richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Madeleine und Madame Anonym (2)

Nach der Eröffnung, nun der zweite und letzte Teil von Madame Anonym liest Madeleine“. Zwischenzeitlich wurde das Manuskript von meiner Wiener Lektorin EJ. durchgesehen und neben kleineren Anmerkungen, gab es keine Einwände oder Kopfschüttelein. Damit kann der Versuchsballon in die offizielle Phase gehen. Es wird also ernst. Aber zuvor öffnen wir wieder den Vorhang und bitten  Madame Anonym auf die Bühne und lesen, was sie zu den letzten Kapiteln zu sagen hat. Voilà.

Aus. Ende. Vorbei. Für ein ordentliches Resümee hat mich das Ende vorerst zu sehr mitgenommen.

59: Schuld und Sühne. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: die „Salonkapitel“ sind Deine besondere Begabung; die Gesellschaft (und ich meine, Die Gesellschaft) der Zeit anschaulich historisch nachvollziehbar und gleichzeitig amüsant (im weitesten Sinn des Wortes) zu präsentieren, ist schon etwas, das man nicht so häufig sieht. Aber bei Dir hat das ganze auch noch Flair. Und. Eines noch. Mir dünkt, ich bin dem grandiosesten Satz des Romans – und wenn es nicht so nach Schmeichelei klänge, würde ich sagen, dem grandiosesten Satz seit längerem – begegnet. Herzlichen Glückwunsch.

60 Der Irrgarten Madeleines. Bei der Labyrinth-Szene, am Anfang, ist es ein bisschen sonderbar, dass Du zuerst an Madeleine dran bleibst, und dann plötzlich Galkins Tagträume erwähnst; das wirft einen Holzhammer. Wie eigentlich die ganze Labyrinth-Symbolik. Und der forcierte Spannungsaufbau.

61: Zwei Kindermädchen für Galkin. Momentan sind S. und L. meine Lieblinge, fürchte ich. Auch wenn sie nur Nebenfiguren sind. Aber die zwei haben Ausstrahlung! Und ihren eigenen, bizarren Charme. Oh, dear. Die Interaktion zwischen Madeleine und D. hat natürlich für die LeserInnen in der Vogelperspektive etwas wunderbar Morbides. Schön.

62: Kapitel Morris. Eines der Probleme, die ich mit Tiret schon hatte:  Du zitierst hier viel; nur, was Du zitierst, ist nicht „frei“ gesprochenes Wort, sondern Reden, Briefe, Essays, etc. Was zur Folge hat, dass sowohl Mirabeau als auch Morris, verglichen mit dem Duktus der übrigen Charaktere unnatürlich klingen – sie sprechen „historisch“, anstatt wie Menschen in einer Debatte.

63: Ein unbefahrener Seitenweg. Huch? Gardisten? Ansonsten: alles gut.

64: Eine Hühnersuppe in Saint-Jean Saverne. Die Betrachtungen über Unterschiede, Liebe, Schönheit und (Un)recht am Anfang gefallen mir; eine sehr elegante Art, die verschiedenen „Gegenpositionen“, die die Herrschaften einnehmen, pointiert darzulegen. Ludomila, das Biest. Aber sie weiß, was sie tut. Und sie ist mir immer noch nicht unsympathisch. Das ist eines der wirklich schönen Dinge bei Dir: Du präsentierst eine ganze Parade von moralisch schwer angeschlagenen, verlogenen, oberflächlichen, grausamen Charakteren – und irgendwie nimmst Du mich als Leserin trotzdem für sie ein. Und Madeleine, als einzige Lichtgestalt unter den Schurken und Antihelden … mittlerweile würde ich größere Summen wetten, dass sie das Ende dieses Romans nicht lebend sieht. Hm.

65: Ein simpler Plan. Oh Gott, Madeleine. Verstörendes Kapitel, aber gut.

66: Das Schaufeln eines Grabes. Tarantino und De Sade verbringen gemeinsam einen kreativen, aber sturzbetrunkenen Nachmittag, und Anouilh schreibt die Ergebnisse mit? So ungefähr liest sich das Kapitel für mich.

67: Das Lecken der Wunden. Es passt zum Grundtenor des Romans; es siegt die Gier. Und jetzt muss ich den Anfang von Brouillé nachlesen. Mir fehlen da schon wieder ein paar Kleinigkeiten.

Na, servus. Im Vergleich zu den frivolen Abenteuern von Mickiewicz, Marquis & Co [in den anderen Bänden] hat das Ende von Madeleine noch eine verstärkte Wirkung. Sehr, sehr gut umgesetzt, aber wie ich heute schlafen werde, will ich auch noch nicht wissen.

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7 Antworten zu “Madeleine und Madame Anonym (2)

  1. nebenschauplatz Samstag, 5 Juni, 2010 um 16:05

    hoert sich an, als wird das der jahrhundertroman. bin schon sehr gespannt. herzlichst, m

    • Richard K. Breuer Sonntag, 6 Juni, 2010 um 10:55

      Jahrhundertroman? Klingt gut. Wobei, erst wenn man alle Bücher zusammen nimmt (Tiret – Brouillé – Madeleine – Penly), dann, ja, dann kann man von einem großen Wurf sprechen. Oui, oui, Maureen. Bist du bald wieder in good ol‘ Europe?

  2. Eva J. Freitag, 11 Juni, 2010 um 1:45

    Ich habe vom werten Autor eine Hausübung serviert bekommen, der ich nun doch, nach einigen Tagen des Zierens, Folge leisten will.
    Besagte Aufgabe besteht darin, aus dem scheuen Eckchen der Lektorin herauszutreten und MIT LAUTER STIMME meinen Senf/Rettich/Radi beizusteuern.
    Nun denn: ich durfte Madeleine genüsslich lesen, einfach-mal-lesen. Habe mich dem gemächlichen Tempo des Textes ergeben. Habe die bisher üblichen Verdächtigen ein bisschen vermisst, in den handelnden Personen jedoch gute, wenn auch, Achtung!, deftige Alternativen gefunden. Durfte Einblick nehmen in historisches Schwestern-Hick-Hack. Habe mich an Ritterlichkeit ergötzt. Und die Luft angehalten. Wahrlich, Leute, ich sage nur: Ignacy und Piotr. Und am Ende? Hätte ich gerne einfach weitergelesen *seufz*
    Béret ab! Eva

  3. nebenschauplatz Freitag, 11 Juni, 2010 um 9:27

    madame anonyme schreibt so kitzelnd, dass ich am liebsten gleich anfangen lesen möchte. sofort und jetzt.

    P.S.: das madeleine pdf wuerde mich natuerlich sehr, sehr interessieren.

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