richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

500 Seiten oder Die Sprengung eines Rahmens

Cover Entwurf für Erik von Richard K. Breuer

Zugegeben, als ich vor Jahren (wie lange ist es schon her? Bald 7 Jahre!) mit dem „Tagebuch-Roman eines Fetischisten“ anfing, konnte ich nicht ahnen, dass es seine Zeit brauchen würde. Gut Ding braucht bekanntlich Weile. Vielleicht braucht es auch eine schriftstellerische Weiterentwicklung und die persönliche Reife. Mit Erik hatte ich vielleicht eine zündende Idee, aber nicht das dafür nötige schreibende Rüstzeug. Die erotisch angehauchte Collage aus Tagebucheinträgen, E-Mail-Verkehr, Gesprächen, Interviews und fiktiven Rollenspielen musste meine anfänglich so bescheidenen literarischen Fähigkeiten überfordern. Natürlich denkt sich der Künstler immer zum Erfolg. Glaubt an sich. Manchmal mehr, manchmal weniger. Als ich das Manuskript vor vielen Jahren den ersten Testleserinnen in die Hand drückte, war es unausgegoren. Die Geschichte wusste nicht recht, wohin sie gehen sollte. Es machte den Eindruck, als hätte ich meine privaten E-Mails kopiert und, ohne einen Strich zu ändern, übernommen. Es machte den unrühmlichen Anschein, es wäre einer dieser ekelig explizite Privatvideos, die den Nachbar von nebenan mit seiner Frau zeigen. Das will man eigentlich nicht sehen (wenngleich der Voyeur in uns interessiert ist, was denn das so passiert und wie sie es denn da so machen). Im Nachhinein muss ich mich entschuldigen, solch ein frivoles Stück Papier aus der Hand gegeben zu haben. Fremdschämen ist da durchaus angebracht.

Als ich Erik aus der Schublade holte, ist zwischenzeitlich viel geschehen. Ich habe das eine oder andere Buch geschrieben, habe intensive Gespräche mit meinen Lektorinnen geführt. Habe Kritiken eingesteckt und hingenommen. Kurz: es gab eine literarische Entwicklung. Die kann jeder sehen, der, sagen wir, Tiret aufschlägt und danach Brouillé. Interessanterweise kann sich Rotkäppchen 2069, das zeitgleich mit Erik entstand, noch immer recht gut behaupten, Warum? Weil das Buch und die Geschichte nicht den Anspruch machen, ernst genommen werden zu wollen. Ich muss dankbar sein, es nicht mit Erik versucht zu haben, sondern mein Entree in die Verlagswelt mit einer absurden Science-Fiction Burleske gemacht zu haben. Mit Erik hätte es eine böse Bruchlandung gegeben („fasten your seatbelts“).

Lange Zeit war ich mit Erik unglücklich. Ich bin nicht recht warm geworden. Oft aus der Lade geholt. Oft in die Lade gegeben. Oft überlegt, es wieder anzugehen, mit ihm. Oft wieder fallen gelassen. Erik und die Idee. Und dann, es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich das Manuskript wieder hervorgeholt. Mehr aus einer übellaunigen Fadesse, weil ich noch nicht an Penly arbeiten wollte (da Madeleine gerade im Lektorat war; die gute Vic nimmt es mir ein wenig übel, dass ich den 4. Band so einfach auf die Seite schob, was mir dann doch recht schmeichelt). Ich habe reingelesen, den Kopf geschüttelt. Abgesehen von den ersten Kapiteln war der Rest in einer bescheidenen Qualität. Ich habe also einmal versucht, jemanden zu finden, der sich für das Thema und die Geschichte interessieren könnte. Da spielt wieder der Zufall und das Internet ihre wesentlichen Rollen. Es fanden sich Testleserinnen, die mir ein gutes Gefühl gaben (auch wenn es nur um die ersten Seiten ging). Von da an war mein Interesse an Erik geweckt. Ich krempelte meine Ärmel auf und machte mich daran, das alte Manuskript zu entstauben.

Simona war und ist mir dahingehend eine große Unterstützung. Obwohl sie ihrerseits viel um die Ohren hat und an ihrem eigenen Text arbeitet #wip (Work in progress). Natürlich gibt es noch eine Reihe anderer Testleserinnen, die sich (zum Glück) kein Blatt vor den Mund nehmen und deshalb auch nicht genannt werden wollen. Wenn es in den Bereich der Sexualität geht, sind viele vorsichtig, mit ihren Äußerungen. Ich trage diesem Vorbehalt natürlich Rechnung und achte peinlichst darauf, von den virtuellen Gesprächen nichts nach außen dringen zu lassen. Am Ende steht ja alles im Buch. Mehr oder weniger.

Die letzten Wochen also verstärkt an Erik gearbeitet. Geschrieben und geändert. Gespräche geführt und in mich gegangen. Zumeist Musengeküsst aufgewacht. Das erfreuliche Resultat dieser Küsserei war und ist, dass ich den Rahmen bei weitem sprengte. 500 Taschenbuchseiten sind bald erreicht und ein Kapitel möchte ich noch einfügen. Dieses Konvolut zu lektorieren, zu korrigieren scheint mir in absehbarer Zeit gar nicht möglich. Noch dazu, wo ich plane, das Buch zur Buchmesse im November zu präsentieren. Gut möglich, dass ich mich für eine Leseprobe entscheide und jedes Kapitel, wenn es fertig ist, also wirklich fertig, dass ich es dann zuerst als ebook veröffentliche. Dahingehend gibt es keine Einschränkungen und das Geschriebene ist nicht für alle Ewigkeit in Stein (Papier) gemeißelt. Angenehm!

Das wollte ich nur gesagt haben. Jetzt muss ich aber mit Alice weitermachen. Hurtig noch dazu.

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5 Antworten zu “500 Seiten oder Die Sprengung eines Rahmens

  1. pebowski Montag, 26 Juli, 2010 um 15:27

    Werd ich alt – oder woran liegt es, dass ich mich so gegen e-books wehre, dass ich hiermit offiziell bekannt gebe, keinen RKB als e-book lesen zu wollen, schon gar keinen erotischen, der geradezu nach der haptischen Erfahrung des gestrichenen oder auch ungestrichenen Papiers schreit – kurzum: mit dem ich mich umblätternd auf die Couch kuscheln kann, Was mit meinem 27″ eher unbequem werden könnte. Kurzum: Eric, ja bitte, aber nur im dickbäuchigen Papierformat. 😉

  2. pebowski Dienstag, 27 Juli, 2010 um 11:08

    Da würd ich mich schon eher dazu überreden lassen – obwohl das Medium für mich auch relativ neu ist. Aber ein geniales kann ich empfehlen: „Global fish“ von Rainald Grebe. Da hab ich nachher nicht das Bedürfnis gehabt, es auch noch zu lesen. Hat der Autor selbst vorgetragen und gesungen. Sehr, sehr schräg – aber echt witzig und phantastisch!

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 28 Juli, 2010 um 8:18

      Ein Autor, der seinen Text „singt“? Hola, da gehört schon Mut dazu, wenn man darin nicht gerade begnadet ist. Der Titel des Buches kommt mir aber „irgendwie bekannt vor“. [und das erinnert mich wiederum an den Kinofilm „Stoßtrupp Gold“, weil es der letzte Satz im Film war, bevor die Endmusik einsetzt, die wirklich nicht schlecht ist und die ich mir natürlich damals mit dem Kassettenrecorder aufgenommen habe und da war dann natürlich dieses „kommt mir irgendwie bekannt vor“ drauf; ja, so setzt sich auch die unnützeste Info im Kopf ab]

      • pebowski Mittwoch, 28 Juli, 2010 um 10:36

        Die Story spielt zu einem guten Teil auf hoher See oder in Seemanskneipen – und da gehören ein paar schräge Lieder einfach zum guten Ton. 😉
        Und er kann das – auch das Lesen – allein wie er die unterschiedlichen Charaktere interpretiert.
        Ist meine absolute Empfehlung!!!

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