richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM 2010: Tag #20 Viertelfinale GHA : URU

Ghana : Uruguay  1 : 1   4 : 2 n.E.

Es ist einfach nicht meine WM. Irgendwie standen die Sterne ja schon von vornherein schlecht, als die Australier gegen die Teutonen nicht Fußballspiel wollten oder als die Südafrikaner gegen die Mexikaner nur die Stange trafen, die Holländer in einem Unspiel gegen die Dänen „souverän“ gewannen, die Südkoreaner gegen Argentinien diesen Sitzer zum Ausgleich ausließen oder, dann bereits im Achtelfinale, den Engländern ein reguläres Tor gegen die Deutschen aberkannt wurde. Und der heutige erste Viertelfinalspieltag fügt sich nahtlos an diese fußballerischen Tragödien an. Ein Jammer. Wirklich. Aber zurück zum Spiel.

Anfänglich kam Ghana nicht so in Tritt. Uruguay diktierte das Spiel. Aber mit Fortdauer kamen die Afrikaner immer mehr in Fahrt. Beim Weitschuss, der zum Führungstreffer für Ghana führte, abgefeuert von Muntari (über 36 Meter!)  hat der Schlussmann von Uruguay ziemlich alt ausgesehen, obwohl er vermutlich aus der Schüler-Liga-Mannschaft rekrutiert wurde. Unglaublich, dass dieser Bub in späterer Folge zwei Elfmeter hielt (wobei, so schwer hat man es ihm nicht gemacht).

In der zweiten Hälfte ging es hin und her. Der Freistoß von Forlan hätte Torhüter Kingson auch abwehren können. Hat er aber nicht, demzufolge stand es 1 : 1, doch die Ghanaer ließen nicht locker und setzten die Urus ziemlich unter Druck. Ihre Ballsicherheit war schon beachtlich. Trotzdem änderte es nichts am Spielstand. 90 Minuten um. Verlängerung. Man merkte bereits die Müdigkeit der Urus, während die Afrikaner gewillter waren, Meter zu machen. Je länger es ging, desto weniger ging bei den Südamerikanern. Manche wirkten schon stehend ko. Ja, und dann, dann kam sie, die 120. Minute.

Ich schätze, für wenige Minuten versank Afrika in einen Freudentaumel. Für wenige Minuten stand die afrikanisches Welt Kopf. Ein Freistoß für Ghana. In der letzten Minute der Verlängerung. Der Ball wird in den Strafraum von Uruguay gezirkelt. Verwirrung in der Hintermannschaft, der Torhüter (Bub!) irrt im Strafraum herum, ist bereits geschlagen, als der Ball aufs Tor kommt, aber Suarez steht auf der Torlinie und verhindert mit dem Fuß, dass der Ball ins Tor geht. Der von ihm abgewehrte  Ball wird von einem Ghanaer wieder aufs Tor zurück geköpft und wäre ins Tor, über Suarez gegangen. Aber dieser – vielleicht ein Reflex, vielleicht bewusst – wehrt den Ball mit der Hand ab. Tja. Dafür erhält er natürlich die rote Karte (Torraub) und Ghana den Elfmeter. Alles hätte so schön sein können. Alles. Aber der Ball, vom Elfmeterpunkt geschossen, knallt an die Latte. Aus. Vorbei. Elfmeterschießen. Und dort vergeigen zwei Ghanaer stümperhaft ihre Elfmeter, während nur einer der Urus in die Wolken schießt. Uruguay im Halbfinale! Ghana? Am Boden!

Nun, nachdem wir heute schon die „positive“ Vorbildwirkung eines gewissen Hunterlaars (er ist Holländer) erlebten, der meinte, er sperrt mal schnell den Ball für die letzten Minuten (und natürlich ist es legitim und verstößt gegen keine Fußballregeln), so setzt Suarez (er kommt aus Uruguay) noch eines drauf, in dem er bewusst ein Tor verhindert und so seiner Mannschaft den Aufstieg ermöglicht hat. Was heißt das für den Nachwuchs? Alle Mittel, auch die unlauteren sind in Ordnung, so lange man am Ende gewinnt? Wie kann sich Uruguay überhaupt über so einen Sieg freuen? Sollten sie sich nicht in Grund und Boden schämen? Nur durch eine grobe Unsportlichkeit, die nur im Rahmen der Regeln geahndet werden kann, haben sie überhaupt gewinnen können. Kurz: es ist nicht fair, was da abgelaufen ist. Und das nimmt mich wirklich mit. Weil auf der einen Seite ein kleines Land mit 3 Millionen Einwohner steht, auf der anderen ein ganzer Kontinent, der so dringend Euphorie und Hoffnung nötig hätte. Ich befürchte, jetzt muss ich doch zu den Holländern halten, im Halbfinale, gegen die Urus. Wenn man sich zwischen zwei Übel entscheiden muss, wähle man das geringere.

Ach, es ist ärgerlich. Ghana hat noch mal Emotion in diese (für Afrika und Chile und Mexiko) verkorkste WM gebracht. Hat herzhaft und gut gespielt. Hätte sich alles verdient. Aber so auszuscheiden? Und wo jetzt Gyan, der vormalige Held, zum Buhmann wird, weil er den Elfmeter verschoss, obwohl es eigentlich Suarez hätte sein müssen. Stattdessen wird Suarez und seine Urus gefeiert. Also, wenn mich etwas anstinkt, dann ist es genau so eine Geschichte. Und dann wundern wir uns, wenn die Welt den Bach runter geht. Ist das jetzt zu theatralisch?

Manchmal ist Sport nur das Spiegelbild unseres gesellschaftlichen Lebens. Denken wir doch kurz einmal nach, wie sich Fußball entwickelt hat. Die Idee war, mehr Tore als der Gegner zu schießen. Heute ist die Idee, keine Tore zu bekommen (und dann schauen wir mal, ob wir nicht doch noch eines irgendwie reinmachen). Es geht um die Effizienz. Wie im Wirtschaftsleben auch. Wenn wir beginnen, dem sportlichen Wettstreit  Spaß, Freude, Lust und Menschlichkeit (Fairness)  zu nehmen, was bleibt dann über? Bürokratische Beamte, die nach wissenschaftlichen Methoden nach der effizientesten Lösung suchen. „Wir spielen nicht schön, aber wir gewinnen!“, heißt es von Trainern öfters, wenn Kritik an ihrem Spielsystem laut wird. De facto müsste man solche Leute nach so einer Aussage sofort an die Luft setzen oder nach St. Helena verbannen. Sie ruinieren den Fußball (wobei: natürlich sind es die strikten Vorgaben der Vereinsbosse, die die Trainer und die Mannschaft unter Druck setzen, sie dazu „zwingen“, effektiver zu werden; und die Vereinsbosse werden wiederum von ihren Sponsoren unter Druck gesetzt und am Ende heißt es mal wieder lapidar: Geld regiert die (Fußball)Welt).

Sei’s wie’s sei. Das eine Spiel ist zu Ende. Morgen gibt es noch zwei weitere. Ich schätze, heute wird  in Germanien schon mit dem Kopf stehen geübt. Nur für den Fall. Unwahrscheinlich, ich weiß. Aber in letzter Zeit strafen mich meine Unwahrscheinlichkeits-Prognosen Lügen.

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11 Antworten zu “WM 2010: Tag #20 Viertelfinale GHA : URU

  1. Guido M. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 10:00

    Der arme Richard!
    Weltschmerz!
    Und ja, er wird ein wenig zu theatralisch 🙂
    Der arme Uru tut das, was jeder Spieler in der Hitze der Schlacht macht, wenn er auf der Torlinie steht und ein ball über seinen Kopf hinweg überraschen angeflogen kommt. In dieser Zehntelsekunde überlegt er nicht, dass es effizient wäre, gegen Einkauf einer roten Karte das Tor zu verhindern, er hält einfach den Ball! Fußballer sind halt junge Männer, die immer Kind bleiben dürfen und in der Hitze des sportlichen Gefechts ihrem Lieblingshobby nachgehen. In diesem Moment denkt der Bub nicht an Weltwirtschaftsordnungen, die sich im Spitzensport widerspiegeln, er philosophiert nicht, er wägt micht ab, er hält den ball einfach davn ab, ins eigene Tor zu sausen. dann erst realisiert er, dass der Gegner mit dem Elfmeter ohnehin alles klar machen kann, dass er selbst nicht dabei sein darf, wenn seine Mannschaft im Halbfinale gegen Holland einer WM spielt, gefeiert von einer kleinen, stolzen, fußballverrückten Nation. Das es gerade der Stürmer ist, der in der holländischen (hihi) Liga sagenhafte 35 Tore erzielt hat, ist nur eine seltsame Randnotiz.
    Die erwachsenen Kinder auf dem Fußballplatz tun, was jeder Bub auf dem Bolzplatz auch tut, nur ein bisschen besser, das Philosophieren und die wilden Übertragungen vom Sport auf alles andere (wichtigere) überlassen sie uns. Ich würde manchmal gerne mit ihnen tauschen, mit diesen glücklichen Buben, denn schon in der Bibel steht: Selig sind die, die arm sind im geiste, denn ihnen ist das Himmelreich! Will sagen: Spiele, sei blöd und kümmer dich nicht um die komplizierten Dinge außerhalb des Platzes, das übernehmen andere für dich!
    Und überhaupt, warum macht denn dieser andere Bub (der, der nachher so geweint hat) den Elfer nicht einfach rein?
    Und ist es nicht in Wahrheit das, was uns überkopferte Schreibtischtäter so deprimiert: diese Buben rennen, treten, kämpfen, sie lachen und purzeln übereinander, wenn sie gewinnen, sie lassen die Köpfe hängend und weinen hemmungslos, wenn sie verlieren. Welch ein Glück!

    • Richard K. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 10:07

      Jetzt lass mich doch wenigstens einmal theatralisch sein, Guido. Wer weiß, ob ich noch in den restlichen Spielen dazu komm. Wobei, wenn die Germanen auflaufen, dann gibt’s immer große Theatralik und Wagnerschen Niedergang. Nicht die besten, nicht die schlechtesten Schriftsteller können so eine Dramaturgie entwerfen. Ist ja auch schön.

      Nach der WM, da bin ich dann wieder bieder und lau. Versprochen. Na, sagen wir, ich geb mir Mühe 😉

  2. Guido M. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 10:29

    aber ja, lieber Ricardo! Sei theatralisch, lebe dich aus 😉
    Bieder und lau will ich dich nie erleben!
    Und nach der WM ist vor der EM – ach so, dürfen da eigentlich auch die Österreicher wieder mitmachen, hihi …
    Und ja, heute gegen die Gauchos wirds mindestens wagnerisch – mein Tipp ist zwar 2:1 für ARG (weil ich so schrecklich rational bin), aber das Teutonenherz (ja, ich habe es) schlägt für diese junge deutsche Mannschaft, die plötzlich schnelle Pässe zeigt, teilweise spanisch agiert und sich über flotte Kombinationen Torchancen erspielt und nicht nur erarbeitet. Ja, ich will auch theatralisch sein: Lass mich der WM-Ball sein, lass mich flattern, gib mir Effet, ramme mich ins Netz, damit ich am Ende, abgekämpft, getreten und rechtschaffen platt, sagen kann: Welch ein Glück, gespielt zu werden,
    und spielen, Götter, welch ein Glück!

    • Richard K. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 10:49

      Guido van der Breuer, du solltest statt Kriminalromane besser poetische Fußall-Leckerbissen zum Besten geben. Liest sich außerordentlich spaßig. Wer will da noch sagen, dass die „Deitschen“ keinen Humor hätten. Weit gefehlt. Ja, ja.

      Uups. Erinnert mich natürlich wieder an unser Krimi-Projekt „Wien meets Eifel“. Dein Manuskript werde ich mir die nächsten Tage reinziehen. Vielleicht sollten wir darin auch ein wenig über Fußball ablästern 😉

      Aber immer Vorsichtig mit Wünschen. Eh du dich versiehst, findest du einen freundlichen Goucho, der dich mit Effet gegen die Torstange rammt. Ich tippe auf einen Lattenpendler. Diesmal VOR der Torlinie. Tut höllisch weh.

      • Guido M. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 11:30

        oh ja, Richard, das kann weh tun. Noch viel mehr Schmerz wird allerdings meine Veröffentlichung bezüglich einer weltumspannenden Fußball-Verschwörung verursachen.
        Ich habe nämlich letzte Nacht herausgefunden, was wir eigentlich alle schon geahnt hatten:

        Die Fußball-Stadien in Südafrika wurden gar nicht rechtzeitig fertiggestellt bis auf eines, und das wurde von Terroristen in die Luft gesprengt. Die FIFA hat das in Kooperation mit NASA, CIA, Mossad und dem Organisationskommittee des Wiener Opernballs vertuscht.

        Die Spieleübertragungen sind in Wahrheit Fakes, die Spiele werden in einem unterirdischen Labor auf Island mittels einer Playstation 4 auf FIFA 2010 gespielt (die neue Engine ist geil!). Das hat mir heute morgen um 04.50 Günter Netzer im Suff verraten, er hat nämlich den Ghana-Part gespielt und war sauer, weil er für den entscheidenden Elfmeter kurzfristig ausfiel (er war besoffen an der Konsole eingeschlafen) und von David Beckham ersetzt wurde. Das Ergebnis war entsprechend, der Kerl kanns noch nicht mal virtuell mit den Fingerchen …

        Jetzt ist die Sauerei aufgeflogen, vor allem wird jetzt unter den Saufköppen gerangelt, wer heute für Deutschland die Konsole bedient. Momentan werden favorisiert Toni Polster und Johan Cruyff … Für Argentinien hat sich Papst Benedikt schon durchgesetzt …

      • Guido M. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 11:43

        … zu unserem Romanprojekt fällt mir in Bezug auf Fußball ein (du wirst es lesen, wenn du es liest 😉 ):
        Der Major Kohlweg muss in einer Eifeler Dorfmannschaft kurzfristig den ermordeten Mittelstürmer ersetzen, dafür wird er sogar kurzerhand Vereinsmitglied. Wenn das allein nicht schon genug Lästern des Fußballgottes bedeutet, weiß ich es auch nicht …

      • Richard K. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 11:57

        Lach mich schlapp. Du sitzt mir zu viel in der Sonne. Oder zu wenig. Je nach dem 🙂

        Hm. Gar nicht schlecht, die Sache mit Kohlweg und Eifler Dorfmannschaft. Da könnte ich doch glatt ein paar öster. Fußballer-Bonmots ausgraben. Ein Max Merkel, ein Happel, ein paar legendäre Journalisten und schon rollt Ball und Schmäh. Herrlich. Herrlich.

  3. Ivy Samstag, 3 Juli, 2010 um 10:36

    Also besser hätte man das alles nicht zusammenfassen können. Schade für Ghana, denn meiner Meinung nach waren sie die eindeutig bessere Mannschaft (nach kurzem Auftauen) und hätten sich den Sieg mehr als verdient.

    • Richard K. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 10:52

      Oha. Die gute Ivy gibt mir Recht. Verneigung. Zumal sie bei der Twitter-Tipp-WM recht weit vorne liegt und sich somit wohl auskennt, im Universum des Fußballtretens.

      Übrigens, bezüglich deines „31 Tage, 31 Bücher“-Projekts (#3131), habe ich gestern mein erstes Buch ausgegraben. Ich hoffe, ich bekomme jetzt keinen Flashback und falle in meine Kindheit zurück … tröt … blubb …

    • Guido M. Breuer Samstag, 3 Juli, 2010 um 12:34

      aus reiner Lust am Widerspruch:
      Im sportlichen Wettkampf verdient man sich den Sieg nicht, sondern man erringt ihn oder eben nicht!
      Aber ansonsten: hätte Ghana gewonnen, hätte man (und frau) sicherlich kommentiert, der Sieg sei unterm Strich verdient 😉

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