richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM 2010: Tag #20 Viertelfinale BRA : NED

Niederlande : Brasilien  2 : 1

So. Jetzt sollen mal die kleinen Kinder weghören. Weil ich ziemlich säuerlich bin. Auf diese niederländischen Maurergesellen, die noch kein gutes Spiel bei dieser WM abgeliefert haben. Und heute? Gegen die großen Brasilianer? Erste Hälfte (gut, die habe ich versäumt, weil ich im Einkaufswagerl durch die Gegend geschoben wurde – eine lange Geschichte, die noch erzählt wird), soweit ich der Zusammenfassung trauen darf, haben die Südamerikaner das Spiel dominiert, haben die Holländer ihre Ideenlosigkeit ausgeführt.

Eigentlich dachte ich beim Anstoß zur zweiten Hälfte nicht einmal im Traum, dass da noch was schief gehen könnte. Ich war von der Qualität eines jeden brasilianischen Spielers überzeugt. Sie hatten Chuzpe, sie hatten Ego und waren generell gute bis sehr gute Techniker. Jeder der Spieler war zu jeder Zeit für ein Tor gut. Das machte sie gefährlich, das machte sie unberechenbar. Dass ihr Coach Dunga – ein ehemaliger defensiver Verteidiger – sein Hauptaugenmerk auf die Defensive richtete, merkte man den Spielen an. Gegen die Chilenen haben sie kurz geschwächelt (wobei, echte Torchancen hatten sie nicht zugelassen), weil diese ordentlich dagegen hielten. Die ersten zwanzig Minuten gegen Chile hätte einen vielleicht ein wenig nachdenklich machen müssen, aber da ich den Chilenen das gewisse Etwas überstülpte, dachte ich nicht, dass eine andere Mannschaft ähnliches zusammen brächte. Und bevor mich jetzt ein Oranje verprügelt, muss ich gleich anmerken, dass mir die Brasilianer auch nicht wirklich gefallen haben. Sie funktionieren als Kollektiv sehr gut, wirken aber auch zuweilen ideenlos, wenn es im gegnerischen Strafraum eng wird. Man hat es gegen die Nordkoreaner gesehen, wo sie sehr lange brauchten, um diese Betonmauer zu knacken. Dass sie sich auch noch ein Tor einfingen, gegen den Underdog, wird gerne unter den Teppich gekehrt, zeigte aber schon damals, dass die Spieler in ihrer Konzentration stark nachlassen, wenn sie glauben, den Sieg bereits in der Tasche  zu haben. Genau diese Einstellung hat ihnen das Genick gebrochen.

Ich schätze, dass die Brasilianer in dieser zweiten Hälfte erst gar nicht mehr ernsthaft weiterspielen wollten. Für sie war die Sache gelaufen. Die Holländer, die in allen Belangen unterlegen waren (abgesehen von Robben und Kuyt, die wirbelten, wenn man sie wirbeln lässt), strahlten keine Gefahr aus. Ich schätze, Dunga wird der Mannschaft in der Pause gesagt haben: ruhig bleiben, hinten sicher stehen und warten, bis sich die Räume öffnen, weil die Holländer ja dem Tor nachlaufen müssen. Und alsbald, so der Trainer, würde ein Konter das zweite Tor und die Entscheidung herbeiführen. So war es ja auch im Spiel gegen Chile oder im Spiel gegen die Elfenbeinküste. Ja, Dunga machte sich keine Sorgen. Ich machte mir auch keine Sorgen.

Und dann, unverständlicherweise, flankte Snijder in den Strafraum (der Kerl war bis zu diesem Zeitpunkt kein wirklicher Pluspunkt seiner Mannschaft) und der brasilianische Verteidiger Melo, von seinem eigenen Torhüter weggedrückt, fälscht den Ball ins eigene Tor. Erinnert uns das nicht an eine ähnliche Situation? Natürlich. Holland gegen Dänemark. Ein Hundskick der Superlative. Fußball zum Abgewöhnen und am Ende siegen die Oranjes, weil ein dänischer Verteidiger einen anderen anköpft und der Ball somit ins Tor geht. Oder der kapitale Tormannfehler des japanischen Schlussmanns, der einen haltbaren Schuss von Snijder (schon wieder!) ins eigene Tor ablenkte. Im Achtelfinale gegen schwache Slowaken reichte wieder eine Einzelleistung von ihrem Offensiv-Maestro Robben (sprint an der rechten Seite, Haken nach innen, ein Schritt, Schuss angedeutet, zweiter Schritt Schuss auf die lange oder kurze Ecke. C’est ca!) und schon konnte die Holländer machen, was sie am liebsten tun: Spiel zerstören, den Ball in ihren Reihen zirkulieren lassen und warten, bis der Schlusspfiff ertönt.

Die Frechheit überhaupt lieferte Hunterlaar ab, als er in der Nachspielzeit mit dem Ball dieses leidige „ich-decke-jetzt-den-Ball-an-der-gegnerischen-Eckfahne-ab“-Spiel machte. Das ist erbärmlich. Egal, welche Mannschaft das macht, sie gehört mit sofortiger Wirkung disqualifiziert. Was ist das für ein Zeichen an die Jugend? Soll das holländische Vorbildwirkung sein? Wenn Huntelaar nicht so dämlich gewesen wäre, hätte er das Spiel längst entscheiden können, aber er war nicht in der Lage, den Pass rechtzeitig abzuspielen. So vergeigte er diese Konterchance, wo drei Holländer gegen den Tormann und einem brasilianischen Verteidiger in Überzahl waren. Also, diese Aktion von Hunterlaar, bei der Eckfahne, die hat den Holländern die letzten Sympathiepunkte gekostet (falls sie je welche gehabt haben).

Gut. Dass dieser Ausgleichstreffer die Holländer beflügelte („Hey, wir können auch Fußballspielen!“) und die Brasilianer in ein kollektives Rätselraten stürzte („Hey, die können auch Fußballspielen. Warum hat uns das keiner gesagt?“), war natürlich zu erwarten. Natürlich dachte ich nicht, dass die Holländer spielerisch diese Abwehr knacken hätten können (haben sie auch nicht, weil der Führungstreffer aus einem Eckball herrührte). Dass Sneijder (schon wieder!), mit seinen 1,70 m, den verlängerten Kopfball von Kuyt ebenfalls mit dem Kopf ins Tor der Brasilianer verlängerte, ist die Ironie der Geschichte.

Und die Brasilianer? Gehören ausgepeitscht. Vor allem Felipo Melo. Okay, er war sauer. Er war zutiefst säuerlich. Zuerst das Tor vorbereitet, dann das Eigentor fabriziert und jetzt im Rückstand, gegen diese „nicht-spielenden“-Holländer. Also, ehrlich, ich verstehe es, wenn er ausrastet, akzeptieren kann man es freilich nicht. Ich schätze, wenn eine Mannschaft der Meinung ist, die bessere zu sein und trotzdem verliert, dann geht es emotional drunter und drüber. Haben wir alles schon gesehen. Nehmen wir zum Beispiel England : Deutschland. War diese Partie hitzig? Keine Spur. Obwohl die Engländer genug Gründe gehabt hätten, die Deutschen in den Allerwertesten zu treten (und den Schiedsrichter gleich mit). Aber sie fügten sich ihrem Schicksal, sie wussten instinktiv, dass sie die schlechtere Mannschaft waren und gaben sich geschlagen. Verständlich nicht?

Wie dem auch sei, jetzt spielen die Oranjes gegen den Sieger aus Ghana : Uruguay und stehen damit mit einem Fuß im Finale. Kann man sich das vorstellen? Ist das die Fortsetzung der EM 2004 in Portugal, als die Griechen mit destruktivem Effizienzfußball Europameister wurden. Ist Niederlande das neue Griechenland? Das war schon damals nicht zu fassen und spottete jeder Beschreibung; und wir haben ja in den letzten Wochen gesehen, wo die Griechen fußballerisch stehen:  im Nirgendwo! Ich meine, ich verstehe ja, dass die Fans einer Fußballmannschaft blindwütig den Erfolg anbeten, egal, wie dieser zustande kommt. Hauptsache, der Pokal kehrt heim. Aber man sollte dann und wann seine Scheuklappen ablegen. Falls nämlich der Effizienzfußball (den auch die Brasilianer gespielt haben!) seinen Siegeszug antritt, dann ist das Anstellen um Eintrittskarten das Attraktivste am ganzen Fußballkick. Wollen wir da hin? Nein! Deshalb hätte ich es den Chilenen vergönnt. Oder den Mexikanern. Oder den Südkoreanern. Die haben noch das fußballerische Herz am rechten Fleck. Jammerschade um sie alle. Die Mexikaner hätten vielleicht noch am ehesten die Argentinier schlagen können. Die Chilenen waren noch zu jung. Und die Südkoreaner um den Tick zu unentschlossen. Aber in vier Jahren können wir in jedem Fall mit den Chilenen rechnen (falls die einzelnen Spieler nicht größenwahnsinnig werden oder im Fußballausland spielerisch degenerieren).

Jetzt bleibt wohl nur noch Ghana. Scheiße, also, die hätten es sich verdient, weiterzukommen. Aber das wird wohl nicht einfach sein, gegen Uruguay. Da müsste man schon Forlan und Suarez die Beine brechen. Gut, das wollen wir nicht. Aber so lange die beiden am Feld stehen, sehe ich ehrlich gesagt schwarz. Aber die Hoffnung stirbt zu Letzt. Wo ist meine Vuvuzela?

P.S.: sollte Uruguay ins Halbfinale kommen, ist mir das natürlich auch Recht; Hauptsache ein Gegner, der den Holländern die Hose ausziehen kann.

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10 Antworten zu “WM 2010: Tag #20 Viertelfinale BRA : NED

  1. Guido M. Breuer Freitag, 2 Juli, 2010 um 20:08

    Hoho, Ricardo, da geht aber der heißblütige Südamerikaner in dir durch 😉
    Als ein kühler West-Teutone von der holländischen Grenze, der das Spiel übrigens 2:1 für Oranje getippt hat :-)) muss ich natürlich Kontra geben.
    Brasilien war optisch überlegen, ohne jedoch mehr als ein oder zwei zwingende Torszenen zu produzieren. Das 1:0 war verdient. Dann kamen die Holländer, und das 1:1 war auch verdient, alleine schon weil die rechte Angriffseite mit Voransage agierte (bzw. robbte) und über die vorher ausgemachte Schwachstelle ihre Chancen nutzte. Brasilien hatte dem taktisch und spielerisch nichts entgegen zu setzen. Auch die Auswechslung des gelb-rot-gefährdeten Außenverteidigers war genauso logisch wie wirkungslos. Also: Brasilien ist verdient raus, es reichte ein Robben in mittelmäßiger Form. Da gibts nix zu jammern, Herr Kollege!

    • Richard K. Breuer Freitag, 2 Juli, 2010 um 20:17

      Sitzt du noch immer nackig im Garten? Dort kannst du gleich mal bleiben. Am besten über Nacht 😉

      Dass die Brasilianer in der zweiten Hälfte ideenlos und krampfhaft agierten, heißt nicht, dass die Holländer vor Spielfreude explodierten oder den Sieg verdienten. Die zwei „herausgespielten“ Tore der Holländer sagen ja sowieso alles aus. Aber klar, am Ende haben die Gewinner immer Recht 😉

      Ich tät mich ja anpischen, wenn die Holländer mit einem mittelmäßigen Robben gegen die Deutschen im Finale gewinnen. Genauso wie sie alle Spiele zuvor gewonnen haben. Dann tät den Germanen die Augen aufgehen.

      Und ein südamerikanischer Wiener, der nicht jammert, also, das gibt’s bitteschön nicht, ja?

      • Guido M. Breuer Freitag, 2 Juli, 2010 um 20:21

        und ja, ich sitz immer noch nackisch im Garten 🙂
        jetzt muss ich mir aber ne Hose anziehen, sagt meine Frau, weil ein paar junge Mädels nebenan im Garten grillen wollen und die Hecke nicht komplett dicht ist, so wie die brasilianische Abwehr …
        und die Holländer können leider die Deutschen im Finale nicht schlagen, weil morgen Argentinien gewinnt – und die werden übrigens auch Weltmeister!

      • Richard K. Breuer Freitag, 2 Juli, 2010 um 20:26

        Argentinien wird Weltmeister? Müssen die dann nicht noch den 1.FC Villa schlagen?

        Na, wenn die Germanen morgen die Gouchos heimschicken, dann kannst du gemeinsam mit den jungen Mädels jubeln. So ein Halbinfaleinzug löst so manche Hemmungen. Angeblich. So. Jetzt geht’s gleich los.

  2. Guido M. Breuer Freitag, 2 Juli, 2010 um 20:18

    und jetzt gleich kommen die Urus – und die lassen den letzten Afrikanern die Luft raus mit 2:0. Und da ich der besseren Mannschaft den Sieg könne, auch wenn ich Afrika liebe und Südamerika eher neutral gegenüberstehe, ist das auch ganz in Ordnung. Amandla awetu!

    • Richard K. Breuer Freitag, 2 Juli, 2010 um 20:21

      Da könnte er ja Recht haben, der gute Guido. Aber man kann ja immer noch auf die Schwarzen hoffen. Also, damit meine ich die Schiedsrichter. So ein Elfergeschenk erfreut sich ja größter Beliebtheit. Gastgeschenk, sozusagen 😉

      • Guido M. Breuer Freitag, 2 Juli, 2010 um 20:30

        also, Ricardo, ich hoffe auf ein gutes Spiel, auch wenn die Schwarzen (ich meine die Afrikaner) nicht mehr ihre stärkste Elf aufbieten können . wenigstens motiviert wirbeln und mit wehenden Fahnen untergehen sollen sie! So, noch eine Minute … und die Mädels lass ich besser im Garten stehen … sagt meine Frau …

  3. Guido M. Breuer Freitag, 2 Juli, 2010 um 21:28

    na gibts das denn, mein Tipp ist jetzt schon den Rio de la Plata hinunter gegangen – schön für Afrika. Aber Forlán und Co. sind noch nicht geschlagen … in der Halbzeitpause erst mal sammeln und sich an die ersten 20 Minuten erinnern …

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