WM 2010: Tag #20 Viertelfinale BRA : NED

Niederlande : Brasilien  2 : 1

So. Jetzt sollen mal die kleinen Kinder weghören. Weil ich ziemlich säuerlich bin. Auf diese niederländischen Maurergesellen, die noch kein gutes Spiel bei dieser WM abgeliefert haben. Und heute? Gegen die großen Brasilianer? Erste Hälfte (gut, die habe ich versäumt, weil ich im Einkaufswagerl durch die Gegend geschoben wurde – eine lange Geschichte, die noch erzählt wird), soweit ich der Zusammenfassung trauen darf, haben die Südamerikaner das Spiel dominiert, haben die Holländer ihre Ideenlosigkeit ausgeführt.

Eigentlich dachte ich beim Anstoß zur zweiten Hälfte nicht einmal im Traum, dass da noch was schief gehen könnte. Ich war von der Qualität eines jeden brasilianischen Spielers überzeugt. Sie hatten Chuzpe, sie hatten Ego und waren generell gute bis sehr gute Techniker. Jeder der Spieler war zu jeder Zeit für ein Tor gut. Das machte sie gefährlich, das machte sie unberechenbar. Dass ihr Coach Dunga – ein ehemaliger defensiver Verteidiger – sein Hauptaugenmerk auf die Defensive richtete, merkte man den Spielen an. Gegen die Chilenen haben sie kurz geschwächelt (wobei, echte Torchancen hatten sie nicht zugelassen), weil diese ordentlich dagegen hielten. Die ersten zwanzig Minuten gegen Chile hätte einen vielleicht ein wenig nachdenklich machen müssen, aber da ich den Chilenen das gewisse Etwas überstülpte, dachte ich nicht, dass eine andere Mannschaft ähnliches zusammen brächte. Und bevor mich jetzt ein Oranje verprügelt, muss ich gleich anmerken, dass mir die Brasilianer auch nicht wirklich gefallen haben. Sie funktionieren als Kollektiv sehr gut, wirken aber auch zuweilen ideenlos, wenn es im gegnerischen Strafraum eng wird. Man hat es gegen die Nordkoreaner gesehen, wo sie sehr lange brauchten, um diese Betonmauer zu knacken. Dass sie sich auch noch ein Tor einfingen, gegen den Underdog, wird gerne unter den Teppich gekehrt, zeigte aber schon damals, dass die Spieler in ihrer Konzentration stark nachlassen, wenn sie glauben, den Sieg bereits in der Tasche  zu haben. Genau diese Einstellung hat ihnen das Genick gebrochen.

Ich schätze, dass die Brasilianer in dieser zweiten Hälfte erst gar nicht mehr ernsthaft weiterspielen wollten. Für sie war die Sache gelaufen. Die Holländer, die in allen Belangen unterlegen waren (abgesehen von Robben und Kuyt, die wirbelten, wenn man sie wirbeln lässt), strahlten keine Gefahr aus. Ich schätze, Dunga wird der Mannschaft in der Pause gesagt haben: ruhig bleiben, hinten sicher stehen und warten, bis sich die Räume öffnen, weil die Holländer ja dem Tor nachlaufen müssen. Und alsbald, so der Trainer, würde ein Konter das zweite Tor und die Entscheidung herbeiführen. So war es ja auch im Spiel gegen Chile oder im Spiel gegen die Elfenbeinküste. Ja, Dunga machte sich keine Sorgen. Ich machte mir auch keine Sorgen.

Und dann, unverständlicherweise, flankte Snijder in den Strafraum (der Kerl war bis zu diesem Zeitpunkt kein wirklicher Pluspunkt seiner Mannschaft) und der brasilianische Verteidiger Melo, von seinem eigenen Torhüter weggedrückt, fälscht den Ball ins eigene Tor. Erinnert uns das nicht an eine ähnliche Situation? Natürlich. Holland gegen Dänemark. Ein Hundskick der Superlative. Fußball zum Abgewöhnen und am Ende siegen die Oranjes, weil ein dänischer Verteidiger einen anderen anköpft und der Ball somit ins Tor geht. Oder der kapitale Tormannfehler des japanischen Schlussmanns, der einen haltbaren Schuss von Snijder (schon wieder!) ins eigene Tor ablenkte. Im Achtelfinale gegen schwache Slowaken reichte wieder eine Einzelleistung von ihrem Offensiv-Maestro Robben (sprint an der rechten Seite, Haken nach innen, ein Schritt, Schuss angedeutet, zweiter Schritt Schuss auf die lange oder kurze Ecke. C’est ca!) und schon konnte die Holländer machen, was sie am liebsten tun: Spiel zerstören, den Ball in ihren Reihen zirkulieren lassen und warten, bis der Schlusspfiff ertönt.

Die Frechheit überhaupt lieferte Hunterlaar ab, als er in der Nachspielzeit mit dem Ball dieses leidige „ich-decke-jetzt-den-Ball-an-der-gegnerischen-Eckfahne-ab“-Spiel machte. Das ist erbärmlich. Egal, welche Mannschaft das macht, sie gehört mit sofortiger Wirkung disqualifiziert. Was ist das für ein Zeichen an die Jugend? Soll das holländische Vorbildwirkung sein? Wenn Huntelaar nicht so dämlich gewesen wäre, hätte er das Spiel längst entscheiden können, aber er war nicht in der Lage, den Pass rechtzeitig abzuspielen. So vergeigte er diese Konterchance, wo drei Holländer gegen den Tormann und einem brasilianischen Verteidiger in Überzahl waren. Also, diese Aktion von Hunterlaar, bei der Eckfahne, die hat den Holländern die letzten Sympathiepunkte gekostet (falls sie je welche gehabt haben).

Gut. Dass dieser Ausgleichstreffer die Holländer beflügelte („Hey, wir können auch Fußballspielen!“) und die Brasilianer in ein kollektives Rätselraten stürzte („Hey, die können auch Fußballspielen. Warum hat uns das keiner gesagt?“), war natürlich zu erwarten. Natürlich dachte ich nicht, dass die Holländer spielerisch diese Abwehr knacken hätten können (haben sie auch nicht, weil der Führungstreffer aus einem Eckball herrührte). Dass Sneijder (schon wieder!), mit seinen 1,70 m, den verlängerten Kopfball von Kuyt ebenfalls mit dem Kopf ins Tor der Brasilianer verlängerte, ist die Ironie der Geschichte.

Und die Brasilianer? Gehören ausgepeitscht. Vor allem Felipo Melo. Okay, er war sauer. Er war zutiefst säuerlich. Zuerst das Tor vorbereitet, dann das Eigentor fabriziert und jetzt im Rückstand, gegen diese „nicht-spielenden“-Holländer. Also, ehrlich, ich verstehe es, wenn er ausrastet, akzeptieren kann man es freilich nicht. Ich schätze, wenn eine Mannschaft der Meinung ist, die bessere zu sein und trotzdem verliert, dann geht es emotional drunter und drüber. Haben wir alles schon gesehen. Nehmen wir zum Beispiel England : Deutschland. War diese Partie hitzig? Keine Spur. Obwohl die Engländer genug Gründe gehabt hätten, die Deutschen in den Allerwertesten zu treten (und den Schiedsrichter gleich mit). Aber sie fügten sich ihrem Schicksal, sie wussten instinktiv, dass sie die schlechtere Mannschaft waren und gaben sich geschlagen. Verständlich nicht?

Wie dem auch sei, jetzt spielen die Oranjes gegen den Sieger aus Ghana : Uruguay und stehen damit mit einem Fuß im Finale. Kann man sich das vorstellen? Ist das die Fortsetzung der EM 2004 in Portugal, als die Griechen mit destruktivem Effizienzfußball Europameister wurden. Ist Niederlande das neue Griechenland? Das war schon damals nicht zu fassen und spottete jeder Beschreibung; und wir haben ja in den letzten Wochen gesehen, wo die Griechen fußballerisch stehen:  im Nirgendwo! Ich meine, ich verstehe ja, dass die Fans einer Fußballmannschaft blindwütig den Erfolg anbeten, egal, wie dieser zustande kommt. Hauptsache, der Pokal kehrt heim. Aber man sollte dann und wann seine Scheuklappen ablegen. Falls nämlich der Effizienzfußball (den auch die Brasilianer gespielt haben!) seinen Siegeszug antritt, dann ist das Anstellen um Eintrittskarten das Attraktivste am ganzen Fußballkick. Wollen wir da hin? Nein! Deshalb hätte ich es den Chilenen vergönnt. Oder den Mexikanern. Oder den Südkoreanern. Die haben noch das fußballerische Herz am rechten Fleck. Jammerschade um sie alle. Die Mexikaner hätten vielleicht noch am ehesten die Argentinier schlagen können. Die Chilenen waren noch zu jung. Und die Südkoreaner um den Tick zu unentschlossen. Aber in vier Jahren können wir in jedem Fall mit den Chilenen rechnen (falls die einzelnen Spieler nicht größenwahnsinnig werden oder im Fußballausland spielerisch degenerieren).

Jetzt bleibt wohl nur noch Ghana. Scheiße, also, die hätten es sich verdient, weiterzukommen. Aber das wird wohl nicht einfach sein, gegen Uruguay. Da müsste man schon Forlan und Suarez die Beine brechen. Gut, das wollen wir nicht. Aber so lange die beiden am Feld stehen, sehe ich ehrlich gesagt schwarz. Aber die Hoffnung stirbt zu Letzt. Wo ist meine Vuvuzela?

P.S.: sollte Uruguay ins Halbfinale kommen, ist mir das natürlich auch Recht; Hauptsache ein Gegner, der den Holländern die Hose ausziehen kann.

Gespräche auf Augenhöhe und ein besonderes Parfum

Manchmal passiert es. Einfach so. Ohne viel Zutun. Freilich, von nichts kommt nichts. Eine alte Binsenweisheit, die man Wahrheit nennen darf. Und wenn ich nun von den letzten Tagen erzähle, dann klingt es nach mehr, als es am Ende einbringen wird. Auch das ist eine Weisheit, die heute dem geneigten Leser, ohne weitere Kosten, mit auf seinen Weg gegeben wird. Und bevor ich am Nachmittag im Einkaufswagen in der Brigittenau – jener Bezirk, in dem ich schon seit vielen Jahre lebe – herumgeschoben werde, auf dass den Leuten gezeigt wird, dass auch Künstler in dieser Gegend wohnen, möchte ich noch schnell ein paar Erinnerungsstücke festhalten, bevor sie in den weiteren Tagen relativiert oder der Vergessenheit anheim fallen werden.

Eigentlich wollte ich mich drücken, vor dem Jour Fix des HVB, in dem es um die weiteren Details zur Buchmesse Wien ging. Aber da ich schon Albert Knorr zusagte, der eine freundliche Schar klein(st)er Verleger um sich scharrte, die Interesse zeigen, (wieder) an der Messe teilzunehmen, aber nicht glücklich sind, weil der Verkauf der eigenen Bücher am Messestand verboten ist. Gerade für Klein(st)verleger wäre der Verkauf am Messestand ein einigermaßen lukratives Geschäft, aber die Messebuchhandlung will davon nichts wissen, will keine Ausnahmen gestatten und zwingt somit diesen kleinen Verlagen ihr Verkaufsmodell auf. Freilich, im Laufe des gestrigen Gesprächs, gab es das Zeichen eines Entgegenkommens. Das hätte es wohl noch vor einem oder zwei Jahren nicht gegeben. Wir sehen: die Buchbranche bemerkt den aufkommenden Sturm, der sich am Horizont zusammenbraut.

Wie dem auch sei, ich habe mich zu diesem Treffen geschleppt. In der größten Hitze, mit einem brummenden Schädel und einem angeschlagenen Magen. Ich wollte alsbald wieder gehen und mich in Ruhe meinem kleinen Leiden hingeben (Männer sind dahingehend ja wahre Künstler, wenn es darum geht, ihre Kränklichkeiten zu zelebrieren). Aber, wie der Zufall manchmal so merkwürdig spielt, tauchte ein bekanntes Gesicht auf. Nein, ich habe die gute Andrea Braunsdorfer (ich habe sie gefragt, ob ich sie namentlich erwähnen dürfe und sie antwortete kurz und knapp, dass sie sich geehrt fühle; ja, das hört man gerne) noch nie persönlich getroffen. Aber in den Weiten des virtuellen Social Webs haben wir uns hie und da unterhalten, haben uns ausgetauscht (im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass sie auch ein Exemplar von Schwarzkopf gelesen hatte; erste Auflage!) und ich glaube, dass wir uns da und dort treffen hätten wollen, aber es irgendwie nie zustande kam. Jedenfalls begrüßte sie mich wie einen alten Freund, was vermutlich die Kleinverleger irritierte, weil ich Ihnen ja sagte, dass ich die Andrea nicht persönlich kenne. Da soll mal einer sagen, diese virtuelle Verknüpfungsmaschine wäre zu nichts gut. Wie dem auch sei, ich unterhielt mich sehr ausführlich mit ihr, ist sie doch die neue Pressechefin des Ueberreuter-Verlags und im Moment vor allem für den Sachbuchbereich zuständig. Das Programm, wenn ich es mir richtig gemerkt habe, umfasst beinahe 50 bis 60  Neuerscheinung pro Jahr. Das ist, für österreichische Verhältnisse, enorm. Wirklich. Im Übrigen, wie ich gerade auf der Website gesehen habe, erscheint im Oktober das Buch Phänomen Facebook; also, darüber könnte ich auch einiges erzählen. Jedenfalls, weil wir beide so angeregt plauderten, Andrea mir unbedingt das eine oder andere Buch aus dem Verlagsprogramm zukommen lassen möchte, weil diese mich sehr interessierten, da erzählte ich, dass ich die Idee zu diesem Sachbuch über „Verschwörungstheorien“ hätte und was in dieser Welt so abgeht, ohne dass es der normalsterbliche „Passagier“ bemerkte. Sie wurde hellhörig und meinte, ob ich nicht ein Exposé hätte. Ich verneinte und deutete auf meinen Kopf, wo sich das Ganze befindet. Andrea ließ nicht locker und bedrängte mich, ein Exposé zu machen. Ich nickte und meinte, noch mit (m)einem Informanten (kein Witz, mit Verlaub) reden zu wollen, ob er vielleicht an so einem Buch mitarbeiten würde wollen. Ja, so sieht es also aus, wenn man als Schreiberling ernst genommen wird. Dann kann man auf Augenhöhe Gespräche führen. Das ist für einen Eigenverleger, der sich tagtäglich beweisen muss, ein seltener Glücksfall. Wirklich. Bevor ich mir also Gedanken über das Exposé mache, werde ich mir mal das Programm vom Ueberreuter Verlag angucken – soweit ich weiß, sind sie ein Schwergewicht im Kinder- und Jugendbuchsektor; im Fantasy-Bereich sind sie auch zu Hause und, wer hätte das gedacht, veröffentlichen bereits seit längerer Zeit ausgewählte Bücher als ebooks (Respekt!). Schließlich muss ich ja sehen, woran ich gemessen werde, wenn ich die zwei oder drei Seiten meiner sachbüchlichen Idee vorlege. Hm. Vielleicht sollte ich auch gleich ein Sachbuch über meine „blind date“-Erfahrungen schreiben. Wär auch mal was anderes.

Später wurde ich HS. vorgestellt (ich habe sie noch nicht gefragt, ob ich sie namentlich nennen darf). Eine junge Verlagsvertreterin, die auf mich einen äußerst offenen und sympathischen Eindruck machte. Ich gab ihr mein Verlagsprospekt (vulgo Folder) und sie bekam große Augen, als sie die „Tiret“-Bände sah (während sie Schwarzkopf und Rotkäppchen 2069 links liegen ließ). Weil sie Geschichte studierte und sich für das ausgehende 18. Jahrhundert sehr interessierte. Da staunte ich nicht schlecht. Weil ich immer eine Litanei zu den „Tiret“-Bänden sagen muss („Französische Revolution, you know? Tu sais?“). Erfreulich. Weil sich HS. nun die Bücher besorgen wird (Buchhandlung am Quellenplatz!) und wir uns auf einen Kaffee treffen. Mal schauen, wie sie die Qualität meiner Bücher im Verlgeich zu den „ihrigen“ sieht. Das ist eine gute Prüfung. Wenn ich (respektive meine Bücher) sie bestehe, dann darf ich wieder die Erfolgsleiter hinaufsteigen. Eine Sprosse. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger!

Dass ich, aller Voraussicht nach, die Buchmesse Wien beehren werde, hat natürlich nur damit zu tun, weil Albert Knorr auf mich freundlich aber bestimmt einwirkt. Immerhin ist sein Ziel, während der Messe ins TV zu kommen. Das könnte durchaus gelingen. Seine Leseratten erfreuen sich ja beim Publikum größter Beliebtheit. Und weil er einen LKW voll zur Messe ankarren möchte, kann ich mir gut vorstellen, dass er es schafft. Während er also ein Meister der Zack-Prack-Hau-drauf-und-schluss-Marketingstrategien ist, versuche ich mich im subtil-leisen Anklopfen. Zumeist wird es überhört, aber dafür muss ich mich nicht mit Leutchen herumschlagen, die polternd und lautstark über einen herfallen. Mein Publikum mag es dementsprechend leiser, dezenter und subtiler. Vermutlich ist es, als würde man eine dieser brüllenden Elektro-Ketten-Werbung mit diesem Chanel-Filmchen vergleichen wollen. Ich schätze, beide erreichen ihr Ziel, ihr Publikum. So oder so.

Gefunden habe ich diesen Werbefilm im Blog adliteratur.

update: HS. hat sich die beiden „Tiret“-Bände schon besorgt. Ja, so schnell kann das gehen 😉