richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

#fbm10: Beigbeder und ich

piperverlag »Beigbeder und ich« @dschun über die Buchmesse und seine Fast:)-Begegnung mit Frédéric Beigbeder http://cot.ag/9FmXQe #fbm10

dschun: aber beim nächsten Mal, da werde ich zu Monsieur Beigbeder jovial und keck „Bonjour“ sagen! #drohung

piperverlag: Geht klar:) Er spricht wohl auch sehr gut Englisch.

dschun: und ein paar Brocken Deutsch 😉

 

 

Ein erster Rückblick. Ein erstes atemloses Herumgekritzel im Café, ohne meinen Aufzeichnung. Gut möglich, dass ich jetzt etwas durcheinander bringe oder Namen und Orte verwechsle. Ich werde später noch einmal über das Geschriebene sehen, das keinen Aufschub duldet. Weil es doch um eine wichtige Begegnung geht. Für mich. Nur für mich. Die Frankfurter Buchmesse vulgo #fbm10 ist für dieses Jahr beinahe Geschichte. Während ich diese Zeilen tippe, werden sich wohl die Massen durch die Gänge schieben und das eine oder andere Buch nicht nur staunend in die Hand, sondern vermutlich auch in die Tasche stecken. Gelegenheit macht literarische Diebe. Und der Geschäftsführer des Piper Verlages, Herr Hartmann, soll sich ja die Bücher-Messe-Schwund-Statistik genau ansehen. Je höher der Schwund, desto höher die Wahrscheinlichkeit, in späterer Folge einen respektablen Verkaufserfolg zu landen. Eine durchaus einleuchtende Gleichung. Aber wollen wir nicht vom Thema abschweifen. Immerhin geht es ja nicht um fehlende Bücher, sondern um eine Begegnung, von der ich erzählen möchte. Bereit? Gut!

Mit zufälligen Begegnungen ist es so eine Sache. Zumeist versucht man diesen Zufall aufzurollen. Wie kam es dazu. Was brauchte es dafür. Um nicht bei der Genesis zu beginnen, überspringe ich viele Einflussfaktoren und komme gleich zum KBV Krimiverlag aus Hillesheim in der Eifel. Auf deren schmucken kleinen Messestand (zwei englische Ledersofas und die grüne Tapezierung ließen einen an England denken) fühlte ich mich auf Anhieb wohl. Was natürlich an den reizenden MitarbeiterInnen lag, die mir nicht nur Kaffee und Wasser und Brötchen anboten, sondern schon mal reinen Wein einschenkten (und ich deshalb eine spontane australische Verlagsparty versäumte, aber davon später einmal mehr). Und dass Geschäftsführer Kamp aus dem Film „Der dritte Mann“ zitieren konnte, machte ihn auf Anhieb sympathisch. Jedenfalls wollte ich mit Simone, der PR-Dame des KBV-Verlages, einen Abstecher zum emons-Messe-Stand machen, hatte mich doch die gute Britta, PR-Chefin des Verlages, auf ein Kölsch eingeladen. Nun war der KBV-Messe-Stand der Nachbar des Piper Messe-Standes und während ich mit Simone in Richtung emons trippelte, fiel mir ein großgewachsener Mann in meinem Alter auf. Er trug längeres wallendes Haar und Bart und machte einen kreativ künstlerischen Eindruck. Simone deutete auf den Herrn und meinte, dass es Beigbeder sei. Ich blieb ruckartig stehen. Sah mir das Foto am Cover seines neuen Buches an (Ein französischer Roman) und musst feststellen, dass sie Recht hatte. Da stand doch leibhaftig Frédéric Beigbeder und wartete darauf, interviewt zu werden (als ich das Prozedere beobachtete, quatschte ich einen Typen im T-Shirt an, der Beigbeder-Bücher herumschlichtete und fragte ihn, was er denn im Verlag so mache, worauf sich herausstellte, dass er zum SAT1-Film-Team gehörte; ich hätt’s mir denken können, dass kein Verlagsmensch so einen trainierten Oberkörper hat und auf der sonnengebräunten Nase eine übercoole Brille trägt). Da stand ich also und wartete. Besah mir Beigbeder und rief mir seine Bücher in Erinnerung. Es gibt wenige zeitgenössische Schriftsteller, für die ich stehengeblieben wäre. Wirklich. Zumeist ergreife ich die Flucht, weil es mir peinlich ist, wenn einer meiner Zunft in löblichen und speichelleckenden Tönen hofiert wird und ich mir denke: „Sein Geschreibsel ist ja doch nur erbärmlich – mäßig – grottig – grauenhaft – kläglich – letztklassig  usw.“ (zutreffendes bitte ankreuzen) Vielleicht ist es auch nur der Neid, weil ich nicht VOR der Kamera sitze, sondern wie der gewöhnliche Zaungast und Groupie dahinter. Oder schlimmer: jener Kerl, der zur angesagten Party nicht eingeladen wurde.

Jedenfalls war ich ergriffen. Wirklich. Die hübsche Simone stand neben mir und gemeinsam verfolgten wir den französischen écrivain mit unseren Augen. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie ihn sehr attraktiv findet („Ich darf das, ich bin schon verheiratet!“). Mich faszinierte mehr die Aura, die ihn umgab (besser: die ich ihm andichtete). Dann reichte man mir sein neues Buch . Hardcover. Edel. Ich war sprachlos. Weil ich es von Herrn Hartmann persönlich überreicht bekam. Gut. Das ist jetzt natürlich Einbildung. Aber Simone nickte, als sie mir ihr persönliches Exemplar reichte, das vielleicht durch die Hände von Herrn Hartmann ging. Wie dem auch sei, ich war gerührt. Weil ich mir die Hardcover-Ausgabe natürlich nicht geleistet hätte – als brotloser Dichter muss man Prioritäten setzen. Beigbeder hätte es sicherlich verstanden. Während er lang und breit telefonierte (was hätte er sonst tun sollen?), machte Simone ein Foto von uns beiden. Huh. Ich hoffe, sie schickt es mir bald zu, sodass ich es an dieser Stelle veröffentlichen kann. Eine Widmung, eine Signierung konnte ich dann leider nicht mehr von ihm bekommen, weil wir uns auf den Weg machen mussten und das Interview eine Unterbrechung natürlich nicht zuließ. Schade, schade. Aber vielleicht läuft er mir ja wieder einmal über den Weg. Who knows?

War’s das? Gewiss, der geneigte Leser, der sich Sensationelles erwartet hatte, ist nun bitter enttäuscht. Würde die Zeit nicht gedrängt haben, ich hätte geduldig gewartet und Monsieur Beigbeder um ein Autogramm gebeten. Meine Französischkenntnisse hätten es freilich nicht zugelassen, ihn in ein Gespräch zu verwickeln (witziges Detail am Rande: Beigbeder schüttelte ein paar deutsche Phrasen aus dem Ärmel; interviewt wurde er in Englisch). Merde! Parce que mon francaise est très mauvais. Mit einer Sensation kann ich demnach nicht aufwarten. Mit keiner äußerlichen jedenfalls. Mit einer innerlichen vielleicht. Weil ich mir Gedanken gemacht habe. Weil ich sein Buch noch auf der Heimreise, im ICE, gelesen habe (ich kann den „Roman“ nur empfehlen) und ich mir dachte, warum ich nicht Ähnliches schreibe. Ein österreichischer, ein Wiener Beigbeder, sozusagen. Vor zehn Jahren hätte ich mich mit so einer Aussage nur lächerlich gemacht. Heute ist es anders. Warum? Weil man für den Beigbeder-Stil Lebenserfahrung benötigt und keine Hemmungen haben darf, aus dem Erlebten ungeniert zu schöpfen, es zu verdrehen und verändern, bis es (literarisch, dramaturgisch) stimmig ist. Es entsteht eine Mischung aus Fakt und Fiktion. Im Prinzip habe ich mit „Erik“ schon diesen Stil angedeutet, aber noch nicht zur Gänze verinnerlicht.

Die Ankunft am Wiener Westbahnhof, gegen Mitternacht, geriet dabei zur Bestätigung, weil ich zum ersten Mal in den 42 Jahren, die ich in Wien lebe, liebe und leide, einen verletzten Mann mit nacktem Oberköprer ausgestreckt am Boden liegen sah, reanimiert von Notärzten und einem Sanitäter-Team, während ein paar Polizisten unschlüssig herumstanden und ich den Blutspritzern am Boden ausweichen musste. Ich gehe davon aus, dass es eine Auseinandersetzung gab. Messer. Fäuste. Was auch immer. Und als ich in meine U-Bahn stieg, der Verletzte am Bahnsteig auf der Bahre vorbeigeschoben wurde, grölten junge Nachtschwärmer ungeniert und lautstark. Sie freuten sich auf die Nacht. Alkohol war genauso im Spiel wie Hormone und jugendlicher Übermut (später, wenn sie aus dem Rausch aufwachen, wird es die Schwermut sein, die sie heimsucht). All das erinnerte mich unschwer an Beigbeder und seine literarischen Tour-de-Force durch das nächtliche hedonistische Paris und einer kalten Gefängniszelle. Wien ist freilich anders. Man kann es auf vielen Plakaten lesen. Es stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Ja, wir Menschen, wir sind am Ende doch alle gleich. Weil wir auf der Suche sind. Und wenn du Glück hast, dann triffst du einen französischen Schriftsteller, der dir wortlos beim Suchen hilft. Graben musst du aber selber.

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5 Antworten zu “#fbm10: Beigbeder und ich

  1. Petra Sonntag, 10 Oktober, 2010 um 13:11

    Als ich das jetzt las, war ich zuerst enttäuscht: Ja, wann erzählt er denn jetzt endlich von der großen Sensation, auf die er uns heiß macht?

    Und dann, beim Lesen folgender Worte, war mir alles klar:
    „…Lebenserfahrung benötigt und keine Hemmungen haben darf, aus dem Erlebten ungeniert zu schöpfen, es zu verdrehen und verändern, bis es (literarisch, dramaturgisch) stimmig ist.“

    Ich glaube, das sind die absolut magischen Momente im Leben von Schriftstellern, wenn einen Begegnungen schlaglichtartig eine Art „Heureka“ bescheren, eine Erkenntnis über die eigene Arbeit oder Persönlichkeit. Und das Besondere hast du wunderbar beschrieben: Diese Menschen müssen selbst manchmal keinen Mucks zu einem sagen (und manchmal ist es besser, man versteht sie nicht…). Es ist wohl das, was man selbst aus einer solchen Begegnung mitnimmt…?

    Ich wünsch dir noch viele „Beigbeders“ im Leben!

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