richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Seid ihr alle da?

Buchcover von "Bravo Kasperl"

Ja, so sah das damals aus

„Das erste Buch, das du je gelesen hast?“, wurde ich gefragt. Besser: ich suchte mir diese Frage aus. Im Blog von Ivy gab und gibt es 31 Fragen zum Thema Buch. An jedem Tag im Juli sollte eine der Fragen von einem Interessierten beantwortet werden. Ich wählte die 9. Frage (es gab nur noch zwei zur Auswahl, da fiel die Entscheidung recht leicht) und setzte mich mit meiner lesenden Vergangenheit auseinander. Die „Rezension“ des Buches Bravo Kasperl ist nun online und kann hier gelesen werden: LINK – ich werde mir erlauben, den vollständigen Artikel in den nächsten Tagen auch hier einzustellen. Schließlich will ich ja mein Geschreibsel immer bei mir haben.

In der Buchbesprechung ist primär alles gesagt. Was mir jetzt noch einfällt, ist die Frage, ob die heutigen Kinder den Kasperl überhaupt noch kennen. Während ich mit ihm groß geworden bin (gewiss, es dauert nicht lange, bis man als kleiner Knirps meint, schon zu alt für ein Kasperltheater zu sein). Soweit ich mich jetzt erinnern kann, gab es jeden Mittwoch Nachmittag eine Vorstellung in der Urania, die vom ORF im Fernsehen übertragen wurde. Live habe ich den Kasperl also nie beklatscht. Vermutlich mit ein Grund, warum mich später Livekonzerte kaum aus dem Haus locken konnten. Es ist schon seltsam, wenn man gerade an einem erwachsenen Stoff schreibt, sich mit Erotik in allen Facetten auseinandersetzt (Huh!) und dann für kurze Zeit in die Kindheit abtaucht, wo es plötzlich um den Kasperl geht und wie er die Puppenwelt rettet. Ob das Puppentheater bereits mit Begierden und Wünschen spielt? Durchaus. Weil sie ja von Menschen geführt und gesprochen werden. Und Menschen haben immer (sexuelle) Begierden, haben immer explizite Wünsche. Diese zu verheimlichen und zu verbergen ist nicht immer möglich. Deshalb muss man zwischen den Zeilen lesen, die Unteröne hören und die subtilen Zeichen heraus schälen. Aber vielleicht hatte Sigmund Freud Recht, als er meinte, eine Zigarre ist manchmal einfach nur eine Zigarre. In diesem Sinne schließe ich den Vorhang meiner Aufführung und suche mir eine Zigarre. Ja, genau.

Rezension

Bravo Kasperl
Eine lustige Geschichte für ABC-Schützen
von Vera Ferra-Mikura
Gezeichnet von Emanuela Delignon

Für den Blogbeitrag “31 Tage, 31 Bücher”

Das vorliegende Büchlein könnte mein erstes gewesen sein. Wobei, seien wir ehrlich, wer kann mit Fug und Recht sein wirklich allerallerallererstes Buch aus dem Stegreif benennen und den Inhalt aus dem Gedächtnis wiedergeben? Eben!

Ich habe in den alten Büchern meiner Kindheit gesucht. Viele gab es nicht mehr. Beinahe hätte ich mich für das Buch “Die schwarze Grete” entschieden. Darin wird das zauberhafte Abenteuer einer alten Dampflokomotive und ihrer Besatzung erzählt. Die gemalten und dazupassenden Bilder sind allerherrlichst. Überhaupt, diese Zeichnungen, diese Bilder, die den Text unterstützen (ich glaube, damals war es bestimmt umgekehrt), dringen tief in das Unbewusste und wenn man nach vielen Jahren (wer es genau wissen will, ich schätze, dass ich das Kasperl-Buch vor rund 35 Jahren aufblätterte) wieder diese Bilder sieht, diese Farben, dann kommen sie einem so vertraut vor, als würde man sie erst gestern das letzte Mal bestaunt und zum Leben erwecket haben.

Mein erstes Buch, das den Titel “Bravo Kasperl” trägt, handelt von, voilà, dem Kasperl. Jener Puppen-Figur, die von den Kinder so heiß geliebt wird. In diesem Buch sind die Kasperl-Puppen allesamt vermenschlicht. Und das Krokodil, die Frau Bissig (der “Original”-Kasperl der Wiener Urania, der hat passendere Namen für seine Puppenschar gefunden; heißt das Krokodil nicht Dagobert? Und gibt es da nicht auch einen Tintifax?), also, diese Frau Bissig beißt den armen Kasperl während einer Vorstellung versehentlich in den Arm. Dabei hat sie auch noch einen Zahn verloren, der nun im Arm des Kasperls steckt. Ojemine. Da ist guter Rat teuer, weil die Verletzung natürlich schmerzt und an weiteren Auftritten nicht zu denken ist. Zwar lüftet die Prinzessin kurzerhand ihren Schleier und verbindet damit die Wunde, trotzdem braucht unser Kasperl dringend ärztliche Hilfe. Gar nicht einfach, wo er doch aus dem Puppentheater so gut wie nie herauskommt. Aber dank der schlauen Hexe Wackelzopf, die ihm den Weg ins nächste Krankenhaus weist, ist die Lösung nahe.

Der gute Kasperl macht sich also auf den Weg und schlägt zuvor noch das Angebot der jungen Prinzessin aus, ihn zu begleiten (“Nein, Danke! Ich bin doch schon groß genug und kann allein gehen!”). Dass die Reise recht turbulent, sogar lebensgefährlich wird, sei an dieser Stelle natürlich verraten. Dass zu guter Letzt der Kasperl wieder seine Kinder begrüßen darf, auch das ist wohl keine Überraschung und erfreut das junge Leserherz. Weil schlussendlich die Kinder es selbst sind, die den Kasperl vor einem bösen Dieb retten, der ihn kurzerhand an den Meistbietenden verkaufen will.

Alles in allem kann ich das Büchlein nur empfehlen. Da ist von bösen Menschen und einer blutenden Wunde genauso die Rede, wie von einer hübschen Prinzessin und einem netten Onkel Doktor. Ende gut, alles gut. Ei, so schön kann das Leben sein.

Die Typographie hat mich aber beim Aufblättern förmlich erschlagen: ARIAL IN GROSSBUCHSTABEN. Vermutlich hat es mir als Kind nichts ausgemacht, ich hatte sowieso nur Augen für die Bilder. Und für lange Zeit sollte ich meine Bücher nach den verwendeten Zeichnungen und Illustrationen auswählen. Es brauchte seine Zeit, bis ich mich dann doch entschloss, auf die Bilder zu verzichten. Vielleicht mag es mit ein Grund sein, warum ich mit einem deutschen Cartoonisten eines meiner Bücher illustrierte. Die Kindheit steckt uns allen in den Knochen. Drum sollten wir umso vorsichtiger sein, wenn wir das nächste Mal den Kleinen ein Büchlein schenken.
über mich:

Richard K. Breuer ist Schriftsteller, Verleger, Buchdesigner und Luftschlossbesitzer. Er lebt und arbeitet in Wien, blickt auf die vorbeifließende Donau und freut sich, wenn der geneigte Leser einen Blick auf seine virtuelle Visitenkarte http://www.1668.cc oder seinen Notizblog http://www.1668cc.wordpress.com wirft.

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4 Antworten zu “Seid ihr alle da?

  1. Ivy Freitag, 9 Juli, 2010 um 11:36

    Ich kann dir versichern, dass die Kinder heutzutage den Kasperl noch kennen und genauso lieben wie früher. Ich persönlich war nie ein Kasperl-Fan, aber meine Tochter sieht ihn hin und wieder an. Auch ein LIVE Kasperltheater ist immer ein Hit und kommt bei Kindern super an!

    • Richard K. Breuer Freitag, 9 Juli, 2010 um 11:44

      Na, das freut mich jetzt aber zu hören, Ivy. Weil so ein Kasperltheater durchaus Qualität hat und es wär jammerschade, wenn es in der Technik-Video-Web-Melange untergehen würde *blubb*

      • Urs Samstag, 17 September, 2011 um 15:30

        Hallo
        In Ihrer Rezension ist vom Buch die schwarze Grete die Rede. Ist das noch irgendwo erhältlich?
        Ich hatte als Schuljunge dieses Buch aus der Bibliothek. Es hat mich damals sehr gefesselt und möchte es einem Kind schenken.

      • Richard K. Breuer Samstag, 17 September, 2011 um 18:34

        Hm? Gute Frage, ob das Buch noch regulär zu kaufen ist. Am besten, ein Blick auf http://www.zvab.com – das Zentralverzeichnis der Antiquare. Also, wenn es dort nicht aufscheint, dann gibt’s nur noch die Möglichkeit, es aus einer Bibliothek zu stehlen, pardon, auszuborgen 😉

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