui ja die Hocheit des Figaro ist großartig, aber noch großartiger als es am PC zu lesen, ist es, es als Theaterstück zu sehen. Nicht in einem muffigen alten Theatersaal, sondern auf einer riesigen Freilichtbühne, die sich in sich drehen kann. Mitcuralten Kostümen und einem Harlekin, der die Zuschauer von Szene zu Szene führt, mit viel Gesang und herrlich köstlichen Versteckspielen und Missverständnissen 🙂

    • Richard K. Breuer Sonntag, 30 Mai, 2010 um 22:17

      Gesang? Hmm. Du meinst vermutlich die Mozart-Oper, nicht? Wobei, das Stück zu inszenieren stell ich mir gar nicht einfach vor. Das Timing muss schon ziemlich gut sein, um den Dialogen Witz zu verleihen. Wäre eine Versuchung wert. Oui, oui.

  2. blücherblog via facebook Sonntag, 30 Mai, 2010 um 22:34

    dank dir für den figaro tipp – was ganz feines zur abwechslung…

  3. die Radiomarijke Sonntag, 30 Mai, 2010 um 22:54

    eine großartige Versuchung… hab das hier in Aachen live gesehen: http://www.youtube.com/watch?v=WR7s_xUkQYE

  4. Richard K. Breuer Montag, 31 Mai, 2010 um 9:28

    Oha. Ist ja vom Peter Turrini. Mit dem hat mein Vater schon mal einen Schnaps getrunken 😉 Der Trailer ist, naja, nett. Ich schätze, das Theaterstück war wohl besser 😉

  5. die Radiomarijke Dienstag, 1 Juni, 2010 um 15:15

    ich schätze du hast meinen damaligen Beitrag darüber von deiner Festplatte gelöscht.

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