richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Das Mädchen mit dem Rad

bea e la bici | 90 x 70 | oil and acrylic on jute | 2007 von Lucia Riccelli

bea e la bici | 90 x 70 | oil and acrylic on jute | 2007 by lucia riccelli

Ein lauer Abend. Ich bin am Nachhauseweg. Biege um die Ecke und möchte die Treppe nach unten nehmen, die zum Donauufer führt, als mir unvermutet ein Mädchen mit geschultertem Rennrad entgegen kommt. Ich schaue sie an. Mache einen überraschten Gesichtsausdruck. Sie schaut mich an. Und nimmt meinen überraschten Gesichtsausdruck mit einem Lächeln wahr. Dann ist sie an mir vorbei und ich an ihr. Auf dem weiteren Nachhauseweg, entlang der fließenden Donau, mache ich mir Gedanken. Über diese Begegnung. Und erinnere mich an all die gut gemeinten Ratschläge, immer mit einem Lächeln durch die Welt zu gehen und jedem eines zu schenken. Aber wohin würde das führen? Würde dadurch nicht das Besondere entwertet? Ein Vergleich drängt sich förmlich auf, muss hier genannt werden: es ist, als würde man jeden LIKE-Button in Facebook anklicken, der einem über den virtuellen Weg liefe. Anfänglich würde sich der „Gemochte“ freuen, aber wenn er erführe, dass man jeden LIKE-Button anklickte, würde diese Freude schnell verebben. Genauso würde es mir gehen, wenn dieses Mädchen mit dem Rad jeden anlächelte. Der Zauber, die Illusion, sie wären mit einem Male dahin. Ein zweiter Gedanke kommt mir ebenfalls in den Sinn. Dieses Mädchen, dieses Lächeln hat zu diesem Beitrag geführt. Wäre es denkbar, frage ich, dass man selbst einmal Auslöser einer inspirativen Kraft war? Ohne es zu wissen, hat man einem unbekannten Menschen zu einem kreativen Impuls verholfen. Freilich, es mag unwahrscheinlich sein und wir würden es nie erfahren, wenn es denn so wäre, aber eines ist es in jedem Fall: tröstlich. Und das ist schön.

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6 Antworten zu “Das Mädchen mit dem Rad

  1. die Radiomarijke Freitag, 11 Juni, 2010 um 10:52

    und wenn er nicht gestorben ist, dann wartet er noch heute an der Treppe zum Donauufer, in der Hoffnung, das Mädchen mit dem Rennrad ein zweites Mal lächeln zu sehen 🙂

    • Richard K. Breuer Freitag, 11 Juni, 2010 um 11:04

      Ich denke, es gibt einmalige Momente, die durch eine Art von Wiederholung nur entzaubert werden. In einem guten Film, Marijke, würde mich das Mädchen mit ihrem Rennrad übern Haufen fahren. Erinnert mich jetzt an den englischen Film … wie hieß er doch gleich …

  2. die Radiomarijke Freitag, 11 Juni, 2010 um 11:34

    🙂 und wieso heißt es dann: man sieht sich immer zweimal im Leben? Versteh einer die Schriftsteller 🙂

    • Richard K. Breuer Freitag, 11 Juni, 2010 um 11:56

      Man sieht sich immer zweimal im Leben? Ach, wer sagt das? Und, naja, ich habe ja nicht ausgeschlossen, dass man(n) sich nicht auch ein zweites Mal begegnet, es ist dann einfach nicht mehr so verzaubernd wie beim ersten Mal. Na, Ausnahmen sollen ja die Regel bestätigen, nicht 😉

  3. m. v. nebenschauplatz Freitag, 11 Juni, 2010 um 14:08

    glaube mir, auch das zweite mal kann wunderbar entzückend sein und dich durch den ersten zauber regelrecht verzaubern lassen. und das ist schön so. auch wenn es eine sportliche dame mit rotem rennrad ist, und verschwitzter stirn.

    und wegen dem dichten. da denke ich grad mal nach, ob da nicht mal eins war. kein berühmtes. aber daraus zitiert.

    den artikel hast du übrigens sehr schön und stimmig geschrieben.

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