richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM 2010: Tag #6

Honduras : Chile  0 : 1

Als ich mich endlich dem Spiel widmen konnte, schossen die Chilenen ihr Tor. Das war in der 35. Minute. Aha, dachte ich mir, es tut sich etwas. Und in der Tat, die Chilenen spielten einen beherzten Offensiv-Fußball, während Honduras mehr oder weniger mit Händen und Füßen verteidigte. Wobei, so schlecht machten sie und ihr Torhüter es dann auch wieder nicht und brachten sogar die Chilenen gegen Ende schon ein wenig ins Schwitzen. Spanien und Schweiz sollten Honduras demnach nicht als Jausengegner abstempeln. Zurück zu den Chilenen, die forciert nach Vorne drängten. Am beeindruckensten die Vorstellung des jungen Sanchez, der vermutlich Christiano Ronaldo alt aussehen ließe. Seine schnellen Vorstöße, im Sprint  vorgetragen, den Ball eng am Fuß führend und den Abschluss suchend, also, meine Herren, der Junge hat Potenzial. Hätte ich bei einem namhaften europäischen Verein etwas zu sagen, ich würde sofort einen Scheck ausstellen, bevor der Kerl unbezahlbar wird. Je eher, desto besser. Wobei, wenn man gerade dabei ist, dann nehme man vielleicht noch den einen oder anderen der jungen, quirligen Chilenen. Die haben eine gesunde Einstellung. Gäb’s mehr von ihrer Sorte, die Fußballwelt würde einem Feuerwerk gleichen. Übrigens, jetzt habe ich mich doch dabei glatt ertappt, mit den Chilenen mitzufiebern. Ja, ich zitterte mich, wie all die vielen Chile-Fans dem Schlusspfiff entgegen. Offensiv-Truppen mit Ballkünstler-Ambitionen müssen im Bewerb bleiben, vielleicht sogar den WM-Titel holen. Sicheres, aus der Beton-Abwehr heraus spielendes Herumgewirxe, kann ich gar nichts abgewinnen. Ich will Emotion. Ich will den Zug zum Tor. Ich will den Siegeswillen in der Mannschaft spüren.  Hm. Wie feuert man eigentlich die chilenische Mannschaft an? Aha. Ich würde sagen mit »¡Aún tenemos Patria, ciudadanos!« Gerade gegen Spanien würde sich das eignen. Aber für die Schweizer tut es das auch. Bestimmt!

Spanien : Schweiz  0 : 1

Hola. Der Europameister strauchelt! Die Schweizer Defensive zog der offensivstärksten Truppe des Turniers den Zahn. Tja. Dumm gelaufen. Dass sich die Spanier dann auch noch einen Treffer einhandelten, da war schon ein gehöriges Pech dabei. Andererseits, einen Stangenschuss hatten sie auch noch zu verzeichnen, die Eidgenossen. Beeindruckt hat mich deren Abgeklärtheit. Da hat sich keiner von ihnen von einem Villa oder Torres oder Iniesta einschüchtern lassen. Sie spielten knochentrocken ihr System und verloren nie ihre Zuordnung. Das will etwas heißen. Da werden es auch zukünftige Gegner schwer haben, mit den Schweizern. Wobei, die Hürde Honduras muss erst genommen werden. Verteidigen und auf Konter lauern ist ja bekanntlich keine schwierige Aufgabe. Der beton-anrührende Spreu trennt sich vom Tore schießenden Weizen, wenn die Mannschaft das Spiel machen muss. Und ob das die Schweizer können, wird sich bald zeigen. Nämlich dann, wenn es gegen Honduras geht. Wobei, zuvor kommen die Chilenen. Huh. Und weil ich ja mit den Chilenen mitfiebere, hoffe ich natürlich, dass die Schweizer Betonabwehr bröckelt. Ich bin versucht zu sagen, dass die Schweizer mehr Mühe haben werden, mit den flinken Chilenen. Die Spanier, man muss es sagen, spielten Stehfußball. Weil sich die Schweizer Abwehrreihen an die Strafraumgrenze zurück zogen und dort den Platz eng machten. Was mir auffiel, ist, dass die Spanier ihr perfektes Kurzpassspiel zumeist in der Mitte aufziehen. Gibt man ihnen den nötigen Raum, dann ist das natürlich tödlich. Ist aber die Mitte zu, dann müssten die Spanier über die Seiten kommen. Aber da gibt’s niemanden. Ein Xavi, ein Alonso, ein Iniesta, allesamt sind sie perfekte Mittelfeldspieler, dummerweise zentral ausgerichtet. Ein Villa, ein Torres, ein Pedro? Zentrale Stürmer. Es gab mal ein Spanien, das auch hervorragende Flügelspieler hatte. Wo sind die nur hin? Nach der Einwechslung von Jesus (!) Navas, der an der Seite wirbelte, keimte Hoffnung auf. Und wäre diese Granate, die Alonso abfeuerte, nicht an die Latte gekracht, wir würden von keiner Sensation mehr sprechen. Jetzt wird es bereits eng, für die Spanier. Wer hätte das gedacht? Und die Schweizer? Könnten mit einem Sieg gegen Chile schon alles klar machen. Äh, ja, das wird wohl nicht so einfach gehen.


Südafrika : Uruguay  0 : 3

„Großes Kino!“, versprach ich SP., die mich fragte, was man heute Abend vom Spiel erwarten dürfe. Außerdem fügte ich noch an, dass die Urus nicht so stark seien und die Südafrikaner ordentlich Gas geben werden. Ist ja  für diese ein Heimspiel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber nach dem Schlusspfiff musste ich feststellen, dass ich mich gründlich geirrt hatte. Erstens mischten die Urus nicht mehr Beton an, wie noch im Frankreichspiel und zweitens forcierten sie ein druckvolles Pressing, das die nervösen Südafrikaner zu Fehlern zwang. Aber ich (und vermutlich die halbe Welt) wartete auf das Feuer, dass die Bafana Bafana entzünden würden. Tja. Auch hier musste ich feststellen, dass ich mich geirrt hatte (und vermutlich die halbe Welt). Kein Feuer, keine Leidenschaft. Nervosität, Unsicherheit, wohin das Auge reichte. Schade, schade. Wirklich. Aber wo viel Schatten, da auch ein wenig Licht: wir können davon ausgehen, dass die Vuvuzuelas, oder wie diese nervigen Tröööten heißen, alsbald aus den Stadien verschwinden werden. Im Übrigen hätten der Ausschluss des südafrikanischen Torhüters (warum erstarrte er eigentlich zu einer Salzsäule, beim ersten Gegentreffer, dem 1000 Gulden Schuss von Forlan? War der Ball wirklich so stark abgefälscht?) und der nachfolgende Elfmeter nicht gegeben werden dürfen, war doch der Stürmer der Urus im Abseits (bei Passabgabe war noch alles okay, aber dann wurde der Ball von einem Mitspieler abgelenkt und ab da war es dann Abseits).  Wir können sagen, die Südafrikaner waren nicht mit Glück gesegnet. Man stelle sich vor, sie hätten im ersten Spiel nicht die Stange getroffen, dann wären sie als Sieger vom Feld gegangen. Man stelle sich vor, der Schuss von Forlan wäre an die Latte gegangen. Aber was nutzt ein „Was-wäre-wenn“? Eben! Wir bleiben bei den Fakten: die Südafrikaner sind (so gut wie) draußen, die Urus hingegen müssen noch den Mexikanern ein Unentschieden abtrotzen. Das könnte ein heißer Tanz werden. Spannend!

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Eine Antwort zu “WM 2010: Tag #6

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