richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

eine Affäre, tausend Gedanken

Umschlagentwurf zum Buch
Der Fetisch des Erik van der Rohe

Es ist 6 Uhr 38 und ich beginne gerade mit diesem Eintrag. Ziemlich früh. Ziemlich verregnet. Die besten Voraussetzungen, um kreativ zu sein. Manchmal, da passiert es. Da legst du dich ins Bett, wachst sehr früh auf und schon schmust du mit deiner Muse und deine Gedanken sind voller Ideen und Geschichten. Obwohl der Körper noch nicht bereit ist, hält es dich nicht mehr in der Waagrechten und du musst frühstücken, musst Energie tanken, um dich sogleich hinter den Monitor und vor die Tastatur zu klemmen. Da hilft nichts. Es ist ein besonderer Moment, deshalb auch dieser Eintrag. Um mich später wieder erinnern zu können, dass es diese Zeit sehr wohl gegeben hat. Man vergisst sie so leicht. Weil sie später, im Zuge der Überarbeitungsphase, der Verlagsgeschäfte, einfach untergehen. Dann gibt es nur das fertige Buch mit all den großen und kleinen Schwierigkeiten, es zu vermarkten und zu verkaufen und zu bewerben. Davon ist jetzt – gottlob – nichts zu spüren. Jetzt braucht sich der Geist nur auf das „Fiktive“ konzentrieren. Hier bin ich Herr, hier bin ich Dichter, sozusagen.

Der Fetisch-Roman beginnt bereits mit seinem Eigenleben. Es ist das untrügliche Zeichen, dass aus einem verstaubten Manuskript ernstzunehmende Literatur wird. Das mögen viele belächeln, ist aber so. Gestern mit meiner jungen deutschen Lektorin über zwei Stunden telefoniert. Sie ist streng. Rational. Und hat für literarische Spielchen, die mir so schnell in Fleisch und Blut übergehen, nicht viel übrig. Das ist gut so. Die gestrenge Lektorenhand weiß mich ordentlich zu ohrfeigen. Diese Ohrfeigen sind freilich nicht hart, aber spürbar. Auf eine Art und Weise spürbar, dass sie des Nächtens nachwirken und heute Morgen Antrieb und Motivation sind. So sollte es sein. Im besten Falle. Im gestrigen Gespräch ging es um die „Genesis“, um die Darlegung des „Autors“, warum er das Buch geschrieben hat. Viele der Testleser (alle?) sind unzufrieden. MD. findet es „doof“ und will, dass ich es gleich gänzlich streiche. A. hingegen versteht meine Beweggründe. S. genauso. Warm werden sie alle nicht mit dem Text, der dem „Buch“ vorangestellt ist. Deshalb werde ich heute in mich gehen und daran arbeiten. Dass es eine „Genesis“ geben wird, so oder so, darüber lasse ich mit mir nicht diskutieren. Wie sie aussieht, darüber freilich schon. Weil das Buch, diese „autobiographische Fiktion“ nicht nur mit Innenansichten aufwartet (mehr als mit Erotik!), sondern auch mit einer Entwicklung: Der „Verlagsangestellte“ der sich zum „Schriftsteller“ verändert. Diese Veränderung muss auch lesbar, muss auch spürbar werden. Und die Sache mit der Fiktion, mit der Authenzität, auch darüber gäbe es viel zu sagen.

Gestern Nachmittag mit C. auf einen Kaffee gewesen. Ich erzählte ihr am Vortag, dass ich an einem „erotischen Roman“ schriebe. An ihrer Stimme merkte ich sofort ihr Interesse. sie: „Möchtest du mir nicht davon erzählen? An einem passenden Ort?“ Ich wählte einen neutralen Ort, eine neutrale Uhrzeit. Sogar das Wetter (regnerisch) spielte da mit. Man glaubt gar nicht, was aus der weiblichen Seele alles so heraussprudelt, wenn man das Inhaltsverzeichnis des Romans auf den Tisch legt und über das Thema lang und breit befindet. Unkomplizierte Affären würde sie sich wünschen, die sich überschneiden, so dass sie jede Woche einen Liebhaber treffen kann. Aber so einfach ist es nicht. Obwohl sie meint, im „Chat“ viele Angebote zu bekommen. Das Augenrollen mit einem Seufzer zeigt es mir bereits an, dass die meisten Männer, die sich ihr anbieten kaum der Rede wert sind. Ja, sie könne mir viel über das Internet und die Partnerbörsen und die Männer erzählen. Ich nicke. Und dann, dann fragt sie mich. Direkt. Ohne Brei. „Wie sieht es mit dir aus? Hast du Affären?“

Jetzt stellt sich die Frage, ob diese Unterhaltung tatsächlich so oder so ähnlich stattgefunden hat. Meine Lektorin behauptet ja, dass es dem Leser egal sei, so lange es sich authentisch anfühlt. Ich bin da anderer Meinung. Ich will als Leser nicht erzählt bekommen, was nicht alles passieren hätte können, in der Phantasie des Autors, sondern ich will am Leben des Autors teilhaben. Vielleicht ist es aber auch nur meine unstillbare Neugierde dem Leben gegenüber. Herauszufinden, was das Leben anderen bietet, geboten hat. Um so vielleicht auf das meinige schließen zu können.

Und gibt es da nicht B., die sich mir öffnete, weil sie das dringende Bedürfnis hatte, sich mitzuteilen, als sie von meinem Roman-Projekt erfuhr? Freilich, das Stillschweigen muss ich wahren. Andeutungen will ich keine geben. Aber es tut gut, sich kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen, wenn es um intime Details geht. Vielleicht sind da die Anonymität des Internets und die Distanz eines E-Mail-Verkehrs noch immer die besten Voraussetzungen, dass es zu so einer Offenheit kommt. Am Kaffeehaustisch, im persönlichen Gespräch, wäre es undenkbar. Und auch bei B. zeigt sich wieder, dass es ein Bedürfnis nach „Erklärung“ gibt, wenn es in den Bereich der Sexualität, der Beziehung, der Liebschaft geht.  Ich glaube ja, dass viele Menschen, jung und alt, nach Antworten suchen. Dumm, dass sie noch nicht einmal die Frage hinreichend gestellt haben. In meinem Buch werde ich keine Antworten geben. Aber vielleicht wird sich der eine, die andere kurz zurücklehnen und zur richtigen Frage finden. Damit würde ich sehr zufrieden sein. Mit mir und meinem Werk.

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2 Antworten zu “eine Affäre, tausend Gedanken

  1. Wortman Freitag, 30 Juli, 2010 um 7:53

    Das klingt ja recht interessant 😉

    Das Cover ist klasse.

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