richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Perutz, Groult und Flaubert

Die letzte Woche ausgespannt. Irgendwo an einem See. Den letzten Sommertag genossen – es war der Donnerstag – und dabei so unvorsichtig in der Sonne spaziert (besser: gelegen), dass ich mir einen Sonnenbrand holte. Heute, bei kühlen Temperaturen und einem Regen, der schon seit gestern fröhlich nässt, ist das kaum vorstellbar. Nur das Jucken auf der Brust erinnert mich an diesen Sonnentag. Der Versuch aus- und abzuspannen gelingt am besten mit guten Büchern. Gar nicht einfach, wenn man anspruchsvoll ist und Autoren und ihre Bücher auf die goldene Waagschale legt.

Zu aller erst einen gewissen Wiener namens Leo Perutz gelesen. Turlupin wurde mir von M. empfohlen. Weil es ein historischer Roman ist, der im alten Frankreich spielt. Etwa 150 Jahre vor Tiret und der Französischen Revolution,  aber irgendwie nicht unähnlich. Leider ist der Band recht schmal, man hat die Geschichte also ziemlich flott gelesen. Sein größter Erfolg Nachts unter der Steinernen Brücke besteht aus vielen kurzen Geschichten über die alte Stadt Prag. Also, gut ist es natürlich geschrieben (habe es noch nicht ganz gelesen), aber mir gefiel Turlupin besser. Interessant, wie Perutz Fakten mit Fiktion mischt. Das Buch kann ich empfehlen.

In einer umgebauten alten Telefonzelle, an einem See, gab es viele Bücher, die man sich mitnehmen konnte, so man den Wunsch dazu hat. Ich hätte natürlich gerne eines dagelassen, aber ich hatte keines zur Hand. Deshalb wählte ich mir auch nur eines: Salz auf unserer Haut von Benoîte Groult. Zugegeben, ich nahm es anfänglich nur deshalb in die Hand, weil ein Bretone die Hauptrolle spielt und ich ja in Penly einen bretonischen Charakter auftreten lasse. Dem werde ich wohl die eine oder andere Eigenschaft des Groultschen Protagonisten geben. Ich schätze, die französische Schriftstellerin weiß schon, was einen Bretonen so besonders macht. Vermutlich hat sie so einen über mehrere Jahre gespürt. Salz auf unserer Haut ist ein Liebesgeschichte der anderen Art. Man könnte sagen: die beiden Liebenden begehren sich, bekommen sich aber nicht. Fleischlich geht es recht reizend zur Sache, aber der Fokus liegt weniger auf Pornographie oder Erotik, vielmehr darum, wie die beiden mit dieser seltsamen Beziehung über die Jahre und Jahrzehnte zurecht kommen. Das Buch hat mich durchaus fasziniert, was ich anfänglich nicht dachte. Interessant, dass die Autorin in einem Vorwort so tut, als wäre die Geschichte wahr. U. meinte, dass die Story durchaus autobiographisch wäre, sie habe mal darüber gelesen. Aha. Das Buch habe ich übrigens am Samstag Nachmittag ausgelesen. Da merkt man erst, wie stark die Sogwirkung eines guten Buches sein kann. Leider passiert es mir nicht so häufig, dass ich von einer Geschichte so gefesselt werde. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich immer meine eigenen Ideen und Geschichten im Kopf habe.

Zu guter Letzt begonnen Gustave Flauberts Madame Bovary zu lesen. Wir wissen ja, wie es ausgeht. Frauen, die sich eine Verfehlung geleistet haben, in der damaligen Zeit, mussten wohl das Zeitliche segnen. Weil die Gesellschaft anno dazumal unnachgiebig war. Heutzutage wird nicht mehr so heiß gegessen, wie gekocht. Gut so. Weil jeder Mensch seine Freiräume braucht. Der eine mehr, der andere weniger. Man könnte sagen, Benoîte Groult ist die Madame Bovary des späteren 2o. Jahrhunderts, die nun die amourösen Angelegenheiten selbst in die Hand nimmt und sich nicht mehr (zur Gänze) fremdbestimmen lässt. Ob die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts noch freizügiger wird oder die Zügel wieder fester zieht, steht in den Sternen. Würden wir nicht allesamt so heuchlerisch tun, offener mit dem Thema der Sexualität umgehen, es würde uns viel erspart bleiben. Aber so muss vieles im Keller bleiben. Die Wünsche und Begierden genauso wie die Leichen. Apropos Sexualität: Der Fetisch des Erik van der Rohe wird bald über euryclia angeboten werden. Leseprobe inklusive. Man darf gespannt sein.

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2 Antworten zu “Perutz, Groult und Flaubert

  1. Victoria Freitag, 3 September, 2010 um 11:04

    Also, wenn Du schon bei Perutz bist, solltest Du den „Meister des Jüngsten Tages“ lesen. Meiner Meinung nach sein Meisterwerk. Oder den „Marques de Bolibar“ schon allein, weil das Buch eine Wendung hat, die eigentlich nicht funktionieren sollte – und es trotzdem tut. Und es spielt in den napoleonischen Kriegen, das ist doch fast Deine Zeit!

    Okay. Genug spontaner Perutz-Enthusiasmus für einen Morgen.
    (Übrigens, der Herr war aus Prag…)

    Liebe Grüße
    V.

    • Richard K. Breuer Samstag, 4 September, 2010 um 11:13

      Yep, Vic, der gute Herr Perutz war Prager. Das wollte ich dir am Mittwoch sagen, weil ich ja nicht wusste, dass du ihn kennst. Andererseits, ich hätt’s mir ja denken können.

      Ja, werde sicherlich noch ein paar Bücher von ihm lesen. Napoleonische Kriege klingt gut. Ist vorgemerkt 🙂

      Merci für die Tipps.

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