richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Robert Musil, Hütteldorf und ein Polizeieinsatz

Ich solle schreiben, was mir zu aller erst einfiele, zu MG. meint sein Bruder, der die Redaktion der Hochzeitszeitung übernommen hat und fügt noch amüsiert hinzu: „aber keine Schweinerein!“. Gut. Was fällt mir also zu MG. ein? Wenn man sich bald 35 Jahre kennt, reiht sich da Anekdote an Anekdote. Wir haben viele Nachmittage gemeinsam verbracht. Zumeist spielend. Fast immer spielend. Eine seiner damaligen Erkennungsmerkmale war, dass er nie geklingelt, immer nur geklopft hatte. Unsere Bücherei-Besuche liefen nach einem bestimmten Ritual ab: er stapelte die Bücher massenweise, während ich unschlüssig nach Lesbarem suchte. Eine Woche später hatte er seine ausgeborgten Bücher allesamt ausgelesen, während ich noch am ersten knabberte und nicht wirklich vorwärts kam. Seine Lesegeschwindigkeit beeindruckte mich damals und verblüfft mich noch heute. Dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt, nun, das unterscheidet uns zwangsläufig. Während ich mich zurücknehme, leise Vorbehalte und Kritik äußere, poltert und posaunt MG. seinen Unmut heraus. Man kann es schon an unserer Statur absehen, warum dem so ist. Und manchmal, wenn ich MG. vorschicken kann, um für mich eine Reklamation auszufechten, dann fühlt es sich an, als wäre er der große Bruder, den ich freilich nicht hatte. In seinem massigen Schatten fühlt man sich wohl. Ich denke, die gute AH. wird es schon bemerkt haben.

Eine Anekdote sei hier erzählt. Weil sie treffend unsere freundschaftliche Beziehung erklärt. Ich sitze im Kaffeehaus. Ich hatte damals gerade mein erstes Buch, die absurde Science-Fiction-Komödie Rotkäppchen 2069 als Privatdruck der bescheidenen Öffentlichkeit vorgestellt. Natürlich ließ es sich MG. nicht nehmen, mir beim Transport der Bücher zu helfen und mir eines abzukaufen. Geschenkt wollte er es partout nicht. Meine späteren Erfahrungen sollten mir zeigen, dass diese großzügige Geste eine Seltenheit im menschlichen Getriebe ist. Jedenfalls, Wochen später, ich sitze, wie eingangs erwähnt, im Kaffeehaus und schlürfe meinen Mokka, als das Mobiltelefon läutet. MG., gut gelaunt und redselig, brachialt über mein Buch und dass es ihn an Robert Musils Mann ohne Eigenschaften (MoE) erinnere. Er macht eine längere Pause, weil er weiß, dass es bei einem guten Bonmot auf das Timing ankommt. Während dieser wenigen Sekunden, erträume ich mir den literarischen Olymp, klopfe mir auf die gebeugte Schulter und denke, dass ich es geschafft hätte. Dann setzt wieder die Stimme von MG. ein. Und er führt – mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Lippen – aus, dass Rotkäppchen 2069 und MoE die einzigen beiden Bücher wären, die er nie zu Ende gelesen hätte. Während sich also MG. köstlich amüsiert, auf meine Kosten versteht sich, kann ich ihm nicht wirklich böse sein. Weil er wenig später ehrlich und echt anmerkt, von meinem Erstlingswerk „Azadeh“ überzeugt zu sein. Man muss schon mal in den Allerwertesten gezwickt werden (MG. ist übrigens im Sternzeichen Krebs, während ich mich als Zwilling in luftige Höhen versteige), um wieder den steinigen Boden unter den Füßen zu gewinnen.

Das Leben, MG. weiß es nur zu gut, ist eine Hochschaubahn. Manchmal oben, manchmal unten, aber immer in Bewegung. Und wir wissen nie, was einmal sein wird. Oder hätte sich der geneigte Leser dieser Zeilen gedacht, dass ich mit MG. einen kleinen Polizeieinsatz auslöste, weil wir spät Nächtens laut jubelnd, herzhaft kommentierend, der virtuellen Kickerei (für Interessierte: das legendäre Kick off für den Commodore Amiga) frönten? Ängstliche Nachbarn dachten, in der Wohnung würde gewütet und gemordet. Derweil war es nur der Jubelschrei, wenn ein Tor fiel. Oder das Gefluche, wenn man eines bekam. Ja, man kann sagen, dass unsere Freundschaft zu aller Anfang durch das gemeinsame Spielen erwuchs. Selten miteinander – manch einer der vielen, nicht immer friktionsfreien Rollenspiel-Abende (DSA, Midgard) hätte man sicherlich verfilmen müssen („Kentaur, du Sau!“). Oftmals gegeneinander – wer erinnert sich nicht an die Tipp Kick Partien mit GH., der, weil er mit seinem Spieler unzufrieden war, diesen einfach aus dem Fenster warf; überhaupt, diese fußballerische Fan-Rivalität war und ist eine eigene Welt für sich. Während er mit den Hütteldorfern groß wurde, er sich erinnern will, noch den alten Rapid Platz, die Pfarrwiese, und den jungen Hans Krankl gesehen zu haben, lieferte ich als Wiener Anhänger von Wacker Innsbruck eines der sonderbaren Auswüchse kindlichen Denkens und Fühlens ab. Ja, Fußball, das war und ist für MG. keine Nebensächlichkeit. Dass er nicht schon früher in die Stapfen des Hausmeisters Kaupe trat (jener, der uns dann und wann aus dem Fußballkäfig warf, weil wir nicht zum Hof gehörten) und Schiedsrichter wurde, ist wirklich ein Jammer. Er wäre, davon gehe ich aus, ein ganz großer dieser Zunft geworden. So sind ihm noch ein paar Jahre vergönnt, in dem er den jungen Spielern und den alten Funktionären am, genauso wie abseits des Fußballfeldes als Vorbild dienen kann. MG. ist ein korrekter, ein unbestechlicher Dickkopf, mit dem Herz am rechten Fleck. Und damit ist alles gesagt. So bleibt mir nur noch die Glückwünsche für das Brautpaar auf das Papier zu kritzeln. Was ich hiermit tue.

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