richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM 2010: Tag #17

Deutschland : England  4 : 1

Tja. Was soll man dazu sagen? Vermutlich wäre es jetzt besser, den Mantel des Schweigens über das Geschehen zu werfen und so zu tun, als hätte dieses Match nie stattgefunden. Aber das geht nun mal nicht. Also zurück zum Start. Vorderhand, ich hoffe, ich habe es klar und deutlich in meinen bisherigen Zusammenfassungen gesagt, dass ich von den Engländern schwerst enttäuscht gewesen bin. Wie die Inselkicker in ihren drei Gruppenspielen am Rasen ideenlos herumstolperten, war eine Zumutung. Gegen Algerien, neben Nordkorea eine der schwächsten Mannschaften des Turniers, konnten sie in der zweiten Halbzeit keine einzige nennenswerte Torchance herausspielen. Die Engländer sind nur deshalb ins Achtelfinale gekommen, weil es in ihrer Gruppe zwei Mannschaften gab, die noch ideenloser agierten. Hätten die Slowenen nur einen Funken an Selbstbewusstsein gehabt, sie hätten Rooney & Co vorzeitig aus dem Bewerb schießen können. Und vermutlich wäre es besser gewesen, denn dann hätten wir uns diese deutsch-englische Farce erspart.

Die Engländer, man muss es sagen, ist die schwächste Mannschaft, die ins Achtelfinale gekommen ist. Und im heutigen Spiel gegen Deutschland setzten sie ihre mäßige Leistung fort. Träges Spiel. Ideenlos. Wie Zombies traben sie am Rasen herum. Keine Spritzigkeit. Keine Geistesblitze. Interessanterweise spielten die Deutschen verhalten. Scheinbar ist die Ehrfurcht, gegen einen der (ehemals) großen Kaliber zu spielen, in den Hinterköpfen. Vermutlich wäre es lange Zeit im Mittelfeld so hin und her und hin und her gegangen, aber dann überläuft Klose die englische Innenverteidigung und spitzelt den Ball ins Tor. Gut, die US-Boys haben gestern gegen Ghana ein ähnliches Tor bekommen, aber das war in der Verlängerung und da kann ein Verteidiger schon müde sein, nicht hingegen in der 30. Minute. Die Deutschen bemerkten natürlich, dass man England ohne Probleme schwindlig spielen kann und taten das auch. Die logische Konsequenz war das 2 : 0 durch Podolski, dem der Ball vom Fuß springt und trotzdem das Tor aus spitzem Winkel macht. Eigentlich dachte ich, na gut, das war’s dann. Doch, eigenartigerweise, ging ein Ruck durch die englischen Kicker. Plötzlich war da ein Zug zum gegnerischen Tor zu bemerken. Aber diese behäbige Art lässt mich noch jetzt den Kopf schütteln. Wiederum bemerkenswert: die Deutschen spielen nicht mehr weiter, sondern wollen die Engländern anlaufen lassen, um sie dann natürlich eiskalt auszukontern. Diese Taktik erfreut sich größter Beliebtheit, aber vielleicht sollte man ihnen sagen, dass man hinten gut stehen muss, um einen Vorsprung über die Zeit zu spielen (retten). Der Anschlusstreffer war ein billiges Tor. Und zuvor hatte ja noch Lahm den Ball vor der Linie wegkratzen können. Und war da nicht auch noch ein Lattenkracher von Lampard? Die schwächste Offensive gab also der deutschen Hintermannschaft einige Probleme auf. Und dann, ja, dann passierte, was eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Ein „Wembley“-Tor auf Seiten der Deutschen (oder ist es dann umgekehrt?), also, der Ball springt von der Innenkante der Latte gut sichtbar hinter die Torlinie und von dort wieder zurück. Die Engländer jubeln. Die Deutschen spielen weiter und hätten beinahe den dritten Treffer im Gegenzug erzielt. Aha.

Die Deutschen haben ordentlich gewackelt. Wahrlich. Und was geschehen wäre, wenn … freilich, darüber zu befinden, ist müßig. Die Fakten sind, dass sich die Engländer wie eine Schülerliga-Mannschaft auskontern haben lassen. Bei einem Lampard-Freistoß ließen sie genau einen Verteidiger im Rückraum zurück, während alle anderen (vermutlich mit Schaum vor dem Mund), im Strafraum der Deutschen herumirrten. Das war aber nicht in der letzten Minute des Spiels, nein, das war in 63. Minute. Soll mir einer sagen, die Engländer können Fußballspielen! Der Rest war dann nur noch die Draufgabe und ziemlich peinlich. Für alle Beteiligten. Die Deutschen lenken von der Fehlentscheidung ab („Hey, wir haben vier Tore gemacht!“) und glauben sich schon im Finale („Mit dieser Leistung ist alles möglich!“). Die Kommentare von einem Franz Beckenbauer sind einfach nur lächerlich. Nicht die Deutschen waren so gut, sondern die Engländer so schlecht. Und wenn man sich vor Augen führt, dass so eine inferiore Truppe die deutsche Hintermannschaft ordentlich beschäftigte, wenigstens für kurze Zeit, dann muss einen schon als Deutscher Angst und Bang werden, wenn die Argentinier im Viertelfinale angeritten kommen. Sollten die Deutschen also aus dem Stadion geschossen werden, soll mir keiner kommen, ich hätte es nicht gesagt. Und falls die Germanen tatsächlich die Hürde Argentinien nehmen, nun, dann ziehe ich meinen Hut.

Argentinien : Mexiko  3 : 1

Meine Güte. Der heutige Spieltag hat sich gegen mich verschworen. Zuerst beraubt man den Engländern ein reguläres Tor, dann schenkt man den Argentiniern ein irreguläres Abseitstor. Derweil haben mir die Mexikaner gefallen. Ich setzte große Stücke auf sie. Ein Jammer, dass sie nicht zeigen konnten, was in ihnen steckte. Kurzzeitig blitzte ihre kreative Spielstärke durch. Da fanden die Argentinier nicht zu ihrem Spiel. Aber dieses leidige Tor, das machte die Mexikaner nervös, während die Argentinier selbstsicherer wurden. Tja. Der Anschlusstreffer kam leider zu spät. Ich bin sicher, hätten sie diesen beim Stand von 2 : 0 gemacht, wir hätten ein packendes, mitreißendes Spiel gesehen. Naja. Sei’s drum. Jetzt treffen die beiden Mannschaften aufeinander, die von einer grundlegenden Schiedsrichterfehl-entscheidung profitierten. Immerhin ist damit sichergestellt, dass eine der beiden Mannschaften nicht den WM Titel holen wird. Das ist in gewisser Weise eine halbe Genugtuung.

Die Argentinier haben mich bis dato nicht sonderlich überzeugt. Ihre Offensiv-Stärke begründet sich in Tevez – Messi – Higuain und dann kommt lange nichts. Ähnlich der Mannschaft aus Uruguay, die ebenfalls das Heil in ihren Offensiv-Kräften Forlan und Suarez findet. Spielerisch tut sich gar nicht so viel. Und man möge bitte dieses Kurzpass-Spiel nicht überbewerten, wenn die meiste Zeit der sichere Pass gespielt wird bzw., wenn der Gegner weit vom Mann steht und kaum Pressing macht. Man hat gesehen, bei den Spaniern, eine der technisch stärksten Mannschaften des Turniers, dass, wenn man sie unter Druck setzt, wie es gegen Chile geschehen ist, dass sie Fehler machen und wie jede andere Mannschaft nervös werden. Am Ende sind auch galaktische Kicker nur Burschen aus Fleisch und Blut.

Advertisements

6 Antworten zu “WM 2010: Tag #17

  1. Manu Montag, 28 Juni, 2010 um 2:16

    Ich hab keine Ahnung von Fußball und schau mir auch keine Spiele an, lese aber immer deine Berichte und fühle mich so gut informiert – praktisch ist das 🙂 Dankeschön, lieber Richard!

    • Richard K. Breuer Montag, 28 Juni, 2010 um 15:47

      Ja, Manu, beim nächsten „Fronturlaub“, da kannst du dann am Stammtisch im Münchner Hofbräuhaus mit g’standenen Bayern über Fußball philosophieren. Da täten’s aber schauen, die Burschen 😉

      • Manu Dienstag, 29 Juni, 2010 um 20:48

        tihi, ja genau, manu im hofbräuhaus 😉
        du, hast du eigentlich mal über flattr für deinen blog nachgedacht? gerade so während der wm kann ich mir schon vorstellen, dass ein paar leuten deine berichte ein paar cent wert sind.

      • Richard K. Breuer Dienstag, 29 Juni, 2010 um 23:04

        flattr? Nö, geht nicht, auf wordpress.com – hierzu müsste ich das wordpress auf meinen Server legen, aber das ist mir zu viel Arbeit. Huh. Du meinst, meine Artikel sind ein paar Münzen wert? Ich fühle mich geschmeichelt, Manu. ielleicht sollte ich mal einen Klingelbeutel durchgehen lassen? flattr0.0, sozusagen 😉

  2. Pingback: Tweets that mention WM 2010: Tag #17 « richard k. breuer -- Topsy.com

  3. @demipress via Twitter Montag, 28 Juni, 2010 um 15:40

    fein geschrieben über die Germanen. Danke.Sehe das alles von der rein sportlichen Seite, irgendwie ist mir der deutsche Patriotismus verloren gegangen 🙂 Ghana Daumendrücken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: