richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM 2010: Tag #21 Viertelfinale GER – ARG

Argentinien : Deutschland  0 : 4

Was soll man da jetzt noch schreiben? Wenn es nach den germanischen Kommentatoren geht, muss man der deutschen Mannschaft „alles zutrauen“ (würde es aber auch nicht das Gegenteil des Erwünschten beinhalten?). Gut. Sie haben, man muss es neidlos anerkennen, die Argentinier schwindlig gespielt, die einem beinahe Leid tun können (was vermutlich die schlimmste Demütigung ist). Und Maradona, der den Tränen nahe war, stand hilflos an der Seite, und musste mitansehen, wie seine Jungs vom deutschen Reinheitsgebot zerlegt wurden.

Die Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass ich mit meinen bisherigen Erfahrungen im Fußball nichts ausrichten kann. Nichts ist, wie es zuvor noch scheint. Haben Mannschaften zuvor noch eine souveräne, starke Leistung abgerufen, stolpern sie im nächsten Spiel in eine Schlappe oder ziehen mit viel Ach und Weh ihren Kopf aus der Schlinge. Favoriten? Gab es wohl nur am Papier, auch wenn ich den Brasilianern alle Chancen gab. Nicht, weil sie mir gefielen oder weil sie mir sympathisch waren (Überheblichkeit in Gelbgrün), sondern weil ich davon ausging, dass die Defensive, wenn es darauf ankommt, dicht machen würde und ihre außerordentlichen Offensivkräfte sind freilich immer für das eine oder andere Tor gut. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als Dunga und die brasilianische Fußballwelt denkt.

Kommen wir zu den Deutschen zurück. Was ist mit denen nur los? Oder besser: was ist mit ihren Gegnern nur los? Ist es der Versuch, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, ihre „herausragende“ Leistung kleinzureden, wenn ich auf die mäßige Gegenwehr ihrer Gegner verweise? Darauf kann ich keine Antwort geben. Die österreichische Seele, die von so vielen schmachvollen Niederlagen gezeichnet ist, einer fußballerischen Vergangenheit anhängt, in der es noch ein Wunder gegeben hat, nicht nur einmal (hier ist bitteschön n i c h t  von Cordoba die Rede!). Österreich war für eine kurze Zeit lang das Maß aller Dinge am europäischen Kontinent. Lange ist es her. Und die Namen lösen nur ein Schulterzucken aus. Und dieses „Wunder von Bern“, wo der Stern des deutschen Fußballs zum ersten Mal aufleuchtete (gefährlich grell), sollte von nun an deren Gegnerschaft in ein kollektives Rätselraten stürzen (mitten dabei: das zweite öster. Wunderteam, der geheime Favorit, der von einer deutschen Mannschaft regelrecht zerlegt wurde und sich am Ende mit dem dritten Platz begnügen musste).

Man weiß nicht, wie sie es machen, die Deutschen, man weiß nur, dass sie es machen. Davor kann einem schon Angst und Bang werden, wenn es gilt, gegen diese Mannschaft anzutreten. Wer in die Köpfe der Gegner eine Legendenbildung zaubert, muss es nicht am Fußballfeld tun. Die Einbildung, die Vorstellung, dass der deutsche Fußballer nicht gewillt ist aufzugeben, immer kämpft, zäh, verbissen, mit letztem Einsatz, und das Glück auf seine Seite zwingen will, ist schreckerregender als jede Wirklichkeit. Es wäre natürlich nahe am Zynismus, wenn man den Leser kurz erinnern möchte, dass die Deutschen nur mit vereinten Kräften niedergehalten, niedergezwungen werden konnten, damals, in den Weltkriegen. Diese Mentalität, die sich genetisch in Haltung und Einstellung festgesetzt hat, macht die Deutschen auf jedem „Schlachtfeld“ zu schier unüberwindlichen Gegnern. Wie gesagt, vieles spielt sich in den Köpfen ab. Und entscheidet Spiele, bevor der Anstoß vollzogen ist. Man achte auf die erste Minute in einem Match. Daran erkennt man sofort, woran man bei den Mannschaften ist. Wird der Ball nach hinten gespielt, dominiert die Sicherheit, oder sprinten die Offensivkräfte druckvoll nach vorne und verlangen den Pass. Ja, in den ersten Minuten kann man sehen, was sich in den Köpfen der Spieler so tut.

Und die Löw-Truppe agierte sofort druckvoll, war gewillt, das Heft in die Hand zu nehmen. Und die Argentinier? Waren mit dieser Situation überfordert. Weil man ihnen nicht gesagt hat, dass man schon nach 160 Sekunden mit einem Tor in Rückstand geraten kann. Und dass die Mannschaft, die das Tor gemacht hat, nicht zurücksteckt, sondern weiter aggressiv nach vone spielt. Die Argentinier können Fußball spielen, das haben wir gesehen. Aber wurden sie vielleicht mit zu viel Lorbeeren bedacht? Waren ihre Siege zu glücklich (Südkorea!), zu leicht (Griechenland, Nigeria) und nahe an der Manipulation (Mexiko!)? Ironischerweise gibt es Parallelen zu ihrem deutschen Gegner, dessen Siege vielleicht genauso glücklich (Ghana), zu leicht (Australien) und nahe an der Manipulation (England!) waren. Wir sehen, so überschwänglich sollte man nicht sein. Hier sind zwei Mannschaften aufeinander getroffen, deren Stärke ich heute noch nicht realistisch einschätzen kann.

Sind die Deutschen wirklich so gut, wie alle sagen, wie alle jubeln? Oder macht man sich da nicht etwas vor? Als sie die Australier (vulgo „Arbeitsverweigerer“) aus dem Stadion schossen, gierte man bereits nach dem Favoritenstatus. Dann kam Serbien und die deutsche Nation musste bemerken, dass Hochstimmung und Jubelgeschrei keinen Sieg davonträgt und schon gar nicht den Pokal einbringt. Und gegen Ghana zwangen sie ihr Glück. Wieder einmal. Und gegen altersschwache Engländer musste der Schiedsrichter eingreifen, damit die Partie nicht kippte. Ist das souverän? Ist das überzeugend? An diesem 21. Spieltag, in diesem dritten Viertelfinalspiel, da trafen zwei Mannschaften aufeinander, die vielleicht gar nicht mehr im Turnier hätten sein dürfen, aber so taten, als hätten sie einen Anspruch auf den Titel. Bevor mich die Teutonen in die Schwarzwalderde stampfen wollen, so muss man sagen, dass diese Randnotiz (leider) auch auf die restlichen drei Mannschaften (Niederlande, Uruguay, Spanien) zutrifft. Man kann demnach sagen: die Deutschen sind in „schlechter“ Gesellschaft. Keiner hat überzeugt. Keiner agierte souverän. Nur ein glückliches, manchmal auch unfaires Herumgestolpere von einem Sieg zum nächsten. Am Ende, wir wissen es, zählt nur eines: dieses goldene Phallus-Symbol der FIFA nach Hause zu bringen. Und bevor ich mich jetzt den Spaniern und ihrem Spiel gegen Paraguay widme, muss ich noch eines tun:

Ich ziehe vor der deutschen Mannschaft meinen imaginären Hut. Das habe ich der guten Gina (ein Bayrisches Dirndl) „versprochen“, falls die Deutschen die Argentinier schlagen. Im Vorfeld konnte ich es nicht sehen, die mentale Schwäche der Gauchos und die mentale Stärke der Müllers dieser Welt. Ob es mir wieder passiert? Bestimmt.

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7 Antworten zu “WM 2010: Tag #21 Viertelfinale GER – ARG

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  2. Guido M. Breuer Sonntag, 4 Juli, 2010 um 12:31

    tja, da ist doch sogar unser Richard fast sprachlos (sprachlos heißt, er schreibt nur eine Seite 😉
    Und was soll ich als „Teutone“ sagen? Ich, der ich so unpatriotisch 2:1 für die Gauchos getippt habe?
    Man kann es drehen und wenden, wie man will. Und obschon selbst Trainer und Spieler es vermeiden, vom Titelgewinn zu sprechen (welche Zurückhaltung, wenn man gerade vom Platz kommt und den Favoriten Argentinien mit 4:0 besiegt hat!), kann man nicht umhinkommen zu sagen: Wer England 4:1 schlägt und anschließend Argentinien 4:0, der kann eben doch Fußball spielen. Nicht gegebenes Tor der Engländer hin, alleingelassener Messi her, Deutschland ist mal wieder weiter gekommen als alle gedacht haben – aber doch so weit wie viele befürchtet haben. Das hat aber nichts mit deutschen Untugenden zu tun, die man aus anderen Schubladen der Politik, Geschichte oder Gesellschaft herbeizerren mag, sondern einfach mit dem Funktionieren einer Sportmannschaft, die neben talentierten und gut ausgebildeten Spielern einen guten Trainer hat und als Team eine hervorragende Leistung darin bringt, einen Ball öfter ins gegnersiche Tor zu befördern als es umgekehrt dem Gegner gelingt. Mehr nicht. Portugiesen, Brasilianer, Franzosen, Italiener, Engländer, sie alle haben viel „deutscher“ gespielt als die Deutschen. Da wird nichts in Schwarzwalderde gestampft, kein von German Tanks vorgetragener Blitzkrieg, sondern da wird spanisches sicheres Schnellpass-Spiel betrieben, argentinisches Feuer gezündet und Dunga-brasilianisch verteidigt. Mit Herz und Freude am Spiel zeigen die Jungs, was Fußball ausmacht. Lass Ball und Gegner laufen, racker dich ab und hau das Ding rein!

  3. flashfrog Sonntag, 4 Juli, 2010 um 14:34

    Richard, irgendwie musst du eine andere WM gucken als ich.
    Die deutsche Mannschaft strahlt vor Spielfreude, wunderbarer Offensivfußball, in 3 Spiele jeweils 4 Tore geschossen, sowas passiert bei einer WM nicht von ungefähr, noch dazu bei einer, wo sich viele Mannschaften einfach hintenreinstellen und nur versuchen, das Spiel des Gegners zu zerstören. Da ist es doch eine wahre Freude, ein Team zu erleben, das so beherzt nach vorne spielt. Und England und Argentinien und Afrikavizemeister und U20-Weltmeister Ghana als Fußballzwerge abzutun, wird diesen auch nicht wirklich gereicht.
    Mit Deutschland und Ghana hätten 2 Teams aus Gruppe D im Halbfinale stehen sollen, hätte nicht ein absichtliches Handspiel das klare Siegtor für Ghana verihindert – auch eine „leichte Gruppe“ erwischt zu haben kann man den Deutschen also nicht vorwerfen.
    Gegen Serbien hätten sie auch mit 10 Mann mit 4 Toren Unterschied gewinnen müssen, um dich zu überzeugen?
    Es wäre sicher eine schöne Geste gewesen, wenn Neuer bei dem Wembley-Tor gesagt hätte: Hey, Schiri, der war drin. Besser wären die Engländer dadurch aber auch nicht geworden. Und die oft ärgerlichen Fehler der Schiedsrichter bei dieser WM kannst du wirklich nicht auch noch den Deutschen in die Schuhe schieben. 🙂

    Wie wärs, wenn du – einfach nur mal probeweise – beim Halbfinale deinen Nachbarn die Daumen drückst, statt ihnen die Pest an den Hals zu wünschen?

  4. Matthias Sonntag, 4 Juli, 2010 um 14:59

    Da muss ich meinen Vorschreibern recht geben: irgendwie schaue ich auch eine völlig andere WM. So viel Rumpelfußball wie wir hier von hoch gewetteten Mannschaften gesehen haben, gabs noch nie. Und so viel spielerische Klasse gab es bei einer deutschen Mannschaft auch noch nie. Warum also immer noch diese heftigen Kritiken aus dem geschätzten Nachbarland. Darf da einfach nicht sein, was nicht sein kann? Mag man nicht zugeben, dass Deutschland sich geändert hat – radikaler als die meisten anderen europäischen Länder und dass der Fußball diesen Schritt jetzt auch nachvollzieht. Von deutschen Tugenden unter Rückgriff auf Weltkriegserfahrungen zu reden, mutet schon fast erheiternd an angesichts der Tatsache, dass in der Startelf gestern fünf Spieler mit ausländischen Wurzeln standen. Als Müller aus- und Trochowski eingewechselt wurde, war es sogar die Mehrheit. Nein, nein, hier spielte kein deutscher Panzer, sondern eine junge, hungrige Mannschaft, deren Spieler seit ihren Jugendtagen gemeinsam in einem System trainieren. Viele sind durch die „Gerland-Schule“ in München gegangen, die anderen haben das System in den Jugendnationalmannschaften verinnerlicht. Dieser jahrelange kontinuierliche Aufbau beginnt jetzt, Früchte zu tragen. Mag sein, dass es noch nicht für den Titel reicht – Spanien praktiziert diese Art der Jugendförderung und des Systemfußballs schließlich schon länger. Aber Deutschland hat aufgeholt und darf träumen. Wer weiß …

    • Guido M. Breuer Sonntag, 4 Juli, 2010 um 19:14

      jawohl, habe mich bei Richard kaum getraut, die Sache so klar zu sagen 😉

      die Jungs im Trikot mit den drei Sternen machen richtig Spaß, sie wollen den vierten Stern und das nicht mit Betonfußball, sondern spielerisch und fesch. Und bei Namen wie Boateng (ein Berliner Jung), Özil (auf Schalke geboren), und Co. ist auch klar, das ist auch in (spiel)kultureller HInsicht was ganz anderes als Kalz, Hrubesch und Briegel. Mittlerweile darf man als Deutscher die Daumen für Deutschland drücken, ohne gleich ins völkisch-nationale rechte Eckchen gestellt zu werden. Und die echten „Deutschmeister“ aus dem österreichischen Nachbarland dürfen ruhig für Deutschland halten – die nächste Krankl-Elf kommt bestimmt … und wenn nicht, sind wir trotzdem irgendwie alle Deutsche 😉

      • Matthias Montag, 5 Juli, 2010 um 9:48

        Genau! Die rechten Dumpfbacken von NPD und Konsorten schäumen in ihren Blogs und Hinterzimmern gerade vor Wut, weil diese Elf das Symbol für das neue, multiethnische Deutschland ist, das sie so sehr ablehnen. Schwarz-Rot-Gold nicht als Symbol völkisch-nationalen Denkens, sondern einer bunten, modernen Gesellschaft. Im Ausland (Österreich vielleicht mal ausgenommen) wird das auch so gesehen, wie ich von Gesprächen mit Freunden in der Schweiz, in Frankreich und Holland weiß. Das Sommermärchen vor vier Jahren war der erste Schritt in diese Richtung, jetzt folgt der nächste.
        Fußball kann viel bewirken. Vor allem aber: Dieser Fußball macht Spass! Das kann gerne noch so weiter gehen.

  5. Manu Sonntag, 4 Juli, 2010 um 19:45

    wie gesagt, ich hab ja keine ahnung von fußball und da kannst du mir echt eine menge erzählen. aber was du da von der angeblich deutschen mentalität erzählst, „die sich genetisch in Haltung und Einstellung festgesetzt hat“ und die die gegner schon im voraus verängstigt – sorry, das kann doch nicht dein ernst sein?

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