richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Tagesarchive: Montag, 31 Mai, 2010

Nähe und Distanz auf einem Barcamp #bcvie

Barcamp Vienna 2010

Barcamp Vienna 2010

Als ich am Samstag Vormittag das übliche Twitter-Zappen machte, bemerkte ich diese Aufregung um Hashtag #bcvie und machte mich (neugierig und als sozialer Netzwerker, der Angst hat, etwas zu verpassen) auf die Suche nach der Erklärung, die natürlich mit der Suchmaschine meiner Wahl in Sekundenschnelle zu finden ist. Ein Barcamp wurde abgehalten. Mitten in Wien. Schlapperlot. Wer so ein Camp nicht kennt, nun, das hat nichts mit Rucksack und Saufgelage zu tun (wobei, bei ersterem könnte es sich um einen Laptop-Rucksack handeln und zweiteres schließt sich ja per se nicht aus), sondern viel mehr mit Menschen, die sich in der virtuellen Welt zu Hause fühlen und ihre Avatare ins wirkliche Leben ausführen. Eine passendere Erklärung: bei einem Barcamp handelt es sich um eine „Ad-hoc-Nicht-Konferenz“ („Unkonferenz“), vorwiegend besucht von Menschen mit Web-, Medien- und IT-Hintergrund. Vermutlich haben diese Unkonferenzen mit der entstandenen Open-Source-Mentalität zu tun („jeder trägt sein Scherflein kostenlos bei und profitiert am Ende vom Ganzen“ – linux, firefox & co zeigen, wie gut das funktionieren kann!).

Zum ersten Mal in Berührung kam ich mit einem Barcamp vor wenigen Wochen, als sich die junge deutsche Buchbranche daran machte, zu ergründen, wie denn die Zukunft des Buches aussehen könnte. An jenem Samstag verfolgte ich von Wien aus die Diskussionen und Präsentationen („Sessions“), tauschte mich aus und schrieb schließlich meine Eindrücke nieder. Diesmal verfolgte ich das Barcamp einen Tag lang ebenfalls von zu Hause aus, twitterte und retweetete und sah mir die Twitter-Profile, Blogs und Webseiten jener Leutchen an, die sich dort einfanden. Ein 360°-Panorama-Bild der samstäglichen Teilnehmer gibt’s hier – und wie wir alle wissen, sagt ein Bild bekanntlich mehr als 1000 Worte: Foto.

Falls sich der geneigte Leser jetzt fragt, was es denn mit diesem Twittern auf sich hat (erst gestern TC. einen Crash-Kurs gegeben; „Wofür brauch ich das?“), nun, da würde ich sagen, es ist die erwachsene Version eines Chatportals. In Österreich sollen etwa 25.000 Menschen twittern. Das klingt recht bescheiden. Ist es auch. Andererseits muss man wissen, dass gerade wichtige Multiplikatoren (Journalisten, Geeks, Medienleute, Social Media Superstars, Netzwerker, usw.) auf Twitter setzen. Es ist eine durchaus elitäre Community, die von einer Massenbewegung verschont wurde (während sich in facebook laut digital affairs über 2 Millionen Österreicher tummeln, was Gründervater und nunmehriger Milliardär Zuckerberg freuen dürfte, wenn es ihm nicht gänzlich wurscht ist). Warum also nutzen nur so wenige Leutchen diesen Dienst? Nun, mit ein Grund mag sein, dass Twitter auf den ersten (und zweiten) Blick ziemlich verwirrend, inhaltsleer und sinn-los daher kommt. Erst mit den richtigen Kontakten (Followern) entsteht ein (befriedigender) persönlicher Austausch, ansonsten mutiert es zum passiven Info-Portal. Die Frage ist, wie man zu den „richtigen Kontakten“ kommt? Und wie macht man einerseits auf sich aufmerksam, andererseits einen guten Eindruck? Dazu braucht es Fingerspitzengefühl, das richtige Profil, die richtige (charakterliche) Einstellung und Zeit. Es gibt genügend „richtige Kontakte“, für die ich, dezent gesagt, Luft bin. Tatsächlich spiegeln soziale Netzwerke im Web nur die Wirklichkeit wider. Wer sich also eine offene und freie Gemeinschaft wünscht, der muss wohl in die Zeit zurück reisen und Woodstock 1969 besuchen. „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ haben vermutlich mehr zu einer „freieren“ Gesellschaft beigetragen, als das Web. Aber das ist natürlich nur meine Ansicht (bewiesen ist, dass früher mehr Liebe gemacht wurde als getwittert).

Nach dem ich mich also am Samstag fleißig eingebracht hatte, stattete ich dem Barcamp am nächsten Tag, Sonntag, einen Besuch ab. Vorweg – bevor ich ins Detail gehe – sollte man den Sponsoren, allen voran Microsoft, danken, die diese Unkonferenz möglich machten, weil sie die Kosten übernommen hatten. Zwar ist das Budget für diese zwei Tage im Vergleich zu einer Business-Konferenz für ein Unternehmen lächerlich gering, trotzdem ist so ein Sponsoring nicht selbstverständlich. Vielleicht sollten andere Unternehmen einmal darüber nachdenken, ein Barcamp auf die Beine zu stellen. Der positive Eindruck, der sich bei den Beteiligten im Hinterkopf fest setzt, ist nicht zu verachten. Gut möglich also, dass diese Barcamps in Zukunft noch mehr Freunde finden werden.

Wer eine „offene“ Veranstaltung besucht, muss sich mit einem Thema im Besonderen auseinandersetzen: Menschen! Als ich mich also Sonntag Morgen auf den Weg machte, da spukten schon viele Bilder in meinem Kopf herum. Immer ist das Ankommen die schwierigste Hürde, die es zu nehmen gilt. Im Besonderen und gerade dann, wenn du niemanden der Anwesenden persönlich kennst. Zwar gibt es virtuelle Kontakte, aber wie sollte man diese auf Anhieb finden und richtig zuordnen? („Bist du algebra42? Nein? Vielleicht appleseed33?“) Wie dem auch sei, ich stellte mich beim Empfang artig an und vor und fabrizierte mein Namensschildchen gleich mal selbst, da meine Anmeldung zu spät einlangte. Gesagt getan, ich befestigte mein hübsch designtes Namensschildchen und … ja, das ist der Moment, wo man sich wieder hinter einen Bildschirm wünschte, wo man Kontakte suchen und finden und sich gegebenenfalls verstecken kann. Aber in der Realität gibt es keine Listen, keine Filter, keine Photoshop-Masken. Du musst dich innerhalb weniger Sekunden entscheiden, was du tust, wohin du gehst, an wen du dich wendest. Vielleicht zu dieser Gruppe? Oder zu jener. Oder zu gar keiner? Und steht da nicht auch einer alleine herum, der so tut, als würde er nicht alleine herumstehen? (diese Leutchen sind mir natürlich suspekt)

Gut. Ich schinde Zeit. Besorge mir einen Kaffee bei der Espresso-Maschine, gehe damit zum Buffet, nehme mir etwas zum Essen und  … ja, da ist der Moment, wo man sich wieder hinter einen Bildschirm wünscht – 32 Zoll Breitbild wären ganz gut. Ich entscheide mich schließlich für ein Pärchen, das an einem Tisch sitzt und nicht „geschlossen“ wirkt. Da wir uns ja auf einer Unkonferenz befinden, frage ich nicht, ob ich mich zu ihnen setzen darf, sondern tue es mit den Worten „Ich setze mich zu euch“.  Äh, ja.

Nun beginnt die Applikation soziale Kompetenz 2.0 im Hintergrund zu laufen. Die beiden machen nicht den Eindruck, als würden sie es gerne sehen, dass ich ihre Kreise störe. Verständlich. Ich kenne sie nicht. Sie kennen mich nicht. Ich mache auch nicht den Eindruck, als würde man mich kennen lernen müssen, da ich mich ja zu ihnen setze und ihnen somit verdeutliche, dass ich kein Schwein kenne, was bedeutet, dass ich vielleicht ein copy&paste-Wannabee der Version 3.0 bin. Meine Versuche, die beiden in ein Gespräch zu verwickeln scheitern kläglich. Da sitze ich nun. Trinke meinen Kaffee, esse meine Topfengolatsche (für unsere germanischen Leser: Quarktasche) und … ja, da ist der Moment, wo man sich wieder hinter einen Bildschirm wünscht. Kein Wunder also, wenn die Leutchen ihre Laptops mitnehmen und sich so vor Ort hinter einen Bildschirm verstecken können. Tja.

Ich spiele also #5tes_Rad_am_Wagen_1.0 und überlege, wie ich aus dieser kommunikativen Ereignislosigkeit herauskommen könnte. Flucht? Aber wohin? Niemand scheint sich da anzubieten. Zugegebenermaßen will ich auch nicht blöd in der Gegend herumgucken („Hallo? Will mich jemand?“), man hat ja seinen Stolz. Schließlich spricht mich doch tatsächlich jemand an. Wunder7.0, sozusagen. Ein ehemaliger Arbeitskollege, der mich erkannte. Vermutlich ist er auch froh, ein ihm bekanntes Gesicht zu sehen. Wir unterhalten uns nett, auf der Terrasse und machen uns dann auf den Weg zu einer Session. Ja, ich war wieder versöhnt. Ein wenig.

Nach der Session von J1. (über BI, Web-Analyse) ist wieder vor der Session. Ich verlasse den Raum und … mache mich zum Getränke-Buffet auf. Dort steht ebenfalls ein Pärchen. B. und J2. Und hier sehen wir wieder, wie grundverschieden die zwischenmenschlichen APIs ineinander greifen. Ich stelle mich zum Getränketisch, B. macht einen Schritt zur Seite und entschuldigt sich, im Weg gestanden zu sein. Das hätte sie nicht tun müssen, ist aber ein Signal, dass sie mit mir aktiv kommuniziert. Im althergebrachten Fachjargon würde ich sagen, sie hat mir den Ball zugespielt. Erfreut darüber, spiele ich ihn zurück. Worauf sie wiederum diesen zurückspielt. Man glaubt gar nicht, wie wunderbar so etwas sein kann (als würde man einem Verdurstenden Wasser reichen). In Mitten dieser Unkonferenz, in der Dunkelheit des eigenen Seins, trifft man auf jemanden, der für einen Licht und Ortungspunkt ist (#Koordinaten). Ich spiele den Ball natürlich auch J2., ihrem Nebenmann zu (der nur zufällig neben ihr gestanden ist) und kann auch an seiner Art erkennen, wie erleichtert er ist, dass er ins Spiel eingebunden wird und das Licht angeht. So verbringen wir drei dann eine gemütliche Zeit auf der Terrasse, plaudern angeregt und interessiert und ich gebe den beiden einen Crash-Kurs über die (althergebrachte) Verlags- und Buchhandelslandschaft. Schön. [Reflexion: diesmal bin ich es gewesen, der anderen signalisierte, dass er oder sie meine Kreise nicht stören soll]

Aber auch diese nette Unterhaltung muss schließlich einer Session weichen. Man verliert sich aus den Augen. Nun weiß man nicht so genau, wie man sich verhalten soll. Wie viel Nähe, wie viel Distanz ist nötig, um den anderen nicht einzuengen (#klette). Und will man nicht auch andere Menschen kennen lernen? Ein Dilemma, in dem man steckt. Tja. In der virtuellen Welt ist alles so einfach. Du twitterst, e-mailst, facebookst mal mit jenem, mal mit dieser. Du wechselt, je nach Lust und Laune und Gusto. In der realen Welt ist es nicht möglich. Sich höflich und sozial kompetent aus der Affäre zu ziehen, sich von seinem Gesprächspartner abzuwenden, gerade wenn man zu zweit und alleine zusammen steht, ist eine zwischenmenschliche Herausforderung der Überdrüberklasse.

Zugegeben, wäre ich bereits am ersten Tag am Barcamp aufgetaucht,also von Anfang an dabei gewesen, hätte ich mich kurz vorstellen dürfen, in der Vorstellungsrunde. Vielleicht hätten sich andere Begegnungen eingestellt (oder noch weniger?). Die zwischenmenschliche Chemie im realen Raum wird auch durch das Web nicht aufgehoben, kann es auch gar nicht (schon mal ein blind date gehabt, ha?). Vielleicht, als vage Idee, könnte man das nächste Mal die Session „Kaffee3.0“ anbieten. Einfach eine Möglichkeit schaffen, dass sich Fremde nicht fremd fühlen. Oder, im Geek-Sprech: „Beschnuppern3.0“.

Übrigens: B. hat sich tatsächlich von mir verabschiedet. Ich werte das als ein gutes Zeichen. Ich, für meinen Teil, konnte mich leider nicht mehr von meinem ehemaligen Arbeitskollegen, J1. und J2. verabschieden. Diese waren in einer Session oder sonstwo. Und ich machte mich auf den Nachhauseweg. Vermutlich haben sie gedacht, ich sei ein unfreundlicher Zeitgenosse. Aber falls sie diese Zeilen lesen, dann wissen sie, dass ich ihnen gerne gesagt hätte: „bis zum nächsten Mal, ja?“

NACHTRAG:

Wer wissen will, wie GEEKS ticken, bitte sehr: @electrobabe weiß die Antwort

Blogparade von Monika, einer Kärnter Bloggerin zum Thema „Mein erstes Barcamp

Christian Lendl hat am Buchcamp sein Kamera-Equipment mitgehabt und benutzt. Hübsche Bilder gibt’s hier!

Ritchie Blogfried Pettauer hat einen detaillierten Blick auf das Barcamp geworfen. Informativ.

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