WM 2010: Tag #20 Viertelfinale GHA : URU

Ghana : Uruguay  1 : 1   4 : 2 n.E.

Es ist einfach nicht meine WM. Irgendwie standen die Sterne ja schon von vornherein schlecht, als die Australier gegen die Teutonen nicht Fußballspiel wollten oder als die Südafrikaner gegen die Mexikaner nur die Stange trafen, die Holländer in einem Unspiel gegen die Dänen „souverän“ gewannen, die Südkoreaner gegen Argentinien diesen Sitzer zum Ausgleich ausließen oder, dann bereits im Achtelfinale, den Engländern ein reguläres Tor gegen die Deutschen aberkannt wurde. Und der heutige erste Viertelfinalspieltag fügt sich nahtlos an diese fußballerischen Tragödien an. Ein Jammer. Wirklich. Aber zurück zum Spiel.

Anfänglich kam Ghana nicht so in Tritt. Uruguay diktierte das Spiel. Aber mit Fortdauer kamen die Afrikaner immer mehr in Fahrt. Beim Weitschuss, der zum Führungstreffer für Ghana führte, abgefeuert von Muntari (über 36 Meter!)  hat der Schlussmann von Uruguay ziemlich alt ausgesehen, obwohl er vermutlich aus der Schüler-Liga-Mannschaft rekrutiert wurde. Unglaublich, dass dieser Bub in späterer Folge zwei Elfmeter hielt (wobei, so schwer hat man es ihm nicht gemacht).

In der zweiten Hälfte ging es hin und her. Der Freistoß von Forlan hätte Torhüter Kingson auch abwehren können. Hat er aber nicht, demzufolge stand es 1 : 1, doch die Ghanaer ließen nicht locker und setzten die Urus ziemlich unter Druck. Ihre Ballsicherheit war schon beachtlich. Trotzdem änderte es nichts am Spielstand. 90 Minuten um. Verlängerung. Man merkte bereits die Müdigkeit der Urus, während die Afrikaner gewillter waren, Meter zu machen. Je länger es ging, desto weniger ging bei den Südamerikanern. Manche wirkten schon stehend ko. Ja, und dann, dann kam sie, die 120. Minute.

Ich schätze, für wenige Minuten versank Afrika in einen Freudentaumel. Für wenige Minuten stand die afrikanisches Welt Kopf. Ein Freistoß für Ghana. In der letzten Minute der Verlängerung. Der Ball wird in den Strafraum von Uruguay gezirkelt. Verwirrung in der Hintermannschaft, der Torhüter (Bub!) irrt im Strafraum herum, ist bereits geschlagen, als der Ball aufs Tor kommt, aber Suarez steht auf der Torlinie und verhindert mit dem Fuß, dass der Ball ins Tor geht. Der von ihm abgewehrte  Ball wird von einem Ghanaer wieder aufs Tor zurück geköpft und wäre ins Tor, über Suarez gegangen. Aber dieser – vielleicht ein Reflex, vielleicht bewusst – wehrt den Ball mit der Hand ab. Tja. Dafür erhält er natürlich die rote Karte (Torraub) und Ghana den Elfmeter. Alles hätte so schön sein können. Alles. Aber der Ball, vom Elfmeterpunkt geschossen, knallt an die Latte. Aus. Vorbei. Elfmeterschießen. Und dort vergeigen zwei Ghanaer stümperhaft ihre Elfmeter, während nur einer der Urus in die Wolken schießt. Uruguay im Halbfinale! Ghana? Am Boden!

Nun, nachdem wir heute schon die „positive“ Vorbildwirkung eines gewissen Hunterlaars (er ist Holländer) erlebten, der meinte, er sperrt mal schnell den Ball für die letzten Minuten (und natürlich ist es legitim und verstößt gegen keine Fußballregeln), so setzt Suarez (er kommt aus Uruguay) noch eines drauf, in dem er bewusst ein Tor verhindert und so seiner Mannschaft den Aufstieg ermöglicht hat. Was heißt das für den Nachwuchs? Alle Mittel, auch die unlauteren sind in Ordnung, so lange man am Ende gewinnt? Wie kann sich Uruguay überhaupt über so einen Sieg freuen? Sollten sie sich nicht in Grund und Boden schämen? Nur durch eine grobe Unsportlichkeit, die nur im Rahmen der Regeln geahndet werden kann, haben sie überhaupt gewinnen können. Kurz: es ist nicht fair, was da abgelaufen ist. Und das nimmt mich wirklich mit. Weil auf der einen Seite ein kleines Land mit 3 Millionen Einwohner steht, auf der anderen ein ganzer Kontinent, der so dringend Euphorie und Hoffnung nötig hätte. Ich befürchte, jetzt muss ich doch zu den Holländern halten, im Halbfinale, gegen die Urus. Wenn man sich zwischen zwei Übel entscheiden muss, wähle man das geringere.

Ach, es ist ärgerlich. Ghana hat noch mal Emotion in diese (für Afrika und Chile und Mexiko) verkorkste WM gebracht. Hat herzhaft und gut gespielt. Hätte sich alles verdient. Aber so auszuscheiden? Und wo jetzt Gyan, der vormalige Held, zum Buhmann wird, weil er den Elfmeter verschoss, obwohl es eigentlich Suarez hätte sein müssen. Stattdessen wird Suarez und seine Urus gefeiert. Also, wenn mich etwas anstinkt, dann ist es genau so eine Geschichte. Und dann wundern wir uns, wenn die Welt den Bach runter geht. Ist das jetzt zu theatralisch?

Manchmal ist Sport nur das Spiegelbild unseres gesellschaftlichen Lebens. Denken wir doch kurz einmal nach, wie sich Fußball entwickelt hat. Die Idee war, mehr Tore als der Gegner zu schießen. Heute ist die Idee, keine Tore zu bekommen (und dann schauen wir mal, ob wir nicht doch noch eines irgendwie reinmachen). Es geht um die Effizienz. Wie im Wirtschaftsleben auch. Wenn wir beginnen, dem sportlichen Wettstreit  Spaß, Freude, Lust und Menschlichkeit (Fairness)  zu nehmen, was bleibt dann über? Bürokratische Beamte, die nach wissenschaftlichen Methoden nach der effizientesten Lösung suchen. „Wir spielen nicht schön, aber wir gewinnen!“, heißt es von Trainern öfters, wenn Kritik an ihrem Spielsystem laut wird. De facto müsste man solche Leute nach so einer Aussage sofort an die Luft setzen oder nach St. Helena verbannen. Sie ruinieren den Fußball (wobei: natürlich sind es die strikten Vorgaben der Vereinsbosse, die die Trainer und die Mannschaft unter Druck setzen, sie dazu „zwingen“, effektiver zu werden; und die Vereinsbosse werden wiederum von ihren Sponsoren unter Druck gesetzt und am Ende heißt es mal wieder lapidar: Geld regiert die (Fußball)Welt).

Sei’s wie’s sei. Das eine Spiel ist zu Ende. Morgen gibt es noch zwei weitere. Ich schätze, heute wird  in Germanien schon mit dem Kopf stehen geübt. Nur für den Fall. Unwahrscheinlich, ich weiß. Aber in letzter Zeit strafen mich meine Unwahrscheinlichkeits-Prognosen Lügen.