richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM 2010: Tag #14

Da haben wir den Salat. Italien hat die Koffer packen müssen. Zwei Tage nach dem Out des Vize-Weltmeisters  (wer es nicht mehr weiß: Frankreisch et Zidane, tu sais?) erwischte es nun auch den Weltmeister von 2006. Mehr noch, Italien ist abgeschlagener Letzte, in einer Gruppe mit Neuseeland (!), einem WM-Neuling, der eine Mannschaft aus Rugby-Spielern einsetzte und damit beachtliche Erfolge feierte. Vielleicht sollte Österreich bei der nächsten WM die Philharmoniker einsetzen. Die Musik ist ja noch eine Disziplin, in der wir Weltmeister werden könnten. Ja, ja.

Italien : Slowakei  2 : 3……………….Paraguay : Neuseeland  0 : 0

Italien! Gut. Im Spiel gegen Paraguay kann man schon mal mit einem torlosen Unentschieden beginnen. Aber gegen die Neuseeländer an den Rand einer Niederlage gebracht zu werden, ist bezeichnend, für einen amtierenden Weltmeister, der seinen fußballerischen Zenit längstens überschritten hat. Nun beginnt, analog der Franzosen, der Aufbau einer neuen Truppe. Im Großen und Ganzen hat Italien in den drei Gruppenspielen genau 20 Minuten herzergreifenden Fußball gespielt. Im letzten Spiel, als sie bereits zurück lagen, das definitive Aus vor ihren Augen, da bäumten sie sich auf – und agierten im Stile einer unerfahrenen Schülerliga-Mannschaft. Die Hereinnahme von Pirlo hat wohl Ordnung und System nach vorne gebracht, hat noch einmal alle Kräfte mobilisiert. Zwei strittige Szenen hätten durchaus noch den Ausgleich bringen können. Aber einmal wurde ein geschossenes Tor wegen Abseits aberkannt (eher gleiche Höhe), das andere Mal wurde der Ball hinter der Linie von Skrtel weggekratzt (eher nicht zur Gänze über der Linie). Der Anschlusstreffer von Quagliarella zum 2:3 war ein wunderbarer Weitschuss-Heber mit Gefühl, wie man es nur selten sieht. Zum Zungeschnalzen. Wird dem Italiener aber wurscht sein. Sì! Hätten die Italiener wenigstens in jedem Spiel zwanzig Minuten erfrischenden, offensiven Fußball gespielt, sie wären vielleicht noch dabei. Aber so, man muss es einfach sagen, haben sie nichts bei der WM verloren. Zu guter Letzt muss ich mich aber bei ihnen bedanken: die letzten zwanzig Spielminuten waren an Dramatik nicht mehr zu überbieten. Ich glaube, ich fiebere noch immer.

Neuseeland! Wer hätte das gedacht? Der krasse Außenseiter steht seinen Mann (ja, da waren ordentliche Hünen dabei!), hat durch eine ausgefuchste Rugby-Defensiv-Aufstellung die anderen drei Mannschaften an den Rand eines Nervenzusammenbruches geführt. Waren sogar knapp dran, die Italiener zu bezwingen. Ich schätze, in diesem Spiel war die Misere von Italien absehbar. Der beste Witz ist, dass Neuseeland, mit einem Sieg gegen Paraguay, noch hätte aufsteigen können. Das verdient natürlich die nötige Anerkennung. Und jetzt bitte wieder zurück, zum Rugby, ja?

Slowakei! Da schau her. Unser kleines Nachbarland hat Italien vorgeführt und sich ins Achtelfinale vorgedrängt. Am Dienstag werden sie gegen Holland antreten und erneut versuchen, eine Sensation perfekt zu machen. Sollte das der Fall sein, wäre es angebracht, nach Pressburg zu fahren. Weit ist’s ja nicht, von Wien aus. Dann gäb’s sogar WM-Stimmung, vor den Toren Wiens. Ja, ja. Wobei, ehrlich gesagt, den Slowaken habe ich nichts mehr zugetraut. Das Spiel gegen Paraguay hat ihre Schwächen an den Tag gelegt. Ich glaube, sie hatten in diesem Spiel keine wirklich nennenswerte Offensivaktion und spielten schwach, geradezu enttäuschend. Ich hätte keinen Cent auf die Slowaken gesetzt. Andererseits, man muss sich nur ihren Gegner ansehen, und der hieß im letzten Spiel Italien. Was für ein Name, was für ein Scherbenhaufen! Man muss den Slowaken gratulieren. Weil sie es verstanden, die Italiener nicht ins Spiel kommen zu lassen (abgesehen von den letzten zwanzig Minuten) und sie stets gefährlich blieben. Weit werden sie trotzdem nicht kommen, dazu fehlt ihnen die Routine, die Abgeklärtheit und – vermutlich – so ein schwacher Gegner wie Italien. Das soll die herausragende Leistung der Slowaken freilich nicht schmälern. Bitte klatschen!

Paraguay! Wie sie gegen die Slowaken spielten, war schon recht beachtlich. Mit konsequentem Pressing in der gegnerischen Hälfte, machten sie enormen Druck, zerstörten bereits das Spiel im Ansatz und waren in der Offensive äußerst torgefährlich (oder bild ich’s mir nur ein?). Mit Paraguay ist zu rechnen. Noch dazu, wo sie am Montag gegen Japan oder Dänemark spielen werden und diese beiden Mannschaften müssen sich gehörig anstrengen, um gegen die Südamerikaner zu bestehen. Dass sie im letzten Spiel, gegen die Neuseeländer, nur ein 0 : 0  machten, ist wohl auf ihre fehlende Motivation zurückzuführen. Hoffe, sie wachen zum Achtelfinale aus ihrem Schlafwagenfußball wieder auf.

..

Dänemark : Japan 1 : 3……………….Niederlande : Kamerun  2 : 1

Kamerun! Viele glaubten an die Zeit der Afrikaner. Gerade zur WM in Südafrika. Am Ende gelingt es wohl nur Ghana, ins Achtelfinale aufzusteigen, während Südafrika, Algerien, Kamerun und – vermutlich – die Elfenbeinküste die Heimreise antritt. Und was hat man sich von Kamerun erwartet, mit dem Superstar Eto’o? Viel. Sehr viel. Vielleicht zu viel. Schade. Weil Kamerun wohl eines der attraktivsten Spiele in der Gruppenphase bot, diesen Schlagabtausch mit den Dänen. Dummerweise gingen die Afrikaner als Verlierer vom Platz, obwohl sie alle Chancen auf ihrer Seite hatten. Und wie sie gegen die Japaner anliefen, um den Rückstand aufzuholen, war auch nicht von schlechten Eltern, wenngleich sie recht ineffizient waren. Ja, ihnen fehlte wohl das Quäntchen Glück, das in dieser Gruppe eindeutig die Farbe Oranje trug.

Dänemark! Nach dem Gruppen-Eröffnungsspiel gegen die Holländer war klar, dass diese Dänen wohl kein Dynamit mehr zünden würden und deren glorreiche Zeit längstens vorbei war. Vielleicht hätten sie sich mehr zutrauen müssen, gegen schwache Holländer. Aber ein Eigentor besiegelte wohl das Anfang vom Ende. Selbstvertrauen im Keller. Gegen die Kameruner schafften sie es, noch einmal zurück zu kommen, drehten das Spiel und gingen siegreich hervor. Das hätte ich ihnen nicht zugetraut. Gegen die Japaner zeigten sie Engagement, wurden aber durch dumme Torwartfehler bestraft. Zwei Freistöße. Zwei Tore. Da half kein Zündkraut, die Japaner waren an diesem Spieltag einfach die bessere, abgeklärtere Mannschaft. Wobei, hätte Tomasson nicht einen rabenschwarzen Tag erwischt und jede Torchance stümperhaft verstolpert bzw. wäre der Weitschusskracher ins Tor und nicht an die Latte gegangen, wer weiß, ob die Japaner nicht doch Nerven gezeigt hätten. Wie dem auch sei, die Dänen fahren nach Hause.

Japan! Die blauen Samurai gefallen mir. Sie sind trickreich und flink, zeigen, was sie mit dem Ball können und verstecken sich nicht. Da wird in die leeren Räume (davon gab es gegen Dänemark natürlich reichlich) gesprintet und der Abschluss gesucht. Herrlich! Gegen die Holländer spielten sie natürlich defensiv und passiv. Schade. Mit so einer Leistung und dem nötigen Selbstvertrauen, ja, da hätten sie auch die Oranjes schwindlig gespielt. Im Achtelfinale geht es gegen Paraguay. Riecht nach einem Schlagabtausch, nach attraktiven Fußball. Es sei denn, beide Mannschaften beginnen verhalten und lauern und lauern und lauern. Aber vielleicht ist es ja wieder ein Freistoßtor, das ein ödes Fußballspiel belebt. Es wäre zu wünschen.

Niederlande! Mäßige Leistungen haben gereicht, mit drei Siegen aus drei Spielen souverän die Gruppe zu gewinnen. Und Robben scheint rechtzeitig fit geworden zu sein. Er entscheidet ja Spiele im Alleingang. Gegen Kamerun hämmert er an die Stange, den Nachschuss versenkt dann Huntelaar ohne Probleme. Ja, so kann’s gehen. Das Prunkstück der Oranjes ist natürlich ihr spielstarkes Mittelfeld. Sneijder, van der Vaart, Robben und in der Spitze van Persie, der eher offensiver Mittelfeldspieler ist, denn Stürmer (aber in Arsenal gibt es nicht die große Auswahl an Stürmern). Und natürlich ist da noch van Bommel, der vor der Abwehr abräumt. Das ist schon recht beeindruckend. Trotzdem sind sie nicht in Fahrt gekommen. Gegen die Dänen ist kaum etwas gegangen. Gegen die Japaner noch weniger. Und zu guter Letzt, dieses „Freundschaftsspiel“ gegen Kamerun, naja, das war dann wohl mehr Kür, denn Pflicht. Vermutlich werden sie nun mit Robben und dem Gruppensieg selbstbewusster. Und im Achtelfinale treffen sie auf glückliche Slowaken, und diese werden ihnen wohl kaum gefährlich werden. Da braucht es dann schon ein anderes Kaliber. Und ich befürchte, für die Holländer, die gibt es.

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3 Antworten zu “WM 2010: Tag #14

  1. Jana Herwig Freitag, 25 Juni, 2010 um 11:11

    dank der Blue Samurai hab ich wenigstens mal wieder ein‘ Euro siebzich gewonnen in der sportwette – dass ich aber nicht auf die aussis gesetzt hab verzeih ich mir so schnell nicht. traumquote!

  2. Richard K. Breuer Freitag, 25 Juni, 2010 um 12:55

    Aha, die gute Jana möchte durch Traumquoten reich werden. Nun, dass die Serben rausfliegen, gegen die Aussis, also, daran hätte ich in hundert Jahren nicht geglaubt. Und nach dem Paraguay-Spiel hätte ich für die Slowaken gleich mal den Koffer gepackt.

    Ich schätze, Fußball ist noch immer sehr unberechenbar, mit Ausnahme natürlich der Germanen 😉

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