richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM 2010: Tag #8

Deutschland : Serbien  0 : 1

Nein, livehaftig habe ich es nicht gesehen. Zeitversetzt. Weil der Freundeskreis, groß und klein, dabei sein wollte und die terminlichen Pflichten den frühen Nachmittag belegten. Gegen 17 Uhr haben wir uns dann das Spiel angesehen. Wer meint, dass das Ergebnis bis dahin geheim blieb, der hat keine Ahnung von den Wegen des  mobilen Webs und den vielen virtuellen Störgeräuschen. Und eine Huperei am Ring, die einer der Zuseher beobachtet hat, auf dem Weg zu uns, spielte er herunter („Sicherlich nur eine Hochzeit!“). Dass mir VOR dem Spiel eine Kindergruppe mit der serbischen Flagge entgegen kam, wertete ich als gutes Zeichen. Es versprach Emotion. Und davon sollte es reichlich geben. Immer, wenn die Germanen auflaufen.

Exkurs. Als die Deutschen die Australier aus dem Stadion schossen, sich diese in Hilflosigkeit und Ängstlichkeit ergaben, jubelten unsere Nachbarn dermaßen laut, dass es einem Vuvuzuel-Getröööte gleichkam: nicht zum Aushalten. Da wurden sie bereits zum engeren Kreis der Favoriten gerechnet, da träumten viele schon vom „Pott“. Ich, hingegen, wenn es mir erlaubt ist zu sagen, ich hingegen hakte das Spiel gegen die Australier als Trainingseinheit ab und richtete mein Augenmerk auf das nächste Spiel, das gegen eine Mannschaft ging, die auch Fußballspielen will. Nennen wir diese Mannschaft einfach Serbien! Und siehe da, nach 90 Minuten sah die teutonische Fußballwelt ein wenig nüchterner aus. Freilich, die Deutschen hatten genug Chancen, um das Spiel zu gewinnen, und hätte Podolski nicht den Elfmeter so stümperhaft versemmelt, sie hätten das Spiel an sich gerissen und mit Sicherheit gewonnen. Aber alles Spielglück dürften die Deutschen bereits gegen Australien aufgebraucht haben. Erinnern wir uns nur an die Volley-Bombe von Podolski, die Schwarzer nur noch ins Tor ablenken konnte. Gegen die Serben gab es ähnliche Schüsse, ähnliche „Brachholder“, aber allesamt gingen sie seitlich am Tor vorbei. Und die Australier, mit ihrer ersten Attacke, da hätte der Ball beinahe den Weg ins Tor gefunden, aber irgendwie schaffte es die deutsche Hintermannschaft, das Spielgerät von der Linie zu kratzen. Gegen die Serben hingegen patzte die Hintermannschaft, musst das Tor hinnehmen. Und einen Ausschluss von Klose. Weil dieser zwei Fouls machte, die der Schiedsrichter jeweils mit Gelb ahndete. Ja, die Deutschen haderten. Wahrlich!

Wir Österreicher, die mit unserer Fußballnationalmannschaft ja weit im Schatten des großen Bruders stehen, hadern ja oft und oft. Bei der EM waren wir in den drei Gruppenspielen über weite Strecken die bessere Mannschaft und verloren trotzdem, während die Germanen mit mäßiger Leistung souverän ins Achtelfinale einzogen. Das ist dieser kleine Unterschied, der mich so zum Kochen bringt: „Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen die Deutschen“, lautet ja das geflügelte Wort dafür. Aber diesmal war es anders. Und das freut mich dann doch. Nicht dass ich den Deutschen das Ausscheiden in der Vorrunde wünschen würde (gab es das überhaupt schon mal?), vielmehr geht es mir darum, den Anhängern eine Ahnung zu geben, wie es uns Österreichern immer wieder geht: besser gespielt, trotzdem verloren (gut, es gibt auch lausige, grottenschlechte Partien).

Den Serben kann man nur gratulieren. Sie haben das Unmögliche möglich gemacht und dürften damit weiterkommen. Jetzt gibt es eines dieser berüchtigten Entscheidungsspiele der Deutschen. Wir wissen, sie werden wieder über sich selbst hinauswachsen, werden die Herausforderung annehmen und sich nicht verstecken. Während wir Österreicher unsicher und nachdenklicher werden, rücken die Deutschen zusammen und sagen „Jetzt erst recht!“ – In der WM-Qualifikation haben wir das erste Spiel gegen die Franzosen gewonnen, haben in einem Vorbereitungsspiel den Italienern ein Unentschieden abgerungen. Was haben wir daraus gemacht? Wir haben zögernd gegen Litauen begonnen und zwei Tore kassiert. Hätten wir diese deutsche Tugend, nämlich nur an den Sieg, nur an die Lorbeeren zu denken und zielgerichtet darauf los zu marschieren, dann wären wir schon Weltmeister.

USA : Slowenien  2 : 2

Äh. Ja. Das Spiel habe ich nicht mehr gesehen. Weil es ja gerade lief, als Podolski den Elfer verstolperte (der gute Gyan aus Ghana könnte ihm Nachhilfeunterricht geben, der hat schon zwei Elfmeter sicher verwandelt). Schade, dass ich das Spiel nicht livehaftig verfolgen konnte. Es versprach Spannung bis zum Abwinken. Und beinahe hätten die US-Boys, nach dem sie einen zwei Tore Vorsprung der Slowenen egalisiert hatten, auch noch gewonnen, hätte der Schiedsrichter nicht in der Nachspielzeit das Tor aberkannt, das sie gemacht haben. Obwohl die USA die hässlichsten Fußballdressen seit Peru 1978 haben (diese weiße „Schleife“ am sonst so hübsch dunkelblauen Leibchen, also, wem ist die eingefallen? Soll das Retro sein? Soll das eine Art von „Kavallerie“-Zeichen sein?)  Und weil wir gerade bei der Mode sind. Jetzt mal ehrlich: Jogi Löw und sein Partner (wer ist das eigentlich?) treten in einem derart peinlichen Partnerlook auf, dass es einem beinahe schmerzt. Diese eng anliegende Stoffweste, die ich schon als Jugendlicher nicht tragen wollte, die ist derart daneben, man kann es gar nicht in Worte fassen. Demgegenüber sitzt ein David Beckham im souveränen grauen Zwirn und gibt ein perfektes Model ab. Gut, die Engländer, wie wir gleich lesen werden, können dafür nicht kicken, im Gegensatz zu den deutschen, aber der modische Punkt geht eindeutig nicht an Deutschland. Definitiv nicht!

England : Algerien  0 : 0

Meine Güte. Warum hätte dieses Spiel nicht schon um 16 Uhr stattfinden können. Dann hätte ich es nicht gesehen und kein Hahn würde danach krähen. Stattdessen zeigen sie es um die beste Sendezeit. Was bleibt einem da übrig, als sich dieses Spiel anzugucken? Noch dazu, wo man ja im Vorfeld hörte, dass England endlich zeigen würde, was in ihnen steckte. Also, wenn das alles ist, was sie vorzuweisen haben, dann Gute Nacht. Die Vorstellung der Engländer liegt noch unter der Frankreichs, als sich diese gegen Mexiko aufgaben. Mir fehlen die Worte. Ist der europäische Fußball schlicht und ergreifend am Ende? Könnte es sein, dass diese Vielzahl an ausländischen Legionären, die in den großen europäischen Ligen eingesetzt werden, das Potenzial heimischer Fußballer ausdünnt? Okay, diese Frage wird vermutlich alle vier Jahre gestellt, aber merkwürdig ist es schon, dass die ehemals großen europäischen Länder kaum noch souverän die Gruppenphase beherrschen. Bezeichnend. Zurück zum Spiel Ach so, eigentlich kann man diesen Stehfußball ja kaum Spiel nennen. Dass die Algerier in der zweiten Halbzeit sogar bemühter und aggressiver waren, als die Engländer, das spricht schon Bände, oder? Meine Güte, wie haben sich die Engländer überhaupt für dieses Turnier qualifizieren können? Gut, das fragt man sich bei den Franzosen auch (da hat die Hand von Henry wohl mitgeholfen, nicht?). Diese 90 Minuten waren dermaßen lähmend, dermaßen öde, dermaßen schrecklich, dass man sofort und  für alle Zeiten den Mantel des Schweigens darüber legen muss. Und die Engländer? Sollten sich einen neuen Trainer suchen. Und, wie die Franzosen, von vorne anfangen. [ich halt’s nicht aus, die Australier haben gerade ein Tor gemacht, gegen Ghana?! … und jetzt macht Kewell auch noch ein Hands, im Strafraum, wobei …“]

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7 Antworten zu “WM 2010: Tag #8

  1. ebook leser Samstag, 19 Juni, 2010 um 20:07

    Das Fussballspiel gegen Ghana wird echt der Knüller werden, vor allem da Ghana 4 Punkte hat. Da muss sich unsere junge Mannschaft voll reinhängen, dass Deutschland weiterkommt. Ich hoffe doch sehr, dass wir die nächste Runde erreichen. Schade ist allerdings, dass Australien das Ruder nicht rumreissen konnte. Ich hätte es ihnen gegönnt.

    • Richard K. Breuer Sonntag, 20 Juni, 2010 um 11:06

      Yep. Gegen Ghana erwarte ich mir keinen spielerischen Leckerbissen, sondern einen Kampf bis aufs Blut. Das klingt jetzt natürlich martialisch, aber wenn es für beide Mannschaften um so viel geht, darf es keine Gefangenen machen, sozusagen. Dumm, dass Essien nicht mit von der Partie ist. Der würde Ordnung und Disziplin in die Truppe bringen. Auf der anderen Seite fehlt dafür der gute Ballack, der ja immer wieder Spiele im Alleingang entschieden hat (schmerzlich in Erinnerung der Freistoßhammer gegen uns Österreicher zur EM 2008).

  2. Pingback: Tweets that mention WM 2010: Tag #8 « richard k. breuer -- Topsy.com

  3. Matthias Sonntag, 20 Juni, 2010 um 11:22

    Leid tut es mir vor allem für die Ghanaer. Ich denke schon, dass die deutsche Mannschaft gewinnen wird – du hast die Sache mit dem „Gewinnergen“ gut analyisert. Gleichzeitig gewinnt Serbien gegen Australien und damit verpassen die Afrikaner das Achtelfinale. Schade!

    • Richard K. Breuer Sonntag, 20 Juni, 2010 um 11:38

      Zu guter Letzt könnten sogar noch die Australier die lachenden Dritten werden, weil die Serben vielleicht das letzte Spiel nicht mehr so ernst nehmen und davon ausgehen, dass die Soccaroooos eine leichte Beute sind. Ich schätze, die werden auch Kämpfen bis zum Umfallen. Das Spiel wird auch ein heißer Tanz. Dumm, dass man die Spiele gleichzeitig sehen muss.

      Bezüglich Deutschland ist die Sache einfach: wer Final-Ambitionen hat, der muss über sich hinaus wachsen. Punkt!

      • Matthias Sonntag, 20 Juni, 2010 um 11:46

        Stimmt, die Australier haben mich zuletzt auch positiv überrascht. Es ist alles möglich – und deswegen liebe ich den Fußball. Vielleicht scheidet ja auch tatsächlich Deutschland aus – das erste Mal in der Vorrunde einer WM. Und die Welt würde sich einfach so weiterdrehen 😉

  4. Richard K. Breuer Sonntag, 20 Juni, 2010 um 11:56

    Na, sollten Germanien in der Vorrunde ausscheiden, dann würde kurz die Fußballwelt inne halten und jedermann tät sich mal in den Arm zwicken („Träum ich?“).

    Andererseits, die Engländer und die Franzosen sollten ja auch schon ihre Koffer packen. Und für die Spanier beginnt erst die WM.

    Yep, Matthias, alles ist möglich. Deshalb mögen wir allesamt diese Kickerei 🙂

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