erotische Verstrickungen

Erster Teil der „erotischen Verstrickungen“ ist hier nachzulesen: LINK

Wenn der Fußball ruht, gilt es, der schönsten Sache der Welt literarisch auf den Grund zu gehen. Die letzten Tage an ERIK gearbeitet. Dabei bemerkt, dass ansprechende Erotik aufs Papier zu bringen eine Herausforderung der Sonderklasse ist. Mich dabei ertappt, in Leseproben expliziter Bücher zu blättern. Um zu sehen, wie es denn andere tun. Aber schon nach wenigen Zeilen überkam mich nicht ein wohliger Schauer, sondern blankes Entsetzen. Ob des literarischen Zugangs. Ob der graphischen Darstellung der verschiedenen Intimitäten. Und dabei bemerkt, dass es wohl immer (oder so gut wie immer) auf das eine hinausläuft. Lehnt man sich jetzt zurück, so bemerkt man, dass es sich auch im Leben so verhält. Man könnte meinen, unser Leben bestünde aus einer Aneinanderreihung von Wiederholungen. Vielleicht habe ich mich deshalb in den ersten Kapiteln zurückgenommen, habe der Erotik keinen Platz eingeräumt. Vielmehr hoffte ich (und hoffe es natürlich noch immer), dass weniger mehr ist. Die Phantasie des Leser (besser: der Leserin) kann ich nicht toppen, kann sie nicht annähernd erreichen. Zu unterschiedlich sind sie. Im Besonderen in den kleinen Details. Deshalb bin ich kein Freund der detaillieren Beschreibung. Ich deute an. Ich male die Bilder mit dezenten Farben. Deshalb muss man schon ein gutes Auge, ein gutes Gespür haben, um etwas zu erkennen.

Zum anderen, ich muss mir klar werden, kann es gut sein, dass ich noch nicht den richtigen Dreh gefunden habe, um das Knistern aufs Papier und in den Text zu bringen. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob ich es mit aller Deutlichkeit, mit aller Anstrengung versuchen soll.

Simona, die sich neben Evi spontan bereit erklärte (Twitter sei Dank), ERIK kennenlernen zu wollen, hat mir bereits zu den ersten drei Kapiteln Feedback zukommen lassen. Ei, das freut den Autor natürlich. Weil, wer „das dschunibert prinzip“ gelesen hat, der weiß, wie schwer es als Autor ist, gute, zeitgerechte Rückmeldungen zu bekommen. Und wenn man noch das Glück hat, dass die Testleserin auch noch im literarisch-wissenschaftlichen Betrieb zu Hause ist, diesbezüglich eine profunde Ausbildung genoss, dann kann man sich nur gratulieren – und hoffen, dass sie nicht alsbald die Geduld verliert.

Das Kapitel „Marie Claire“ ist zu langatmig. Simona würde es „rigoros straffen“. In der Tat. Beim erneuten Durchlesen kann einem dieses langjährige Hin und Her („Will er jetzt was von ihr?“; „Will sie jetzt was von ihm?“) ziemlich auf die Nerven gehen. Noch dazu, wo die Intimitäten nur nebenbei erwähnt, aber nicht in aller Deutlichkeit erklärt werden. Warum? Siehe oben. Vielleicht sollte ich das Kapitel hie und da mit Details aufpeppen. Aber nicht zu viel. Sonst verliert der Leser (besser: die Leserin) das Interesse. Die Neugier muss auf kleiner Flamme köcheln. Gar nicht einfach. Aber wer sagte, dass erotische Literatur einfach zu schreiben sei?

Kurz in mich gegangen. Kurz nachgedacht. Kann es sein, dass ich gar keinen erotischen Roman schreiben, dass ich nur das Liebesleben eines Mannes mit einer besonderen Vorliebe skizzieren wollte? Als ERIK entstand, zeitgleich mit Rotkäppchen 2069, schwebte mir eine ernsthafte Auseinandersetzung  mit der natürlichsten Sache der Welt vor. Dabei wollte ich auch die andere Seite, die der Frau nicht zu kurz kommen lassen. Ich einigte mich auf  Tagebuchauszügen und in einem Kapitel auf Ausschnitte eines E-Mail-Verkehrs. Lange, bevor Herr Glattauer die Mann-Frau-E-Mail-Sache zu einem Bestseller machte („Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“).  Das sage ich hier und jetzt, damit es später nicht heißt, ich hätte diese Idee hegemannisch abgekupfert. Aber während Herr Glattauer diese virtuelle Beziehung auf etwa 220 Seiten ausdehnt – ohne Höhen und Tiefen, wo es scheinbar nur darum geht, ob sich die beiden Protagonisten lieben (!) und in der Realität treffen wollen – reichten mir rund 20 Seiten und ein Kapitel. Hätte ich den Hang zum Nachmachen, ich hätte dieses Kapitel auf 200 Seiten „aufblasen“ und als Glattauer-Nachfolger ins Rennen schicken müssen. Aber seien wir ehrlich: was soll das bringen? Eben!

Gestern, weit nach Mitternacht, habe ich Simona noch meinen neuesten Wurf geschickt:  Trockentraining. Rund zehn Seiten über ein fiktives Gespräch zwischen ERIK und der Leserin. Es ging flott von der Hand. Weil es wieder die Dialoge waren, die ich aus dem Ärmel schütteln konnte (besser: sie fielen einfach heraus). Es tut gut, zu wissen, dass man sich als Autor in vielen Bereichen verbesserte. Es ist viel Wasser die Donau hinunter geflossen, es sind zwischenzeitlich ein paar Bücher mehr entstanden, ich bin älter, reifer, erfahrener geworden. Das sollte man nicht unterschätzen. Nicht, wenn es um die Auflösung des komplexen zwischenmenschlichen Beziehungswirrwarrs geht. Vermutlich, würde ich konsequent meinen literarischen Weg gehen, müsste ich das Manuskript in den Ofen schieben und von neuem beginnen. Aber nur weil eines der Kinder nicht attraktiv ist, weil es in der Entwicklung hinterherhinkt, heißt es nicht, dass man es nicht genauso lieben kann, wie die anderen, die sich immer wieder hervortun. Am Ende ist es auch eine Reise in meine schriftstellerische Vergangenheit. Aber warten wir mal ab, was Simona dazu zu sagen hat.

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